Die verlockende Disharmonie der Liberté - Albert Serra zeigt Three Little Pigs und montiert Libertà im Zwielicht an der Volksbühne

Freiheit – Vielstimmigkeit – Freihandel

 

Die verlockende Disharmonie der Libertà 

Albert Serra zeigt Three Little Pigs und montiert Liberté im Zwielicht an der Volksbühne 

 

Als Ingrid Caven vom Rang des Großen Hauses in der Volksbühne Berlin Libertà singt, mit einem ganz großen Scheinwerfer im Rücken, ist nicht gleich klar, was man davon halten soll. Sie singt eine schräge, disharmonische Hymne auf die Liberté, die Freiheit, Libertà (Musik: Marc Verdaguer), wie es nur die Caven macht seit Der Abendstern (1979). Große Geste, ganz große Opernerzählung, Diseuse mit einer brüchigen Stimme, händeringend ums Verrecken halb geschrien. Keine Ode an die Freude. Keine harmonisch-verführerische Libertà „Freiheit in meiner Sprache“ wie Milva Neunzehnhundertneunundsiebzig. Libertà klingt schroff, disharmonisch, gespenstisch. – Applaus – Bravos – Irritation.

 

Chris Dercon provoziert mit der international besetzten Eigenproduktion Liberté von Albert Serra die Theaterkritik bis über die Schmerzgrenze hinaus – „VERRISSSS!“ – „grottenschlecht“ – und macht alles richtig. Denn die ultimative Schmerzgrenze wird ganz anders erreicht, wenn an den Haupteingang und auf die Plakatvitrinen in Fraktur-Schrift, der Antiqua ähnlich, „Tschüss Chris“ auf gelbem Hintergrund geklebt wird! Krass. Ekelhaft. Das ist unerträglich. – „Der Führer ordnet an, daß die Antiqua künftig nur noch als deutsche Schrift gewertet wird“, notiert Joseph Goebbels am 2. Februar 1941 in sein Tagebuch. Albert Serra rührt mit der polyphonen Performance Liberté und dem 101-stündigen Filmessay Three Little Pigs am verbrieften Wissen von Theater, Dramaturgie, Geschichte, Freiheit und Freihandel.   

 

Wenn man zu erzählen beginnt, ist schon alles verloren im Film und auf der Bühne. Das Erzählen weckt Erwartungen, Zusammenhänge, Inhalte, Sinn. Three Little Pigs kann man schon deshalb nicht als Film sehen, weil über Tage hinweg einhunderteins Stunden Film gezeigt werden. Der Berichterstatter hätte am letzten Sonntag „Tag 10“ von 16:00 Uhr bis ca. 22:00 Uhr sechs Stunden ununterbrochen Three Little Pigs sehen können. Three Little Pigs gibt zunächst einmal einen Wink auf die englische Fabel The Three Little Pigs von James Hallivell-Philipps von 1886, in der ein Wolf drei kleine Schweine jagt. Dann kann sich Three Little Pigs auch auf Rainer Werner Fassbinder, Adolf Hitler und Johann Wolfgang Goethe beziehen, die in dem Film abwechselnd zu Wort kommen. Sie erzählen von ihrem Leben qua Goethes berühmten Gesprächen mit Eckermann, Hitlers Tischgesprächen und Interviews mit Fassbinder.      

 

Three Little Pigs situiert sich als Film zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, Lesung und Theater, Monolog und Schauspiel. Es braucht Zeit, um in die wechselnden Sequenzen hinein zu kommen. Worum geht es? Was passiert? Hitler in Uniform spricht eher monoton vor sich hin, ein Mann auf einem Stuhl schreibt mit. Er stenographiert nicht, wird nicht beachtet, macht Notizen auf einem Schreibblock. In einer anderen Sequenz ist der Protokollant gar nicht zu sehen. Stattdessen ein großer Raum mit einer Glastür, einem Tisch bedeckt von Landkarten mit Nadeln bespickt. Schlachtpläne. Am Rand des Tisches frühstückt Hitler mit einer Frau, die stumm bleibt. In den Sequenzen mit Rainer Werner Fassbinder werden wenigstens noch durch Stimmen aus dem Off Fragen gestellt. Goethe und Hitler monologisieren nur. Gesprochen werden von mehr oder weniger namenlosen Schauspielern drei komplette, dicke Bücher.

 

Die Schauspieler schauspielern nicht. Müssen sie auch nicht, denn sie sprechen Buchtexte, als wären sie gelesen. Es gibt, wie man sagt, keinen Ausdruck. Wenn beispielsweise und vor allem Eva Mattes, Deutscher Hörbuchpreis Sonderpreis 2018, ein Hörbuch einliest, macht ihre Stimme Theater wie in den Romanen von Jane Austen. Bei Albert Serra gibt es kein oder wenigstens ein anderes Theater. Am „Tag 10“ antwortet Fassbinder irgendwann, dass Straub gewollt habe, dass seine Filme gelesen werden. Was heißt lesen? Was heißt schauspielern? Nun sind Hitlers Tischgespräche (zuerst 1951) und Gespräche mit Goethe (1836) nicht irgendwelche, wenn sie denn nicht nur Selbstgespräche und Selbstdarstellung sind. Selbstdarstellungsliteratur. Aber so einfach ist das Verhältnis zwischen Buchautoren und ihren Sprechern auch wieder nicht. Die Titel sind kalkuliert. Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier von Dr. Henry Picker erscheinen erstmals 1951 „(i)m Auftrage des Deutschen Instituts für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit geordnet, eingeleitet und veröffentlicht von Gerhard Ritter Professor der Geschichte a. d. Universität Freiburg“ im Athenäum-Verlag, Bonn.[1]

Die akademische Rahmung wird durch den Doktortitel des Autor-Protokollanten und die Einleitung des Geschichtsprofessors besonders stark hervorgehoben. In späteren, vielfachen Veröffentlichungen eines der ersten Bestseller der jungen Bundesrepublik, wird die akademisch-wissenschaftliche Rahmung gänzlich umgeschrieben[2] oder darauf verzichtet. Henry Picker wird für Hitlers Tischgespräche wiederholt neue Rahmen formulieren lassen. Die Goldmann Taschenbuchausgabe von 1979 bietet ein Foto von Heinrich Hoffmann mit Adolf Hitler an einem Esstisch mit Kerzenleuchtern, Hakenkreuzfähnchen und gefüllten Gläsern, im Hintergrund Kellner mit Fliege in weißem Jackett. Hitler lächelt eine Frau an, die sich zu ihm herunterbeugt. Hitler privat „im Führerhauptquartier“. „Irene und Rolf Picker (Assistenz)“ haben ein „Namens- und Sachregister“ angelegt.[3] Hitlers Tischgespräche sind offenbar ein ebenso wissenschaftliches wie privates Familienunternehmen geworden.

Albert Serras Film wird sehenswert, weil er das Unspektakuläre der Tischgespräche in Szene setzt. Während Fotos in späteren Veröffentlichungen wiederholt Hitlers (privaten) Tisch als Sensation inszenieren – Hitler lächelt und fuchtelt so aufgeregt mit der rechten Hand, dass sie unscharf wird –, rückt Serra eine große Langeweile in Bild und Ton. Selbstgespräche zum „Zeitvertreib“, wie es Martin Heidegger einmal formuliert hat.[4] Man mag Hitler gerade nicht zuhören. Es gibt nichts zu verstehen. Er verrät nicht. Er hat nichts zu sagen. Picker wurde 1936 mit Darstellung und geistesgeschichtliche Deutung der neuen Strömungen in der Kriminalpolitik und die Überwindung des Schulenstreits. Die Zweckbestimmung der Strafe im Dritten Reich promoviert, die er 1935 in Berlin veröffentlicht hatte. Von März bis Juli 1942 wurde er als Oberregierungsrat ins Führerhauptquartier abgeordnet, um Hitlers mehr oder weniger private Tischreden zu protokollieren.

 

Das Denken Hitlers sollte dokumentiert werden, weil Adolf Hitler es so wollte. Dafür gab es mehrere literarische Anknüpfungspunkte, die historische Bedeutung verhießen. Johann Peter Eckermanns zwischen 1836 und 1848 in drei Teilen publizierte Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens waren wohl die populärsten und galten als „das meistgelesene Buch Goethes“.[5] Gerhard Ritter stellt als Historiker die Protokolle 1951 in eine Konstellation mit Martin Luthers „Tischreden“[6] und „Moritz Buschs Aufzeichnungen aus dem Hauptquartier von 1870/71“ der Gespräche Otto von Bismarcks mit „seinen Gehilfen“.[7] 1976 will Henry Picker das „Phänomen“ Hitler mit den Tischgesprächen beurteilen.[8] Im Unterschied zu Albert Serra – und darin zeigt sich seine Kunst, sagen wir, der Dekonstruktion – wurde von Picker medial alles aufgefahren und herbeizitiert, was Hitler zu einem „Phänomen“ machte, um frühzeitig und wiederholt eine historische Verantwortung der Nationalsozialisten und der deutschen Bürger auf dieses abwälzen zu können.

 

Henry Picker war das Denken des Nationalsozialismus nicht nur vertraut, weil er bereits 1930 der NSDAP beigetreten war, vielmehr hatte er dieses mit seiner Promotion als „neue Strömungen“ bestätigt und ausformuliert. Unter der Oberfläche der in indirekter Rede abgefassten Protokolle, in denen nun ständig von „Chef“ statt von „Führer“ oder „Adolf Hitler“ gesprochen wird, lässt sich die eigene Verstrickung in das nationalsozialistische Denken mitlesen. In Serras Film spricht Hitler in direkter Rede und in der ersten Person. Pickers Protokolle verdecken mehr, als dass sie aufdecken und verraten. Das wird durch Three Little Pigs allererst lesbar. Das ausgestellte Wissen und Denken verrät sich selbst, was sich bereits mit Eckermanns Goethe zeigt. Gleichwohl sind sie zur Referenz und zum Steinbruch des Wissens für die Literaturwissenschaft und Biografik Johann Wolfgang Goethes gemacht worden.

Es sind geringfügige sprachliche Operationen, die Albert Serra für Three Little Pigs vornimmt. Zwar werden die kompletten Tischgespräche nun von einem Schauspieler mit Ich gesprochen, doch die mit ihrer Publikation verkoppelte Sensation und Dramatik wird durch den Duktus verhindert. Stattdessen wird ein Sprechendenken inszeniert, das nicht nur den „Glauben an die eigene Unfehlbarkeit, der ihm, dem Halbgebildeten, die politische Überlegenheit gab“[9], wie Ritter es 1951 formuliert, sondern eine lose und widersprüchliche, persönliche wie populistische Mythologie offengelegt. Auf diese Weise erreicht Serra für seinen Film jene Ununterscheidbarkeit von Fiktion und Dokumentation, die durch Pickers Buch mit erheblichem Aufwand eine historische Wahrheit heraufbeschwört, die verfehlt werden muss. Wiederholt kommt Adolf Hitler wie am 29.3.1942 (Wolfsschanze) auf „Fragen der Justizpraxis zu sprechen“.[10] 

Kein vernünftiger Mensch versteht das! Kein vernünftiger Mensch versteht überhaupt die Rechtslehren, die die Juristen sich – nicht zuletzt auf des Einflusses von Juden – zurechtgedacht haben. Letzten Endes ist die ganze heutige Rechtslehre nichts anderes als eine einzige große Systematik der Abwälzung der Verantwortung. Ich werde deshalb alles tun, um das Rechtsstudium, das heißt das Studium dieser Rechtsauffassungen, so verächtlich zu machen wie nur irgend möglich. Denn durch dieses Studium werden keine Menschen herangebildet, die fürs Leben passen und geeignet sind, dem Staat die Aufrechterhaltung seiner natürlichen Rechtsordnung zu garantieren. Dieses Studium ist eine einzige Erziehung zur Verantwortungslosigkeit. 

         Ich werde dafür sorgen, daß aus der Justizverwaltung bis auf 10 Prozent wirklicher Auslese an Richtern alles entfernt wird … 

… Ich will nur Richter von Format haben, die dann aber natürlich auch gut bezahlt werden müssen…[11]

 

Three Little Pigs erhält mit den halb amtlichen, halb privaten Tweets von Donald Trump eine bestürzende Aktualität, die Albert Serra 2012, als er den Film an mehreren Orten in Kassel auf der documenta 13 zeigte, nicht ahnen konnte. Die populistisch-selbstreferentielle Rede artikuliert sich nämlich mit Vorliebe und in absurder Wiederholung gegen die Administration und Justiz. In Deutschland war die Justiz seit 1933 im März 1942 längst gleichgeschaltet worden. In der „Justizverwaltung“ gab es nicht einen einzigen jüdischen Richter, Notar oder Rechtsanwalt mehr. Denn durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mit dem § 3 als „Arierparagraph“ war es Juden am 7. April 1933 unmöglich geworden, weiterhin als Juristen zu arbeiten. Das erschreckende an der von Picker aufgeschriebenen und kommentierten Rede ist deshalb nicht der vermeintliche Angriff auf die „Rechtslehre“ und „Justizverwaltung“, sondern ihr Anachronismus, der eine „Rechtsauffassung“ phantasiert, die es seit 9 Jahren nicht mehr gibt. Anstatt den Anachronismus aus persönlicher Obsession zu kommentieren, werden in der Ausgabe von 1976 von Henry Picker „»Richter von Format«“ aufgerufen, als ob es 1942 noch eine unparteiische Justiz gegeben hätte.    

»Richter von Format« gab es durchweg an den Amtsgerichten. Die meist über 50jährigen Amtsrichter kümmerten sich einen Schmarrn um Parteirichtlinien, gesundes Volksempfinden und den sogenannten Zeitgeist; sie entschieden stur nach Tatbestand, Recht und Gesetz. Als Referendar 1934 bis 1937 im Kammergerichtsbezirk Berlin habe ich diese Männer ebenso bewundert wie später die souveränen Richterpersönlichkeiten unseres heutigen Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe …[12]

 

Warum Henry Picker trotz Doktortitel und lupenreiner „Weltanschauung“ selbst kein Richter geworden ist, wissen wir nicht. Nach 1945 sichern ihm die Tischgespräche sein Überleben. Das Faszinosum Adolf Hitler wird zu seinem „Phänomen“. Die Doktorarbeit von 1935 stattet ihn mit einem akademischen Titel aus, mit dem sich vermeintlich die Halbbildung Hitlers aushebeln lässt. Offenbar interessierte sich selbst der SPIEGEL 1951 nicht dafür, was Picker unter dem Titel Darstellung u. geistesgeschichtliche Deutung der neuen Strömungen in der Kriminalpolitik und die Überwindung des Schulenstreits. Die Zweckbestimmung der Strafe im Dritten Reich (Berlin: Triltsch und Huther, 1935) abgefasst hatte. Der akademische Duktus überdeckt, dass das Machwerk erstens „Meinem Gauleiter, Reichsstatthalter Carl Röver“(S. 3) gewidmet ist und zweitens mit der ersten Seite klargestellt wird, dass „(d)iese nationalsozialistische Weltanschauung ... im Dritten Reich: eine totale (ist)... Damit hat auch das Sonderdasein des Strafrechts sein Ende gefunden!“ (Im Original gesperrt und fett gedruckt. S. 7) Der Wilhelmshavener Kaufmanns- und Senatorensohn mit dem so englisch klingenden Vornamen Henry zitiert unablässig in seiner Doktorarbeit Alfred Rosenbergs Schriften und Adolf Hitlers Mein Kampf als Wissen und „Weltanschauung“. Er betont in seinem Lebenslauf, dass er „Reichsdeutscher“ ist. Picker kommt in seiner juristischen Doktorarbeit zu einem rassistischen, antisemitischen und biologistischen Schluss, wie er als Denken heute unter Identitären wieder zirkuliert. Das Strafrecht wird zur Rassenpolitik:

Zur Durchsetzung dieser Ehrauffassung im völkischen Leben beizutragen, wird eine der vornehmsten Aufgaben des nationalsozialistischen Strafrechts sein. Denn nur so kann wieder ein d e u t s c h e r  M e n s c h e n t y p entstehen. Nur auf diese Weise läßt sich die deutsche Wiedergeburt germanisch-arischen Rechtsdenkens herbeiführen, ... (S. 81)

Kurz: Es macht 2018 durchaus Sinn, sich Three Little Pigs quasi auf dem Dachboden der Volksbühne anzusehen und zu lesen. Denn es geht wirklich um ein Lesen und nicht nur eine abgesteckte dramatische Handlung. Mit und in der großen Langeweile von Three Little Pigs wird etwas lesbar, das sonst in der Dramaturgie verschwindet. Klar, es wird nicht sofort für jede/n lesbar. Doch genau das wird in einer Zeit nicht der Twitter-Botschaften, sondern der Twitter-Befehle von Trump, Erdogan etc. unverzichtbar. Trump twittert nicht, um eine Botschaft zu verbreiten oder um sich verständlich zu machen. Der Tweet ist vielmehr leer und verrät absolut nichts über eine Strategie, weil der dramatische Tweet selbst die Botschaft ist. Donald Trump im Bett oder am Frühstückstisch im Weißen Haus dürfte komplett uninteressant und ununterhaltsam sein, aber er twittert! Three Little Pigs wird weiterhin gezeigt. Manchmal kann es durchaus subversiv sein, einen Film nicht im Kino, sondern Theater zu zeigen.


© Román Ynan

Die Länge und, ja, Langeweile ist durchaus methodisch bei Albert Serra. Auch in Liberté passiert so gut wie nichts. Es gibt so gut wie keine Handlung oder gar Dramatik. Im Unterschied zu Three Little Pigs ist Liberté eine eigene Textmontage zur Freiheit mit einem fiktiven Rahmen des Jahres 1774 am Vorabend der Französischen Revolution. Friedrich II., der erst 1786 sterben wird, regiert vor allem von Potsdam aus. Im märkischen Sand trifft sich eine libertinäre Gesellschaft wie zum Cruising auf einem Autobahnparkplatz oder im Tiergarten. Die von seltsamen Regeln bestimmte Libertinage spielt sich einem Chatroom gleich im Halbdunkel ab. Die Bühne bleibt mit ihren fast endlos hin- und hergetragenen Sänften während der gesamten Aufführung zwischen Tag und Nacht oder Nacht und Tag. Es wird von Sänfte zu Sänfte oder Chaise zu Chaise gesprochen, seltener in ihnen, aber häufiger treffen sich Mann und Mann, Frau und Mann und Frau und Frau zum Sex in einer Chaise.


© Román Ynan 

Die Liberté wird als ein großes Versprechen aufgeführt. Denn gerade die Chaisen, die auch Autos sein könnten, halten die Insassen Duc de Walchen, Außenseiter und Libertin (Helmut Berger), Graf von Tessi, italienischer Geschäftsmann (Stefano Cassetti), Duchesse de Valselay, vom Hofe Louis XV. verbannt (Ingrid Caven), Madame de Dumeval, Bekannte der de Valselay (Johanna Dumet) und Äbtissin Kladnitssa, Cousine der Comtesse (Jeannette Spassova) ebenso gefangen wie dass sie ihre Mobilität als Freiheit garantieren. Die rokokoartigen Chaisen geben der Szenerie eine gewisse Verlangsamung und einen historischen Rahmen. Von der Chaise aus entfacht die Duchesse de Valselay ihr Gespräch über die Einführung und Praxis der Libertinage im preußischen Exil. Das Gespräch mit wechselnden Teilnehmerinnen und Teilnehmern in und an der Chaise braucht viel Zeit. Das Sprechen über die Verführung einer jungen Novizin und wie sich dahin gelangen lässt, wird viel wichtiger als schließlich deren Verführung durch die Äbtissin. Die Duchesse de Valselay muss nicht selbst genießen. Sie genießt auf subtile Weise das Genießen und den Moralbruch.    


© Román Ynan 

Anders als in den Monologen der Three Little Pigs wird in Liberté ein polyphoner Diskurs ohne Dramatik aufgeführt. Ein Diskurs kann auch dramatisch werden. Bei Albert Serra allerdings wird das Publikum durch die gesenkten Stimmen, im Englischen spricht man von low voice, halblaut, zum Hinhören gezwungen. Es lässt sich schon wegen der Wechsel zwischen Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und der Akzente der Sprecherinnen und Sprecher nicht jedes Wort verstehen. Gesprochen wird über Mikroport. Trotzdem ist das Halblaute des Diskurses nicht darauf angelegt, jedes Wort und jede Wendung zu verstehen. Man wird einen Diskurs in seiner Performanz auch nie ganz verstehen können. In diesen Bereichen spielt sich Albert Serras Theater und Dramatik ab. Auf die Dauer – da haben schon einige Theaterbesucher immerhin leise den Zuschauerraum verlassen – erfordert der halblaute Diskurs im Zwielicht (Licht: Johannes Zotz) durchaus eine gehörige Portion Konzentration. Da helfen keine Kostüme (Rosa Tharrats), kein märkischer Streusand, keine Hügellandschaft und kein idyllischer See (Bühne: Sebastian Vogler), in den nackt oder halbnackt gestiegen wird. Aber das kann auch sehr erotisch und reizend sein.

 

Der Diskurs der Libertinage und der Liberté wird auf höchst vielfältige und widersprüchliche Weise angestimmt. Kaum zeigt sich die Lust im Alter, wird auch schon die Hand für ein Entgelt aufgehalten. Libertinage – der Urlaub in Thailand – ist auch eine Frage von Einkommens- und Machtverhältnissen, von Liberalismus. Albert Serra versetzt die Widersprüche der Liberté in einen munteren Reigen. Zur Einführung der Libertinage braucht die Duchesse de Valselay im Exil eine Einkommensquelle. Und so waren es nicht nur Schöngeister, Musiker, Philosophen, Ärzte, Künstler, Wissenschaftler, die den Hof von Sanssouci besiedelten und ermöglichten, sondern Voltaire war auch ein Geschäftsmann wie eine Episode über sächsische Wechsel verrät. Gleichzeitig ist es Friedrich II., der nicht allein aus philosophischen Gründen den Handel und die Beziehungen zu China intensivieren wollte.[13] Der China- und Ostasienhandel hatte Holland und das Haus Oranje im 17. Jahrhundert reich gemacht. Die ökonomischen Anstrengungen Friedrich II. ab 1740 etwa mit der Ansiedelung der Voigtländer vor dem Rosenthaler Tor, die u.a. Kartoffeln anbauen sollten, oder die Anpflanzung von Maulbeerbaumplantagen für die Seidenraupenzucht mögen nicht immer erfolgreich gewesen sein, doch sie sind zutiefst in Liberalismus und Libertinage verstrickt.[14]       

 

Die historischen bzw. diskursiven Verstrickungen von Liberalismus und Libertinage lassen sich nicht immer genau belegen. Die Libertinage wird von Historikern bei Friedrich II. wenigstens noch angeschnitten. Voltaire als liberaler Spekulant kommt höchstens als unrühmliche Fußnote vor, um seine Rolle in der Aufklärung epochengeschichtlich aufzuwerten. Das halb private, halb staatspolitische Gedicht La Jouissance, von Friedrich II. auf der Reise nach Königsberg zur Krönungsfeier geschrieben, wurde schnell wieder bagatellisiert.[15] Das liegt auch an den Schemata der Geschichtswissenschaft. La Jouissance lässt sich als ein ebenso libertäres wie liberales, heimliches Regierungsprogramm lesen. Und es ist nun Albert Serras Verdienst, dass er mit Liberté eben dieses Zwielicht des Diskurses in seiner Widersprüchlichkeit auf die Bühne bringt. Man kann Liberté an der Volksbühne als ein ganz eigenes ebenso rätselhaftes wie entlarvendes Meisterwerk sehen. 

 

Torsten Flüh      

 

Albert Serra 

Three Little Pigs 

10.03.18, 16:00 

Tag 16 - bis ca. 23:00 

11.03.18, 16:00 

Tag 17 - bis ca. 22:00

 

Liberté 

22.03.18, 19:30 

23.03.18, 19:30 

07.04.18, 19:30 

08.04.18, 19:30 

 

Volksbühne Berlin 

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[1] Henry Picker: Hitlers Tischgespräche. Bonn: Athenäum-Verlag, 1951 (Titelblatt).

[2] Henry Picker: Hitlers Tischgespräche. Stuttgart: Seewald, 1976. (Goldmann Taschenbuch 6/79)

[3] Ebenda S.4 (nicht nummeriert).

[4] Siehe zur Langeweile und zum Zeitvertreib bei Heidegger: Torsten Flüh: Neuer Rock und Klangzauber. ultraschall 2018: Ensemble Nikel rockt und das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin dreht an der Klangspirale. In: NIGHT OUT @ BERLIN 6. Februar 2018 22:04.

[5] Dazu Regine Otto: „Als Werk des Schriftstellers Johann Peter Eckermann wurde dieses Denkmal ebensoselten angesehen wie die »Gespräche« überhaupt, dagegen immer wieder expressis verbis oder sinngemäß als das meistgelesene Buch Goethes (dies konnte schon Hermann Bahr in seinem »Goethebild« von 1921 feststellen, nachdem Friedrich Gundolf die »Gespräche« wenige Jahre zuvor schlankweg unter Goethes Werke eingereiht hatte).“ Regine Otto: Nachwort. In: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe. (Herausgegeben von Regine Otto unter Mitarbeit von Peter Wersig) München: C.H. Beck, 1984, 679.

[6] Henry Picker: Hitlers … [wie Anm. 1] S. 11. (Siehe zu Luthers Tischreden auch: Torsten Flüh:  Performative Sprachpoesie mit Luther. Zu Robert Wilsons faszinierender Luther-Collage mit dem Rundfunkchor Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. Oktober 2017 18:25.)

[7] Ebenda S. 13.

[8] Henry Picker: Hitlers … [wie Anm. 2] S. 9.

[9] Henry Picker: Hitlers … [wie Anm. 1] S. 16.

[10] Henry Picker: Hitlers … [wie Anm. 2] S. 157.

[11] Ebenda S. 158. (Direkte Rede T.F.)

[12] Ebenda S. 159.

[13] Siehe dazu: Cay Friemuth: Friedrich der Große und China. Hannover: Werhahn, 2012. Und: Torsten Flüh: Neues von Friedrich II. Jens Bisky und Cay Friemuth schreiben Bücher zu Friedrich dem Großen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Dezember 2011 00:09.

[14] Vgl. dazu auch Johann Joachim Winckelmanns Brief an Berendis über Potsdam und die „Wollüste“. In dem Brief lässt sich eben auch lesen, dass die „Wollüste“ mit dem Kunsthandel aus Rom verknüpft sind. Torsten Flüh: Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen. Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Juli 2017 19:29.   

[15] Siehe: Torsten Flüh: Neues … [wie Anm. 13]