How this happened - Barack Obamas Medien und Politik zum 9. September 2010

Facebook – Newsletters – America

 

How this happened

Barack Obamas Medien und Politik zum 9. September 2010

 

Rosch ha-schana, das jüdische Neujahrsfest, fällt in diesem Jahr auf den 9. September. Dieses Datum, das kalendarische Zusammentreffen von 9/11, dem 9. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center, und dem Jüdischen Neujahrsfest, ist zu einer Nagelprobe für Barack Obama geworden. Es ist eine der schwierigeren Nagelproben für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

In der Nagelprobe wird seit alters her entschieden, ob ein Gefäß, beispielsweise ein Bierkrug, wie gefordert leer getrunken wurde oder nicht. Läuft mehr Bier aus dem Krug, als auf einen Daumennagel passt, hat der Prüfling die Probe nicht bestanden. Es geht um den sichtbaren Beweis dafür, dass der Prüfling nicht geschummelt und den Krug auch wirklich bis auf den letzten Zug geleert hat. Es ist eine Wahrheitsprüfung.

 

Ist Barack Obama für oder gegen den Koran, auf den die Anschläge zurückgeführt werden? Ist der Präsident für oder gegen die Juden? Ist er für oder gegen die Christen? Ist er für Amerika, Gottes gesegnetes Land? Im Streit um den Bau einer Moschee in der Nähe des Ground Zero stand mit einem Mal die Frage im Raum, ob Barack Obama als Präsident Amerikas amerikanisch genug ist. Hat er den Krug Amerika bis auf den letzten Tropfen geleert?

So sehr Barack Obama ein Präsident der Medien ist, weil es ihm gelang, per Facebook, Newsletter und Twitter eine Graswurzelbewegung zu seinen Gunsten zu schaffen, so sehr wird die Präsidentschaft des Barack Obama durch die kommunikativen Prozesse der Medien bedroht und geradezu in Zweifel gezogen. Unlängst zeigte sich einer meiner Freunde darüber enttäuscht, dass Obama kein, wie erwartet, Friedens- sondern ein Kriegspräsident geworden sei.  

 

Man muss daran erinnern – und das ist zweifellos schwierig in einer von News im Sekundentakt produzierten Wirklichkeit -, dass Barack Obama als Präsident der USA einen globalen Krieg geerbt hat. Er hat ihn nicht vom Zaun gebrochen. Einen Krieg ohne absehbaren Sieg zu beenden, ist zweifellos schwieriger, als einen vom Zaun zu brechen.

Das Schwanken der journalistischen Weltöffentlichkeit zwischen bewunderndem Erstaunen über gut organisierte Islamisten, Zorn über eine unfähige Regierung und Fassungslosigkeit über die zögerliche Hilfsbereitschaft der westlichen Welt angesichts der Überschwemmungen in Pakistan ist nur ein Zeichen für ein kommunikatives Dilemma. Dieses Dilemma besteht nicht mehr zwischen zwei Möglichkeiten allein, sondern zwischen drei und mehr, zwischen vielen.

 

Das zweipolige, überschaubare Dilemma ist ein Polylemma dezentralisierter, weit aufgefächerter Kommunikationsmöglichkeiten in einem pluralen Netz von Kommunizierenden geworden. Und es betrifft den Präsidenten wie die Weltöffentlichkeit. Das Polylemma, die Zwickmühle, in der mehr als zwei Akteure eine Meinung haben, betrifft eine Einzelperson in Gestalt des Präsidenten wie weltweit alle Teilnehmer an der Öffentlichkeit, die für die Katastrophe der Überschwemmung in Pakistan hergestellt wird.

„Torsten – I’m about to head to Grant Park to talk to everyone gathered there, but I wanted to write to you first. We just mad history. And I don’t want you to forget how we did it. You made history every single day during this campaign -- … But I want to be very clear about one thing …  All of this happened because of you. Thank you, Barack”

Das war Baracks Mail vom Mittwoch, den 5. November 2008 08:06 mit dem Betreff: How this happened. Darunter befand sich wie immer der rote Button: PLEASE DONATE.

 

Im Juli oder August 2008 hatte ich mich nach Barack Obamas Rede an der Siegessäule am 20. Juli 2008 unter Obama for America registrieren lassen. Ich hatte meine Adresse und E-Mail auf der Website eingetragen, weil ich wissen wollte, wie das läuft mit dem Wahlkampf in Amerika. Zum ersten Mal nahm ich damit quasi an einem amerikanischen Wahlkampf teil.


Meine schwierigste Erfahrung war, dass ich irgendwann kurz vor der Wahl kaum noch widerstehen konnte, für Obama zu spenden. Please Donate. Im amerikanischen Fernsehen lief offenbar auf allen Kanälen eine Werbeschlacht, die Abermillionen Dollar verschlang. Während die Republikaner gigantische Summen in die Fernsehkanäle pumpten, um mehr Sendeminuten zu besetzen, bettelte das Obama-Lager darum, finanziell mithalten zu können. Das größere Budget hatte John McCain.

 

Den Newsletter von Barack Obama bzw. dem Team von Obama for America unter David Plouffe, dem Wahlkampfberater oder Chef-Strategen, erhalte ich weiterhin. Es sind rhetorische Kabinettstückchen. Während Michelle Obama den Geburtstag ihres Mannes fernab in Paris oder Spanien verbringt, erhalte ich Mails von ihr, dass sie sich etwas ganz Besonderes für Barack zum Geburtstag ausgedacht habe. Wir wollen ihm eine Riesengeburtstagskarte schicken. Ich könne einfach unterschreiben und ein paar nette Worte dazu und natürlich PLEASE DONATE.

Die Geburtstagskarte bekomme ich durch einen Link gleich mitgeliefert und nach zwei Clicks unterschreibe ich eine Geburtstagskarte an den Präsidenten von Amerika. Man muss den Newsletter wohl als eine Facette des Social Networking auffassen, das ein wesentlicher Zug der Obama-Kampagne war und ist. Social Networking ist die Wiederkehr des Rhetorischen im Medium des Binären.

 

Das Netz des Sozialen generiert sich aus sprachlich verfassten Briefen, deren, sagen wir, Magie sich der Leser kaum entziehen kann. Im Moment seines größten Triumphes, als Obama im Grant Park von Chicago seinen Sieg erklären will, schreibt er einen Brief an seine Wählerschaft und Unterstützer. Das nennt man Timing. Es ist die Kraft des Virtuellen, die Kraft des Möglichen. Es ist zwar eher, ja, definitiv unmöglich, dass Barack an jenem 5. November auch nur den Bruchteil einer Sekunde an „Torsten“ gedacht hat, doch durch die technischen Möglichkeiten des Mediums erhält „Torsten“ einen Brief, dessen Wirkung sich der Leser nicht entziehen kann.

Was bewirkt die Virtualität des sozialen Netzes? Die Virtualität ist schnell, massenhaft, persönlich und erzeugt ein Netz, dessen Haltbarkeit ständig erneuert werden muss. Mit dem Verstummen der Newsletter von Joe Biden, Mitch Steward, Michelle Obama, David Plouffe etc. würde sich das Netz auflösen. Sozial ist das Netz eben deshalb, weil es nur über die Kommunikation über das Schreiben und Lesen von Briefen, also Sprache hergestellt wird. Über die Newsletter gewinne ich keinen Einblick darüber, wie viele Menschen noch den gleichen Brief, durch den ich mich persönlich angesprochen fühle, erhalten haben.

 

Eine andere Ebene des Social Networking ist Obama bzw. Whitehouse auf Facebook und Youtube. Das Virtuelle bekommt eine andere Qualität. Auf der Home-Seite meines Facebook-Kontos werden ständig neue Einträge angezeigt, von Menschen, mit denen ich befreundet bin bzw. mit denen ich mich verlinkt habe, und von Seiten, die ich mag, den Likes. Wenn ich Speedo International oder Barack Obama mag, dann erhalte ich auf meiner Home-Seite ständig Nachrichten, wenn S.I. oder B.O. etwas veröffentlicht haben.

Die Vernetzungen in den sozialen Netzwerken funktionieren sehr ähnlich wie ein Ballspiel, das Michel Serres für eine Kommunikationstheorie in seinem Buch Der Parasit beschrieben hat. „Das Wir ist kein aufsummiertes Ich,“ wie es bei Facebook im Link-Spiel erscheinen könnte, „sondern etwas Neues, das durch Delegation des Ich, durch Konzessionen, Verzicht, Resignation des Ich entsteht. Das Wir ist weniger ein Ich-Ensemble als das Ensemble der Ensembles des Übertragung. Es erscheint unverhüllt und roh in der Trunkenheit und in der Ekstase, diesen völligen Aufhebungen des Individuationsprinzips.“ (S. 350)

 

Facebook operiert wie andere Medien, wie Großveranstaltungen – sie sind Kommunikationsereignisse -, wie Bestseller, vorübergehend und meistens im Vorübergehen entsteht für einen Moment ein Wir. Facebook-User wollen an diesem Wir teilhaben, weshalb sie bereit sind, sich zu verraten. Sie verraten etwas über das Ich und verraten es auch. Das ist sehr ähnlich wie das Ballspiel bei Serres.

 

News Feed, das Nachrichtliche der permanenten Meldungen auf meiner Home-Seite hat noch einen anderen Effekt. Meine Zeit wird ausgerichtet. Die Zeit, die ich mit dem Lesen der Home-Seite verbringe, wird von meinen „sozialen“ Kontakten ausgerichtet. Meine Aufmerksamkeit, mein Umherschweifen wird gebunden, eingebunden, eingefangen. Das soziale Netzwerk ist instabil und wird immer wieder von neuen News nachgerichtet. Es produziert sich ständig aus sich selbst heraus durch Neuigkeiten.  

Barack Obama teile ich mit einigen Freunden und etwa 13 Millionen anderen Facebook-Teilnehmern, die virtuell meine Freunde werden könnten. Sind über 13.000.000 Menschen noch ein soziales Netzwerk? Es ist eine Frage des Virtuellen. Was ist möglich? Was ist unmöglich? Die 5 Freunde, mit denen ich Obama teile, kenne ich. Die weit über 13.000.000 nicht. Und Barack Obama, sogar David Plouffe, kennen mich wahrscheinlich gar nicht.

 

Soziales entsteht immer aus einem Gemeinsamen, aus einem Teilen, aus einem Verbinden. Die Verbindungen sind allerdings sehr locker geknüpft. Was uns miteinander verbindet, dass sind die Links und die gespeicherten Parameter der E-Mail-Adressen. Um das Soziale zu steuern, muss man heute eine Computer-Sprache beherrschen, die sich im Reich des Binären durchsetzt. Das Soziale ist sprachlich verfasst. Es ist das Teilen eines Programms. Das hört sich nicht nur zufällig an, wie das Teilen eines Programms einer Partei, die sich sozialdemokratisch nennt.

Neben Obamas Newsletter erhalte ich News aus den USA von meinem Freund Mike, der ein eifriger Zeitungsleser ist und gern besonders absurde Artikel über Erscheinungen in der amerikanischen Politik verschickt. Mir erscheinen sie jedenfalls oft absurd, obwohl sie möglicherweise viel weniger absurd sind. Mike sieht Amerika einerseits skeptisch, könnte man sagen. Andererseits ist das wohl recht genau der Blickwinkel der amerikanischen Mittelklasse, die mit Amerika nicht glücklich, mit Obama nicht unglücklich, die aber auf jeden Fall unglücklicher mit Sarah Palin wäre.

 

Die Fronten in der amerikanischen Politik verlaufen nicht zwischen Obama und einem irgendwie ernst zu nehmenden republikanischen Abgeordneten, sondern zwischen Barack Obama und Sarah Palin, die ernst genommen werden muss. Palin hilft John McCain während der Senatswahlen bei seiner 5. Kandidatur - und nicht umgekehrt. Das Verhältnis zwischen McCain und Palin ist umgekippt. Sarah Palin beherrscht ganz offenbar die mediale Präsenz der Republikaner, obwohl sie kein politisches Amt inne hat. Sie wird allerdings Kommentatorin bei Fox News, des ultrakonservativen Rupert Murdoch. Politik wird von Medienpräsenz aufgesogen und ist wahrscheinlich lukrativer.

In Anbetracht dieser Verhältnisse in der Medienöffentlichkeit kann ein Präsident im Wahlkampf sich nur den Verhältnissen anpassen, wenn er eine Mehrheit behalten will. Eine gegenläufige Haltung wäre sträflich und würde zum totalen Machtverlust führen. Die, wenn man es noch so nennen will, Alternative wäre Sarah Palin. Anders als durch die Logik des Virtuellen lässt sich kaum erklären, wie sehr Obama bemüht ist, in unterschiedlichen Rollen Glaubwürdigkeit zu erlangen.

Während Sarah Palin ein doch sehr einfaches und eindimensionales Bild in der Öffentlichkeit abgibt, ist der Präsident der Vereinigten Staaten dazu verdammt, mit seinen Grüßen zu Rosch ha-Schana aus dem Oval Office ebenso glaubwürdig und überzeugend zu erscheinen wie beim amerikanischen Labor Day am 6. September in Milwaukee. Barack Obama kann das. Diese Wandlungsfähigkeit von der hoch politischen Festtagsrede zur fast sinnfreien, allein patriotischen Formulierungen – There are no better workers than American workers – gelingt Obama geradezu perfekt.

 

Das eigentliche Dilemma besteht in einer pluralitischen Gesellschaft und ihrer medialen Verfassung zwischen dem Eindimensionalen und dem Mehrdimensionalen. Das Eindimensionale ist flach. Es ist immer gleichbleibend und penetrant. Die eindimensionale Sprache bleibt stets gleich oder ähnlich, ergeht sich in Wiederholungen und erzeugt im Mangel an Variation den Effekt von Authentizität und Wahrheit. Das Mehrdimensionale kann bis an die Grenzen des Überschaubaren führen. Deshalb fordert das Mehrdimensionale virtuell ein höheres Vermögen, das Plurale zusammen zu fassen.

 

Obama und seine Strategen haben mit Hilfe der neuen Medien, die Politik verändert. Sie haben tendenziell eine Vervielfachung durch die „persönliche“ Ansprache erzeugt. Dafür sind die Newsletter ein Beispiel. In der Bundestagswahl war eine vergleichbare Tendenz nicht zu beobachten. Durch die virtuelle Ansprache haben sie allerdings Erwartungen geweckt, die sich im politischen Verhandlungsgeschäft nicht durchsetzen lassen. Denn nun geht es nicht mehr um die Erfüllung eines Versprechens, mit dem ich mich identifiziere, sondern um eine Schnittmenge aus möglichst vielen Versprechen.

 

Die tendenzielle Pluralisierung von Politik durch die Medien im Wahlkampf schlägt im Präsidentenamt zurück. Das Bild von Obama ist gerade nicht mehr eines, sondern aufgesplittert in viele. Damit, so ist zu vermuten, fühlen sich allerdings viele Amerikaner tendenziell überfordert. Sogar George W. Bush erscheint im Nachhinein kommensurabler, er blieb immer gleich. Nach diesem Versprechen von Einfachheit in der Politik sehnen sich offenbar viele Menschen. Es ist eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit in einer Medienwirklichkeit, die unüberschaubar geworden ist.

 

Schana tova u'metuka

 

Torsten Flüh