Duplicating Yoshiki - Der Megastar Yoshiki und seine Vervielfältigungen

Megastar – Classical – Yoshikitty 

 

Duplicating Yoshiki 

Der Megastar Yoshiki und seine Vervielfältigungen 

 

Am 23. Mai 2014 wird Yoshiki auf seiner Classical World Tour im Tempodrom vorbeischauen. Großes ist zu erwarten. Bereits am 24. März war er auf Promotion-Tour in Berlin, am nächsten Tag in Moskau. Von seiner Facebook-Seite kann man wissen, dass er dort mit dem japanischen Botschafter in Moskau in dessen Residenz aß. Yoshiki ganz privat sozusagen. Ein Foto mit Siegessäule und Yoshiki gab es auch schon. Dann kamen die offiziellen Bilder vom Fotocall in seiner Suite im Grand Hyatt am Marlene-Dietrich-Platz 2. Yoshiki ist ein Wellness-Produkt.

Yoshikitty heißt Yoshiki als Hello-Kitty-Figur. Hello Kitty ist niedlich, kindlich, glücksverheißend und mangaähnlich. In der japanischen Kawaii-Kultur ist Hello Kitty seit den 70er Jahren ein Megastar. Kawaii sells. Sie oder es gibt es überall vom Babystrampelhöschen bis zur Diamantbrosche. Davon ist auszugehen. Yoshiki passt in die Hello Kitty-Serie, die Geschlechtsneutralität, runde Formen, bunte Farben und Glücksverheißung zum Programm gemacht hat. Von der Instantnudelsuppenpackung über Fernsehserien bis zum Airbus 330 der taiwanischen EVA AIR versprechen Hello Kitty-Hasen, -Affen, -Eichhörnchen kindliche Unbeschwerheit.

Ursprünglich war Hello Kitty die winkende, japanische Glückkatze, 招き猫 maneki-neko. Winkende, weiße Katzen stehen mittlerweile auch in fast jedem deutschen Sushi-Restaurant, ob es nun von Vietnamesen, Chinesen oder Japanern geführt wird. Yuko Shimizu hat maneki-neko 1974 sozusagen als weiße Katze in Hello Kitty transformiert. Yoshikitty kann daher als eine Ehre für den Megastar Yoshiki betrachtet werden. Yoshikitty hat ein eigenes Facebook-Profil.

Yoshiki ist der einzige Pop-Star, den es als Hello Kitty gibt. Yoshiki Hayashi war bereits mit seinen Bands X Japan und V2 in den 90er Jahren ein Megastar. Es ist anzunehmen, dass ihm ständig von seinen weiblichen Fans bei Konzerten Hello Kitty-Figuren auf die Bühne geworfen wurden. Nun gibt es auch eine Fuck Yeah Yoshikitty!-Seite bei tumblr. Yoshikitty fällt eine blonde Haartolle übers linke Auge. Eine Mischung aus Punk-Rock-Star und niedlich. Yoshikitty ist geschlechtlich uneindeutig und trägt die berühmte, rote Schleife über dem linken Ohr. Offenbar lieben auch schon etwas größere Jungs Yoshikitty.

Die Kawaii-Kultur hat sich bisher nur marginal in Europa und den USA verbreitet. Im südostasiatischen Raum ist sie fester Bestandteil und allgegenwärtig. Sie gehört zum Wohlfühlen dazu. Kawaii bleibt nicht auf die Kinderstube beschränkt, vielmehr wird sie als alters- und geschlechtsloses Glücksversprechen lebenslang praktiziert. Man kann von einem Terror des Niedlichen sprechen, der mit dem Befehl von Harmonie und Entindividualisierung korrespondiert. Nicht dem Individuum wird gehuldigt, sondern dem Prinzipien sexuelle Neutralität, Faltenlosigkeit, Weißheit und nicht Weisheit kantenloser Rundgesichter.

Die Weiße Katze, ホワイト, Kity Howaito, hat keinen Mund. Sie hat große, senkrecht-runde Augen, eine große, rote Schleife am linken Ohr, 6 Katzenbarthaare und eine gelbe Punktnase. Der Mund fehlt auf bedenkenswerte Weise. Zum Niedlich-Design-Diktat gehört ein getilgter Mund. Die Weiße Katze ist vorsprachlich, könnte man sagen. Der Mund könnte gefährlich werden. Der fehlende Mund zeichnet alle Hello Kitty-Figuren oder Charaktere aus. Ob die Hello Kitty Bubbly World aktuell bei McDonald‘s Singapore oder ein Kinderschlafzimmer in Rosa und Weiß von Hello Kitty, es gibt keinen störenden Mund. Das ist irritierend, wenn es doch bei McDonald’s um Nahrungsaufnahme geht. Die mundlose hashtag-hellokitty-Welt existiert selbstverständlich auf Facebook.

Weil Yoshiki durch Yoshikitty besonders stark mit dem Designmerkmal ohne Mund von Hello Kitty verknüpft wird, in die Kawaii-Kultur trotz oder wegen seines Multitalentes als Schlagzeuger, Pianist, Bandleader, Komponist, Schmuckdesigner verwickelt ist, kommt man ohne einen Blick auf das Niedliche nicht an das Megastar-Konzept von Yoshiki heran. Biographisches zu Yoshiki Hayashi gibt es eher spärlich. Was zählt, ist das Star-Konzept. Und natürlich haben Hello Kitty und Kawaii ein Schreckensbild, das sich 1999 in dem sogenannten Hello Kitty Mord in Tsim Sha Tsui-Viertel in Hongkong zeigte. Dort wurde eine Nachtclubhostess enthauptet und ihr Kopf in eine Hello Kitty Puppe gelegt oder aufgesetzt.

Yoshikitty ist ein Duplikat und Double von Yoshiki. Die Duplizierung eines Stars in weiteren Medien macht den Star größer. Spektakulär war sein Auftritt beim South by Southwest Festival in Austin, Texas, wo sich Yoshiki eine Piano-Schlacht mit seiner „Holographic Version“ lieferte, wie die Huffington Post schrieb, nachdem das Konzertereignis als Video auf YouTube hochgeladen worden war. Seit ein paar Tagen rockt Yoshiki sozusagen die Medien mit der Veröffentlichung des Titelsongs für den „Globally Anticipated SAINT SEIYA (a.k.a Knights of the Zodiac) Film“. Kawaii, Hello Kitty, Hologramm, Manga, Animationsfilm und Classical World Tour verschalten sich zum Mega-Ereignis.

Der Megastar Yoshiki zeichnet sich aktuell nur bedingt durch sein „Multitalent“ aus. Entscheidend sind vielmehr die Verknüpfungen unterschiedlichster Medien. Das Live-Konzert der Welttournee ist lediglich ein Medium, das Yoshiki zum Megastar macht. Das Tempodrom in Berlin steht nicht zuletzt im Tourneeprogramm, weil Berlin neben Paris und Moskau Europa für eine eher doch südostasiatische Klientel zwischen Bangkok, Taipei, Peking, Tokio und Osaka das Versprechen des Globalen halten soll. Aber so einfach ist es dann auch nicht mehr in Zeiten von iTunes, wo das Klassikalbum in mehreren Ländern wie Taiwan Platz 1 belegt. Man kann an Michael Jackson und seine Nutzung der seinerzeit neuen Medien Video, CD und Fernsehfilm erinnern. Yoshiki lebt und arbeitet in Los Angeles und ist offenbar recht gut vernetzt in Hollywood.

Yoshiki ist durchaus so etwas wie ein Facebook-Star. Er nutzt das Medium für eine Überschneidung von fast, privater Lockerheit und gezielter Vermarktung. Facebook ersetzt auf diese Weise heute die Yellow Press, wenn diese nicht gerade die neuesten Posts von Lady Gaga, Justin Bieber oder eben Yoshiki zum Thema macht. In Tokio traf Yoshiki den Musiker, Schauspieler und Oscar-Gewinner Jared Leto am 3. April und postete „Amazing show in #Tokyo! #JaredLeto #ShannonLeto #30SECONDSTOMARS”. Yoshiki dockt damit durchaus an das queere Image von Jared Leto an, der seinen Oscar für die Rolle der TransFrau Rayon in Dallas Buyers Club bekam. Im Moment verkörpert Jared Leto ein queeres Hippie-Image, das gerade bei jungen Leuten extrem gut ankommt. Auf andere Weise erinnert Yoshiki an das queere Image von Stromae

Auf der Classical Tour werden offenbar auch X Japan-Mitglieder wie ToshI auftreten. Was man sich genau von der Show während der Tour vorzustellen hat, ist, hält man sich an das Album Yoshiki Classical, das mit dem London Philharmonic Orchestra, der Tokyo City Philharmonic Symphony und dem Quartet San Francisco aufgenommen worden ist, noch nicht ganz deutlich. Wird Yoshiki mit großem Symphonieorchester anreisen? Von den 11 Stücken des Albums sind 6 Klassikversionen, von Stücken, die Yoshiki bereits vorher eingespielt hatte. Die Orchestrierung von Tears hat der Beatles-Produzent Sir Georg Martin übernommen. Flaggschiff des Albums ist Miracle (4.53), das Yoshiki zusammen mit David Campbell orchestriert hat.

Zu Miracle hat Yoshiki einen pseudosakralen Liedtext für den Chor geschrieben: „Ci sarà un miracolo …“ Das kann man ungefähr mit „dies ist ein Wunder“ übersetzen. Miracle ist auf der SXSW-Seite frei über SOUNDCLOUD zu hören. Weniger die Virtuosität als die technische Verschaltung und Abmischung charakterisieren nicht nur Miracle, sondern das gesamte Album. Yoshiki Classical lässt sich extrem gut hören, weil es immer auch die Technik selbst mit Bildschirmen und Amplituden in Szene setzt.

 

Torsten Flüh

PS: Alle Fotos und Screenshots Torsten Flüh

 

 

Yoshiki Classical 

Tempodrom 

23. Mai 2014

 

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