Gefeierte Enden der Sexualwissenschaft - Zum Festakt für Magnus Hirschfelds 150ten Geburtstag

Sexualität – Magnus Hirschfeld – Wissenschaft  

 

Gefeierte Enden der Sexualwissenschaft 

Zum Festakt für Magnus Hirschfelds 150. Geburtstag im Haus der Kulturen der Welt 

 

Das Auditorium im Haus der Kulturen der Welt bietet Platz für 1.250 Besucher*innen. Am 14. Mai 2018 zum 150. Geburtstag war es fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Nicht nur queeres Volk, Künstler*innen, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, vielmehr auch die Bundesministerin für Justiz, Katarina Barley, und die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, sowie exilierte Familienmitglieder des Jubilars Magnus Hirschfeld aus Australien und Amerika feierten stolz mit. Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn die überlebende Nichte erfuhr überhaupt erst aus dem australischen Fernsehen, als Rosa von Praunheims Film Der Einstein des Sex (1999) gesendet wurde, dass ihr Onkel nicht nur ein berühmter Sexualwissenschaftler, sondern auch schwul gewesen war.

 

Die Sichtbarkeit der LGBTI* in ihrer schier unendlichen Diversität aus allen Bereichen der Gesellschaft war beim Festakt der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld die bewusste Demonstration einer politischen Haltung. Manuela Kay moderierte im grauen Anzug mit Weste und Krawatte eloquent und witzig den Abend. Denn trotz schwulem Botschafter der USA in Deutschland, offen lesbischer Parteivorsitzender und schwulem Gesundheitsminister hat sich das gesellschaftliche Klima mit dem Einzug der revanchistischen AfD derart zum Nachteil von Homosexuellen verändert, dass sich eine Bundesministerin in den letzten Tagen als Berichterstatterin für die neue Kindergeldregelung von einem Bundestagsabgeordneten hatte fragen lassen müssen, warum homosexuelle Eltern ebenfalls Kindergeld erhalten, wenn sie doch „nichts zur Reproduktion beigetragen haben“. Die Bundesministerin war nach ihren eigenen Worten beim Festakt fassungslos über die Frage.


© BMH/Sabine Hauf

Was hat die Wissenschaft genützt, wenn die AfD mit dem Leitbild einer biologistischen, reproduktionistischen, vermeintlich traditionellen Familien- und Geschlechterpolitik in Landesparlamente und den Deutschen Bundestag gewählt werden konnte? Magnus Hirschfeld formulierte für sein Arbeits- und Privatleben das Motto „PER SCIENTIAM AD JUSTITIAM“, durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Diese Lebensmaxime des am 14. Mai 1868 in Kolberg Geborenen und am Tag seines Geburtstags 1935 im Exil in Nizza Verstorbenen steht noch heute auf der Rückseite seines Grabsteins auf dem Cimetiere de Caucade geschrieben. Das Profilrelief auf dem Grabstein wurde von dem ebenfalls in Kolberg 1884 geborenen Bildhauer Arnold Zadikow geschaffen. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wurde Zadikow 1939 in Prag als Jude verhaftet und 1943 in Theresienstadt ermordet.[1]

 

Magnus Hirschfeld hat die Sexualität zum Gegenstand der Wissenschaft gemacht, um damit gegen den in der europäischen Rechtsgeschichte in dieser Form einmaligen § 175 Strafgesetzbuch zu argumentieren, der nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 ausgearbeitet wurde und mit dem Reichsstrafgesetzbuch am 1. Januar 1872 in Kraft getreten war. Am 11. Juni 1994 wurde er abgeschafft. Hatte die Wissenschaft also doch zur Gerechtigkeit geführt? Als Jude und Homosexueller war für Hirschfeld die Wissenschaft insbesondere der Medizin mit ihren zeitgenössischen Praktiken der Kategorisierung das entscheidende und einzig mögliche Verfahren der Emanzipation. Mit dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität gründete Hirschfeld 1897 ein, wie man heute sagen würde, interdisziplinäres Periodikum, das allererst eine Wissenschaftsliteratur zur Homosexualität entfaltete. Gleichzeitig findet mit seiner Sexualwissenschaft eine philosophisch-pragmatische Umwertung der Werte statt.

 

Seine Sexualwissenschaft wird nicht zuletzt mit der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) am 15. Mai 1897, ein Tag nach seinem neunundzwanzigsten Geburtstag, in Berlin-Charlottenburg zu einem Feld der Überschneidung unterschiedlicher, zeitgenössischer Wissensbereiche an der Schnittstelle von privat und öffentlich. Nun knüpft Sexualwissenschaft nicht zuletzt an die „Vorrede“ zu Friedrich Nietzsches Buch Die fröhliche Wissenschaft (la gaya scienza) von 1887 an. 

Diesem Buche thut vielleicht nicht nur Eine Vorrede noth; und zuletzt bliebe immer noch der Zweifel bestehn, ob Jemand, ohne etwas Aehnliches erlebt zu haben, dem E r l e b n i s s e dieses Buchs durch Vorreden näher gebracht werden kann. Es scheint in der Sprache des Thauwinds geschrieben: es ist Uebermuth, Unruhe, Widerspruch, Aprilwetter darin, so dass man beständig ebenso an die Nähe des Winters als an den Sieg über den Winter gemahnt wird, der kommt, kommen muss, vielleicht schon gekommen ist… Die Dankbarkeit strömt fortwährend aus, als ob eben das Unerwartetste geschehn sei, die Dankbarkeit eines Genesenden, — denn die Genesung war dieses Unerwartetste. „Fröhliche Wissenschaft“: das bedeutet die Saturnalien eines Geistes, der einem furchtbaren langen Drucke geduldig widerstanden hat — geduldig, streng, kalt, ohne sich zu unterwerfen, aber ohne Hoffnung —, und der jetzt mit Einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung.[2] 

 

Friedrich Nietzsches vage Empirie als Erlebniswissenschaft – „ohne etwas Aehnliches erlebt zu haben, dem Erlebnisse dieses Buches“ – verleiht Magnus Hirschfelds Sexualwissenschaft durchaus einen persönlichen Zug, der gleichzeitig durch wissenschaftliche Praktiken des Messens, Einstufens und Zeigens überschrieben wird. Das Zeigen mit dem zeitgenössischen Medium der Fotografie kulminiert schließlich 1930 in seinem Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas der Geschlechtskunde und dessen Motto: „Bilder sollen bilden. M.H.“[3] Was heißt das? Einerseits spielt Hirschfeld mit dieser Formulierung auf die Bildung von Wissen durch Bilder an. Sie selbst sollen in wechselnden Konstellationen Wissen generieren. Andererseits gibt es ein Wissen der Bilder, das gezeigt werden soll. Derartiges Wissen bildet sich möglicherweise mit der Einmaligkeit eines Erlebnisses, das sich nicht verifizieren lässt. Überliefert ist ein Foto von einer wissenschaftlichen Bilderwand der „Sexual Transitions Sexes Intermediates Sexuellen Zwischenstufen“ im Institut für Sexualwissenschaft.

 

Die Sexualwissenschaft Magnus Hirschfelds mündet nach gut 33 Jahren Textproduktion in eine visuelle Wissenschaft, in der sich der Blick mit dem Atlas nicht einfach stillstellen lässt, sondern immer wieder durch unterschiedliche Konstellationen selbst in der schematischen Gliederung der „Abschnitt(e)“ verschiebt. Unterschiedliche Bilder aus Religionsgeschichte, Ethnologie, Kunstgeschichte, Altertumswissenschaft, Zeitungen und Illustrierten, Filmstills, Polizeifotografie etc. entfalten in der Form des Atlas‘ eine breite wiewohl vage Wissenschaft. Das Disparate des Atlasses als Form führt nicht nur unterschiedliches Wissen auf, vielmehr lässt es dies auf einer Fläche verschieden zusammentreffen, wie es Georges Didi-Huberman ausgearbeitet hat. 

Die Form namens Atlas – wie auch die Montage, aus der sie hervorgeht – könnte man, eine Formulierung Ernst Blochs aus seinem Buch Erbschaft dieser Zeit paraphrasierend, problemlos als jenen Schatz an Bildern und Gedanken betrachten, der uns vom »eingestürzten Zusammenhang« der modernen Welt übrigbleibt. Der Atlas hat seit Warburg nicht nur die Formen – und also die Inhalte – sämtlicher »Kulturwissenschaften« oder Humanwissenschaften von Grund auf verändert, sondern er hat auch zahlreiche Künstler angeregt, die Art und Weise, wie in den visuellen Künsten heute gearbeitet wird und wie sie präsentiert werden, in Form der Sammlung oder der Remontage völlig neu zu denken.[4]

 

Der Sexualwissenschaftliche Bilderatlas Hirschfelds arbeitet anders als Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne (1927-1929).[5] Doch der Bilderatlas als wissenschaftlich-visuelle Denkweise wird um 1930 wohl als Erlebniswissenschaft zumindest im Wissenschaftsdiskurs angelegt. Hirschfeld schematisiert in seinem Institut für Sexualwissenschaft ziemlich genau an jenem Ort, wo heute das Haus der Kulturen der Welt steht, seine „Tafelbild(er)“[6] stärker als Warburg. Mit Didi-Huberman müsste man vielleicht sagen, dass er weniger visuell denkt. Hirschfeld kommt aus einer medizinischen und polizeilichen Bildwelt, die er zumindest um das „Dritte Geschlecht“ erweitern wollte, wenn er nicht schon die geschlechtlichen Zuordnungen auflösen konnte. Der bisher als Digitalisat nicht verfügbare Sexualwissenschaftliche Bildatlas vermag heute im Internet (wieder) zu stören oder gar zu verstören. Bei einigen verfügbaren Digitalisaten sind die Bilder schamhaft oder political correct gelöscht worden.[7] Warum? Das visuelle Denken, muss man wohl formulieren, lässt sich schwer beherrschen und kalkulieren. Wenn ein Bild auch nur in den Bereich der Pornographie tendiert, wird es nach den Regeln des Digitalismus heute gelöscht.

 

Der TextteilPer scientiam ad justitiam – lässt sich vielleicht besser als Wissenschaft verorten. Er ist allerdings heute beispielsweise mit Die Homosexualität des Mannes und des Weibes von 1914 als Band III des von Iwan Bloch herausgegebenen Handbuch der gesammten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen auf mehr als Tausend Seiten auch der schwierigere, weil normierende Teil. Im Format Handbuch wird das Wissen von der Homosexualität als Text in zwei Hauptteilen sozusagen zum Nachschlagen enzyklopädisch versammelt. Der erste Hauptteil geht auf die „biologische Erscheinung“ ein, während der zweite die „soziologische Erscheinung“ behandelt.[8] Zumindest lässt sich damit zweierlei sagen. Erstens situiert sich die Wissenschaft von der „Homosexualität“ an der Schnittstelle von Biologie und Soziologie als zeitgenössische Leitwissenschaften vom menschlichen Körper und der Gesellschaft. Zweitens wird die Homosexualität bei über Tausend Seiten in einer erstaunlichen Diversität zu erfassen gesucht.

 

Die Homosexualität wird von Magnus Hirschfeld zwar als Ursprung für die Erscheinungen gesetzt, als ob es eine einzige, generalisierbare Homosexualität gebe, die sich dann nur auf unterschiedliche Weisen zeige. Doch die Diversität greift gleichzeitig ein geschlossenes Wissen von der Homosexualität als Ursache an. So würdigte denn auch die Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Katarina Barley in ihrer Rede beim Festakt Magnus Hirschfeld als Arzt, Autor und Sexualwissenschaftler, der der „Homosexuellen Bewegung … Schwung“ gegeben habe.[9] Denn als Bundesjustizministerin ist sie von Amts wegen Vorsitzende im Kuratorium der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Dem Kuratorium wird indessen demnächst auch eine revanchistische, homophobe Politikerin der AfD angehören. Die parlamentarische Demokratie sieht das in allen Bereichen der Ausschüsse und Kuratorien von Bundeseinrichtungen so vor, weshalb eine politische Haltung zur Homosexualität wieder wichtig geworden ist. 

Wir erleben … immer wieder Benachteiligungen, Diffamierungen und auch tätliche Angriffe auf Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Identität und Orientierung. 

Das nehmen wir nicht hin! Die Politik muss alles dafür tun, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Personen zu schützen. 

Mit Schutz allein ist es aber noch nicht getan. Unser eigentliches Ziel muss sein, dass es überhaupt keine Rolle spielt, welche sexuelle Orientierung jemand hat.[10]

 

Magnus Hirschfelds Lebensmaxime – Per scientiam ad justitiam – formuliert von vornherein die Wissenschaft als emanzipatorisches Politikum. Die „sexuelle Orientierung“ kann nur in dem Maße „keine Rolle spiel(en)“ wie ein vorbehaltloses Wissen von der Sexualität in ihrer unendlichen Vielheit kursiert. Es geht immer darum, Verengungen und Normierungen dieses Wissens aufzulösen. Dass wir überhaupt von Sexualität sprechen und schreiben, verdanken wir nicht zuletzt dem 18. Jahrhundert und Voltaire. Sie kommt bei ihm als emanzipatorische Wollust und Ausübung eines nach wie vor ambigen Liberalismus zur Sprache.[11] Sexualität kann die Form von Machtstrukturen annehmen. Sie kann auf einen unersättlichen Konsum hinauslaufen. Doch sie kann auch Formen partnerschaftlicher Lebensgestaltung, um nicht zu sagen Liebe, annehmen. Sie lässt sich nicht einfach nur als „Trieb“ oder „Triebhaftigkeit“ bestimmen oder rechtfertigen, vielmehr bringt sie eine Freiheit wie einen Auftrag zur Lebenspraxis. Unter anderem deshalb gab Dagmar Herzog, Professorin für Geschichte am Graduate Center der City University of New York, ihrer Festrede auch den Titel Liebe und Gerechtigkeit – Magnus Hirschfeld in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.  

 

Die Festrede wurde wie der gesamte Festakt im Internet Live gestreamt. Sie ist zwischenzeitlich vom PINK CHANNEL Hamburg auf YouTube veröffentlicht worden und wird als Publikation der Bundesstiftung mit weiteren Texten als Buch erscheinen. Dagmar Herzog eröffnete ihre Rede mit einer Anekdote zu Magnus Hirschfeld und Sigmund Freud aus dem Frühjahr 1928. Freud schrieb einen Brief an einen unbekannten Empfänger, „dass der Lebenskampf des Dr. Magnus Hirschfeld gegen die grausame und ungerechtfertigte Einmengung der Gesetzgebung in das menschliche Sexualleben allgemeine Anerkennung und Unterstützung verdient. Ihr ergebener Freud“. Die „Anerkennung und Unterstützung“ kam vom Entwickler der Psychoanalyse als Wissenschaft durchaus verspätet, wie Dagmar Herzog in ihrem Vortrag weiter ausführte, denn Freud hatte einige Jahre zuvor Hirschfeld geschmäht. Doch 1928 geht es für Freud nach Dagmar Herzog darum, dass das „Sexuelle“ „eine zwar mit anderen Bereichen des Lebens, aber eigenständige Sphäre des menschlichen Lebens ist“.[12]  


© BMH/Brigitte Dummer 

Dagmar Herzog hebt drei Punkte in ihrer Rede eingangs hervor. Erstens „das Kernthema die Einmengung der Gesetzgebung in das menschliche Sexualleben“ und zweitens die mangelnde „Anerkennung“, gar Anfeindung unter seinen Kollegen und Zeitgenossen sowie drittens dass Freud öffentlich Position beziehe für Hirschfeld. Freud nimmt nun eine klare Haltung ein. Der Begriff Einmengung in Freuds Brief lässt stocken. Ein Freudscher Neologismus? Freud schreibt nicht Einmischung, obwohl sich leicht Einmengung als Einmischung lesen ließe. Freud gebraucht die Einmengung beispielsweise 1907 in seinem Buch Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Über Vergessen, Versprechen, Aberglaube und Irrtum), wenn er schreibt: „In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung Kunde von der Einmengung einer Störung, nur in anderer Form.“[13] Die „grausame und ungerechtfertigte Einmengung“ formuliert insofern nicht nur einen Eingriff des Staates durch Gesetze in sexuelle Praktiken, vielmehr wird die Gesetzgebung in die Wahrnehmung oder „intellektuelle Empfindung“ des Sexuallebens eingemengt.   

 

Die Laudatorin geht nicht detaillierter auf die Einmengung und die Psychopathologie des Alltagslebens ein, was nicht zuletzt dem Auditorium geschuldet sein mag. Doch Freud wäre nicht Freud, wenn er nicht gerade in einem Brief an einen Unbekannten zu einer vertrackten Alltagsgeschichte einen eigensinnigen Begriff einsetzen würde.  Die Einmengung betrifft bei Freud den Bereich einer grundsätzlichen „Funktionsstörung“ in der Wahrnehmung des Ich. Das hieße eben auch, dass die Gesetzgebung die Selbstwahrnehmung der Homosexuellen zutiefst bestimmt. Sie betrifft den ganzen Bereich der Herabsetzung, Entwertung, aber eben auch Wertschätzung. Meistens führt die Einmengung allerdings zu „Funktionsstörungen“ des Erinnerns beispielsweise als „Unterlassung durch Vergessen“, wie Freud an sich selbst beobachtet.   

Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die bei mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Vergessen gesammelt und aufzuklären gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, daß sie auf Einmengung unbekannter und uneingestandener Motive — oder, wie man sagen kann, auf einen G e g e n w i l l e n — zurückzuführen waren.[14]


© BMH/Sabine Hauf

Sigmund Freud hatte sich ca. 20 Jahre zuvor noch einen „schwer homophoben Ausrutscher“ erlaubt, den Dagmar Herzog zitiert. Die Gesetzgebung hatte sich sozusagen in einen Brief Freuds an Carl Jung eingemengt. Hirschfeld sei „ein unappetitlicher Kerl und schien nicht im Stande, etwas zu lernen, homosexuelle Gekränktheit. Keine Träne nachweinen“, schrieb Freud 1911 an Carl Jung, der kein Freund der Sache der Homosexuellen war. Die zunächst wenig spektakuläre Anekdote mit der Einmengung lässt sich mit dem „homophoben Ausrutscher“ nun ganz anders lesen. Um von dem jüngeren Kollegen Carl Jung (*1875) geliebt zu werden, attestiert Freud (*1856) dem älteren Hirschfeld (*1868) „homosexuelle Gekränktheit“, weil dieser Freuds Psychoanalyse nicht folgen wollte oder konnte. Insofern trifft die Einmengung sehr präzise, den Bereich der Liebe und des „menschlichen Sexuallebens“. Hatte Freud also 1928 wirklich dazugelernt? Oder hatte er mehr über die Einmengung gelernt? 


© BMH/Brigitte Dummer 

Diese Frage betrifft nicht zuletzt die, sagen wir, „intellektuelle Empfindung“ der Identität. Denn die fatale Einmengung als „Funktionsstörung“ bringt gerade hervor, was als „Gegenwillen“ das Ich bewusst macht, um es einmal so zu formulieren. Die „sexuelle Identität“ wird dadurch unvermeidlich und ein gutes Recht. Aber sie wird eben auch trügerisch, wenn sie zu sehr von einem „Gegenwillen“ abhängt. Vielleicht ist es Sigmund Freud 1928 für Magnus Hirschfeld in einer wissenschaftspolitischen Verwerfung gelungen, im Brief mit der Einmengung Position zu beziehen, weil er den emanzipatorischen Gestus seiner Psychoanalyse nun in Hirschfelds Sexualwissenschaft wahrnehmen konnte. Vielleicht muss man heute gar sagen, dass der „Gegenwille“ gerade bei den Identitätskonzepten der Heimat, des christlichen Abendlandes, des Deutschen die allergrößte Rolle spielt. Queerness wird deshalb zum 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld wichtiger als die einfache Bejahung der Homosexualität als Identität.

 


Screenshot Video des Festaktes auf Facebook.

 

Die Sexualwissenschaft, wie sie Magnus Hirschfeld konzipiert und praktiziert hat, ist in dem Maße, wie die Gender Studies oder Geschlechterstudien in den Humanities an ihre Stelle getreten sind, historisch geworden. Bereits 1982 wurde die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. von Ralf Dose zur Aufarbeitung des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes Magnus Hirschfelds in (Wet-)Berlin mitbegründet. Im Mai 2008 kuratierte die Gesellschaft die Ausstellung Sex brennt - Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft und die Bücherverbrennung im Medizinhistorischen Museum der Charité. Ein Meilenstein der Hirschfeld-Forschung. 2011 wurde die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mit Jörg Litwinschuh als Geschäftsführenden Vorstand gegründet. Im Gespräch mit Manuela Kay kündigte Jan Feddersen von der Initiative Queer Nations e.V. die Eröffnung des Elberskirchen Hirschfeld Hauses für 2022 als späte und andere, eben nicht mehr homosexuelle, vielmehr queere Nachfolge des Instituts für Sexualwissenschaft für die LGBTI*-Community an. 

Der Festakt der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wurde ausgerichtet von Jörg Litwinschuh und seinem Team. Unterstützt und besucht wurde er von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, und Sigrun Neuwerth, Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Filmemacher und Homo-Ikone Rosa von Praunheim, Saloniere Mahide Lein, Prof. em. Götz Wienold, Rechtsanwältin und Imamin Seyran Ates, dem Intendanten der Komischen Oper Barrie Koskie, dem Intendanten des Humboldt-Forums Prof. Dr. Harmut Dorgerloh, dem Rektor des Abraham Geiger Kollegs und Rabbiner Walter Homolka, dem nach dem § 175 StGB einst verurteilten Klaus Born, dem MdB Stefan Kaufmann (CDU), Thomas Sparr, Gaby Cohen, Großnichte Magnus Hirschfelds, dem Aktivisten Lothar Dönitz und vielen, vielen mehr. Vivian Kanner und Maxim Shagaev brachten u. a. Friedrich Hollaenders satirisch-politisches Couplet nach der mitreißenden Melodie der Habanera aus Georges Biszets Oper Carmen, geschrieben 1931, An allem sind die Juden schuld  auf die Bühne, um zum Abschluss mit einer bearbeiteten Version von Hildegard Knefs Für mich soll’s roten Rosen regnen … zum 150. Geburtstag zu gratulieren.   

 

Torsten Flüh 

 

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld 

Festakt anlässlich des 150. Geburtstages von

Dr. Magnus Hirschfeld 

Stream vom 14. Mai 2018 ca. 18:00 Uhr, Dauer 2:09:32

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[1] Das Schicksal und die Kontakte Arnold Zadikows zu Magnus Hirschfeld sind bislang unzureichend erforscht. Das lässt sich beispielsweise daran erkennen, dass es lediglich eine englische Seite zu Arnold Zadikow auf Wikipedia gibt. Er lebte und arbeitete in den 20er Jahren in Berlin. Als Kolberger Juden wird sich der Kontakt von Magnus Hirschfeld zu Arnold Zadikow schon zu Berliner Zeiten nicht auf das Relief für den Grabstein beschränkt haben. https://en.wikipedia.org/wiki/Arnold_Zadikow  

[2] Friedrich Nietzsche: Vorrede zur zweiten Ausgabe. In: ders.: Die fröhliche Wissenschaft. („la gaya scienza“) Neue Ausgabe mit einem Anhange: Lieder des Prinzen Vogelfrei. Leipzig. Verlag von E. W. Fritzsch. 1887. (Digitalisat)

[3] Siehe Fotos aus dem Bilderatlas und dessen Konzept: Torsten Flüh: Zu Magnus Hirschfelds Bilderatlas. Aus Anlass der Spendengala Marlene für Magnus – DenkMal für Hirschfeld und die ersten Hirschfeld-Tage. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. Mai 2012 22:51.

[4] Georges Didi-Huberman: Atlas oder die unruhige Fröhliche Wissenschaft. Paderborn: Fink, 2016, S. 17.

[5] Vgl. ebenda Abb. 1, S. 20.

[6] Ebenda S. 19.

[7] Magnus Hirschfeld (Hg.): Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen IV. Jahrgang. Leipzig 1902. (Digitalisat) Es ist wenigstens auffällig, dass in diesem Digitalisat alle Bilder fehlen.

[8] Magnus Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Berlin: Louis Marcus: 1914, S. XV-XVI. (Digitalisat)

[9] REDE | 14. MAI 2018 | DR. KATARINA BARLEY: Festakt 150 Jahre Magnus Hirschfeld. Rede der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Katarina Barley beim Festakt 150 Jahre Magnus Hirschfeld der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld am 14. Mai 2018 in Berlin. (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz)

[10] Ebenda.

[11] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Die verlockende Disharmonie der Libertà. Albert Serra zeigt Three Little Pigs und montiert Liberté im Zwielicht an der Volksbühne. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. März 2018 19:44.

[12] Zitiert nach „dem gesprochenen Wort“ im Video.

[13] Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum). Berlin: S. Karger, 1917 (Fünfte, vermehrte Auflage), S. 39.

[14] Ebenda S. 125.