Theos Effi auf Facebook und in der Streusandbüchse - Jorinde Dröses (s)treuselige Effi Briest am MGT

Facebook – Effi Briest – Leben

 

Theos Effi auf Facebook und in der Streusandbüchse

Jorinde Dröses (s)treuselige Effi Briest am MGT

 

Das MGT ist total angesagt. Hot Spot. Zur Facebook-Premiere von Effi Briest am letzten Dienstag stürmten von all überall auf der Welt kurz vor 20:00 Uhr über 1.200 User den virtuellen Zuschauerraum. Theo von Tain posted hektisch schon um 18:25 Uhr:

… ab 19 Uhr wird das Hinzufügen von Gruppenmitgliedern deaktiviert. Ab dann können nur noch reguläre Beitrittsanfragen entgegen genommen werden. Die letzten Zuschauer werden dann kurz vor 20 Uhr hinzugefügt. Danach schließen wir den "Saal"…

Am Samstag war dann der Saal Am Festungsgraben 2 rappelvoll. Ausverkauft. Zwar sind Premieren eigentlich immer ausverkauft, aber so gut wie nie zuvor wurde eine Inszenierung des Maxim Gorki Theater in der Arab Times Kuwait, Los Angeles Times oder auf T-Online besprochen. Im Unterschied zur Facebook-Premiere fängt es mit Theaternebel an. Viel Nebel. Öl-Wasser-Emulsion nach DAB 6.

Ein derartiger Facebook-Coup auf der Maxim Gorki Theater Online-Bühne, ein Scherz nur wie Frau N. sagt, ein „Experiment“ wie Theo von Tain am 9. Januar 2012 als Hausherr bzw. Administrator der Effi Briest Group um 19:59 Uhr kurz vor Beginn posted, weckt große, wenn nicht gar sehr große Erwartungen an die Inszenierung in Fleisch und Blut und nicht nur Bits auf der Theaterbühne. Wie kommt Effi aus der Vorpremiere raus? Wie kommt sie uns nah? Und wie verhält sich das literarische Gründungsdokument des Realismus, abgedruckt zunächst als Fortsetzungsroman in der Deutschen Rundschau, zu dessen aktueller Bühneninszenierung.

Zeitung und Fortsetzungsroman ist auch nicht viel anders als Facebook und Blog. Schließlich musste Theodor Fontane (1819-1898) 1894 bis 1895 seine LeserInnen packen und bei Laune halten, damit sie Tag für Tag den Roman weiter lasen. Das ist fast wie Lindenstraße heute oder irgendeine Daily Soap oder eben immer Mal wieder bei Home auf der Facebook-Seite vorbeischauen, um mitzubekommen, was die Freunde/Friends gerade so machen. Statt mit dem berühmten preußischen Streusand geschrubbt, wollten die LeserInnen eben auch ein wenig eingeseift werden. Verhandelt wird, was aktuell auf der Gesellschaftsagenda steht. Ist das schon Realismus?

Was steht bei Theos Effi auf der Agenda? Die Jugend wird von Theodor Fontane in Effi Briest verhandelt. Das ist schon mal gut, weil es Widerspruch verspricht. Die Jugend widerspricht immer „der“ Gesellschaft. Aber sie ist immer auch mit sich allein gelassen.

Und da war die Jugend nun wirklich allein.

So formuliert es Theodor Fontane ganz zu Beginn seines Romans 1894. Und es kommt auch gleich das Problem mit der Rollenfindung der Jugend bzw. der Frau zur Sprache:

»Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Männer männlich' - das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder eine Strafpredigt.«

Der Realismus des Vaters wäre demnach eher ein Biologismus. Es geht auch im Realismus immer darum „Ordnung (zu) schaffen“ die durchaus für Effi und in dem Roman immer wieder als Problem auftritt, weil sie nicht per se vorhanden, sondern in einem literarischen Prozess hergestellt werden muss oder gerade gefährdet wird. Anders gesagt: die Gesellschaft erweist sich trotz aller Ordnung auch als unordentlich.

Mit 73 Jahren war Theodor Fontane sicher nicht mehr der Jugendlichste. Doch offenbar hatte er für die Zeitumstände und die gesellschaftlichen Umbrüche ein feines Gespür.

Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden, und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos.

So lautete die weltweise, soziologische Formel Fontanes ebenfalls aus der Eröffnungssequenz des Romans. Auf der Bühne spricht ihn Vater Briest zu Anfang im Nebel und später kehrt er am Schluss wieder durch Effis Ehemann Geert Baron von Innstetten. Insofern berichtet das sogenannte Gründungsdokument des Realismus gerade vom Wechsel der Werte im Erzählen und der Zeitlichkeit von Werten, die sich in Ordnungen nicht anhalten lassen will.

Die gesellschaftlichen Umbrüche fanden nicht zuletzt im Berliner Umfeld Theodor Fontanes statt. Einerseits wird häufig auf die damals noch aktuelle Geschichte der Elisabeth von Plotho, verehelichte von Ardenne, in Berlin verwiesen, die Fontane gut gekannt haben dürfte. Andererseits rüttelte 1890 eine weitere Geschichte mit einem 17jährigen Mädchen und einem gar 47jährigen Mann, nämlich dem bereits berühmten Bakteriologen Robert Koch, die Berliner Gesellschaft durch. Hedwig Koch, die Modell für den Maler Graefe gesessen hatte, wurde allerdings keine zweite Effi. Doch Fontane konnte sich im periodischen Medium Zeitung sicher sein, dass die öffentlich gewordenen Verhältnisse und Ehen zwischen einem älteren Mann und einer sehr viel jüngeren, minderjährigen Frau Interesse fand.

Bevor man allzu heftig das „Experiment“ (Theo von Tain) auf Facebook bildungsbeflissen zurückweist, sollte man für einen Moment an die Produktionsbedingungen des historischen Romans selbst denken. Das weitverzweigte gesellschaftliche Tableau mit über 30 Personen, das Fontane mit Effi Briest erzählend entwirft, ist zwar noch relativ überschaubar, doch für damalige Verhältnisse wahrscheinlich auch ein wenig ausufernd. ie fern generiert sich das Tableau von Gesellschaft gerade aus dem Schreib- und Erzählprozess bei Heinrich Fontane? ei 17jährigen Facebook-Usern sind heute 400 und mehr Freunde keine Seltenheit. So what? Allerdings kommt dabei dann auch die Frage auf, ob 400 oder mehr Freunde schon ein, sagen wir, Abbild von Gesellschaft sind.

Effi auf Facebook in ungefähr 20 Minuten ist eine Textcollage mit durchaus authentischem Textmaterial des Romans. Wie im Roman so beginnt Theo von Tain, man denke an die englische Aussprache von Fontane, sprachlich ein wenig umgestellt und mit einem Foto das Echtzeit-Posting:

Liebe Freunde, ich freue mich, sie begrüßen zu dürfen in Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen. Und hier nimmt unsere Geschichte ihren Anfang, die ich Ihnen nun à la mode erzählen möchte.

Zur Illustration lädt Theo das Foto vom Herrenhaus zu Hohen-Cremmen hoch. Das Herrenhaus ist ein Modellhaus. Ist das Modellhaus nun realistisch, wenn es bereits mit einer briefartigen Ankündigung von Theo von Tain alias Theodor Fontane alias der Erzähler gerahmt wird?

Nach und nach werden – Lauter Zuschauer, Rob Be, Scheues Pferd, Unsere Souffleuse, Hulda Niemeyer, Angestellte Johanna, Angestellte Roswitha, Anni Innstetten, Ma Jor Crampas, Vater Briest, Mutter Briest, Geert von Innstetten, Effie Briest – von Theo als Ensemble hinzugefügt. Dann das Klingelzeichen mit Zuschauerraum als Mini-Video. Das Brautkleid für Effi wird mittels Publikumsabstimmung gewählt. Innstetten lädt ein total scheußliches Foto von einem Spießerwohnzimmer mit Schrankwand hoch. Das ist alles sehr frisch und farbig. Eine bessere Einführung für das Stück kann es heute vielleicht gar nicht mehr geben. DerSchriftsteller wird zum Administrator und Uploader.

Einige „Zuschauer“ laden Zusatzinformationen hoch. Links werden geposted. Hier eine Zusatzinformation. Da ein Blaues Pferd statt das scheue. Ma Jor Crampas setzt schon mal auf der Facebook-Karte Strand-Kessin als Ort für den Ausritt im November. Er bittet das Publikum, ihm beim Liebesbriefschreiben zu helfen. Auf den Schlag sind 80 Formulierungen für Crampas Liebesbriefe per Kommentarfunktion da. Mutter Briest bittet per Abstimmung um Hilfe beim Aussuchen des Brautkleides. Und Rob Be wünscht sich schließlich eine Robbenschutzaktion auf Facebook. Der Text ufert durch Kommentare und Links, ja, beispielsweise 20 Likes mit piktoralem erhobenen Daumen für das YouTube-Video „Schlussakt“ uneinholbar aus. Allein der Zeitfaktor entscheidet, wann Schluss ist.

So frisch kann es auf dem Theater zugehen. Auf der Fleisch-und-Blut-Bühne am Festungsgraben gibt es dann Nebel, sehr viele Sandkörner, Videoproduktionen und eine sehr zappelige Effi Briest (Anja Schneider). Sind die 17jährigen Mädchen heute so zappelig? Und lassen sie sich noch durch einen Baron beeindrucken? Bei meinen Facebook-Friends aus dem DRK-Jugendladen Wedding, so weit ich das mitbekomme, sind die jungen Frauen nicht ganz so zappelig. Aber man soll natürlich erst kürzlich auch von einem CDU-Vorsitzenden in Schleswig-Holstein gehört haben, der seine 16jährige Geliebte durch Posts und Likes auf Facebook kennengelernt haben will. Der Vorsitz war damit futsch.

Dass sich jüngere Frauen in ältere Männer verlieben, soll vorkommen. Es kommt sowieso alles vor, was man sich irgend vorstellen kann - oder auch nicht. Christian von Boetticher wäre ein prima Argument für die Aktualität des Fontaneschen Gesellschaftsromans. So könnte das zumindest stattfinden. Und die Reaktion der Gesellschaft auf dieses Leibesverhältnis ist dann sowieso klar. Vorsitz weg. Dafür braucht man eigentlich gar nicht Nebel und soviel Sand.


Foto: Bettina Stöß

In den besten Momenten der Inszenierung, die eher aus Momenten, als aus einer Regie-Handschrift besteht, schimmert Samuel Beckett durch den gesprochenen Fontane hindurch. Der Realismus schlägt in Absurdes Theater um oder auch das Realistische wird absurd. Dann sitzt Roswitha (Ruth Reinecke) auf ihrem eigentlich viel zu großen Rimowa-Koffer im märkischen Sand (Bühne: Natascha von Steiger) und will nur noch warten. Worauf sie wartet, weiß sie selber nicht. Auch gibt es Momente, da kommt die Frage für Effi auf, wie Leben eigentlich geht. Das ist dann recht schön. Wer weiß denn schon, wie leben geht. Effis Hyperaktivität in einem Haus und einer Gegend, Kessin (!), wo es so gut wie keine Aktivitäten gibt, ist ein Effekt der unerträglicher Leere.


Foto: Bettina Stöß

Die Karten von der Hochzeitsreise mit der wiederkehrenden Formulierung

Eure glückliche, aber etwas müde Effi.

rufen in der widersprüchlichen Aber-Konstruktion die konsumorientierte Leere von Fontanes Protagonistin in Erinnerung. Effi kann an Erlebnissen nicht genug bekommen. Doch ihre Gier nach mehr führt zu keiner Und-Konstruktion, sondern die sich wie von selbst erfüllende Wunscherfüllung führt zu einem widersprüchlichen Gefühl. Auch darin könnte ein sehr schöner Ansatzpunkt für eine Inszenierung liegen. Es scheint auf, aber es wird nicht ausgeführt.


Foto: Bettina Stöß

Dann kommt Effi nach Kessin und die Videoeinspielung (Video: Stefan Bischoff) setzt kunstvoll und surreal das Kessiner Interieur von Haifisch, Krokodill und Chinesen in Szene. Die Vorhänge wehen im Wind, Schuhe tanzen über den Boden und Effi fürchtet sich.

»Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und möchte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe, gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.«

Das Schlurfen der Gardinen im Saal und die Erwähnung eines Chinesen wird Effi ängstigen. Denn sie gehören zu „eine(r) ganz neue(n) Welt“. Die ganz neue Welt in Kessin wird ins Unheimliche abgedrängt. - Auch da wäre Ansatzpunkt für das Heimliche und das Un-Heimliche, aber mit Theodor Fontane bleibt es im kurios Gruseligen. Trotzdem macht die Angst den Chinesen allererst zum Gespenst. Haifisch, Krokodil und Chinese sind nicht nur Dinge, auf die der Realismus insistiert, sondern werden durch Erzählungen in ihrer Zeichenhaftigkeit und schwierig gespenstischen Zeitlichkeit erst hervorgebracht. Doch, schnell weiter, denn die Geschichte muss über die Bretter.


Foto: Bettina Stöß

Hier und da gibt es Momente und Einfälle, die aufhorchen lassen, die einladen, genauer hinzuschauen. Aber dann geht es mit dem zitatweise Durchhecheln der Textbruchstücke schon weiter. Für eine Ästhetik des Music-Clips reicht es nicht. Dafür wird dann wieder zuviel Text an der Rampe abgeliefert. Wenn Schauspieler zu viel vorne an der Rampe stehen, um Text abzuliefern, dann wird es schwierig. Bis zur Pause rattert und knattert die Inszenierung, dann findet man sich plötzlich in einem Zimmer in Berlin.


Foto: Bettina Stöß

Natürlich muss man streichen, sehr viel sogar. Aber vielleicht hätte man gerade dadurch den einen oder anderen Schatz, so noch nie gehört, auf die Bühne befördern können und mit ein wenig Glück wäre eine Inszenierung daraus geworden. Aber nun wird nach der Pause per Projektion die Wandmusterung des Zuschauerraums auf die Bühne verlängert. Johanna wird sogleich die Liebesbriefe des Major Crampas in der Schublade entdecken, Effi wird bloß gestellt, sie wird das Sorgerecht für Annie verlieren. Alles nimmt wie weiland bei Fontane seinen Lauf. Und am Schluss tritt Vater Briest ohne seine Luise auf, und Effis Hund Rollo frisst nicht mehr:

»Ja, .., die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am Ende ist es doch das beste.«      

Letztlich blieb die Inszenierung mit Fleisch-und-Blut-Schauspielern weniger inspirierend als das Facebook-Experiment. Das liegt nicht so sehr an den Schauspielern, die tun, was sie können. Anja Schneider als Effi ruft von Comedy bis Melodram alles ab. Robert Kuchenbuch als Geert von Innstetten ist so scheinbar unbeteiligt an dem ganzen Drama einer aus Konvention aufrecht erhaltenen Ehe, dass man ihm das Duell mit dem Liebhaber nicht abnimmt. Der Seitensprung seiner Frau kann eigentlich nicht zu einem Duell hinreichen. Paul Schröder als Major Crampas und Haushälterin Johanna ruft ebenfalls von Comedy bis Gouvernante alles ab. Aber selbst wenn Johanna als Hausdrachen und Verehrerin Innstettens letztlich auf eine schwule Ebene verweisen sollte, ist das noch lange nicht plausibel ausgearbeitet. Doch der vermeintliche Realismus eines „Weiber weiblich, Männer männlich“ wird ansatzweise queer aufgebrochen.


Foto: Bettina Stöß

Die eher altbackene Schulbuchlektüre Effi Briest als Gründungsdokument des Realismus wird so längst nicht prickelnder. Das liegt nicht zuletzt an der literaturhistorischen Verortung im Realismus. Jorinde Dröse setzt den Allerweltsweisheiten aus der Streusandbüchse eigentlich nichts wirklich Neues hinzu. - Vielleicht hat jede Zeit ihre Effi. Häufig genug verfilmt wurde sie. Gustav Gründgens inszenierte 1939 einen Schauspielerfilm mit Zeigefinger: Der Schritt vom Wege. Robert Jugert ließ mit Rosen im Herbst 1955 das Gardinenmelodram, in dem Gardine als Begrenzung von privatem Raum gegen das Öffentliche dabei gerade nicht funktionierte, ausspielen. Rainer Werner Fassbinders Fontanes Effi Briest inszenierte 1974 in der unendlichen, bedrückenden Langsamkeit die Leere. Hermine Huntgeburth lieferte 2009 mit ihrer Effi Briest schauspielerisch interessantes, aber braves Erzählkino.


Foto: Bettina Stöß

Effi Briest wird überschätzt. Die fast zeitgleiche Affäre des prominenten Wissenschaftlers Robert Koch mit der jungen Hedwig, die ein in Berlin durchschlagender Skandal war, blieb unerzählt. Doch sie hätte einige, andere Möglichkeiten für einen Realismus-Roman eröffnet. Das aber erschien Theodor Fontane offenbar zu riskant. Deshalb verlegte er sich lieber auf Hohen-Cremmen und Kessin. Als Zeitungslektüre war das besser geeignet. Die Zeitung als Medium, in dem vermeintlich Realität zur Sprache kommt und die diese, wie schon Heinrich von Kleist mit der Rubrik „Tagesbegebenheiten“ in seinen Berliner Abendblättern als Redakteur gezeigt hatte, allererst sprachlich hervorbringt, trägt zum Realismus als Genre bei. Effi Briest wurde zuerst in der monatlichen Periodizität der auch sperrigen Zeitung Deutsche Rundschau an der Schnittstelle von Wissenschaft und Literatur veröffentlicht.

 

Torsten Flüh

 

Theodor Fontane

Effi Briest

MGT

Weitere Vorstellungen am:

18. Januar 2012

21. Januar 2012

etc.