Empathie und Realismus - Zur Verleihung des Kleist-Preises 2017 an Ralf Rothmann

Realismus – Flow – Trauma 

 

Empathie und Realismus 

Zur Verleihung des Kleist-Preises an Ralf Rothmann  

 

Im Frühling sterben erzählt von einem Trauma ohne Traumatherapie. 2015 stürmte der Roman von Ralf Rothmann die Bestseller-Liste des SPIEGEL. Im April 2017 gab der Schauspieler, Übersetzer und Komparatist Hanns Zischler bekannt, dass er als Vertrauensperson der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft e.V. Ralf Rothmann zum Träger des Kleist-Preises gewählt habe. Das Buch wurde bereits in 25 Sprachen übersetzt, was dafür sprechen könnte, dass sich der Roman, erschienen bei Suhrkamp, gut lesen und übersetzen lässt. Statt Traumatherapie gab es in den 50er Jahren harte Arbeit unter Tage und Alkohol. Am Sonntag fand im Deutschen Theater mit Klarinetten-Soli von Igor Stravinsky, gespielt von Markus Krusche, und hochkonzentrierten Lesungen von Ulrich Matthes die Verleihung statt.  In seiner Laudatio würdigte Hanns Zischler nicht nur die außergewöhnlich aktuelle Geschichte, sondern lobte an der Sprache Rothmanns Rhythmus, Takt, Klang und „Flow“.

 

Hanns Zischler hat Ralf Rothmann nicht allein wegen Im Frühling sterben ausgewählt. Er hob vielmehr den Realismus in dessen Literatur wie in seinen sogenannten Ruhrgebietsromanen Stier (1991), Wäldernacht (1994), Milch und Kohle (2000) und Junges Licht (2004) für den Kleist-Preis hervor. Auch der jugendbuchartige Roman Flieh, mein Freund! (1998) und eben Im Frühling sterben machen das Ruhrgebiet zum Referenzort des Erzählens. Lolly in Flieh, mein Freund! stellt Berlin dem Ruhrgebiet – „auf eine proletarische Weise gab es Stil“[1] – gegenüber. Das Trauma des Hauers Walter Urban wird im Ruhrgebiet unter Tage weggeschlagen, bis der Sohn sich postum dafür interessiert. Der Realismus Rothmanns wird mit den Erzählungen von Arbeitern im Ruhrgebiet nicht zuletzt als lexikalisch derber Sozialrealismus formuliert: „Am Ende zerarbeitet, früh verrentet und vor Scham darüber schnell zum Alkoholiker geworden, …“.[2]      

 

Eine Realismus-Debatte hat Ralf Rothmann mit seiner Preisrede am Sonntag im Deutschen Theater zumindest nicht programmatisch angestoßen. Vielmehr betonte er, dass für ihn „Literatur eine erotische Angelegenheit“ sei. Akademischen Literaturexperten gegenüber äußerte Rothmann Skepsis, weil er Heinrich von Kleist nicht als „Labormaus“ sehen will und es „einfältig“ findet, einem „Dichter vorzuwerfen, dass er nicht glücklich gewesen ist“. Rothmann bürstete in seiner Preisrede, die im Kleist-Jahrbuch erscheinen wird, sozusagen den „zerarbeiteten“ Hauer Walter Urban und den „Dichter“ gegen den Realismus der „Haftpflichtversicherung“. Ob der Begriff „zerarbeitet“ allein von Rothmann kombiniert worden ist oder er ihn beim Lesen und Schreiben bereits in der Literatur vorgefunden hat, wie er darauf gekommen ist, bleibt ein Geheimnis des literarischen Schreibens.[3] Doch „zerarbeitet“ wäre so ein Realismus-Wort bei Rothmann, das nicht aufgeht im Wortschatz des Ruhrgebiets.

 

Der Gebrauch von „zerarbeitet“ in der Eröffnungssequenz von Im Frühling sterben ist ein Beispiel, um sich dem sprachlichen Realismus Rothmanns zu nähern. Zerschlagen oder zerkauen sind quasi stimmige Komposita mit dem destruktiven Präfix zer-. Während arbeiten als produktive Tätigkeit gelesen wird, stört das Präfix zer- in der Kombination mit arbeiten. Walter Urban hat gearbeitet als Hauer, doch die Arbeit hat ihn zerstört. Statt auf einen umgangssprachlichen Ruhrgebiets-Slang verweist das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm auf die Verwendung des Wortes bei Johann Christoph Lichtenberg – „übertr. literarisch befehden, angreifen, kritisieren: der dr. T. ... hat B. zerarbeitet“ – und Goethe – „mit angabe der bewegten glieder: er tritt den tact, zerarbeitet sich mit dem kopfe, den füszen, den händen, den armen, dem körper“ – usw. Das ebenso paradoxal zerstörerische wie präzise treffende Arbeiten als Zerarbeiten bei Ralf Rothmann verweist auf ein breites literarisches Feld, das nicht unbedingt mit einem Konzept des Realismus verknüpft wird.

 

Ralf Rothmann gelingt es auf eigentümliche Weise, das Ruhrgebiet nicht nur realistisch durch regionalen Wortschatz, Syntax und Erzählung darzustellen, vielmehr formuliert er durch eine literarisch mehrdeutige Lexik allererst einen charakteristischen „Ruhrpott“.[4] Walter Urban wurde nicht erst „Bergmann“, nachdem er „Melker“ in Schleswig-Holstein gewesen war. Er kommt vielmehr aus dem „Ruhrpott“ und wird als junger Mann nur deshalb „Melker“, weil „die meisten Zechen wegen der Luftangriffe geschlossen waren“.[5] Das „Arbeitsamt“ hatte ihn und seine „Nachbarn in Essen-Borbeck … in den Norden geschickt“. Das Ruhrgebiet als Herkunftsort wird als eine Genealogie über Generationen formuliert. Das gilt für Lolly, Louis Blaul, in Berlin fast genauso wie für Walter Urban und Ernst Kobluhn in Im Frühling sterben.[6] Hanns Zischler hat in seiner Laudatio die Literatur gerade nicht besonders mit dem bio- oder gar autobiographischen Bezug erklärt, was häufig gemacht wird, wie beispielsweise von Ursula März in ihrer Besprechung des Buches: 

In seinen vom Publikum wie von der Kritik umjubelten Romanen stellt er eine einzigartige Verbindung zwischen poetischer Anschaulichkeit und Kleineleutemilieu, zwischen träumerischer Sensibilität und krudem Sozialrealismus her. "Milch und Kohle", "Flieh, mein Freund" oder "Junges Licht" sind kanonisierte Romane, in denen die Biografie des Autors durchschimmert. Rothmann, Sohn eines Bergbauarbeiters aus dem Ruhrpott schaffte den für deutsche Verhältnisse seltenen Aufstieg zum renommierten Schriftsteller.[7]

 

Das paradoxale, um es einmal so zu formulieren, Kompositum zerarbeiten ist vielleicht nicht ganz so original wie Heinrich von Kleists Komposita mit fahren in der Glosse Charité-Vorfall aus den Berliner Abendblättern vom 13. Oktober 1810.[8] Doch er erinnert an einen literarischen Wissensprozess durch die Verwendung von Komposita auf „spaßhafte und indolente“ Weise. Reinhold Steig fiel diese sprachliche Eigenheit des Textes in Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe 1901 nicht auf. Vielmehr wird der Text von ihm als „humoristische Behandlung und Darstellung eines Berliner Localvorfalles, der damals von sich reden machte,“ verortet.[9] Doch durch die teilweise einmalige Kombination des Verbs fahren mit den Präfixen über-, aus-, zusammen-[10], ab-, hinein- wird ein Ereignis in seiner Komplexität erzählt und durch den nicht zuletzt literarisch verqueren Gebrauch der Präfixe verfehlt.[11] Steig führte indessen den Text auf einen „Berliner Localvorfall“ zurück und übersah dessen literarische Komposition durch Komposita, die zwar keine echten sind, doch entsprechend funktionieren.

Obwohl Im Frühling sterben bereits im Juni 2015 erschienen ist, somit ohne ein Wissen um Kriegsflüchtlinge, „Flüchtlingskrise“ und zweifelhafter „Alternative für Deutschland“ im Hintergrund geschrieben wurde, berühren das Thema der Arbeiter im Ruhrgebiet – „zerarbeitet, früh verrentet und vor Scham darüber schnell zum Alkoholiker geworden, …“ – und das Ende des 2. Weltkriegs ein politisches Feld nicht nur der Erinnerungskultur, sondern auch einer Arbeiter-Generation und ihrer Erzählungen wie ihrem Verschweigen, die noch im Nationalsozialismus aufgewachsen waren. Dass Walter Urban als 17jähriger am Ende des 2. Weltkrieges wie des Nationalsozialismus Anfang 1945 von der SS zwangsrekrutiert und von einem SS-Offizier gezwungen wird, seinen besten Freund zu erschießen, wirkt als Trauma nach. Ein Trauma lässt sich als ein Problem des Wissens und des Erzählens formulieren. Dies gilt entschieden für Rothmanns Roman, weil er erzählt, was sein Vater nicht erzählen konnte oder wollte, obwohl er es wusste.

Die Frage nach dem Realismus als Erzählung des Realen wird anfangs als Trauma von Freud mit dem Krieg verknüpft. Jacques Lacan konzeptualisierte später das Reale als Trauma, das als „Vorfall vorgestellt werden (kann)“.[12] Darüber wie und was sich vom Realen wissen lässt, formulierte Lacan, in einer literarisch vagen Weise, indem er es als ein „Kleinwenig Realität, das uns zeigt, daß wir nicht träumen“, beschrieb. 1920 hatte Sigmund Freud in Jenseits des Lustprinzips erstmals von der „traumatischen Neurose“ als Folge des 1. Weltkriegs geschrieben.[13] Der Traumatisierte bemüht sich in dem unsicheren Modus des „vielleicht“ nach Freud „nicht (daran) zu denken“, stattdessen gerät er wie mit der Arbeit und dem Trinken in den Modus der Wiederholung. 

… es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken.[14]

Warum diese Vorsicht des Vielleicht bei der Formulierung des Traumas? Unfall, Vorfall, Verletzung, Schreck, Verwundung umschreiben das Trauma bzw. die Wunde, die nicht nur im Gewebe der Haut entstanden ist. Die „Krankenden“, wie Freud es formuliert, sollen mit dem Vielleicht geschützt werden. Sie können dafür nicht verantwortlich gemacht werden, weil sie wohl gar nicht wissen, dass sie „nicht an ihn ... denken“ und stattdessen anderes denken. Freud ist an dieser Stelle sehr genau. Das Trauma, das von Ralf Rothmann mit Im Frühling sterben verhandelt wird, ließe sich vielleicht als ein doppeltes oder gar mehrfaches beschreiben. Es geht um die Mitgliedschaft des Vaters in der SS, um einen Vorgang des schuldlos Schuldigwerdens, um die Erschießung des Freundes, um die Herkunft, um Bergmannsmilieu und das Ruhrgebiet nach dem Ende der Montanindustrie. Es geht letztlich auch um die Frage der Identität, die zwar als brüchig, doch mit der Präferenz eines körperlich schwer arbeitenden, dunkelblonden Mannes skizziert wird. 

Das zurückgekämmte dunkelblonde Haar, scharf ausrasiert im Nacken, wurde von Brisk in Form gehalten, das Kinn mit der leichten Einkerbung war immer glatt, und die vornehme Sinnlichkeit seiner Lippen schien nicht wenige Frauen beunruhigt zu haben; es gab da Geschichten. Seine etwas zu kurze Nase hatte einen kaum merklichen Stups, so dass er im Profil etwas jünger wirkte, und der Blick ließ in entspannten Momenten eine schalkhafte Menschlichkeit und eine kluge Empathie erkennen. Aber seine Schönheit war ihm selbst kaum bewusst, und falls sie ihm denn einmal aufgefallen wäre, hätte er ihr vermutlich nicht geglaubt.[15]

Die stimmige Skizze lässt sich auch als Flow bedenken. Welcher Mann wünschte sich nicht, sich in der zeitlosen Skizze von „Profil“ wie „schalkhafte(r) Menschlichkeit und … kluge(r) Empathie“ im Vater, dem Bergmann, (wieder) zu erkennen? Was könnte daran falsch sein? Hanns Zischler lobt Ralf Rothmann für das Feinkörnige seiner Sprache und den Flow. Aus einem „bildungsfernen Milieu“, wie man es heute nenne, habe er eine „Flucht in die Literatur“ angetreten. Zischler hat den Flow nicht genauer bestimmt. Während der Flow aus den Bereichen der Spieltheorie und Psychologie als eine Phase der totalen Hingabe, des Selbstvergessens und des angenehmen Rausches formuliert worden ist, wird er in den darstellenden Künsten wie der Musik und der Literatur als ein angenehm rauschhaftes Funktionieren der Sprache formuliert. Anders gesagt: In einer Aufgabe der Selbstkontrolle und -überwachung ließe sich letztlich wie von selbst auch vom Trauma erzählen. Im Flow kann selbst erzählt werden, was sich nicht Wissen lässt. Oder wie Heather Emerson es 1998 mit ihrem Aufsatz Flow and Occupation im wissenschaftlichen Canadian Journal of Occupational Therapy bezüglich einer „life satisfaction“ geschrieben hat: 

Flow is a subjective psychological state which occurs when one is totally involved in an activity. Elements of the flow experience include the focusing of attention on a clear goal, a loss of self-consciousness, an altered sense of time, and a sense that the activity in itself is rewarding.[16]

Nun ist der Flow in Ralf Rothmanns Erzählungen natürlich nicht nur eine Aktivität von totaler Hingabe. Er wird vielmehr wie beispielsweise mit „zerarbeitet“ auch sehr genau konstruiert. Einerseits wundern sich die Leser*innen vielleicht kaum, dass „Jagdbomber“ am Mond vorbeiglitten, „ein kleines Geschwader Richtung Kiel, man konnte die Piloten in den Kanzeln sehen“. Andererseits: „Jagdbomber glitten daran vorbei“?[17] Konnte Walter Urban die „Jagdbomber“ Anfang 1945 an der „Alten Eider“ bei Sehestedt am Kaiser-Wilhelm-Kanal als vorbeigleitende wahrnehmen? Oder anders: Ist das realistisch? Wenigstens seit 1944 war die Werft- und Kriegsmarinestadt Kiel schwerstens zerstört. Wie passt das Gleiten denn zur Empathie? Nichts gewusst? Und dann werden „Tische und Stühle … gerückt, und der Truppenführer, auf dessen Ärmelstreifen »Frundsberg« stand, der Name der Division, musterte ihn von Kopf bis Fuß“.[18] 10. SS-Panzer-Division-Frundsberg im Februar oder März 1945 an der Alten Eider bei Rendsburg in Schleswig-Holstein?

Gewiss die Division „Frundsberg“ war am „Unternehmen Nordwind“ beteiligt – im Nordelsass. Das lässt sich durch das Wissensmedium par excellence, die Online-Enzyklopädie Wikipedia leicht wissen.[19] Aber vom Nordelsass konnte man Anfang 1945 wohl kaum noch als Truppenführer kurz mal an die Alte Eider nach Sehestedt fahren. Doch es geht im Flow, wie sich ebenfalls im Wikipedia-Beitrag lesen lässt, gleichzeitig um einen ganz anderen jungen Mann, der zufällig bei der SS-Division „Frundsberg“ landete - um Günter Grass und sein Verschweigen.[20] Der Mann, der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger hatte bis 2006 sich vielleicht bemüht, nicht daran zu denken, wie es Freud hätte formulieren können, dass er ebenfalls im Alter von 17 Jahren im November 1944 zur Waffen-SS als „Elite-Einheit“ gegangen war. Stattdessen hatte Grass sich zum Literaturnobelpreis geschrieben und engagiert gezeichnet. Doch die Zugehörigkeit zur SS war offenbar kein so großes Trauma wie das der Romanfigur Walter Urban, wenn Grass über sein Geständnisbuch Beim Häuten der Zwiebel (2006) auf fast 500 Seiten gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählt hat, dass „(d)as (raus) mußte“.[21] 

Im Gespräch mit der F.A.Z … sagt Grass: „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.“ Wer die Rhetorik der Nachkriegs-Entschuldigungen und -Beschuldigungen kennt, glaubt, nicht recht zu hören. Der Autor, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, bekennt ein eigenes Schweigen, das, folgt man nur seinen eigenen Worten, absolut gewesen sein muß. Mit keinem seiner Kollegen hat er je darüber geredet, und auch in den großen Debatten der Nachkriegszeit hat er in diesem Punkt geschwiegen.[22]

Das Trauma und die Literatur verweisen nicht zuletzt mit dem umfangreichen Werk Günter Grass‘ aufeinander. Während Ralf Rothmann das Trauma als einen Schock auf einer ländlichen Tanzveranstaltung und als sadistische Mechanismen der Militärjustiz beschreibt, schrieb Günter Grass an einer Schuld der Elite bzw. der „Elite-Einheit“[23], für die er die SS als Siebzehnjähriger gehalten hatte. Günter Grass‘ später Bruch mit dem Verschweigen – „Das musste raus, endlich“ – löste 2006 eine ungeheure Debatte im Feuilleton und bisweilen wie bei Frank Schirrmacher Häme aus. Mit einer gewissen thematischen Verschiebung und Verzögerung entgegnet Rothmann beiläufig den moralischen Urteilen über Günter Grass. Der Realismus wird bei ihm zu einer Kombination aus Naturszenen – „Die ersten Vögel sangen, und das fahle Schilf wogte, als ein alter Keiler zum Wasser lief.“[24] – und Zitat eines Gedichtes von Oskar Loerke, das Hanns Zischler als eine Gegenhaltung zu Ernst Jünger in seiner Laudatio versteht. 

Schließlich hob er (Walter, T.F.) einen Arm, wedelte mit der Hand durch den Rauch und deklamierte: »Der Gott hat Muße. / Andern verblieb es, ein Tagwerk zu tun, / Mir, unter dem Fuße / Der trauernd geschwätzigen Winde zu ruhn. / Und wenn die uralte Traube, / Die schwarze, wiederkehrt staubig und warm, / Weckt mich immer der Glaube: / Du sollst, nicht schluchzen, der Gott wird nicht arm.«[25]

 

Das Gedicht, die Literatur, von Oskar Loerke soll Fiete retten. Zischler nennt das einen „Einbruch der Dichtung in das Geschehen“. Und der Sturmbannführer Domberg „vom Land, bei Königsberg“[26] „starrte auf das Bild in dem Folianten, die blau gewandete Madonna, lesend auf einer Blumenwiese“[27] als er Fietes Verbrechen final ausspricht: „Dem es egal ist, ob der Russe in unsere Heimat marschiert, unsere besten Männer tötet, unsere Frauen schändet und die deutsche Kultur in den Schlamm tritt? Einem Vaterlandverräter also?“[28] Das Beunruhigende an diesem Realismus ist, dass er zutiefst in der Literatur und ihren Verstrickungen eingewoben ist. Oskar Loerke, der nach Zischler Der Überläufer schrieb, was erst in den 50er Jahren von Peter Suhrkamp postum publiziert wurde, gehörte zu den Schriftstellern der, wie man sagt, Inneren Emigration und des Magischen Realismus. Am Realismus Ralf Rothmanns in Im Frühling sterben ist durchaus erstaunlich, wie ausführlich, detailliert und farbig das Trauma von der Erschießung Fietes durch Rothmann/Walter auf gut 37 Seiten erzählt wird. 

Den Kopf weit in den Nacken gebogen, als wollte er allen noch einmal die Kehle bieten, schien er zu lächeln auf seine verwegene Art, mit einem Lippenwinkeln nur, und Walter, der nicht auf Troches Stimme achtete, seine barsche Zurechtweisung, und über das gefrorene Gras den Freund zustolperte, wobei er sein Gewehr ein Stück weit über den Boden schleifte, um es schließlich fallen zu lassen, Walter erreichte ihn nicht mehr.[29]  

 

Günter Grass und der Vater Ralf Rothmanns überschneiden sich im „Profil“ Walter Urbans nicht nur zufällig. Es geht dabei auch um eine literarische Vaterfigur, an die angeknüpft wird. Ursula März und nicht nur sie haben 2015 Im Frühling sterben gar als eine Art Epochenschwelle gefeiert: „So markiert Rothmanns Roman auch eine Zäsur in der Geschichte der Sohnesliteratur: Die Zeit der ödipalen Abrechnung und Aburteilung ist vorbei. Die Zeit der differenzierten Anteilnahme hat begonnen. Dies ist ein großer Gewinn an Erkenntnistiefe.“[30] Nun – geht es um das Ödipus-Narrativ? Und ist es nicht ziemlich erstaunlich, dass mit Donald Trump und Elfriede Jelineks Theatertext Am Königsweg Ödipus anders wiederkehrt?[31] Erstaunlicher Weise ist Ödipus im Herbst 2015 und im Oktober 2016 gerade nicht verschwunden, vielmehr kehren höchst gespenstische Väter und Vaterfiguren unter anderem mit der Genealogie der „Herzogin von Oldenburg“, Beatrix von Storch, in Falk Richters Fear wieder.[32] Donald Trump, soviel kann man immerhin sagen, ist durchaus der gute (und erfolgreiche) Sohn seines Vaters Fred C. Trump, der seine Immobilien mit öffentlichen Geldern vor dem Zuzug farbiger Mieter „schützte“.

 

Die Empathie für den „schuldlos schuldigen“, vor allem aber traumatisierten Vater und die Vätergeneration ist gewiss nicht falsch. Internierte Zwangsarbeiter*innen mussten nicht nur in der Industrie arbeiten, sondern wurden gegen 1945 auch großflächig und zahlreich auf Bauernhöfen und in Handwerksbetrieben wie Bäckereien eingesetzt. Beim Enkel und AfD-Politiker Harald Weyel führt das dann zu einer verschrobenen Selbstwahrnehmung als „optische Täuschung“.[33] Der Realismus Ralf Rothmanns sollte vor allem in seiner Literarizität überdacht werden. Es ist doch keinesfalls so, als hätte man nun mit dem „weit in den Nacken gebogen(en) (Kopf)“ Fietes dessen realen Tod. Es geht da mit dem Konjunktiv durchaus um die Imagination Walters und des Erzählers, die in einem merkwürdigen Kontext zum „alte(n) Keiler“ steht. Und selbst für das Handwerk des Melkens wird zur Charakterisierung Fietes das literarische Genre der Zote nicht verschenkt: „Schön sanft das Fett auftragen. Nicht ziehen an den Zitzen, drücken. Nicht kurz vorher aufhören, sondern gründlich ausstreichen das Tier. Und bis man wieder in den Klamotten steckt …“[34] Elisabeth versteht sofort, wovon Fiete doppeldeutig spricht. Ist das jetzt „Sozialrealismus“ eines Siebzehnjährigen 1945? 

 

Torsten Flüh 

 

Ralf Rothmann 

Im Frühling sterben 

D: 19,95 € 

A: 20,60 € 

CH: 28,50 sFr 

Erschienen: 20.06.2015 

Leinen, 234 Seiten 

ISBN: 978-3-518-42475-9 

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[1] Ralf Rothmann: Flieh, mein Freund. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998, S. 29.

[2] Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Berlin: Suhrkamp, 2015, S. 9.

[3] Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm kennt das Lemma ZERARBEITEN aus der Literatur bei Immermann, Herder, Kotzebue, Goethe, Stieler etc. Ansonsten ist „zerarbeiten“ für die Lexik des Duden und des Word-Rechtschreibprogramms ungebräuchlich geworden. Siehe Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm online ZERARBEITEN.  

[4] Ralf Rothmann: Im … [wie Anm. 2] S. 28.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda S. 27-28.

[7] Ursula März: Moralische Verelendung der Soldaten. In: Deutschlandfunk BUCHKRITIK / ARCHIV | Beitrag vom 14.07.2015.

[8] Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld, 1997, S. 63.

[9] Reinhold Steig: Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe. Berlin, Stuttgart: Spemann, 1901, S. 363-365. (Textkritik Brandenburger Kleist-Ausgabe)

[10] Das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm führt allein Kleists Charité-Vorfall als transitiven Gebrauch von zusammenfahren an.

[11] Siehe auch: Torsten Flüh: Entblättert. Oder: Was ist Blog-Science? Kleist-Woche und die Berliner Abendblätter im Literaturforum im Brecht-Haus. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Juli 2011 22:30.

[12] Jacques Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar Buch XI. Weinheim, Berlin: Quadriga, 1987, S. 66.

[13] Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920) [Erstveröffentlichung: Leipzig, Wien und Zürich, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1920g. — Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 1-69.]

[14] Ebenda II. Traumatische Neurose und Kinderspiel als Wiederholung. (Textlog)

[15] Ralf Rothmann: Im … [wie Anm. 2] S. 7-8.

[16] Heather Emerson: Flow and Occupation: A Review of the Literature. In: Canadian Journal of Occupational Therapy, Volume: 65 issue: 1, page(s): 37-44, February 1, 1998 https://doi.org/10.1177/000841749806500105

[17]Ralf Rothmann: Im … [wie Anm. 2] S. 22-23.

[18] Ebenda S. 34.

[20] Ebenda.

[21] Michael Jeismann: SS-DIVISION „FRUNDSBERG“: Grass hätte Hitler befreit. In: Frankfurter Allgemein Zeitung 13.08.2006-19:23.

[22] Frank Schirrmacher: Eine zeitgeschichtliche Pointe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.08.2006-17:34.

[23] Beispielsweise: tso/ddp: „Ich war Mitglied der Waffen-SS“ In: Der Tagesspiegel 11.08.2006 18:03 Uhr.

[24]Ralf Rothmann: Im … [wie Anm. 2] S. 168.

[25] Ebenda S. 152.

[26] Ebenda S. 153.

[27] Ebenda S. 155.

[28] Ebenda S. 155-156.

[29] Ebenda S. 176.

[30] Ursula März: Moralische … [wie Anm. 7].

[31] Siehe: Torsten Flüh: Oedipus' Tragedyshow. Falk Richter inszeniert Elfriede Jelineks Am Königsweg in der Uraufführung als Tragedyshow. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. November 2017 20:38.

[32] Siehe: Torsten Flüh: Das Nachleben der Diskursfriedhöfe. Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Mai 2016 18:48.

[33] Miriam Lau: Zurück ins Kaiserreich. Harald Weyel, farbiger Bundestagsabgeordneter der AfD, sehnt sich nach einer Normalität, wie sie im Deutschland des 19. Jahrhundert herrschte. In: DIE ZEIT N° 47 vom 16. November 2017 S. 11. 

[34] Ralf Rothmann: Im … [wie Anm. 2] S. 26.