Die intermedialen Musik-Reisen des Komponisten Michael Pelzel - Zum Portraitkonzert Michael Pelzel beim ultraschall berlin im HAU2

Musik – Reisen – Architektur  

 

Die intermedialen Musik-Reisen des Komponisten Michael Pelzel 

Zum Portraitkonzert Michael Pelzel beim ultraschall berlin im HAU2 

 

Der schweizerische Komponist und Organist Michael Pelzel lebt und arbeitet derzeitig als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin. Beim ultraschall Festival für neue musik wurde ihm in Anwesenheit des Gesandten der Schweizerischen Botschaft ein Porträtkonzert am Freitagabend gewidmet. Michael Pelzel reist gern und lässt daraus filigrane Klanggebilde entstehen, in denen sich die akustischen Grenzen zwischen Percussion, Piano, Streicher und Bläser überschneiden und vermischen. Am Freitagabend im HAU 2 standen mit …along 101… und …sentiers tortueux… sowie der Uraufführung von Sempiternal Lockin drei größere Ensemblewerke, gespielt vom brillanten Klangforum Wien unter der Leitung von Johannes Kalitzke, auf dem Programm.  

ultraschall ist das eher kurze, aber heftige Festival, 21. bis 25. Januar, an Aufführungsorten zwischen Berghain, HAU2, Haus des Rundfunks etc. und Radialsystem für neue Musik von Deutschlandradio Kultur und Rundfunk Berlin-Brandenburg kulturradio. Das Portraitkonzert für und von Michael Pelzel im HAU2 war ziemlich schnell ausverkauft. Einerseits ist der Veranstaltungssaal nicht sehr groß, andererseits versprach das Klangforum Wien unter der Leitung von Johannes Kalitzke von vornherein eine brillante Qualität der Aufführung. Michael Pelzel hat eine gewisse Vorliebe für ein breit aufgestelltes Schlagwerk, das mit Alexander Charles Lipowski, Lukas Schiske, Simone Beneventi und Adam Weisman, der auch bei dem Ensemble Berlin PianoPercussion spielt, gleich vierfach besetzt war, was ein breites und äußerst differenziertes Spektrum versprach.  

Dem Schlagwerk in der zeitgenössischen Musik war bereits bei MaerzMusik 2013 ein Schwerpunkt gewidmet. Und das Ensemble Berlin PianoPercussion von Ya-ou Xie hat sich gar auf Kompositionen und Uraufführungen im Bereich von Schlagwerk und Klavier spezialisiert. Die Vielfältigkeit der Klangerzeugung im Schlagwerk kombiniert mit anderen Instrumenten(gruppen) spielt eine hervorstechende Rolle in den drei Werken für Ensemble, die am Freitag zur Aufführung kamen. Gerade für die zeitgenössische Musik hat das Schlagwerk eine hohe Attraktivität. Über die Kombination mit dem Piano hinaus, dessen Saiten nicht nur angeschlagen oder mit Radiergummis oder Blindnieten präpariert, sondern auf unterschiedlichste Weise zur Erzeugung von Obertönen bis hin zum Ziehen mit einem Sisalfaden zur Klangerzeugung genutzt werden, setzt Michael Pelzel auch Blas- und Streichinstrumente, ja, sogar eine Harfe ein. Die Besetzung setzt nicht nur einfach eine Komposition um, vielmehr haben die Besetzung und ihre Möglichkeiten der Klangerzeugung einen Effekt auf die Komposition. 

Die Orchestergruppen, wie sie sich in einem klassischen Orchesterapparat, gliedern und nach Instrumenten identifizieren lassen, werden von Michael Pelzel anders zusammen- und eingesetzt. Auslandsaufenthalte in den USA, Berlin und Südafrika haben die drei Kompositionen beeinflusst, ermöglicht oder auch nur inspiriert. Pelzel kopiert keinen Sound als touristische Trophäe, vielmehr knüpfen die Klangbilder mit ihren rätselhaften Titeln wie …along 101… an Namen fremder oder gar touristischer Orte wie dem U.S. Highway 101 an, der von der Stadt Olympia im Bundesstaat Washington die Westküste entlang bis nach Los Angeles Los Angeles führt an, die sich zwar auf Landkarten finden lassen. Doch die Klänge kommen woanders her.  

Die U.S. Route 101 ist als West Coast oder Pacific Coast Highway zwar eine bekannte Straße und ein großer amerikanischer Mythos zwischen Aberdeen Bridge in Washington und Golden Gate Bridge in San Francisco, doch die atemberaubende Landschaft etwa kommt bei Michael Pelzel eher nicht vor. Er schreibt vielmehr in einem Einführungstext ausführlicher über die Straße in kompositorischer Hinsicht. 

Straßen verbinden – nicht nur Orte geographisch, sondern auch Epochen symbolisch… Entlang oder auf Straßen spielt sich pulsierendes Leben ab, als brutalste Gewalt, beklemmende Einsamkeit, oder es eröffnen sich unendliche Weiten. Es wird gehandelt, gesprochen, gegessen, gewohnt und gelebt. Straßen sind oder waren Symbole der Mobilität, Lebensqualität, von Tempo und Freiheit. Das konsequente Abschreiten eines einzigen Straßenzuges kann unter Umständen zu einer kleinen Weltreise werden.[1]   

…along 101… mit den Auslassungspunkten knüpft weniger an den Mythos Amerika an, wie er in den Songs of America von Charles Ives oder in Porgy and Bess von George Gershwin oder Edgar Varèses Amèrique vorkommt. Obwohl das Klangspektrum keine Pfeifen wie im New Yorker Straßenverkehr bei Varèse zitiert, hält es sehr wohl vielfältigste Klänge, die auch aus dem Straßenverkehr kommen könnten, im Schlagwerk bereit. Michael Pelzel verfolgt vielmehr eine straßenähnliche Kompositionsweise, wenn er formuliert, dass ihn „kompositorisch besonders interessiert() (habe), war, inwiefern eine konsequente Vorgehensweise Abweichungen und >Fremdes< und >Unerwartetes< zulässt und trotzdem bewusst nicht zur Collage wird, sondern vielmehr zu einer Art Schmelztiegel. Ein Sublimieren verschiedenster Eindrücke und Momente, ohne von einem gewissen inneren Hauptgedanken abzuweichen. Respektive, wieweit kann man sich aus dem Fenster lehnen, ohne Übergewicht, ohne zu fallen?“[2] Die sprachgewandte Paraphrase auf seine Komposition gehört zu den Besonderheiten der Produktionen des Komponisten. Seine „Werkbeschreibungen“ generieren geradezu ein eigenes, literarisches Genre.

Die Anknüpfung an eine berühmte Straße als Autobahn wird von Pelzel selbst zu einer Fragestellung der Komposition transformiert. Damit steht er eher Walter Benjamins Buch Einbahnstraße (1928) als Varèses Amèrique (1927) mit dem Großstadtverkehr nahe. Man muss oder soll sich den Highway 101 gar nicht vorstellen, vielleicht davon träumen. Es geht um das Thema Straße als „eine konsequente Vorgehensweise“, die vielleicht am ehesten in länger ausgeführten Streicherintervallen umgesetzt und dann von Klängen aus dem Schlagwerk unterbrochen wird. Das Straßenverständnis von Michael Pelzel für …along 101… denkt die Straße eher in einer Binarität von 1 und 0, um eine konsequente Vorgehensweise und ihre Unterbrechungen und Abweichungen zu erforschen. Klanglich spielt sich das in sehr feinen Modulationen ab. Straßenkreuzer oder hupende Autos, dahingleitende Stretch-Limousinen oder Hummer interessieren den Komponisten klanglich nicht. Die hoch differenzierten Klänge vor allem aus dem Schlagwerk bis zu Gummibällen, die kaum hörbar über das Blech oder den Gong gezogen werden, fordern vielmehr zum Hinhören, Lauschen auf. 

…sentiers tortueux… ruft mit seinem Titel ebenfalls gewundene oder verwickelte Pfade oder Wege auf. Das unterscheidet sich von …along 101… knüpft allerdings weiterhin an eine Fragestellung von Linearität und Abweichung an. Im Zusammenhang mit dieser Komposition hat sich Pelzel zur Architektur von Frank O. Gehry geäußert. Die verwickelten Pfade oder Linien in der Architektur Frank O. Gehrys, die eine geschlossene, statische Architektur quasi in Bewegung versetzen, Innen und Außen tendenziell auflösen, faszinieren Pelzel als Komponist gleichermaßen. 

Was mich besonders interessierte, ist die Illusion einer Synchronität von Statik und Bewegung. Viele seiner Bauten scheinen sich >bewegen< oder gar >zerfließen< zu wollen. Der vertraut gewohnte >feste< Aggregatzustand eines Gebäudes wird durch geschicktes Verbiegen und Verdrehen bekannter Formen scheinbar unterlaufen. Der subtile Gegensatz scheinbar organischen >Wuchses< und strenger, klarer Konzeptionierung unter Berücksichtigung der statischen Gesetze scheint die spielerische Leichtigkeit und Faszination seiner Arbeiten auszumachen.   

Die Intermedialität in den Kompositionen Michael Pelzels entspringt nicht nur einer Vorliebe für den schweizerischen Schriftsteller Hermann Burger, der seine Aargauer Literaturpreis-Rede vom 3. November 1984 mit dem Titel Schreiben als Existenzform versah, also der Literatur und visuellen wie akustischen Wahrnehmungen auf Reisen, sondern auch der Architektur als Medium von „Statik und Bewegung“, die dennoch nicht möglich ist ohne „strenger, klarer Konzeptionierung unter Berücksichtigung der statischen Gesetze“. Kunst, Literatur, Architektur und Straße ─ Highway 101 ─, nicht zuletzt mit seinen zahlreichen, oft historischen Brücken stehen den Kompositionen von Pelzel zur Seite. Gesetzmäßigkeit und Abweichung spielen für die Klanggebilde des Komponisten eine wichtige, wenn nicht transformatorische Rolle. Die Komposition wird von Übersetzungsprozessen begleitet und generiert sich allererst durch diese, was durchaus einer gewissen Eloquenz und Belesenheit des Komponisten, aber auch einer genauen Formulierung der Produktionsbedingungen geschuldet ist.

... Zielsetzung ist hierbei nicht, einen möglichst heterogenen Klangapparat mit verschiedensten Klangfarben im Cage’schen Sinne zu erhalten, als vielmehr darum, sondern eher, eine Art andere Registrierung der Klavierklangfarbe zu finden. Ich habe ausschliesslich mit Blindnieten verschiedener Durchmesser gearbeitet. Ein bis zwei Nieten werden zwischen die Saiten geklemmt, wobei gongartige Klänge resultieren...

Ebenso wenig wie Pelzel beispielsweise von einer touristischen Wirklichkeit spricht, die in seinen Kompositionen wiederkehrte, belässt er die Instrumente in ihren Klangbereichen. Was sich als Klangwirklichkeit identifizieren ließe, wird von Pelzel qua Präparationen, hochdifferenzierten Sechsteltönen und einem äußerst differenzierten Schlagwerk, das ein „Gong-Orchester“ für sentiers tortueux entstehen lässt, unterlaufen. Die Hörerinnen müssen sich auf das Zusammenspiel der Klänge einlassen, ohne dass ihnen eine gesicherte Orientierung geboten wird. Doch was die Orientierung erschwert oder vereitelt, weil sie sich in den Grenzbereichen des Hörbaren abspielt, wird durch genaueste Konzeptionierung generiert. Vielleicht ist es gerade dieses extreme Paradox von Abweichung durch Gesetze, die Michael Pelzels Komposition so verführerisch hörenswert machen.

 

Die Uraufführung des Porträtkonzertes war mit den vorausgegangenen Kompositionen gut vorbereitet. Der Titel Sempiternal Lockin spielt zwischen Afrika bzw. Südafrika und Uganda, locked-in Technik und der Maschinisierung unter Aufgabe individueller Klangerzeugung, zwischen afrikanischer Musik und Wiederkehr von Verzahnungen der Instrumentalisten wie in einer Skulptur des schweizerischen Plastikers Jean Tinguely auf eine andere Art und Weise von Ewigkeit in einer Endlichkeit an. Im „Kernprinzip“ sei die Komposition und ihr Rhythmus „sehr verwandt mit den irregulären Bewegungen der mechanischen >Maschinen< des Schweizer Plastikers Jean Tinguely“, sagt Pelzel. Während die Maschine der regulären und seriellen Produktion dient und gerade eine gleichförmige Sicherheit schafft, herrschen nach Pelzel beim Künstler Tinguely die „irregulären Bewegungen“ einer Maschine vor, die nicht nur nichts produziert, sondern für Nichts läuft, um damit gerade das Maschinelle als Produktionsmodus zu unterlaufen. Dennoch wird mit dem Klang nicht Nichts produziert. 

Mehr als bei anderen Komponisten schält sich für Michael Pelzel eine sprachlich formulierte Intermedialität heraus, die nicht nur einfach die Musik durch ein anderes Medium quasi metaphorisch versprachlichen oder erklären will. Entscheidend sind vielmehr ein „Kernprinzip“, eine „Konzeptionierung“ oder ein „konsequentes Abschreiten“, das in die Musik übersetzt wird. Architektur, Straße und Maschinenplastiken stoßen einen bestimmten Modus der Übersetzung an. Man könnte sagen — und das lässt sich hören —, dass Michael Pelzels Kompositionen ins Textuelle gehen. Die Verknüpfungen und Verweise lassen sich in der Musik hören, ohne dass sie etwas vertonten. Vielleicht könnte man sogar so weit gehen, dass der Einsatz der gezupften Harfe in der Eröffnungssequenz, mit der das Mechanische quasi eingeleitet wird, im europäisch geprägten Instrument einen afrikanischen Klang anstimmt.  

Nun kurz zurück zur Akadinda-Musik Ugandas, in welcher eines der Stücke den poetischen Titel „Sundya omulungi alaya ku malagala“ (Kleine Insekten, welche nur die Blätter der Süsskartoffel essen...) trägt, soll die Musik eine spielerische und spielfreudige, rhythmisch geballte, schillernde und farbenreiche Klanglichkeit entfalten.

Die Verwobenheit der Kompositionen über Medien und Lokalitäten hinweg, Zitate und Imitationen von Spieltechniken lassen wenigstens in der Zusammenstellung von …along 101…, …sentiers tortueux… und Sempiternal Lockin eine Hybridität in der Musik entstehen, die bisher so schwerlich gehört und gedacht worden ist. Die Reisen werden nicht zu touristischen Beutezügen, sondern verändern die Kompositionen von Michael Pelzel auf eine Art und Weise, in der die Lokalitäten der Musik ständig durchschimmern, doch niemals verifiziert werden können. In ihrer Hybridität werden die Kompositionen von Pelzel allererst ursprünglich, um sich einer afrikanischen Ursprünglichkeit zu entziehen. Die Bewegung der Übersetzung von beispielsweise Akadinda-Rhythmen, –Spieltechniken und -Titeln in ein Notensystem für ein Ensemble der zeitgenössischen Musik bringt immer schon Verschiebungen mit sich, die etwa mit einer „Melodie“ zu leugnen, Pelzels Sache nicht ist. So werden seine Kompositionen zu reflektierten, hoch differenzierten Klangkunststücken.

 

Das Publikum war von der Uraufführung begeistert, lang anhaltender Applaus forderte von Michael Pelzel eine mehrfache Wiederkehr auf die Bühne. Eine Porträt-CD für die Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats war damit zugleich eingespielt worden, obwohl eine CD vielleicht nicht gerade das alleraktuellste Medium ist.  

 

Torsten Flüh 

 

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festival für neue musik 

Porträtkonzert Michael Pelzel 

 

Deutscher Musikrat
Edition Zeitgenössische Musik

 

Webpräsenz Michael Pelzel 

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[1] Zitiert nach: Pöllmann, Rainer: Michael Pelzel: …along 101… In: der.: Ultraschall Berlin Festival für Musik. Programm. Berlin 2015. S. 61

[2] ebenda