Michael Jackson This is it - Was uns nicht zur Ruhe kommen lässt ...

Ruhelosigkeit – Tanz – Schnitt

 

Was uns nicht zur Ruhe kommen lässt ...

This is it in der Originalversion

 

Was uns nicht zur Ruhe kommen lässt, spukt in unseren Hirnen als Widergänger herum. Michael Jacksons Megahit Thriller ist eine Hymne auf Untote und das Gruseln. – You’re out of time - Kaum beginnt der Schock über das plötzliche Ableben  des Menschen, der Michael Jackson war, abzuklingen, kehrt er wieder als hart arbeitender und liebenswürdiger Entertainer auf den Proben zum vereitelten Comeback.

Michael Jackson selbst konnte nicht zur Ruhe kommen, nicht einmal schlafen, weshalb ihn seine Ärzte mit Medikamenten zupumpten bis zum finalen Schuss mit Propofol. Der überlieferte Ausspruch, dass Michael Propofol Milch genannt haben soll, erregte in den Medien sarkastische Häme. Dabei sagt die Verkennung von Propofol als Milch mehr über das ruhelose Kind, als man wahrhaben möchte. Es ist die Milch der Mutter, die für das Menschenwesen den Übergang zum eigenen Leben bereitet. Milch steht für eine letzte Bindung an die Mutter und die erste Trennung.

 

Dem Menschen ist es durch mancherlei Tricks gelungen, das ambivalente Verhältnis von Bindung und Trennung hinaus zu zögern. Sie kehrt wieder in seinem Leben als Gute-Nacht-Trunk in der Honigmilch. Sie wird zu „Colostrum“ oder „Gold-Milch“ in der Nahrungsergänzung und alternativen Therapie. Die „Erstmilch“ verspricht Gesundheit durch „Antikörper, Wachstums, Vitamine, Mineralien, Enzyme, Aminosäuren und andere spezielle Stoffe“. Wer kann es also einem Ruhelosen verwehren, nach seiner Milch zu verlangen – und sei es in der Verkennung.

This is it feiert die Wiederkehr Michael Jacksons. Mit den Mitteln des Schnitts wird er als Tänzer-Sänger-Künstler im Zenit seines Könnens vorgeführt. This is it ist zweifellos ein Meisterwerk des Schnitts. Der Schnitt wird als Wiederauferstehungstechnik nicht geleugnet, sondern gar vorgeführt, wenn Michael Jackson in verschiedenen Garderoben in ein und demselben Song mehrfach mit unterschiedlichem Filmmaterial gegen geschnitten wird. Das Verblüffende ist vielmehr, dass eben die Schnitttechnik durch einen kontinuierlichen Sound wie im Musicclip zum Kontinuum wird.

 

Der Schnitt im Film ist das, was nicht gesehen wird. Der Schnitt lässt die Zeit zwischen zwei Schnitten aufeinanderprallen. Er ist das tendenziell Unsichtbare im Bildmedium Film. Dass der unabänderliche Schnitt im Film wohl bei den meisten Konsumenten niemals ankommt, gehört zu den Mysterien des Films als einer Kunst der Geisterbeschwörung.

 

Für Kinder ist es eine existentielle Erfahrung, dass das Opfer, das erschossen, erstochen, zerbombt, zerquetscht, verschüttet, eingemauert, vergiftet, ersäuft, aufgeschlitzt wird, im Film nicht stirbt. Der Schnitt rettet das Opfer vor dem Tod. Es war und ist für jeden eine zentrale Erfahrung und Einschnitt, dass Joan Collins im mounumentalen Hollywoodschinken Land der Pharaonen 1955 (nicht) in der Grabkammer zum Tode verurteilt mit eingeschlossen wurde. Es gab Zeiten, in denen dieses Filmepos regelmäßig vielsagend an Karfreitag im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

All zu schnell ging durch die deutschen Medien die eingängige Übersetzung von This is it als Das war’s. This is it ist nicht der Abschied von Michael Jackson, vielmehr ist er Honigmilch als Abendtrunk. Dabei wirkt This is it äußerst aufputschend. Es sind nicht nur die typischen Aufschreie im Falcett, die den Künstler jugendlich, kindlich, alterslos präsentieren. Es ist der ganze Körper eines 50jährigen, der sich Geschmeidigkeit, Elastizität und die Härte der Beats bewahrt hat. Michael Jackson ist in This is it die Mega-Madonna. Alle Welt sprach von der unglaublichen Figur und Kondition, die Madonna mit 50 zeigt. Sie hatte Michael Jackson nicht gesehen.

 

This is it macht das verwüstete Gesicht Michael Jacksons durch seinen Körper vergessen. Mehr noch, durch Stimme, Tanz und Körper erhält das Gesicht menschliche Züge. In der Arbeit mit seinen Tänzern und seinem Team, allen voran sein Regisseur Kenny Ortega, entsteht eine Nähe, vor der man fast erschrecken möchte. Der kaum 10 Jahre ältere Ortega kommt im Dokumentarfilm von den Proben als väterlicher Freund rüber.

 

In bed with Madonna (Truth or Dare), 1993, von Alek Keshishian wäre als Vergleich für einen Dokumentarfilm dieser Art heranzuziehen. Nähe entstand selbst im Bett mit Madonna nicht. Sie blieb bisher immer - und das wohl kalkuliert - die Kunstfigur Madonna, die sie sich nicht zuletzt mit einem Jesus an ihrer Seite beglaubigte.

Es sind winzige Momente, shortcuts, in denen in This is it eine Fassade aufbricht. „I trust in you“, sagt Michael Jackson einmal zu Kenny Ortega, als er auf einer Plattform von einem Kran hochgefahren wird. Das ist Floskel und eben auch nicht. Es ist das Dokument, eines Menschen der Vertrauen brauchte und dem das Vertrauen an Menschen, die Basis jeder sozialen Beziehung, abhanden gekommen war.

 

Evelyn Finger hat in der ZEIT den Tänzer Michael Jackson mit ihrem Artikel Michael Supernova gepriesen und berichtet, wie sehr er vor allem von jungen, farbigen Tänzern in Amerika verehrt wird. Die schwerelosen, unglaublich schnellen und schnittigen Bewegungen, die er entwickelte und ausführte, waren Ergebnis harter, überaus disziplinierter Arbeit. Tanz war schon immer die härteste Arbeit, die für Leichtigkeit aufgebracht werden musste. Ob klassisches Ballet oder moderner Tanz, erst wenn bis an die äußersten Grenzen gearbeitet wird, entstehen Leichtigkeit, Schwerelosigkeit, letztlich Schönheit.

Michael Jackson gelang es mit Smooth Criminal eine Schwerelosigkeit im Tanz herzustellen, die derart außerirdisch war, dass sie eine Erklärung haben musste. Der Grund der Schwerelosigkeit wurde unter der US-Patentnummer US5255452 (A) am 26. Oktober 1993 eingetragen. Das Patent unter dem Titel Method and means for creating anti-gravity illusion ist mehrere Seiten lang und führt die Illusion auf einen speziell konstruierten Schuh zurück. In This is it ist die Illusion von Schwerelosigkeit erneut zu bestaunen. Die neue Bühnenshow zu Smooth Criminal sollte größer und mit einem Video aufgepeppt werden.

Es ist der ungeheuerliche Kontrast, der in diesem Video als Aufmacher für die Bühnenshow zwischen Rita Hayworth, Humphrey Bogart und einem schwerelos tanzenden Michael Jackson hergestellt wird, der eine fast transzendierende Wirkung hat. Rita Hayworth als strippende Gilda mit dem Song Put the blame on me funktioniert nicht nur als Krimi-Referenz. Vielmehr bietet Hayworth eine Leiblichkeit, die Jackson im Tanz völlig aufgehoben hat. Die „anti-gravity illusion“ mit oder ohne Spezialschuh ist das Vermächtnis des Künstlers Michael Jackson. Mit dieser Illusionskunst hat er sich ein für alle Mal dem Ruch des Kriminellen entzogen.        

 

Madonna stellt im Übrigen die harte Arbeit, die ihre Kunst erfordert, in der Muskulösität ihrer Arme und Beine aus. Bei Madonna sieht das Publikum jede investierte Stunde auf dem Laufband oder beim Gewichtheben. Madonna entspricht der Logik der Ökonomie, dass sich jede Investition auch sichtbar auszahlt. Zum Mythos Madonna gehören die sexuelle Aggressivität wie die Selbstbehauptung. Im allerneusten Madonna-Song Sorry wechselt Madonna zur Mädchengang-Anführerin, die im Käfig die Straßenjungs in die Knie zwingt.   

 

Michael Jacksons Arme und Beine sind immer verhüllt. Allenfalls der Bauchnabel blitzt einmal auf. Und dann ist es kein von Muskeln durchzogener Waschbrettbauch, sondern ein dünner Knabenbauch. Im Wind der Tanzschritte und der Maschine flatternde Hemden kommen dagegen häufig vor. Sie erinnern mehr an Flugträume als an einen Widerstand gegen den Wind, der entgegen bläst. Die flatternden Hemden machen zweierlei. Im Vergleich von Madonna mit Michael Jackson wird deutlich, dass sie ihren Körper ausstellt, während er ihn verbirgt und seine Silhouetten mit flatternden Hemden verwischt. Gleichzeitig funktionieren die Hemden als Flugbild. Madonna vertritt das Ethos eines Hardworking Girl - auch mit 50. Michael Jackson arbeitete an einer Show, die seine jungen Tänzer älter aussehen ließ als sie ihn.

 

Als Dokumentar- und Konzertfilm überschreitet This is it die Grenze zum Musicclip allein schon, weil ständig im Takt geschnitten wird. Es sind nur Aufnahmen von den Proben. Das Publikum besteht aus seinen Tänzern und dem Team. Es herrscht eine Leere und Stille, wo man als Referenz in Truth or Dare Massen als Resonanzboden hört. Die Abwesenheit des Publikums schafft eine leicht gespenstische Atmosphäre, aber auch Intimität. Die schnellen Schnitte verweilen nicht auf einem Gesicht oder einer Haltung, vielmehr schließen sie sich den Beats der Musik an. Allein der Bogen von der Ankündigung der Londoner Konzerte über das Casting der Tänzer und Sänger bis zum letzten Probentermin bietet eine Art Geschichte.

 

Es war Oscar Wilde, der bereits vor gut 120 Jahren bemerkte: “It is a question whether we have ever seen the full experience of a personality, except the imaginative plane of art. In action we never have.” Was Wilde über den Dokumentarfilm This is it gesagt hätte, wissen wir nicht. Zu seinen Lebzeiten gab es den Film noch nicht.

 

Michael Jackson hatte sich bewusst oder nicht einem Kunstprojekt verschrieben, das bereits Oscar Wilde formuliert hatte. Nämlich dass nicht die Kunst das Leben imitiere, sondern das Leben die Kunst: „All that I desire to point out is the general principle That Life imitates Art far more than Art imitates Life, and I feel sure that if you think seriously about it you will find that it is true.“ Michael Jackson ist schon zu Lebzeiten so oft kopiert und gedoubelt worden, dass immer wieder Zweifel aufkam, ob er es sei. Für sich selbst und für andere hat er die Grenzen von Kunst und Leben ständig überschreiten wollen. Und es ist vielleicht nur eine bittere Ironie, dass Oscar Wilde wie Michael Jackson im Leben ihre Kunst zur höchsten Perfektion zu treiben vermochten und auf unterschiedliche Weise katastrophal am Leben scheiterten. 

 

Unaufhebbar und verstörend wird der Widerspruch bleiben zwischen dem Künstler Michael Jackson und dem Menschen, der ohne Narkotika und Psychopharmaka gegen Angstzustände nicht mehr leben konnte, bis er daran starb. Michael Jackson wird uns nicht zur Ruhe kommen lassen, weil er eine neue Qualität von Schwerelosigkeit in den Tanz einführte, die ihn vermeintlich vor seinen Ängsten retten sollte. Das Paradox liegt darin, dass er nicht schwerelos war, sondern der Illusion von Schwerelosigkeit bedurfte, um überleben zu können.

This is it liegt nach knapp einer Woche mit 626.384 Besuchern in den Kino-Charts in Deutschland weit vorn. In den USA spielte er am ersten Wochenende bereits 23.2 Millionen Dollar ein. Insgesamt hat This is it allein in Amerika bisher mehr als 34,4 Millionen Dollar eingespielt. Damit hat sich der Film weit vor Madonnas Truth or Dare, der weltweit insgesamt 29 Millionen Dollar einspielte, platziert. Er ist nach knapp einer Woche der lukrativste und meistgesehene Dokumentarfilm aller Zeiten mit einem Einspielergebnis von 103 Millionen Dollar weltweit. Martin Scorseses Rolling Stones Dokumentarfilm Shine a light kam weltweit nur auf fast 14 Millionen Dollar.

 

Torsten Flüh