Vermeer eingelesen und hochaufgelöst - Zur Kooperation der Gemäldegalerie Berlin mit Google Arts & Culture für Meet Vermeer

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Vermeer eingelesen und hochaufgelöst 

Zur Kooperation der Gemäldegalerie Berlin mit Google Arts & Culture für Meet Vermeer 

 

Anfang Dezember kündigte die Gemäldegalerie Berlin die Veröffentlichung der Plattform Meet Vermeer auf ihrer Website an. Sie hatte zwei Gemälde aus ihrem Bestand zusammen mit 17 weiteren kulturellen Einrichtungen aus 7 verschiedenen Ländern für die Plattform bereitgestellt. Herr und Dame beim Wein, auch bekannt als Das Glas Wein, und Junge Dame mit Perlenhalsband sind nun unter der Leitung eines namenlosen Google-Kurators neben den 34 anderen Gemälden von Johannes Vermeer van Delft in Hochauflösung online mit Zoom und Glossen zu bewundern. Denn 2017 hatte eine Umfrage herausgefunden, das 82% aller (US)-„Americans“ den Namen des Malers „behind Girl with a Pearl Earring“ nicht kannten.[1] – Bietet Meet Vermeer mehr als Meet & Greet?

 

Alle 36 überlieferten Gemälde von Vermeer sind nunmehr erstmals an einem Ort versammelt, nämlich der Google Arts and Culture-Plattform Meet Vermeer. Das trifft sich gut. Denn der Berichterstatter hatte sich gerade über Ausstellungen in Berlin informieren wollen. Eine Besprechung vor dem Jahreswechsel oder gar für diesen sollte es gern noch sein. Geschwiegen wird vom gründlich missglückten Besuch der 300. Vorstellung von Robert Wilsons Inszenierung der Dreigroschenoper im Berliner Ensemble am 28. Redaktion ist Welt als Improvisation. Statt Dreigroschenoper also Meet Vermeer, was die Leser*innen als kulturelles Upgrade auffassen mögen. Die Entdeckung der Plattform ist auch deshalb von Nutzen, weil die beiden Berliner Vermeers gerade bis Anfang Februar 2019 in Tokio in einer Ausstellung gezeigt werden. – Statt Aura des Kunstwerks nun also die Wunder der Pixel in Hochauflösung?

 
Google Arts & Culture: Discover the hidden Details in Vermeer's most famous works (Screenshot T.F.) 

Google hat nun also das ultimative Musée Virtuel statt eines Musée Imaginaire für Vermeer geschaffen. Meet Vermeer bietet seit Anfang Dezember 2018 alles, was rechentechnisch am Bildschirm und unter der Datenbrille möglich ist. Unter dem Samsung Gear VR kann man ein dreidimensionales Museum mit allen 36 Vermeers betreten, die sonst in der Welt über 18 kulturelle Einrichtungen verstreut sind. Das Gemälde Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster gibt es aktuell nur virtuell auf Google zu sehen, weil es bis 2020 in Dresden durch eine großzügige Spende der Hata-Stiftung aus Tokio restauriert werden kann.[2] Die Restaurierung von Gemälden ist immer heikel. Der Firnis ist schon entfernt. Die Farben haben sich verändert. Wie wird das Gemälde ausgesehen haben? Hat sich das Auge nicht an den abdunkelnden Firnis gewöhnt? Und was bietet die Hochauflösung der Pixel?

 
Screenshot T.F.

Mit der Restaurierung und der Hochauflösung geht es um technische Fragen des Lesens. Meet Vermeer bietet mehr als die Creative Commons-Fotos auf Wikipedia. Die Gemälde sind von professionellen Fotografen der kulturellen Einrichtungen aufgenommen und unterliegen dem Copyright. Die „ultra high resolution photographs“ in der 360° „digital exhibition“ bringen womöglich eine Sichtbarkeit hervor[3], die auf kleinformatigen Gemälden von Vermeer mit bloßem Auge z. B. in der Sammlung Alte Meister der Dresdner Gemäldegalerie kaum zu erkennen wären. Wieviel mehr gibt es durch die Hochauflösung zu entdecken? Oder zerstört sie gar, was wir beispielsweise als Spiegelbild des lesenden Mädchens in der Fensterscheibe zu sehen glaubten? Wie ist die Plattform aufgebaut? Welches Wissen vermittelt sie über einen Maler, von dem die Kunstgeschichte nur wenig weiß? Wie inszeniert der Google-Kurator das Wissen von Vermeer und seinen Bildern?


Screenshot T.F. 

Google Arts & Culture hat das Format der Gemäldeausstellung nicht neu erfunden. Diese Ausstellung, die zugleich ihr virtueller Katalog ist, verknüpft vielmehr unterschiedliche Wissensformate. Federführend sozusagen für Meet Vermeer ist niemand geringeres als die Direktorin der Mauritshuis Emilie Gordenker. Dort hängt das Gemälde Mädchen mit dem Perlenohrring, das vor allem durch den für drei Oscars nominierten Film Girl with a Pearl Earring (2003) mit Colin Firth und Scarlett Johansson nach dem gleichnamigen historischen Roman (1999) von Tracy Chevalier bekannt wurde. Anders gesagt: Weil über Johannes Vermeer van Delft außerordentlich wenig bekannt ist, gab sein Gemälde einen hervorragenden Anlass für den Roman über ein Bild. Es ist ein durchaus unscharfes, populäres Wissen, das 2017 die Google-Frage nach dem Maler des Gemäldes generierte. Wahrscheinlich blieb auch die Vorstellung vom Gemälde unscharf, das für die Geschichte und das Filmplakat um ein Männerprofil im Nacken ergänzt wurde.[4]    

 
Screenshot T.F.

Emilie Gordenker verweist darauf, dass das Interesse an Vermeer und seinem Gemälde Mädchen mit dem Perlenohrring zum Beispiel durch eine weltweite Ausleihe des Bildes in den letzten 25 Jahren zugenommen habe.[5] Weil man so wenig über den Maler und sein Bild weiß, wächst der Wunsch mehr vom Maler, seinem Bild und dessen Modell zu wissen. Das geringe verbriefte Wissen wie, dass sein Vater mit Textilien handelte und eine Gastwirtschaft in Delft betrieb, die Google als Antiquitätenladen für Street View fotografiert hat oder dass Johannes Vermeer als Protestant eine Katholikin geheiratet habe, reicht gerade, um Fragen und Erzählungen in Gang zu setzen.[6] Was sich verlinken und taggen lässt, wird miteinander verknüpft. Die biographischen Narrative zum Maler und seinen Bildern fallen spärlich aus. Deshalb kitzeln sie das Interesse als einem Wissenwollen.


Screenshot T.F. 

Gordenker knüpft an die mythologische Figur der Sphinx als Geheimnisträgerin an: „Is Vermeer still the ´Sphinx of Delft´?“ Allein durch ihre Schweigsamkeit vermag die Sphinx als Mischwesen aus Mensch und Tier, aus Menschenkopf und Löwenkörper die Fragen nach Herkunft, Art und Geschlecht zu wecken.[7] Das grammatische Geschlecht der im Deutschen weiblichen Sphinx wird denn auch zum Gegenstand einer Ordnungsfrage in Griechisch, Deutsch, Französisch und Ägyptisch. Die Faszination Vermeers lässt sich demnach als eine Ordnungsfrage nach Herkunft und Zugehörigkeit formulieren. Vermeer lässt sich schwer anderen Malern, einer Werkstatt oder Familie zuordnen. So kommt denn auch Gordenker zum Schluss, dass Vermeers Arbeiten uns immer ein bisschen weniger als ein vollendetes Bild (complete picture) geben.[8] Die weißen Tupfer an den Ohren fallen ins Auge, damit wir die Perlen sehen wollen wie bei der schreibenden Frau am Tisch. Mehr noch die Perlen, Briefe und Spiegelbilder lösen sich im Zoom und der „ultra high resolution“ auf.

 
Screenshot T.F.

Das Mauritshuis in Den Haag beherbergt ebenfalls Vermeers Ansicht von Delft, die detailreich, aber mit 96,5 cm Höhe mal 115,7 cm Breite klein, fast winzig ausfällt. Das Kleine verschiebt womöglich auch den Blick, weil es die winzigen Details der Stadtansicht fast verschwinden lässt. So werden denn auch nicht die winzigen Details in der sprachlichen Erfassung des Gemäldes genannt, sondern die drei großen bzw. dominierenden horizontalen Flächen. Die Geheimnisse indessen sind im Detail versteckt, das sich nun mehr mit der Maus und dem Drehrad heranzoomen lässt. In den Details könnten sich die Betrachter*innen verlieren. In den Flächen lässt es sich einrichten. 

This is the most famous cityscape oft he Dutch Golden Age. The interplay of light and shade, the impressive cloudy sky and the subtle reflections in the water make this painting an absolute masterpiece.[9]       


Screenshot T.F. 

Die Ansicht von Delft, wie Vermeer sie gemalt hat, lässt sich heute und mit den historischen Stadtplänen auf Wikipedia kaum verifizieren. Dabei enthält das Gemälde viele Details, die Wirklichkeitseffekte generieren. So steht die Uhr an dem torartigen Gebäude neben der Brücke auf 2 Uhr 35. Um 1660 war eine derartige Uhr an einem Hafenbecken vor der Stadt gewiss ein Novum. Es wird eine Art Stadt- oder Hafenverwaltung beherbergt haben. Bei näherer Betrachtung durch Zoom lassen sich nicht nur auf dem sandhellen Kai am unteren Bildrand sechs Personen erkennen, vielmehr sind auch auf dem Kai vor der Stadtmauer zahlreiche Personen in mikrologischen Strichen angedeutet. Es ist eine von den Wolkenformationen eher sommerliche Szene um die Mittagszeit. Die Spiegelungen, die Uhr, die kurzen, kaum vorhandenen Schatten der Personen auf der Hafenanlage, die kaum bewegte Oberfläche des Wassers in waagerechter Schraffierung stellen eine faszinierende Wirklichkeit her, die es so nie gegeben haben muss.


Screenshot T.F. 

Der Wunsch, von den Figuren mehr denn Personen auf dem Kai zu erzählen, wächst mit den angedeuteten Details, die sich durch Zoom vergrößern. Eine Gruppe von zwei in Schwarz mit Schürzen gekleideten Frauen und zwei herrschaftlichen Männern mit schwarzen Hüten steht neben einem Kahn. Die Frau mit der weißen Haube trägt ein Kleinkind ebenfalls mit einer weißen Haube auf ihren Armen. Sie steht etwas abseits, während sich die drei anderen Figuren – in einem Gespräch – einander zugewandt stehen. Ist es eine Abschiedsszene? Wird gehandelt? Ein wenig entfernt haben sich zwei Frauen zueinander gewandt, als führten sie ein Gespräch. Die sechs Figuren beleben das Bild von der Stadt ungemein, indem sie wenigstens zwei unterschiedliche Szenen des Stadtlebens andeuten.


Screenshot T.F. 

Die Ansicht von Delft steht vielleicht nicht am Anfang, doch sie fällt in die Frühzeit der Veduten im 17. und 18. Jahrhundert. Dieses neuartige Genre der Malerei wird von Caspar van Wittel um 1700 mit Ansichten von Rom ausgebaut und zur Blüte entwickelt. Stadtansichten werden vor allem im 18. Jahrhundert von Caneletto mit der Camera Obscura und belebten Szenen zu wie detailgenauen Darstellungen städtischen Lebens. Die Piazza San Marco von Canaletto kann anhand einiger Details ziemlich genau auf einen Zeitraum zwischen 1723 und 1724 datiert werden. Doch diese Möglichkeit fehlt bei Vermeers Ansicht von Delft ca. sechzig Jahre zuvor. Nieuwe Kerk (rechts) und Oude Kerk (links) lassen sich in der Stadtansicht identifizieren. 

We are looking at Delft from the south. There is hardly a breath of wind and the city has an air of tranquillity. Vermeer reflected this tranquility in his composition, by making three horizontal strips: water, city and sky. He also painted the buildings a bit neater than they actually were.[10]     


Screenshot T.F. 

Google – „Discover the hidden details in Vermeer’s most famous works – A up-close look with the help of Art Camera“ – kombiniert die Details zum Beispiel des Berliner Gemäldes Das Weinglas mit Textblöcken.[11] Das Bild und seine Details werden durch die Kombination von Bilddetail und Text erzählbar. Sie generiert eine Moralerzählung. Jedes bildhafte Detail lässt sich beispielsweise als Emblem entschlüsseln. Dies trifft z.B. in den Gemälden Das Weinglas wie Mädchen mit Weinglas zu. Während in dem ersten Gemälde das Emblem der Temperantia unscharf bleibt, wird es im zweiten im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig befindlichen fast schon überdeutlich ausgemalt.[12] 

The stained glass window shows a fimale figure with bridles, a motif that can be identified as a personification of „Temperantia“ (moderation). In the context of the scene depicted, Temperantia alludes to the consumption of wine, but also tot he dangers of letting oneself get carried away by emotions. Vermeer used the emblema second time in the Girl with a Wine Glass (Brunswick), in which the man’s advances are much more explicit.[13] 

(Das Glasfenster zeigt eine weibliche Figur mit Zügeln, ein Motiv, das als Personifizierung von „Temperantia“ (Mäßigung) identifiziert werden kann. Im Rahmen der abgebildeten Szene spielt Temperantia auf den Weinkonsum an, aber auch auf die Gefahr, sich von Emotionen mitreißen zu lassen. Vermeer nutzte das Emblem oder Sinnbild zum zweiten Mal bei dem Mädchen mit einem Weinglas (Braunschweig), in dem die Zudringlichkeit des Mannes viel deutlicher wird.)


Screenshot T.F. 

Die neuartige, quasi animierte Kombination von Bild und Text lässt sich als die eigentliche Google-Innovation formulieren. Die Glosse schreibt und zeigt, was gesehen werden soll. Der Text schiebt sich als Glosse in ein Bilddetail und lässt das Emblem als Transformation einer Morallehre lesbar werden. In dem Moment springt das faszinierende Bild in ein Moralbild um. Demnach bedürften die Frauen in Vermeers Bildern vor allem einer Moral, die sie im Bild lesen und erkennen sollen. In Das Weinglas und Mädchen mit Weinglas werden nicht etwa die Männer wegen ihrer Zudringlichkeit belehrt oder verurteilt, vielmehr sollen die Frauen an die Temperantia bzw. Mäßigung erinnert werden. Dann hätte Vermeer etwa die kleinformatigen Bilder für Frauen gemalt, damit sie in einer Gesellschaft von seefahrenden Kaufmännern, also abwesenden Ehemännern beständig an ihre Treue erinnert werden. Man könnte sich die Kaufmänner als Auftraggeber vorstellen, die ihren Frauen in der See- und Handelsstadt Delft zum Abschied Moralbilder in die Hand drücken. – Oder doch lieber nicht?


Screenshot T.F. 

Das brieflesende Mädchen am offenen Fenster von Jan Vermeer van Delft in der Gemäldegalerie Alte Meister zu Dresden inszeniert eine Leseszene, die oft besprochen worden ist. Es ist vermutlich die älteste Darstellung einer lesenden Frau von Vermeer, wenn man der Datierung von insgesamt 8 Lese- und Schreibszenen des Malers folgen will. Schreibende und lesende Frauen sind in Vermeers heute bekanntem Werk von 37 Bildern demnach ein genre-bildendes Thema. Entsprechend sind die unterschiedlichen Ausarbeitungen wie die mit dem Weinglas wiederholt in einen Moral-Kontext gestellt worden. Die Bilder stellten inkriminierte Liebes-Brief-Wechsel dar, von denen die Frauen abzuhalten wären. Die sehr verschiedenen Ausarbeitungen des Moralthemas von der lesenden und deshalb untreuen Frau lassen unterdessen auch andere Sichtweisen zu.


© SKD Foto: Wolfgang Kreische 

Mit einer Höhe von 83 cm und einer Breite von 64,5 cm ist das Gemälde wiederum recht klein. Wertschätzung und Gebrauchsweisen sind mit dem Kleinen verknüpft. Das Kleine wird oft übersehen. Es ist leicht zu übersehen. Und es gehört nicht zu den sogenannten Highlights der Dresdner Galerie. Auf dem Audioguide der Gemäldegalerie Alte Meister erfährt das größere Gemälde mit dem käuflichen Mädchen in seiner zitronengelb leuchtenden Bluse, der zum Empfang ihres Lohns geöffneten rechten Hand und den leicht geröteten Wangen eine ausführlichere Betrachtung. Das kleinere Bild wird nur nebenbei erwähnt. So muss sich die Betrachterin das lesende Mädchen am offenen Fenster selbst erschließen. Das kleinere Bild darf nach einigen Augenblicken schnell als das komplexere gelten.


Screenshot T.F. 

Während das größere die all zu offensichtliche und leicht entschlüsselbare Szene einer Verführung, die kaum noch als eine solche genannt zu werden braucht, zeigt, geht es mit der Leseszene um subtilere Arten des Verführens. Die Liebe im ersten Bild wird mit barer Münze abgegolten. Im anderen Bild geht es auch um Liebe – so oder so -, aber auf merkwürdig verschlüsselte Weise. Das größere Gemälde springt schon wegen dem flächigen Gelb- und Rot-Kontrast ins Auge, während das kleinere das Auge herausfordert, genauer hinzuschauen. Zunächst ist das Bild so inszeniert, dass alles offen und hell vor uns liegt. Eine junge Frau mit geordneter Haartracht steht an einem weit geöffneten Fenster. Die Sonne scheint ihr auf die Stirn und auf den Papierbogen, den sie im unteren Drittel zwischen ihren Händen aufgespannt hat. Sie hat bereits einen guten Teil des Schreibens gelesen.


Screenshot T.F.

Ein roter Vorhang ist zusammengezogen und schwungvoll über das geöffnete Fenster geworfen, damit er nicht stört. Zur Leseszene gehört ein weiterer Vorhang, bei dem man sich unsicher wird, wozu er überhaupt im Gemälde auftaucht. In der Google Animation wird auf diesen Vorhang nicht eingegangen. Er wird hingenommen. Am äußersten oberen Rand des Bildes durchtrennt eine Vorhangstange die Bildaufteilung scharf. An der Stange hängt der opulente, lindgrüne Vorhang, der zur Seite gezogen ist. Dieser Vorhang, von dem man nicht weiss, wozu er überhaupt im Bild auftaucht, gibt zu denken.


Screenshot T.F.

Ein weiteres Element der Bildkomposition zieht regelrecht den Blick auf sich. Es sind das Gesicht und die Brustpartie des Mädchens, die sich in der Scheibe des Fensters spiegeln. Während durch die Helligkeit und Farbigkeit des Bildes alle Konturen kontrastreich zu erkennen sind, bleibt das Spiegelbild unscharf. Es ist vermutlich die geschickte Unschärfe, die den Blick herausfordert. Nicht, dass man nicht erkennen könnte, dass es das Spiegelbild des Mädchens ist. Das Spiegelbild in seiner Unschärfe ist vielmehr flächiger als das Portrait des Mädchens selbst. Und mit der Unschärfe, die die größere Flächigkeit hervorbringt und die die beim Lesen niedergeschlagenen Augenlider deutlich hervorhebt, während das Mädchen nur im Profil ausgearbeitet ist, beginnt die Betrachterin zwischen beiden zu vergleichen. Stimmt das Spiegelbild überhaupt? Mit einem Mal gibt es in dem Bild eine Inkongruenz.


Screenshot T.F.

Vermeers Interieurs, Kleider und Kleidungen sind in seinen wenigen Bildern wiederholt zu finden. Er verwendet eine Art Sprache der Dinge. So erinnert der opulente Teppich über dem Bett, hinter dem das Mädchen steht, an den Teppich in dem größeren Gemälde, wo ein Teppich über ein Geländer geworfen ist. Das Kleidoberteil des Mädchens im Profil findet sich in Vermeers Gemälde Soldat und das lachende Mädchen wieder. Auf dem zweiten Bild ist das Kleid in einem Zweidrittel-Profil zu sehen. Es ist ein kostbares Kleid. Die junge Frau mit Wasserkrug am Fenster scheint es ebenso zu tragen wie die Cembalo-Spielerin auf dem Gemälde mit dem Titel Das Konzert. Es ist ein weit geschnittenes Oberteil. Schwarz mit lindgrüner Seide, wobei das Lindgrün je nach Lichteinfall in einen Goldton wechseln kann. Das Schimmern, das sich vor dem Bild in der Galerie einstellt, ist bei Google auf dem Smartphone, Tablet oder Desktop fast unmöglich. Auch ist es allein auf dem Bild des Mädchens am Fenster so, dass das Oberteil viel zu groß wirkt. Es passt auf den zweiten Blick überhaupt nicht. Das ist merkwürdig.


Screenshot T.F. 

Während auf den ersten Blick alles im Bild stimmig war, gerät es auf den zweiten ins Schwanken. Das Samtige des Teppichs lässt sich sinnlich mit Händen greifen. Einmal auf der Samt des Teppichs aufmerksam geworden, kann mir das Stillleben einer flachen Porzellanschale mit verschütteten Äpfeln und Pfirsichen nicht mehr entgehen. Dabei ist daran zu erinnern, dass Pfirsiche eben Persische Äpfel heißen. Die samtige Haut der Pfirsiche besticht nun das Auge genauso, wie die blaue Glasur der Schale. Ein Pfirsich ist aufgeschnitten und liegt mit dem dunklen Kern und dem hellen Fruchtfleisch offen neben der Schale. Vom Persischen Apfel ist gegessen worden. Unversehens befinden wir uns beim Samt, dem Kern, dem Fleisch und der Glasur in einem mikrologischen Bereich des ohnehin nur 83 x 65 cm großen Gemäldes. Während das Samtige die Konturen durchlässig werden lässt, setzt sich die Seide des lindgrünen Vorhangs dazu scharf ab.


© SKD Foto: Wolfgang Kreische 

Der Vorhang mit seiner feinen, scharfen Seide lädt uns in die Inszenierung der Lese-Liebes-Szene ein und schneidet uns von ihr ab mit der Schärfe eines Seidenfadens. Da uns der zur Seite gezogene lindgrüne Vorhang, das weit geöffnete Fenster mit dem darüber geworfenen roten Vorhang und nicht zuletzt das helle, sonnige Licht immer wieder eingeladen haben, uns die Szene anzusehen, sehen wir auch, dass wir nichts sehen. Die niedergeschlagenen Augenlider verdecken die Augäpfel des Mädchens, was uns noch deutlicher als im Profil das unscharfe Spiegelbild zeigt. Wir sehen, dass wir nichts sehen. Wir lesen, dass wir nicht nichts lesen. Und doch ist es nicht einfach, als hätten das Sehen und das Lesen zu nichts geführt. 

 

Torsten Flüh 

 

Google Arts & Culture 

Meet Vermeer 

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[1] Editorial Feature: Johannes Vermeer: The most famous artist you’ve never heard of. Discover all 36 of the mysterious artist’s paintings in the same place fort he first time. (ohne Datum)

[2] Gemäldegalerie Alte Meister: Forschung: Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ (ohne Datum)

[3] Editorial Feature: Johannes … [wie Anm. 1]

[4] Siehe: Girl with a Pearl Earring (Wikipedia)

[5] Emilie Gordenker: Is Vermeer still the ´Sphinx of Delft´? (Editorial Feature)

[6] Editorial Feature: 12 things you didn’t know about Vermeer. Art historiam Jonathan Janson offers insight into the mysterious artist. (Editorial Feature)

[7] Zu Mischwesen vgl. auch: Torsten Flüh: Haarige Konfrontationen. Zu Thomas Machos Vortrag Verwandlungsgeschichten: Von Wölfen und Schweinen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. November 2013 21:35.

[8] Emilie Gordenker: Is Vermeer … [wie Anm. 5]

[9] Jan Vermeer c. 1660 – 1661: View of Delft. (Google Arts & Culture)

[10] Ebenda.

[11] Editorial Feature: Discover the hidden details in Vermeer’s most famous works – A up-close look with the help of Art Camera. (Editorial Feature)

[12] Jan Vermeer: Das Mädchen mit dem Weinglas. (Google Arts & Culture)

[13] Jan Vermeer: Das Weinglas. (Google Arts & Culture)