Das 7. Gebot und der Mundraub - Yoko Tawada und Christian Lehnert lesen in der Guardini Galerie zum Dekalog

Stehlen – Eigentum – Sprache 

 

Das 7. Gebot und der Mundraub 

Yoko Tawada und Christian Lehnert lesen in der Guardini Galerie zum Dekalog 

 

Das Reformationsjubiläum 2017 wird von der Guardini Stiftung und der Stiftung St. Matthäus mit einem ökumenischen Kulturprojekt vorbereitet. Am 10. Mai lasen Yoko Tawada und Christian Lehnert im intimen Rahmen der Guardini Galerie am Askanischen Platz Texte zum 7. Gebot, die am 9. Juni in einer größeren Veranstaltung mit Konzert in der St. Matthäus-Kirche von Lydia Starkulla gelesen werden. Die Gemeinsame Projektstelle für Ökumene und Kultur thematisiert seit 2013 die 10 Gebote des Alten Testaments in ihrer Aktualität. Bildende, schreibende und komponierende Künstler nehmen sich der 10 Gebote zwischen „Du sollst neben mir keine anderen Götter habenund „du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen …“ an.

  

Der Dekalog des Alten Testaments wird in der Guardini Galerie visuell im „Assoziationsraum VII“ unter anderem deutlich mit dem Islam und der Scharia assoziiert. Das „Handabhacken bei Diebstahl“ als Forderung des vom evangelischen Glauben konvertierten Salafisten Pierre Vogel, genannt Abu Hamza, in einem seiner Videos wird den Mumifizierten Händen als „Leibzeichen“ aus der Kirche St. Georgen in Wismar aus dem Mittelalter gegenübergestellt. Zwar kennt der Islam keinen Dekalog, doch gibt es vergleichbare Gebote und Verbote in den Suren. Im chinesischen und japanischen Kulturkreis des Buddhismus und Shintoismus gibt es, wie Yoko Tawada im Gespräch mit Ludger Hagedorn formulierte, keine vergleichbare Vorschriftensammlung, weil das Eigentum im Buddhismus eine andere, wenn nicht sogar viel geringere Rolle spiele.

 

Kulturelle Vorstellungen des Besitzes und des Eigentums werden nicht zuletzt mit dem Dekalog für die monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – auf geradezu ausschließliche Weise formuliert. Der Monotheismus – Du sollst keine anderen Götter haben … - generiert wenigstens in besonderem Maße erstens Besitz wie Eigentum und zweitens eine Eindeutigkeit wie Stabilität von Zeichen, die auf den einen allmächtigen Gott bezogen werden. Leibzeichen wie die sorgsam in einer „gedrechselte(n) Holzschale“ aufbewahrten Hände gehorchen nach mittelalterlich christlicher Gerichtsbarkeit der Eindeutigkeit und Stabilität des Zeichens, die der salafistischen Strafordnung ähnelt. 

leibzeichen, n. zeichen welche das peinliche gericht von einem gemordeten körper als beweis seiner ermordung nimmt: es ist in vielen gerichten gebräuchlich, dasz vor der beerdigung des todten cörpers, ein leibzeichen genommen werde, wie denn vor alters oft ein finger, oder wohl die ganze hand abgeschnitten, gedörret, oft aber nur ein stück blutiges hembde, rock, hosen, krause und dergleichen genommen, und an einem orthe verwahrlich aufbehalten, hernach aber bei hegung des hochnothpeinl. halsgerichts von dem peinl. fiscal mit vorgebracht worden, wodurch das corpus delicti, und dasz die that wahrhaftig geschehen, erwiesen werden sollen.[1]

Das Leibzeichen wird durch seine Entnahme vom Körper des Opfers zum Zeugnis für die Tat. Ein Finger wird zum Zeichen für das Verbrechen. Der Dekalog wird auf diese Weise zu einem kulturgenerierenden Gesetzestext, der Zeichen und ihre Logik festlegt. Monotheismus, Rechtsprechung und Zeichenlogik werden aufeinander bezogen. So gibt es, wie wiederum Yoko Tawada beiläufig im Gespräch formulierte, natürlich ebenso Diebstahl oder gar Raub als Eigentumsdelikte in der japanischen Kultur und Rechtsprechung, doch die monotheistische Kraft des Dekalogs fehlt. Anders gesagt: während das Zeichen in den monotheistischen Religionen und ihren Kulturen mit der Fülle und Macht angereichert ist, bleibt das Zeichen, wie es Roland Barthes in L’Empire de Signe/Im Reich der Zeichen entfaltet hat, leer.   

… Ein Reich der Zeichen? Ja, wenn man berücksichtigt, daß diese Zeichen leer sind und das Ritual ohne Gott… [2]

  

Der Dekalog lässt sich daher auch als die Erzählung oder das Gesetz des Monotheismus und seiner Zeichenlogik formulieren, der zum Gründungstext für den Katholizismus und in der leicht abweichenden Übersetzung Martin Luthers im Kleinen Katechismus der evangelischen Kirche wird. Der Katechismus der evangelischen Kirche wird somit zur Nahtstelle von Katholizismus und Protestantismus, der mit dem Dekalog eine monokausale Zeichenlogik ausformuliert. Mit den Worten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): 

Ein Katechismus (griech.) bietet die Zusammenfassung der christlichen Lehre und beschreibt, was in der Kirche gilt. Vor diesem Hintergrund ist Martin Luthers „Kleiner Katechismus“ auch heute noch lesenswert, weil er in einprägsamer Form über Fragen und Antworten die Bedeutung der Zehn Gebote, des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers mit Auslegungen erschließt.[3]

 

Das „Kulturprojekt anlässlich des Reformationsjubiläums“ sucht mit dem Dekalog die ökumenische Nahtstelle auf, um sie in einen aktuellen Kontext zu stellen. Das Gebot Du sollst nicht stehlen wird auf diese Weise mit aktuellen Diskursen und Bildwelten gelesen. Die Nähe der Strafforderung eines Pierre Vogel nach „Handabhacken“ bekommt mit den „Leibzeichen“ eine nicht nur verwirrende, sondern verstörende Kraft der Zeichen. Während das Leibzeichen als Zeugnis der Tat am Opfer eingesetzt wird, wird Pierre Vogels Strafforderung vor allem auf den Täter und dessen unwiderrufbaren Kenntlichmachung bezogen. Die Strafforderung generiert einerseits Zeichen und wird zugleich rein praktisch gewendet, womit in der Logik des Salafisten das Zeichen zugleich entwertet und bestätigt wird. Dieser Zug des modernen Salafismus, wie er in der Mosse-Lecture von Stefan Weidner vor knapp einem Jahr angeschnitten wurde, transportiert diese Zeichenlogik in eine Politik der Gegenwart und Verwirklichung des Selbst.[4]   

 

Du sollst nicht stehlen wird im Kontext des Projekts Dekalog nicht nur mit der „widerrechtlichen Aneignung fremden Eigentums“ in Verbindung gebracht. Vielmehr wird die Frage des Eigentums nicht gestellt und aufs Lebenspraktische heruntergebrochen. Was Eigentum heißt, wie es mit Michel Serres oder Volker Braun angesprochen wurde[5], wird mit der Rede vom Taschendiebstahl und Finanzkapitalismus eher umgangen, als diskutiert. Der Begriff des Eigentums, der sich erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der heute gebräuchlichen Weise herausbildet, bleibt zumindest von den Kuratoren des Projekts intakt. 

„Du sollst nicht stehlen“ ist neben dem Verbot des Tötens wohl das aktuellste der Gebote in der heutigen Zeit, deren Reichtum Weniger und deren Krise aller Anderen gleichermaßen Folgen des Vergehens gegen das Gebot sind. Wir erleben gerade die Resultate: Datenklau, Urheberrechtsvergehen, Raubbau an den Ökosystemen, Insidergeschäfte an der Börse, das internationale Mafiasystem u.a. sind letztlich institutionalisierte und hypertrophierte Formen des ordinären Taschendiebstahls. Man kann das Stehlen als Agens und Movens des gegenwärtigen postdemokratischen Finanzkapitalismus verstehen. Die siebte Dekalog-Ausstellung: ein Assoziationsraum über Besitz und Verlust.[6]

  

Was sich in der Pressemitteilung zum Assoziationsraum VII als fulminante Anknüpfung an Fragestellungen der aktuellen Eigentumspraktiken – „Datenklau“ – liest, wird in dem Text von Yoko Tawada überhaupt zur Frage nach dem Eigentum an einer Sprache. Gehört mir die Sprache oder gehöre ich nicht gar der Sprache und Sprachen? Auf andere aber nicht weniger entscheidende Weise ist es Christian Lehnert nicht gegeben, in Prosa erzählende Texte zu schreiben, wie er vorab ankündigte. Christian Lehnert formulierte sein literarisches Problem mit der Sprache indirekt durchaus als ein Eigentumsproblem, indem sich seine Schreibweise als eine Mischung in Essayistik und Poesie auch der beschreibenden Prosa widersetzt. Vielleicht sind es ja gerade Schriftsteller, die Schreibenden, die sich über die Eigentumsverhältnisse an der Sprache oder wie bei Yoko Tawada an Sprachen – Japanisch und Deutsch – am wenigsten sicher sind. Das Publikum schreibt, die Leserinnen schreiben ihnen eine besondere Beherrschung der Sprache zu, die eher auf dem Spiel steht.

 

Wenn auch auf eine andere Weise als Yoko Tawada, so hat Christian Lehnert doch gerade in seinem „Essay über Paulus“ Korinthische Brocken (2013) die Sprachbeherrschung als Modus von Eigentum an ihr problematisiert. Lehnert wählt in dem an die neutestamentlichen Briefe des Paulus an die Korinther anknüpfenden Essay eher einen zitierenden als einen erzählenden Modus, weil die Sprache der Korintherbriefe ein Streitpunkt ist. In der Eröffnungssequenz des Essays wird ein Ereignis als „Einbruch“ zum Sprachproblem. Anders gesagt, wenn es kein Problem mit der Sprache gäbe, schriebe Lehnert keine Essays und Lyrik. Oder mit den – das darf man ganz bestimmt bei Lehnert mitlesen – schwer verdaulichen Brocken für die Korinther werden die Sprache und das Sprechen zur Frage der Beherrschung und des Eigentums. 

In der Lähmung, im stummen Kampf seiner Zunge brachte Paulus nach außen, was er erlebt hatte: den Einbruch des Christus. Deutlicher konnte er sich nicht von Petrus distanzieren, als der mit klarer Autorität auf der Gültigkeit des jüdischen Gesetzes über das Christusereignis hinaus beharrte. Paulus stotterte, sprachlos im Offenen, und sein Stummsein gerann erst in der Niederschrift zum polemischen Satz: »Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes . . .« (Galater 3,13)[7]  

 

In seinem Text zum 7. Gebot knüpfte Lehnert dann allerdings doch stärker an aktuelle Diskurse an. In einer traumartigen Erzählung von einem dicken Mann, der aus einer VEB-Fabrik zu Zeiten der DDR kommt, auf den Rücken fällt und verstirbt, scheint die Eigentumsfrage in widersprüchlicher Weise im Sozialismus auf. Wie sich herausstellt, war der Mann deshalb so dick, weil er Mengen an Kupferkabel aus der staats- bzw. volkseigenen Fabrik geklaut und sich um den Bauch gewickelt hatte. Die Eigentumsfrage wird mit dem 7. Gebot dahin gewendet, dass Diebstahl und Tausch der Kabel für das Überleben im Sozialismus geradezu notwendig waren. Entgegen dem Versprechen eines Volkseigentums erweist sich die Eigentumsfrage eben nicht als gelöst. Damit wird ein weiterer Horizont des 7. Gebots zwar angeschnitten, aber nicht konsequenter auf die Sprache bezogen.

  

Yoko Tawadas Text für die Dekalog-Lesung hat keinen Titel. Er wird nicht direkt auf das 7. Gebot bezogen, setzt als Lesen eines Briefes ein, verknüpft unterschiedliche Ebenen miteinander und erzählt eine Geschichte von Frauennamen, vom Fall der Mauer und drei Freundinnen. Was hat der Fall der Mauer und ein daraus hervorbrechender Strom einer „Menschenmasse“ mit dem Gebot Du sollst nicht stehlen zu tun? 

Es ist seltsam, dass so viele Frauen denselben Vornamen haben und trotzdem spricht man den Namen so aus, als wäre klar, wer gemeint ist. Dabei ist der Kontext, der uns vor einer Verwechslung schützt, meistens sehr flüchtig. Unter der Decke eines einzigen Namens verbergen sich unterschiedliche Gesichter, Stimmen und Lebensgeschichten. Die Liste der erlaubten Namen in Deutschland ist nicht sehr lang. Warum kann man nicht in einer demokratischen und ökologischen Gesellschaft seinem Kind Namen wie „Ahornblatt“ oder „Ozean“ geben?[8]

 

Im Gleiten und Verweben der Sprache stellt sich auf verblüffende Weise die Frage nach dem Eigentum mit dem Eigennamen anders oder nicht. Der Frauenname „Paula“ lässt sich für die Briefleserin nicht eindeutig zuordnen, weil der Nachname fehlt und der Vorname häufig verbreitet ist, obwohl ganz bestimmte, einzelne Gesichter damit assoziiert werden. Der Name „Paula“ als Zeichen und Bezeichnung für eine bestimmte Person erweist sich als flüchtig, kontextabhängig und „unter der Decke“ vieldeutig. Die „Liste der erlaubten Namen in Deutschland“ verhindert geradezu eine individuelle und eindeutige Benennung. Die Benennung wird in der deutschen Sprache und ihrem Namensrecht geradezu eingeschränkt. Damit funktioniert Yoko Tawadas Text bereits gegenläufig zur Benennungs- und Eigentumsgestik nicht nur des 7. Gebots, sondern des Dekalogs. Die Eigentümlichkeit der Gebots- und Verbotssprache des Dekalogs, der Zehn Worte und Aussagesätze oder δεκάλογος, deka-logos, die Sinn bestimmen, wird in Yoko Tawadas Text unterlaufen und umgeschrieben.

 

Der fehlende Titel gehört als fehlende Rahmung und Verortung des Textes bereits zur Umschrift des Dekalogs. Statt des einleitenden und gründenden Befehls – „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ oder „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ – landet bei Yoko Tawada ein Brief auf dem Frühstückstisch. Alles beginnt mit einem Brief, ein Schriftstück zunächst ungewisser Herkunft. Der Brief setzt das Schreiben ingang. Weder die längere von Martin Luther im Deutschen stark subjektivierende und mit dem Namen Machtverhältnisse bestimmende Formulierung und durchaus strittige Übersetzung „Ich bin Jahwe, dein Gott“ noch der Imperativ als grammatischer Modus werden von Tawada gebraucht. 

Ein Brief, der an einem Samstag auf dem Frühstückstisch landet, bekommt einen gelben Fleck vom weich gekochten Ei. Maria wendet den Umschlag, blickt auf den Absender und sagt: ...

 

Zur Bibelübersetzung Martin Luther und dem daraus kompilierten Katechismus mit dem Dekalog wäre nun natürlich sehr viel zu sagen. Sie ist nicht zuletzt eine literarische Arbeit des ehemaligen Augustinermönches Martin Luther, die für die deutsche Sprache außerordentlich strukturierend und mächtig geworden ist. Anzumerken ist allerdings, dass der Name „Jahwe“ als der Gottes im Hebräischen erstens nicht der einzige ist und zweitens im Judentum nicht ausgesprochen werden darf. Die Eigentlichkeit des Namen Gottes wird mit dem Hebräischen also bereits zu einem Problem, das durch Martin Luther im Deutschen generalisierend entschieden und mit dem Katechismus semantisch festgeschrieben worden ist.

  

Der Text Yoko Tawadas, der plötzlich mit dem Eintreffen eines Briefes einsetzt, thematisiert das 7. Gebot auf vielfache und diskrete Weise. So treffen sich Paula und Maria zu einem Mittagessen, bei dem die Ich-Erzählerin, Maria, darüber unsicher wird, wie sie die Besitzverhältnisse an einer Suppe richtig formulieren soll. Denn gerade mit der Figur des Begehrens ist es seit Jacques Lacans Freud-Lektüre so, dass es kein eigentliches oder ursprüngliches Begehren gibt. Die Kontrolle und Regulierung des Begehrens oder Verlangens ist allerdings das verknüpfende Thema des Dekalogs. Slavoj Žižek macht die Frage des Begehrens quasi zum Ausgangspunkt seines Kinoführers[9]: Es muss uns erst gezeigt werden, was wir begehren sollen. Anders als im Begehrensverbot des Dekalogs kommt dies allerdings bei Tawada auf auch schwierige Weise zum Zug. 

„Das ist meine Suppe“ sage ich zur Kellnerin. Mir ist peinlich, dass ich das Wort „meine“ unwillkürlich stark betont habe. Paulas Blick ist wie festgenagelt auf der kremigen, orangefarbigen Suppe. 

„Darf ich?“ 

Paula hat keine Zeit, mehr als zwei Wörter auszusprechen. Ihre Hand greift schon nach meinem Löffel und zeichnet genussvoll einen Halbkreis in meine flüssige Nahrung. Mir fällt das Wort „Mundraub“ ein. Es war, als hätte Paula meinen Mund geraubt, um die Suppe zu essen. Sie hält meinen Löffel so lange im Mund, dass ich ihren Speichel schmecke.

 

Auf akrobatische oder doch eher poetologische Weise schreibt Yoko Tawada die Eigentumsverhältnisse um. Sind sie eine Frage sprachlicher Modi? Dann wären die Eigentumsverhältnisse und auch das 7. Gebot zumindest in der deutschen Sprache eine Frage des Imperativs. Der Imperativ ist nicht nur der Modus des ersten und siebenten Gebots, sondern der des Dekalogs. Der Imperativ mit der 2. Person Singular und Plural regelt immer Machtverhältnisse, insofern diese dem Deutschen eigentümlich, grammatische Art und Weise das Verhältnis zwischen einem Ich oder Subjekt und einem Du oder Objekt artikuliert. Doch diese Grenzen und Verortungen werden bei Tawada auf kunstvolle Weise unterlaufen, zumal das Begehren in ihrem Text immer als das des Anderen formuliert wird. 

Ich habe nie wieder von Paula gehört. Zwei Jahre später entdecke ich zufällig eine kleine Besprechung über das Buch, das ich schreiben wollte, aber immer noch nicht geschrieben habe. Mein Exposé, das Paula damals gelesen hat, liegt immer noch in meiner Schublade. Paula hat mir ein ungeborenes Buch gestohlen. Mir ist es unangenehm, als hätte sie die Hintertür meiner Gebärmutter geöffnet, den Embryo geraubt und sich mit ihm aus dem Staub gemacht. Es ist eine Unverschämtheit! Ich drücke meinen Kopf gegen die Wand. Dann fällt mir aber ein, dass Paula niemand anderen ausspannen wollte als den Freund ihrer besten Freundin. Vielleicht sollte ich es als ein großes Kompliment annehmen, dass sie ausgerechnet mir die Idee gestohlen hat. 

 

„Du sollst nicht stehlen“, was sich fast von selbst versteht und sich auf mannigfaltige Weise auf aktuelle Probleme beziehen lässt, wird durch Yoko Tawadas Text, nicht einfach bestätigt und reproduziert, indem sie beispielhafte Erzählungen anführt und verknüpft. Vielmehr erlaubt ihr Sprachmodus ein Überdenken des Gebots und seine Folgen. Bei Tawada lässt sich das durch „eine kleine Besprechung“ gestohlene Buch, das es nicht gibt, auch „als ein großes Kompliment annehmen“. Letztlich generieren die Redensarten wie „mit einem Buch oder einer Idee schwanger gehen“ und die Übertragung einer Schwangerschaft auf eine Buchproduktion eine Bildlichkeit in der Erzählung, die vor allem einen Wink darauf gibt, wie die Sprache mit ihren eigentümlichen Besitzverhältnissen funktioniert. 

 

Torsten Flüh 

 

Dekalog 

Das 7. Gebot 

9. Juni 2016, 19:00 Uhr 

Texte von Yoko Tawada und Christian Lehnert 

gelesen von Lydia Starkulla 

Leah Muir, »DAS SIEBTE GEBOT« 

Ausführende: 

Irene Kurka, Sopran 

Matthias Badczong, Bassklarinette 

Lothar Knappe, Orgel 

Vokalensemble Kammerton | Leitung: Sandra Gallein 

Veranstaltungsort: St. Matthäus-Kirche     

______________________________________ 



[1] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm: Leibzeichen

[2] Roland Barthes: Das Reich der Zeichen. Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 1981, S. 148.

[3] EKD: Glaubens-ABC: Katechismus. (1996-2016)

[4] Torsten Flüh: Vom Umkehren, Bekennen und Schmuggeln. Zur aktuellen Reihe Konversionen der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. Juni 2015 22:12    http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Vom-Umkehren-Bekennen-und-Schmuggeln-Zur-aktuellen-Reihe-Konversionen-der-Mosse-Lectures.aspx

[5] Torsten Flüh: Das Eigentum der Anderen. Zu Volker Brauns Siegfried Unseld Vorlesung an der Freien Universität und dem Eigentum. In: NIGHT OUT @ BERLIN 8. November 2014 18:29 http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Das-Eigentum-der-Anderen-Zu-Volker-Brauns-Siegfried-Unseld-Vorlesung-an-der-FU-und-dem-Eigentum.aspx

[6] Pressemitteilung: Ein Ausstellungsprojekt zum Dekalog von Eugen Blume, Matthias Flügge, Frizzi Krella und Mark Lammert in der Guardini Galerie. Guardini Stiftung e.V. Stiftung St. Matthäus vom 29. April 2016. Siehe: DEKALOG – EIN ASSOZIATIONSRAUM VII.

[7] Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 9.

[8] Yoko Tawada: Unveröffentlichtes Manuskript. Berlin 2016.

[9] Torsten Flüh: Have a drink? - Vom Kino besessen. Zu Sophie Fiennes The Pervert’s Guide to Cinema mit Slavoj Žižek. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. April 2016 20:30. http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Have-a-drink-Vom-Kino-besessen-Zu-Sophie-Fiennes-The-Perverts-Guide-to-Cinema-mit-Slavoj-Zizek.aspx