Vom Wissen und der aufgeschobenen Übersetzung - Marcel Beyer kuratiert Sprache und Wissen im Haus der Kulturen der Welt

Sprache – Literatur – Wissen 

 

Vom Wissen und der aufgeschobenen Übersetzung 

Marcel Beyer kuratiert Sprache und Wissen im Haus der Kulturen der Welt 

 

Der Schriftsteller, Wortkünstler und Forscher Marcel Beyer ist unter die Kuratoren gerufen worden. Am Freitag und Samstag moderierte er die von ihm kuratierten Veranstaltungen im Rahmen von Sprache und Wissen im Restaurant Auster des Hauses der Kulturen der Welt. Ein wenig kursiert in der aktuellen Kultur- und Wissenschaftswelt die Kuratoritis. Es gibt keine einheitliche Ausbildung zum Kurator und Marcel Beyer hatte noch nie irgendetwas kuratiert, wie er selbst sagte. In der Schweiz gibt es private, kostenpflichtige Kurse nach Art der Think Tanks, die Wissen vermitteln und Kuratorinnen produzieren. Marcel Beyer hat sich seine Expertise als Schriftsteller auf andere Weise erschrieben.

 

Was macht ein Schriftsteller, der zum Kurator berufen wird, anders? Christina Weiss, Kulturstaatsministerin a. D. und Mitglied im Stiftungsrat der Schering Stiftung, die das Projekt mit dem HKW initiiert und gefördert hat, formulierte eröffnend, dass „Künstlerinnen und Künstler (…) Forscher“ seien. Marcel Beyer betreibe „schriftstellerische Forschung“, weil er u. a. wiederholt Forscher in seiner Literatur beschrieben habe. Anders gesagt: Als Schriftsteller erkundet er die Sprache der Wissenschaftler, um so Besonderheiten der Wissenschaftssprache herauszufinden. Deshalb lag es fast nahe, dass Beyer die Übersetzer von Jacques Derridas Grammatologie, Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, zu einem „Werkstattgespräch“ in die Auster eingeladen hatte.

  

Der Schriftsteller als Kurator knüpfte in seiner Eröffnungsrede zu Sprache und Wissen mit Imre Kertész‘ Tagebuchroman Letzte Einkehr (2015) an eine überraschend aktuelle Formulierung aus dem Jahr 2002 an, die „stilistische Fragen“ betrifft, obwohl oder gerade weil die Welt gerade entgleitet. Doch die stilistischen Fragen erhalten eine andere Relevanz. Sie werden zum „Gegenprogramm“ in Zeiten, in denen im medialen Kampf um die Wahrnehmungshoheit Forderungen danach formuliert werden, dass man zum Schutz der Grenze selbst schutzsuchende „Kinder erschießen sollte“. Die stilistischen Fragen von Tagebuch und Roman werden für den Schriftsteller Marcel Beyer, wenn beispielsweise „ein Vogelruf im Saal“ unvermittelt erklingt, zu Wissensfragen, die sich gegen vollmundige und menschenverachtende Abgrenzungen aussprechen.  

 

Marcel Beyer war 2008 Gast am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, so dass er Hans-Jörg Rheinberger traf oder treffen musste, der Direktor an eben jenem Institut war. Die Übersetzung von Jacques Derridas, man möchte fast sagen, paradoxerweise epochaler Schrift De la grammatologie (1967) konnte für den Philosophiestudenten Rheinberger nicht folgenlos bleiben, was in seinem Gespräch mit Hanns Zischler deutlich wurde. Sind es doch die Übersetzungsarbeit an und die spätere Publikation der Grammatologie (1974) im Suhrkamp Verlag sowie wie in vielfachen Auflagen ab März 1983 in der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ mit dem Umschlagentwurf von Willy Fleckhaus – Jacques Derrrida Grammatologie – und der Schrifttype Times New Roman, die selbst Wissenschaftsgeschichte geschrieben haben.[1]   

 

Das Format Werkstattgespräch unterscheidet sich von einer ausformulierten Rede des Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt, eines Stiftungsratsmitgliedes oder eines Kurators. Obwohl an diesem Abend von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler in wohlüberlegte Abschnitte eingeteilt, verlief das Gespräch nahezu frei zwischen den beiden Übersetzern. Dazu war ein Tisch mit Materialien wie dem Suhrkamp-Buch, dem Suhrkamp-Taschenbuch, der, wie man sagt, zerlesenen Ausgabe von „DE LA GRAMMATOLOGIE“, einem roten Plastikordner, dem Übersetzungstyposkript und dem kürzlich besprochenen Sammelband Nach Szondi von Irene Albers etc. eingerichtet, der gleichzeitig medial auf eine Leinwand projiziert wurde. Einzelne Briefe, Buchseiten, Zettel, über die gesprochen wurde, wurden von einer Assistentin an einem Extratisch auf eine weitere Leinwand geworfen, während Simultanübersetzerinnen in zwei Kabinen ins Englische übersetzten.

 

Die starke Visualisierung des Werkstattgespräches durch zwei Großprojektionen unter dem vieldeutigen Titel Souffleure des Subtexts wurde sozusagen als state of the art vorgeführt. Die Umbrüche und Verschiebungen wurden in den Publikationsformen von Wissenschaft selbst lesbar gemacht. Nicht zuletzt sind die Bände der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft, für Insider kurz stw, seit mehr als 40 Jahren und weit über 1.000 Titeln bis auf den heutigen Tag ein wichtiger, wenn nicht entscheidender Strang der Theorienbildung und -diskussion im deutschsprachigen Wissenschaftsraum, der mit einer konstanten, mittlerweile leicht antiquierten Schrifttype auf schwarzem Hintergrund und im Titel wechselnden Farbabstufungen selbst ein Wissen von der Wissenschaft und ihren Theorien generiert. 2006 wurde von Hans-Jörg Rheinberger als „Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1771“ Epistemologie des Konkreten. Studien zur Geschichte der modernen Biologie in einem Signalgelb für den Namen und Titel veröffentlicht.   

 

Marcel Beyer lud das Publikum nun dazu ein, „Menschen beim Nachdenken zuzuhören“ und zuzuschauen. Das Zuhören und das Zuschauen fielen bei Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler faszinierend aus. Als Angehöriger der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der eine und Theater-, Kino-, Fernsehdarsteller sowie Essayist der andere sind beide nicht ganz ungeübt darin, ein Publikum zuhören zu lassen. Für fast 90 Minuten schafften sie es gar in großer Lockerheit, die Zuhörerinnen zu fesseln. Große Konzentration. Häufiges Schmunzeln. Nie unterbrechende Unaufmerksamkeiten. Denn im Werkstattgespräch sprachen die beiden Nachdenker im Wechsel von der Geschichte ihrer Übersetzung, die mancherlei Fragen nach der Sprache und der Wissenschaft aufwarf. Jacques Derridas De la grammatolgie in seiner Literarizität stellte sie als junge Männer auch vor die Aufgabe einer unmöglichen Übersetzung.  

 

Um es möglicherweise etwas despektierlich zu formulieren, Generationen von Leserinnen der Grammatologie waren sich nicht sicher, ob die Übersetzer sich wirklich Gedanken über die Literarizität und Vieldeutigkeit der Sprache des französischen Textes gemacht hatten. Es kann sein, dass hier und da, vom Hörensagen Informationen darüber kursierten, dass Rheinberger und Zischler z. B. bei der Übersetzung von Jacques Derridas graphischen Neologismus „differance“ darüber gesprochen hatten, ihn mit „Bewägung“ zu übersetzen. Indessen ist es bisher nie als Erzählung von der Übersetzung auf einem Podium besprochen noch aufgeschrieben worden. Als Möglichkeit der Übersetzung von „differance“ liegt „Bewägung“ nicht gänzlich falsch. Bei Derrida geht es mit der Schreibung der Differenz mit einem a im Französischen darum, dass sich der Unterschied im Französischen nicht hören, aber schreiben lässt. Dies klingt mit der „Bewägung“ statt Bewegung zwar an, bleibt aber im phonetischen Unterschied zwischen e und ä trotzdem erhalten.    

 

Das Werkstattgespräch, das wohl aufgezeichnet wurde, wird möglicherweise nie als Aufzeichnung zur Verfügung stehen. Oder doch? So genau kann man das noch nicht wissen. Und vielleicht würde sich dann wieder alles verändern, verschieben, wenn es als Zusatz-DVD über absolut media als filmedition suhrkamp demnächst erhältlich wäre. So aber ging es für den Berichterstatter am Freitagabend erst einmal darum, mit einem Bleistift in einen Notizzettelblock der Berliner Festspiele Formulierungen, Gesprächsfetzen lückenhaft zu notieren und im Wechsel mit der Spiegelreflexkamera zu fotografieren. Lückhafte Aufzeichnungen: „das poetische Verfahren von Derrida“, „philosophischer Text in anderer Erscheinungsweise“, „e/a“, „Bewegung und Bewägung“. „Mir fällt etwas ein, undzwar gerade jetzt.“ „Gruppe der subversiven Aktion“ …

 

Selbst wenn der Berichterstatter hätte stenographieren können oder, wenn er das Mikrophon seines Smartphones angeschaltet hätte – an technischen Mitteln und Mittlern fehlt es heute ja nicht –, wären eine Übersetzung, ein medialer Transfer und Lücken nicht ausgeblieben. Übersetzungen und Transfers reißen immer auch Lücken, die sie gleichzeitig verdecken. Und so waren es denn gerade die Lücken, das Nicht-Gesagte oder auch Aufgeschobene und Verschluckte, plötzliche Einfälle und Unterbrechungen, Abbrüche, die den Modus des Werkstattgesprächs als ein unterhaltsames Nachdenken der Akteure auszeichneten. Statt einer lückenlosen Erzählung oder Chronologie der Übersetzungsgeschichte inszenierten Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler im Werkstattgespräch geradezu eine Praxeologie der Lücke.

 

Das Vorläufige des Werkstattgesprächs über die Übersetzung von Grammatologie lässt sich nicht zuletzt, so wie es Hans-Jörg Rheinsberger und Hanns Zischler praktizierten, als Fortsetzung der Übersetzungsarbeit formulieren. Was alles noch hätte übersetzt und geschrieben werden müssen, bleibt ohne Grenze oder wird allein durch das temporale Format an einem Veranstaltungsabend begrenzt und abgebrochen. Derridas Wissenschaft von der Schrift als Gegenentwurf zur Phonologie von Claude Lévi-Strauss machte diesen auch wütend. Doch was machte den phonologisch geprägten Ethnologen und Autor der Tristes Tropiques (1955) so wütend? War es allein ein Ringen um die Vorherrschaft in den Wissenschaften? Im Werkstattgespräch wurde dementgegen zu bedenken gegeben, dass es vielmehr gerade Jacques Derridas Anspruch war, die „Schrift zu einer Wissenschaft zu machen“, während er diese gleichzeitig durch Vieldeutigkeit und Neologismen unterlief.

 

Mit der Fußnote 44 der Grammatologie kamen die Übersetzer auf ein entscheidendes Problem der Schrift und des Textes wiewohl der Wissenschaft zu sprechen. Denn nach einer anspielungsreichen Aufzählung von zahlreichen Ansätzen vom „Zugang zum geschriebenen Zeichen“ bis zur Gleichursprünglichkeit von „vormonetäre(r) und monetäre(r) Ökonomie und … schriftliche(r) Berechnung“ sowie „Möglichkeit der Spur“ kommt Derrida zu der Formulierung, dass „all das … auf eine gemeinsame und radikale Möglichkeit (verweise), die als solche von keiner Einzelwissenschaft und keiner abstrakten Disziplin gedacht werden kann“.[2] Wie sollten sie deutlich machen, auf welche Texte Derrida anspielte, die er nicht nannte und die dennoch seine Wissenschaftskritik bewegten? Deshalb formulierten sie in der Fußnote: 

Wir müssen hier verständlicherweise darauf verzichten, die unendliche Mannigfaltigkeit des hier angedeuteten faktischen Inhalts auszubreiten. Daher sei vorläufig auf die folgenden Arbeiten verwiesen, die sämtlich mit einer umfangreichen Bibliographie ausgestattet sind: …[3]     

 

Letztlich ließe sich nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob sich als „Wir“ hier die Übersetzer in ihrer Arbeit zu erkennen geben, ob sie die Schreibweise Derridas angenommen hatten oder Derrida selbst auf eine „unendliche Mannigfaltigkeit“ und durch „umfangreiche Bibliographien“ also auch uneinholbare Textverweise anspielte. Der ausufernde Textverweis, der doch nur angespielt wird, gehört einerseits zur Praxis der Generierung von Wissenschaft, andererseits schiebt er dieses Wissen geradezu beispielhaft auf, weil sich sein Ursprung nicht ermitteln lässt. Doch bei der Wissenschaft von der Schrift geht es um nicht weniger als um die Frage des Ursprungs. Derrida greift das Denken eines Ursprungs in der Wissenschaft an.

 

Zur Erzählung von der Übersetzung der Grammatologie gehört nicht zuletzt, dass Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler an dem zweiten Vortrag von Jacques Derrida im Sommer 1969 am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft von Peter Szondi teilnahmen.[4] Nachdem Samuel Weber als Assistent von Peter Szondi Derrida im Februar 1968 zum ersten Mal an die Freie Universität nach Dahlem an den Kiebitzweg für den Sommer eingeladen und Hanns Zischler ihn über Mallarmé hatte sprechen gehört – „Hören. Zuhören. Ein murmelnder Bach, unaufhörlich sprudelt es aus ihm hervor, sanft, bestimmt, von einem kaum wahrnehmbaren Atem getragen, für unsere jungen Ohren ungewohnt die Prosodie des Französischen“[5] –, wurden er und Hans-Jörg Rheinberger ihm im Sommer 1969 als Übersetzer von Grammatologie vorgestellt. Sie unternahmen die Übersetzung für den J. B. Metzler Verlag, der damals einer der führenden Verlage für akademische Publikationen der Geisteswissenschaft war.

 

Nach Abschluss der Übersetzung, die u. a. mit Hanns Zischlers Erinnerung an „Glühwürmchen“ in einem Rückzugsort an der Ionischen Küste für die Arbeit erhellt wurde, reichten sie sie beim Verlag ein, um dann erst einmal nichts zu hören, bis sich der Suhrkamp Verlag meldete, der das Manuskript zwischenzeitlich erworben hatte. Ob das Buch aus Zweifel an der Wissenschaftlichkeit des Derrida-Textes oder aus strategischen Überlegungen des Suhrkamp Verlages, den Verlag gewechselt hatte, geht aus dem Schreiben des Suhrkamp Lektors an Rheinberger und Zischler nicht hervor. 1972 veröffentlichte Suhrkamp jedenfalls Die Schrift und die Differenz in der Übersetzung von Rodolphe Gasché, der diese bereits vor der Grammatologie im Umfeld des AVL angefertigt hatte.

  

Doch die Übersetzung der Grammatologie wurde auch kritisiert und angefeindet, so dass die Übersetzer dem Suhrkamp Verlag Ende der 90er Jahre zum 25jährigen Jubiläum der deutschen Ausgabe, eine verbesserte Neuübersetzung vorschlugen, was allerdings abgelehnt wurde, wie Rheinberger beiläufig erwähnte. Während alternative Übersetzungen von literarischen bzw. belletristischen Werken üblich sind, kursieren nämlich wissenschaftliche überwiegend nur in einer (verbindlichen) Übersetzung. Anders gesagt: Zur Praxis der Wissenschaft gehört durchaus eine Verlagspolitik, die in der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft wenigstens keine konkurrierenden Übersetzungen fördern wollte, weil sie den Anspruch der Wissenschaft auf einen verbindlichen Text nicht gefährden konnte oder durfte. Doch Wissenschaftsliteratur ist immer schon in Übersetzungsprozesse verwickelt, worauf nicht zuletzt damit ein Wink gegeben wurde, dass Derridas erste geisteswissenschaftliche Publikation die Übersetzung und Einleitung zu L'origine de la géométrie (1962) von Edmund Husserl gewesen sei.[6]

 

Wenn sich Geisteswissenschaften – und natürlich nicht nur diese – um einen verbindlichen Text organisieren, dann unterläuft die sprachliche Elastizität eines Textes mit ihren Mehrdeutigkeiten, Anspielungen und Neologismen einen Anspruch des Wissens. Jede – und selbst eine wissenschaftliche – Übersetzung bleibt aufgeschoben. Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler haben dies mit ihrem Werkstattgespräch auf faszinierende vorgeführt. Es lässt sich schlechthin nicht sagen, was ein Einfall oder die Glühwürmchen selbst zu einer verbesserbaren Übersetzung der Grammatologie beigetragen haben. 

 

Auf diese Weise war den Veranstaltungen von Sprache und Wissen durch Marcel Beyer ein geradewegs subversiver Anstoß und Aufmacher vorangestellt. Unter dem Titel Der Text des Lebens wurde der Film My 4 LTRS der Lyrikerin, Publizistin und Performance-Künstlerin Nora Gomringer uraufgeführt, die nur deshalb nicht erschienen war, weil sie gerade als Kuratorin in Mexiko tätig ist. Und als hätten rätselhafte Übersetzungsprozesse stattgefunden, kündigte die Website Kultur aus der Schweiz die „Filmvorführung im Kontext des Veranstaltungsprogramms "Subtext, Struktur, Störmoment"“ an. 

Vier Basen – vier Buchstaben. Mehr braucht es nicht zum Leben. Mit der Sequenzierung des Humangenoms war der „Text des Lebens“ entziffert, und einen Moment lang sah es so aus, als seien die Schriftsteller*innen angesichts seiner bestechenden Schlichtheit und Klarheit zum Verstummen verdammt: Alles schien gesagt. Doch auch eine Welt, die sich aus den Buchstaben C-G-A-T zusammensetzt, bleibt so komplex und kompliziert, wie sie immer war. Es sei denn, die Dichterin und Lautperformerin Nora Gomringer bringt mit ihrem Film My 4 LTRs einmal Ordnung in die ganze Angelegenheit.

 

Nora Gomringers Film ist eine verstörende Montage, die das Wissen vom Leben beispielsweise mit der im amerikanischen Englisch geläufigen Formulierung „ITS IN MY DNA“ und der pränatalen Diagnose einer Trisomie hinterfragt. Dabei schwankt die Redewendung zwischen Ursachenbestimmung für besondere Fähigkeiten wie für Fehler. Für deutsche oder europäische Ohren befremdlich erweist sich die clipartig montierte Redewendung vom Leben als ebenso elastisch wie bedeutend. So kursieren gar Musikvideos wie das von Lawrence Omo-Lyare, in denen das DNA als Ursache für gute Laune vorgeführt wird. Mit der Zeigegeste auf die Herzgegend der Brust wird ITS IN MY DNA gesungen und als Wissen aufgeführt.[7]

 

Unter dem Titel Struktur, Muster, Störmoment sprachen schließlich am Freitagabend der Komponist, Musiker, Kurator und Professor für intermediale Komposition Wolfgang Heiniger und der bildende Künstler und Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens Olaf Nicolai über den Unterschied zwischen Komponieren und bildender Kunst. Im Gespräch, das durchaus dem vorangegangen Werkstattgespräch ähnelte, versuchten sie zunächst den Unterschied zwischen den Künsten zu bestimmen. Überdacht und besprochen wurde dabei auch die Konzeptkunst als Strömung der aktuellen, bildenden Kunst. Doch das als Aussagen formulierte Wissen wie „das Zentrale ist die Idee“ wurde wiederholt von einem Störrauschen überlagert. Die Differenz zu beschreiben, gelang dann eben auch nicht. Vielmehr lief schließlich eine intermediale Komposition aus bewegtem Mobile und Musik, die sich die Künstler-Professoren mit dem Publikum anschauten.

 

Marcel Beyer durfte als Kurator mit der Veranstaltung glücklich und hoch zufrieden sein, weil keine einfachen Antworten auf das Verhältnis von Sprache und Wissen gegeben worden waren. Vielmehr legten der Film und die Gespräche offen, dass das Wissen nicht allein von der Sprache, sondern auch und gerade vom unterschiedlichen Gebrauch der Sprache und verschiedenen damit verknüpften Praktiken der Schließung oder Öffnung abhängig gemacht werden kann. Die Alltagssprache, die sich in ihrer ganzen Brutalität vielleicht gerade in der Forderung nach einer Schließung der Grenzen und einem Erschießen von Kindern entlarvt, beschreibt nicht nur die Doxa als eine gewaltige Sprachmacht, sondern vor allem einen Modus des befehlsförmigen Sprechens. Er verrät den erschreckenden Wunsch nicht allein namentlich bekannter Politikerinnen, (endlich) Befehle zum Schießen erteilen zu dürfen. 

 

Torsten Flüh 

 

PS: Am Samstag war der Berichterstatter verhindert. 

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[1] Siehe auch: Torsten Flüh: Hirn an der Wand scheibchenweise. Rainald Goetz liest loslabern im Edition Suhrkamp Laden. (60 Jahre Suhrkamp Verlag) In: NIGHT OUT @ BERLIN 17. Mai 2010 22:33 http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Hirn-an-der-Wand-scheibchenweise-Rainald-Goetz-liest-loslabern-im-Edition-Suhrkamp-Laden.aspx

[2] Jacques Derrida: Grammatologie. (Übersetzt von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler) Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983, S.168-169.

[3] Ebenda S. 169.

[4] Sima Reinisch: Derrida in Dahlem. In: Irene Albers (Hg.): Nach Szondi. Berlin: Kadmos, 2015, S. 51-53.

[5] Hanns Zischler: Nach Jahren, Nachklänge. In: ebenda S. 369

[6] Über die Praxis der Übersetzung zwischen Wissenschaft und Literatur bei Walter Benjamin lässt sich ähnliches formulieren. Torsten Flüh: Flugblatt – Zeitung – Blog. Zur Materialität und Medialität neuerer deutscher Literaturen. (Wahrscheinlich Herbst 2016 bei Kadmos) 

[7] Das deutsche Korrekturprogramm von Microsoft Word 2016 akzeptiert DNA ganz und gar nicht, sondern korrigiert die Letternfolge hartnäckig in DANN.