Von der Leere und der Fülle des Raumes - David Chipperfields Intervention in der Neuen Nationalgalerie

Raum – Intervention – Architektur 

 

Von der Leere und der Fülle des Raumes 

David Chipperfields Intervention Sticks and Stones in der Neuen Nationalgalerie 

 

144 geschälte Fichtenstämme ─ sticks ─ in einer Länge von Achtmeterzwanzig hat David Chipperfield zwischen der freischwebenden Kassettendecke und dem hellen Granitboden ─ stones ─ der Glashalle der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe installiert, um die Inkunabel der Architektur des 20. Jahrhunderts vor ihrer Schließung und Sanierung zum Jahreswechsel zu feiern und zu befragen. David Chipperfield, der 2013 den Praemium Imperiale der Japan Art Association für Architektur, den Architektur-Nobelpreis, erhielt, stellt mit seiner Intervention Fragen an die epochale Architektur Mies van der Rohes und die Geschichte der Architektur überhaupt. Was zunächst verspielt aussieht und mit dem Titel an einen englischen Kinderreim anknüpft, wird mit dem Veranstaltungsformat der Intervention zur komplexen Fragestellung an die Architektur, die Säule und den Raum. 

David Chipperfield plädiert für eine Pluralität von Architekturen. Damit verabschiedet er sich von einem Wissen vom Bauen und von dem, was Architektur heißt. Der Architekt als Baumeister, wie er gerade in und um Berlin spätestens seit Friedrich II. immer auch zum Herrschaftsmodus wurde und der Souverän Einfluss auf die Architektur als Schaffung von Weltmodellen nahm, wird von David Chipperfield und seinem „Co-Autor“ Alexander Schwarz unter dem ebenso simplen wie hintergründigen Titel Sticks and Stones befragt. Bis zum 31. Dezember 2014 wird die Intervention zu sehen, zu bespielen und zu bearbeiten sein. Dann wird mit der denkmalgerechten Sanierung der Neuen Nationalgalerie durch David Chipperfield und sein Büro in Berlin nichts mehr wie zuvor sein. Ein Einschnitt in die Geschichte und Sichtbarkeit der Moderne in der Architektur. 

Zu erinnern ist zunächst einmal an das Forum Fredericianum mit Staats- bzw. Lindenoper, katholischer St. Hedwigs-Kathedrale, Prinz-Heinrich-Palais (heute Hauptgebäude der Humboldt-Universität) und Königlicher Bibliothek (heute Juristische Fakultät der Humboldt-Universität), mit denen Friedrich II. an der Schwelle zur Moderne ein aufklärerisches, politisches Programm in der Architektur sichtbar werden ließ. Für den Monarchen der Aufklärung übernimmt die Architektur die verpflichtende Funktion, sein Modell von Welt in Kunst, Religion, Wissen und Wissenschaft, Philosophie sowie Teilhabe an der Macht sichtbar zu machen. Die macht- und identitätspolitische Funktionalisierung von Architektur spielt, um einmal einen größeren Bogen zu schlagen, nicht zuletzt eine Rolle als Mies van der Rohe 1926 mit Walter Gropius, Erich Mendelssohn, Hans Poelzig, Bruno und Max Taut den Arbeitskreis Der Ring gründete und aus dem Bund Deutscher Architekten (BDA) im Streit zwischen Tradition und Moderne austreten musste. 

David Chipperfield knüpft mit dem Format Intervention an all jene Befragungen an, die das Wissen und die Wissenschaft der Moderne betreffen. Seit dem 12. September z.B. findet die Intervention Kopfarbeit: Form und Charakter der Künstlerin Eva Wandler im Medizinhistorischen Museum der Charité statt, worüber in den nächsten Tagen gesondert zu berichten sein wird. Interventionen treten zwischen Wissens- und Diskursformationen, die wie am Schnürchen funktionieren und als selbstverständlich gelten. Es wissen doch alle, was Architektur und Raum und Säule heißt. ─ Oder doch nicht? Während der Pressekonferenz zu Sticks and Stones am Dienstagvormittag formulierte David Chipperfield auf dem „Lichtung“* genannten Freiraum für Veranstaltungen, dass er nicht wisse, was Raum heißt, und dass er mit seiner Intervention in der Neuen Nationalgalerie das Nachdenken darüber, ebenso wie über die Säule (column) anstoßen wolle. 

Während die Intervention im Medizinhistorischen Museum der Charité im verborgenen Präparatesaal eher einen begrenzten Kreis an Interessenten ansprechen wird, weil dies Museum bereits einen Wunsch nach einem Wissen über die Medizin erfordert, scheint Chipperfields Intervention im größtmöglichen Bereich von Öffentlichkeit mit der transparenten Glashalle von Mies van der Rohe stattzufinden. Die Glashalle lässt sich von allen Seiten und selbst der vielbefahrenen Potsdamer Straße einsehen. Sie verbirgt nichts, schließt nichts weg. Chipperfield und Schwarz setzen gezielt auf die versprochene Öffentlichkeit dieses Teils der Neuen Nationalgalerie, indem sie nun auch mit der Erwartung spielen, es müsse in diesem Raum Kunst gezeigt werden. Kunst? 144 geschälte und sonst nicht weiter bearbeitete Fichtenstämme? ─ Eben. 

Beharrlich und ein wenig penetrant fragt der Reporter der Berliner Zeitung auf der Pressekonferenz David Chipperfield danach, warum er keine retrospektive Ausstellung über seine Arbeiten in Berlin machen wolle. Natürlich ist der Architekt David Chipperfield und sein Büro mit dem Neuen Museum seit 2009 und dem noch im Bau befindlichen, neuen Eingangsbereich der Museen auf der Museumsinsel prominent und spektakulär in Berlin vertreten. Eine Ausstellung ist indessen ein anderer Modus als eine Intervention. Wäre eine Ausstellung als Retrospektive für David Chipperfield überhaupt ein interessantes Veranstaltungsformat?

 

Das Neue Museum aus den Ruinen des Museums reflektiert in der von Chipperfield konzipierten Architektur als Ergänzung, Restaurierung und Akzentuierung den modernen Museumsbau und seine Materialien, seine Technikgeschichte. Die Frage des Reporters entspringt indessen einem Wunsch nach Sichtbarkeit von beindruckenden Architekturentwürfen in einer Aneinanderreihung, ließe sich sagen. Eine Ausstellung könnte oder sollte zeigen, welche wundervollen Gebäude Chipperfield wie gebaut hat. Der Modus der Ausstellung soll auch ein Wissen über die Architektur sichtbar machen. Stattdessen gibt es eine Intervention, mit der das Wissen von der Architektur und ihrer Geschichte allererst befragt wird. Das mag den einen oder anderen Besucher auch verstören. Zumindest soll die Intervention die Besucher zum Fragen herausfordern.

Mit Sticks and Stones gerät etwas anderes in den Blick, das man als den Prozess der Sanierung oder Architektur bezeichnen kann. Die besondere und vermutlich auf ihre Weise einzigartige Kunst der Architektur von David Chipperfield könnte darin liegen, dass er allererst ein Nachdenken über die Architektur, über die Sanierung, über den Raum, über das Museum anstoßen will, aus dem sich dann das Sanieren und Bauen entwickeln. Insofern werden die Besucher der Installation dazu aufgefordert, sich selbst Gedanken über die Schönheit und Besonderheit der Architektur von Mies van der Rohe zu machen. Sie konsumieren also kein zubereitetes Wissen, worauf auch hinweisen könnte, dass es keinen Katalog gibt, sondern sollen an dem Prozess selbst teilnehmen. Damit findet bereits eine Veränderung in den Erwartungen des Publikums an den Architekten und seine Architektur statt. Landläufig wird nämlich Architektur als etwas Fertiges angesehen, das häufig von Steuergeldern bezahlt wird, das etwas wert sein soll, das überdauern soll, das sich aber auch kritisieren lassen soll. Doch Architektur ist immer etwas höchst Prozessuales, wie beispielsweise auch mit dem Kleist-Museum in Frankfurt/Oder formuliert worden war.      

Anders und etwas frech formuliert: mit seiner Intervention Sticks and Stones stößt David Chipperfield auch den Sessel des Architekturliebhabers um. Der Anspruch und Befehl an den Architekten „Erklär mir die Welt“ wird nicht eingelöst. Über den Begriff des Architekten** in der Moderne, wie er sich herausgebildet und verändert hat, um beispielsweise auf Bereiche der Politik und der digitalen Medien übertragen zu werden ─ „Architekt der deutschen Einheit“ (Hans-Dietrich Genscher) oder „Sicherheitsarchitektur“ (Informationssicherheit) ─, ließe sich viel sagen. Insofern als Friedrich II. mit seiner Stadtarchitektur ein Welterklärungsmodell lieferte, ist er auch ein Kind des 18. Jahrhunderts und seiner Wissensstrategien, die bis heute als Macht- und Identitätspolitik fortwirken. Chipperfield schlägt nun erst einmal vor, sich mit dem Raum zu befassen.

 

Der Begriff Raum und seine Polysemantik in der deutschen Sprache hat insbesondere in der Dichtung und Literatur wechselnde Funktionen eingenommen. Denn der Raum wird in der Moderne allererst nicht durch die Architektur, sondern an der Schnittstelle von Philosophie, Metaphysik, Physik und Mathematik formuliert. Mit der Formulierung des Raumes und seiner „Natur“ von Jean-Baptiste le Rond d’Alembert im 5. Band der  Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, der im November 1755 erschien, veränderte sich alles. D’Alembert führt ihn nämlich als eine Streitfrage unter den Philosophen (und Physikern) ein, die die alten von den modernen spalte. 

ESPACE, subst. m. (Métaphys.) la question sur la nature de l’espace, est une des plus fameuses qui ayent partagé les Philosophes anciens & modernes ; aussi est-elle, selon plusieurs d’entr’eux, une des plus essentielles, par l’influence qu’elle a sur les plus importantes vérités de Métaphysique.    
Les Philosophes en ont donné des définitions fort différentes, & même tout opposées.
(Encycloèdie, ou Dictionnarie raisonné ...)
 

Der Raum wird von d’Alembert weniger als ein Gegenstand des Wissens formuliert. Vielmehr macht er ihn zu einer Frage des Wissens und der stark differierenden Definitionen, die er als völlig gegensätzlich bezeichnet. Wie zehn Jahre später beim Begriff der Masse wird der Raum bzw. ESPACE insbesondere mit Newton verhandelt. Was den Begriff des Raumes so prekär macht, ist dass sich mit ihm die Frage nach Gott überschneidet. In welchem Verhältnis steht Gott zum Raum? D’Alembert empört sich geradezu über Newton in Anknüpfung an Thomas Locke: 

L’autorité de M. Newton a fait embrasser l’opinion du vuide absolu à plusieurs mathématiciens. Ce grand homme croyoit, au rapport de M. Loke, qu’on pouvoit expliquer la création de la matière, en supposant que Dieu auroit rendu plusieurs parties de l’espace impénétrables : on voit dans le scholium generale, qui est à la fin des principes de M. Newton, qu’il croyoit que l’espace étoit l’immensité de Dieu ; il l’appelle, dans son optique le sensorium de Dieu, c’est-à-dire, ce par le moyen de quoi Dieu est présent à toutes choses. 

Die große Streitfrage der Aufklärer und Empiristen entzündet sich an der Frage des Raumes und der Gegenwart Gottes in der Materie als deren Erschaffer. Der Raum wurde insofern zur heftig umkämpften Glaubensfrage, in der d’Alembert Stellung bezieht, indem er Newton als Mathematiker für seinen Glauben an die Auffassung des Absoluten lächerlich macht. Anders formuliert: im Unterschied zu Newton vertreibt d’Alembert Gott aus dem Denken des Raumes. Ein Problem bei der Frage des Raumes wird, ob der Raum ohne die Dinge (choses) existiert. Der Umbruch findet insofern haargenau darin statt, wie Raum und Materie von d’Alembert formuliert werden. Die Vorkämpfer, Verfechter oder Partisanen erklären den Raum zum Absoluten und Realen nach d’Alembert.  

Les partisans de l’espace absolu & réel appuient d’abord leur idée de tous les secours que l’imagination lui prête.  

Es gelingt d’Alembert nicht zuletzt über die Mechanik als mathematische Wissenschaft und das nach ihm benannte Prinzip der Bewegungsgleichung mit der Linie einer Bewegung, den Raum temporal neu zu formulieren. Damit wird der Raum aus der Ewigkeit (éternité) herausgenommen und in eine andere Zeitlichkeit, die nicht zuletzt eine Zeitlichkeit der Uhren ist, überführt. Der Raum wird in einer messbaren Zeitlichkeit mechanischer Natur formuliert. Darin liegt der entscheidende Umbruch. Der Raum wird durch die gerade oder gebogene Linie Zeit, lässt sich sagen.  

Espace, en Méchanique, est la ligne droite ou courbe que l’on conçoit qu’un point mobile décrit dans son mouvement. (O)

Der Raum wird mit dem französischen espace in den Registern der Philosophie, der Metaphysik, des Rechts, der Musik, der Geometrie, der Mechanik und der Buchdruckerkunst in der Enzyklopädie formuliert. Doch der für den Raum und seine Wahrnehmung in der Moderne entscheidende Zug ist seine Verzeitlichung durch die Bewegung bei d’Alembert. 1882 wird Richard Wagner das Verhältnis von Raum und Zeit nicht zuletzt in einer Re-Religionisierung mit dem „Bühnenweihfestspiel“ Parsifal durch die kryptische Formulierung „zum Raum wird hier die Zeit“ wieder umkehren, um damit Ewigkeit zu verzeitlichen.   

Das Grammatisch-kritische Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, das 1811 in Wien erschien, orientiert sich bekanntlich stark an der französischen Enzyklopädie und formuliert ihn fast schon selbstverständlich als Leere, den physikalische „Körper“ benötigen. Die Begründung des Raumes durch die Bewegung der Körper kommt sehr am Schluss der Formulierungsbeispiele, d’Alembert quasi übersetzend, zum Zuge. Vielmehr ist der Raum bei Johann Christoph Adelung nun ein Gegenstand der Sichtbarkeit durch  „Ansehen“ und des Verstandes. Doch dieser „Verstand“ (raison) hatte sich erst einmal, aber doch auch ziemlich schnell innerhalb von 50 Jahren herausbilden und durchsetzen müssen.  

Der Raum 

, [977-978] des -es, plur. die Räume. 1. Im engsten und allem Ansehen nach eigentlichen Verstande, derjenige Theil des von sichtbaren Körpern leeren Luftkreises, welchen ein Ding zur Ausfüllung oder zu gewissen körperlichen Veränderungen bedarf, ohne Plural. Keinen Raum haben. Wir haben nicht Raum in dem Hause. Die Zuhörer hatten nicht alle Raum in der Kirche… In der Mechanik ist der Raum die gerade Linie, welche so wohl von der Last, als auch von der Kraft durchgangen wird.

 

Im Unterschied zum französischen espace und englischen space gibt es im Deutschen mit dem Raum eine etymologische Schwierigkeit. Raum lässt sich nämlich nicht von dem lateinischen spacium mit der Polysemantik von Abstand, Bereich, Breite, Fläche, Lücke, Länge, Raum, Spanne, Zwischenraum ableiten. In einer Anmerkung zu „* Raum“ ohne Artikel ergibt sich durch Raum in verschiedenen regionalen Sprachen eine Polysemantik, die jene des spacium noch überbietet. Dadurch wird mit Raum deutlich, wie stark die Formulierungen variieren und wie schwierig der Raum sprachlich zu fassen ist.  

Anm. Schon bey dem Ottfried rum, der es als ein Nebenwort für fern, weit, gebraucht, wohin auch das ehemahlige fram gehöret; bey dem Ulphilas rum, für geräumig, im Nieders. ruum, im Schwed. rum, welches auch für draußen gebraucht wird, im Holländ. ruim, im Engl. roomy. Das Nieders. ruum ist auch als ein Nebenwort für völlig, reichlich, üblich. Es ist raum ein Jahr, reichlich. Bey dem Kero ist fona rumana und bey dem Ottfried fon rumena von fern. S. das folgende. 
(Adelung, *Raum)

Das lexikalisch zur Enzyklopädie andere Verfahren des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm eröffnet im Spektrum der einführenden Analogisierung zum Lateinischen ─ „spatium, locus, intervallum“ ─ und der Zitate vom Altgermanischen über das Mittelhochdeutsch des Willehalm von Wolfram von Eschenbach bis zu Goethe, der Raum poetisch synonym für Zeit verwendet, eine besonders breite Vielfalt des Gebrauches von Raum in der deutschen Sprache. Vom Raum wird auf unterschiedliche Weise ständig gesprochen oder geschrieben, während er zwischen Modi der Begrenztheit und Unendlichkeit, zwischen einer Herstellung durch Zeit als zurückgelegte Distanz oder Ferne und einer Überzeitlichkeit in der Ewigkeit ständig hin- und herpendelt.  

der getouften viel sô vil ze tal,  

daʒ wîter rûm umb in wart.  

Wolfram Willeh. 429, 5; 

last uns sie jagen auf das raum, 

das sie gehen am galgenbaum  

all könig, fürsten in gemein.  

Glaser phasma Frischl. 2, 2. 

laszt mir raum 

mich erst zu fassen.  

Göthe 10, 204;
(Deutsches Wörterbuch: Raum)
 

Der Raum als Gegenstand des Wissens und der Wissenschaft stellt sich allererst in seiner Kontextualisierung her. Es gibt Raum, aber er lässt sich schwer fassen. Alle sprechen von Raum oder space. Doch er lässt sich vom kleinsten Vorkommen im Atom bis zur größten Ausweitung als unendliches Universum ─ das Gesamte in eins gekehrt ─ nur aus dem Paradox des bestimmt Unbestimmbaren nicht festlegen. Auf diese Weise greifen David Chipperfield und Alexander Schwarz die Frage des Raumes und der Säule mit Sticks and Stones auf. Säulen schaffen Raum ebenso wie sie ihn strukturieren und als Widerstand im Raum auftauchen, selbst Raum nehmen. Mit Thomas Hobbes ließe sich formulieren, der Raum ist die Sinnestäuschung eines Dings, das existiert ohne den Verstand. 

Space is the Phantasme of a Thing existing without the Mind simply.
(1656, Thomas Hobbes, Elements of Philosophy, II)
 

Die Geschichte der Säule, auf die in Sticks and Stones in witziger Weise mit den „Stöckern“, den Fichtenstämmen, angespielt wird, kam bereits mit dem freischwebenden Dach von Mies von der Rohe an ein gewisses Ende ihrer historischen Funktion. Denn erstens sind die 8 äußeren Stahlträger, auf denen das Kassettendach ruht als tragende Säulen geradezu unsichtbar. Zweitens wird an der Schwelle zum 20. Jahrhundert bereits bei Alfred Messel die Säule als Bauelemente durch die modernen Stahlkonstruktionen wie beispielsweise 1892 beim Haus der Volks-Kaffee- und Speisehallengesellschaft auf der Chausseestraße oder dem Warenhaus Wertheim in der Leipziger Straße 1896-97 überflüssig. Was den Bau hält oder zusammenhält, ist gerade nicht zu sehen. Eine Entwicklung, die im Grunde schon mit dem Bau des Neuen Museums von Friedrich August Stüler und dessen Eisenkonstruktionen von Borsig 1843 in Berlin einsetzt. Dennoch oder gerade deshalb wird sie auch zu einem Streitpunkt zwischen den Traditionalisten und den Modernisten um 1924. Weiterhin wäre zu bedenken, ob die 8 Stahlträger in ihrer Funktion nicht doch Säulen sind. Last but not least sind die Sticks/Fichtenstämme (keine) Säulen, die eine tragende oder stützende Funktion hätten. Es sieht nur so aus.


Neue Nationalgalerie, Anhebung des Daches, 5. April 1967
© Archiv Neue Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin  
 

Die Intervention Sticks and Stones, ermöglicht durch den Verein der Freunde der Nationalgalerie und ihrer Präsidentin Gabriele Quandt, lässt sich auf vielfältige Weise auffächern. Sie ist unscheinbar und spektakulär, spielt mit den vielfältigen Erzählungen und Geschichten, die den Raum herstellen und gleichzeitig auflösen. Denn auch darum geht es mit der Glashalle: durch die Verglasung wird die Begrenzung des Raumes hergestellt und gleichzeitig durchlässig. Die herbstliche Laubfärbung beispielsweise wird mit in den Raum hineingenommen. Doch die Laubfärbung erhält auch einen bedenkenswerten Bildcharakter. Zwischen den mehr als hundertjährigen Fichtenstämmen, die ihr Alter allein dem Zufall historischer Umbrüche auf dem Areal von Schloss Wichmannsdorf in Mecklenburg verdanken, und der gut 50jährigen Geschichte der Neuen Nationalgalerie entstehen Wechselwirkungen und endlos viele Erzählungen. 

 

Torsten Flüh 

 

Lichtung* David Chipperfield und Udo Kittelmann bezogen sich mehrfach auf den Begriff der Lichtung, der zunächst einmal einen Freiraum in einem Wald anspricht. Doch mit der Lichtung spielt Kittelmann natürlich nicht nur auf den Wald und den Freiraum im "sticks forest" der Glashalle an. Vielmehr ist die Lichtung seit Martin Heidegger begrifflich in die Kritik des Humanismus und des Anthropozentrismus eingeführt worden. Raum wird damit im Modus des Lichts formuliert, das nun nicht mehr einfach Licht als Erkenntnis im Dunkel wie in der Aufklärung als Age of Enlightenment formuliert wird. Die "sticks" sind (kein) Wald, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen zur Holzgewinnung und -verarbeitung angebaut worden sind. Nur ein Zufall der Geschichte hat ihre Verwertung vereitelt. Forstwirtschaft schafft und zerstört im Anthropozentrismus Wald. Deshalb auch wurde der Grumsiner Forst in der Uckermark als Weltnaturerbe anerkannt.

 

Architekt** Dem Mittelalter war der moderne Begriff des Architekten als Schöpfer von Bauwerken völlig fremd. Es ist nicht zuletzt der junge Johann Wolfgang Goethe, der mit seiner politischen „Flugschrift“ zum Straßburger Münster und Ervini a Steinbach 1772 einen neuartigen Schöpfer- und Architekten-Begriff formulierte.  

 

David Chipperfield 

Intervention 

Sticks and Stones 

Neue Nationalgalerie 

Potsdamer Straße 50 

10785 Berlin 

2. Oktober bis 31. Dezember 2014 

 

Architekturführungen und Begleitprogramm siehe ebenfalls 

http://www.davidchipperfieldinberlin.de/