Irische Avant Garde und Straßenmusiker in der U6 - Jennifer Walshe hält eine Mosse-Lecture und das Duo LuKo spielt Uraufführungen

Musik – Klang – Geschichte 

 

Irische Avant Garde und Straßenmusiker in der U6 

Jennifer Walshe hält eine Mosse-Lecture und das Duo LuKo spielt Uraufführungen in der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ 

 

Vor ziemlich genau einem Jahr trat Jennifer Walshe in einer Late-Night Performance beim Festival ultraschall im Radialsystem mit ihrem Programm ALL THE MANY PEOPLS auf.[1] Lieh sie dort einem Sprachroboter ihre Stimme, so setzte sie diese als 12 männliche und weibliche Stimmen auf äußerst vielfältige Weise für Never Ending. Reimagining the Musical History of Ireland in ihrer Mosse Lecture vor zwei Wochen ein. Tags darauf nahm sie an der Vortragsreihe FEM*_MUSIC*_3: ›Other‹ practices in der international renommierten Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ hinter dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt teil. Auftritte bei ultraschall, dem Festival für Neue Musik von Deutschlandfunk Kultur und kulturradio von rbb, entfalten offenbar Synergien.

 

Sendetermine der Konzerte von ultraschall stehen noch bevor, obwohl das Festival am Sonntag bereits mit dem großen Abschlusskonzert des Deutschen Sinfonie Orchesters (DSO) unter der Leitung von Evan Christ im Großen Sendesaal des Funkhauses an der Masurenallee zu Ende gegangen ist. Am 29. Januar wird zur Nachtzeit um 1:05 Uhr in der Reihe Tonart Klassik auf Deutschlandfunk Kultur das Konzert von letztem Donnerstag im Studiosaal der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ mit dem Duo LuKo unter dem Titel Holz im tiefen Winter zu hören sein. Martin Bliggenstorfer, Lupophon, und Elise Jacoberger, Kontraforte, werden dann 7 jeweils zehnminütige Kompositionen von Schüler*innen der Hochschule uraufführen. Also ganz neue Musik.

 

Liegt ultraschall mit Neuer Musik im Trend? Mehr als 5.000 Besucher erlebten an 5 Tagen zwischen dem 17. und 21. Januar zahlreiche ausverkaufte Konzerte mit insgesamt 18 Ur- und 6 Erstaufführungen. Im zwanzigsten Jahr des Festivals erreichte ultraschall damit einen neuen Besucherrekord. Tatsächlich waren einige Konzerttermine im radialsystem V oder im Heimathafen Neukölln in diesem Jahr besser besucht als in den letzten Jahren. Doch auch die Spielstätten haben gewechselt. Der Pierre Boulez Saal verkauft seine Konzerte im Moment ähnlich gut wie die Hamburger Elbphilharmonie, populär „Elphi“ genannt. Egal, was gespielt wird, die Konzerte sind in kürzester Zeit ausverkauft. Das galt auch für die zwei Konzerte am Sonntagnachmittag im Pierre Boulez Saal. Die Konzerte im Kammermusiksaal der Philharmonie zu verkaufen, wäre wahrscheinlich schwieriger geworden. Die Musik ist die gleiche, das Publikum ist ein anderes.

 

Jennifer Walshe, eine Entdeckung des neunzehnten Jahrgangs von ultraschall, beherrscht gleich eine ganze Bandbreite von Musik-Performance-Formaten. Never Ending. Reimagining the Musical History of Ireland war als dritte Performance, die der Berichterstatter nach An Gléacht des irischen Künstlers Caoimhin Breathnach bei MaerzMusik 2017 erlebt hat.[2] Wer war eigentlich „Caoimhin Breathnach (1934-2009)“? Das Programm von MaerzMusik 2017 gab darüber nur soviel Auskunft, dass er ein „Outsider“ der irischen Musik- und Kunstszene gewesen sei und sich im irischen Knockvicar auf „die Erstellung von „subliminalen“ Tonbändern und Filmen (konzentriert)“ habe.[3] Selbst auf der Website zu An Gléacht der Milker Coporation „RE-INNOVATING TOMORROW’S FUTURE. TODAY“ wird nicht sehr vielmehr verraten über Caoimhín Breathnach.

 

Margarete Zander verriet im Gespräch mit Jennifer Walshe in der Mosse-Lecture fast ein wenig zu schnell, dass diese die „Lady Gaga der neuen Musik“ sei.[4] Caoimhín Breathnach ist ein Alter Ego der Komponistin, bildenden Künstlerin, Performerin und Wieder-Erfinderin der irischen Moderne in der Musik. „Since 2007 Jennifer Walshe has been engaged in Grúpat, a project in which Walshe has assumed multiple alter egos - all members of art collective Grúpat - and created compositions, installations, graphic scores, films, photography, sculptures and fashion under these alter egos.”[5] Man könnte sie auch eine Konzeptkünstlerin der irischen Musikgeschichte nennen. Das 20. Jahrhundert und die Moderne mit ihren Ismen – Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus, Realismus ... – erreichte Irland kaum, weil die anglo-irische Kunstszene und die Katholische Kirche dominierten, um „Outsider“ zu verhindern.

 

Neben An Gléacht hat Jennifer Walshe mit der Seite aisteach, dem „avant garde archive of Ireland“ eine umfangreiche Kunst-Datenbank, mit Text-, Bild-, Audio- und Video-Dateien aufgebaut, die sie in einer Performance genauer vorstellte. Jennifer Walshe war 2004/2005 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD und nimmt seit 19.12.2017 eine DAAD-Gastprofessur an der Hochschule für Künste Bremen wahr. Sie ist nicht nur Komponistin und Multi-Media-Künstlerin, sondern nutzt das Internet in seiner Wissensfunktion auf ebenso kreative wie kommunikative und kritische Weise. aisteach ist auch eine offene Plattform für Beiträge von anderen Nutzer*innen. Doch die Offenheit ist im Internet nicht immer leicht zu praktizieren. Letztlich sind alle Beiträge von Walshe. Einerseits lässt sie mit aisteach eine Irishness entstehen, die es wegen der spezifischen Geschichte Irlands und der Republik Irland nie gegeben hat, die nicht stattfinden konnte. Andererseits verschwindet vielleicht gerade in den letzten Jahren die Notwendigkeit von Geschichte, weil Irland boomt und Microsoft mit seinem EMEA Headquater mittlerweile über 2.000 Arbeitsplätze in Dublin schaffen will.[6]  

 

Jennifer Walshe will die Konstruktion ihrer Irishness nicht ironisch verstanden wissen. Es ist ihr ernst mit der Geschichte, die nicht stattfinden konnte und  durfte. Während heute digital natives nicht zuletzt wegen Microsoft nach Dublin ziehen, gab es bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts kaum Perspektiven für junge Menschen in Irland, so dass alle wegzogen – USA, UK, Australien etc. Schwule gingen in die USA, wenn sie konnten, oder flogen übers Wochenende nach Liverpool, London oder Berlin. Mittlerweile hat Irland die Ehe für alle, was selbstverständlich in den 90er Jahren oder 2000 noch undenkbar war. Die Künstlerin Jennifer Walshe gibt beispielsweise mit der avantgardistisch orgelspielenden Ordensschwester Anselme O’Ceallaigh jenen eine Stimme, die keine haben durften. Auch die Guinness Dadaists hätte es geben sollen. Doch sie existieren nun allererst im Internet durch die Stimme von Jennifer Walshe.

 

Für ihre Entwicklung als Künstlerin war es wichtig, dass sie schon einen Teil ihrer Kindheit und Jugend durch den Arbeitsort ihres Vaters im Ausland verbrachte, sagt sie im Gespräch mit Margarete Zander. Das Weggehen und Zurückkommen während des Studiums in Schottland und Chicago etc. gehört für Jennifer Walshe zur Kunstpraxis. Auf diese Weise wird Fionn Mac Cumhail aus der irischen Mythologie zum Erfinder einer „music of what happens“. Es gibt wohl Quellen, in denen Fionn Mac Cumhail mit der „music of what happens“ in Verbindung gebracht wird, doch erst Jennifer Walshe nutzt daraufhin „any material“ für ihre Kompositionen. Auf kreative Weise verwandelt sie Materialien aus Nachforschungen in eine zukunftsweisende irische Kunst, jenseits der Kelly Family. Fionn Mac Cumhail wird nicht zuletzt in Verbindung gebracht mit dem Teil Finnegan's Wake aus James Joyce' Ulysses. Dort erwacht Tom Finnegan von den Toten, indem ein Trinklied auf ihn gesungen wird.

 

Man könnte die Kompositionspraxis von Jennifer Walshe eine andere, eine feministische nennen. Sie betont das Queere und Feministische ihrer Kunst nicht besonders stark. Doch ganz offenbar entstehen mit An Gléacht, Grúpart oder aisteach über das Medium Internet neuartige Formate der Irishness. Das hat auch etwas mit einem neuartigen Verständnis von Museum zu tun. Das Archiv und Museum richtet sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern die Zukunft aus. Vielleicht war das Museum von Anfang an ein Zukunftsprojekt, weil es Geschichte des Vergangenen für die zukünftige Wahrnehmung anschaulich und hörbar machte. Die Spannbreite zwischen ALL THE MANY PEOPLS und Never Ending. Reimagining the Musical History of Ireland zeigt bei Jennifer Walshe, welche Vielfalt an Material heute in der Neuen Musik verarbeitet werden kann.  

 

Auch das Konzert mit dem Duo LuKo ging zurück auf vielfältiges Material, das in den Kompositionen von Studenten*innen für die beiden von Benedikt Eppelsheim und Guntram Wolf erst seit 2010 entwickelten Holzblasinstrumente, Lupophon und Kontraforte verwendet wird. Es handelt sich also unbedingt um Neue Musik, weil es zuvor noch gar keine Möglichkeit gab, das Klangspektrum – oder könnte man auch sagen das Material? – der Instrumente auszuprobieren. Die Klangfarbe der beiden Instrumente kann man als warm formulieren. Deshalb wohl auch der Konzerttitel Holz im tiefen Winter, der in diesem Jahr in Berlin eher mild ausfällt. Performativ ging Lucien Danzeisen mit seiner Komposition U Französische Straße am weitesten. Elise Jacoberger spielte neben einem Leopard-Einkaufstrolley mit Lautsprecher und Playback das Kontraforte Solo als Uraufführung. Sie nutzt für das Playback ein Smartphone. Super! Entschuldigung. Doch der Berichterstatter kennt das Material.


© Gundula Krause

U Französische Straße ist die Station auf der Linie U 6 von Alt-Tegel über Wedding und Bahnhof Friedrichstraße nach Alt-Mariendorf im Süden. Der Berichterstatter benutzt diese Linie auch fast täglich. Immer wieder steigen Straßenmusiker zu, singen oder spielen knapp ein Stück, einen Melodiefetzen zwischen zwei Stationen, gelegentlich mit Playback im Einkaufstrolley oder Rucksack etc., sammeln mit einem Pappbecher und steigen schon an der übernächsten Station wieder aus. Der Musikgenuss ist eher ein zweifelhafter zwischen Besame mucho, Vivaldi und noch anderes.

 


© Gundula Krause

 

Der Melodiefetzen, die schnell in wenigen Takten erkennbare Melodie zählt im Minutentakt der Stationen. Das beherrschen die Musiker*innen in der U-Bahn mit recht unterschiedlicher Qualität. Die Rhythmusmaschine im Trolley oder Rucksack wird angeschmissen, möglichst mit Lichtorgel, und die Melodie wird kaum ausgespielt. Doch darauf reagieren die Fahrgäste und spenden schon mal 'nen Euro. Dann sind die Musiker*innen wie die junge Frau mit der Geige schon wieder auf dem Bahnsteig. Lucien Danzeisen lebt wie der Berichterstatter im Wedding und studiert an der Hanns Eisler Musikhochschule mit der Station Französische Straße. Ein Einkaufstrolley mit Leopardenmuster wurde natürlich in der U 6 noch nicht benutzt. Ist queer, aber die Transformation der Straßenmusik zur Neuen Musik mit technischer Verkopplung und ausdifferenzierten Tönen statt angespielten Melodien ist schon klasse. Daraus lässt sich mehr machen.


© Gundula Krause 

Playback und Elektronik spielen in den Kompositionen von Tomoya Yokokawa, Faidra Chafta Douka, Dustin Zorn, Luzien Danzeisen, Joaquín Nicolas Macedo, Mert Morali und Mijin Oh für die neuartigen Holzblasinstrumente wiederholt eine Rolle. Das Kontraforte wird in seiner klanglichen Bandbreite häufig als Melodieninstrument genutzt. Doch Melodien kommen in den Stücken eher weniger vor. In Luzien Danzeisens komplexer Komposition wird das Kontraforte auch ohne Mundstück gespielt. Atemgeräusche bleiben vor den identifizierbaren Tonarten. Dustin Zorn spielt in Gegenwolf das Lupophon gegen das Kontraforte aus. Ohne Mundstück erinnert das Lupophon an ein Wolfsheulen.

Mert Morali komponiert Cul-de-sac in einem Kompositionsschema von 3 kurzen Sätzen. Joaquín Nicola Macedo arbeitet in Studie mit Elektronik und feilt mit Rückkopplungen und Prozessualisierung Echos heraus. Bei Faidra Chafta Douka wechseln langanhaltende Töne mit kurzen, fast geht sie in [and as bracketed] (und wie in Klammern gesetzt) an die Grenzen zur Sprache. Die Bandbreite der Möglichkeiten und das Interesse an einer Art Klangforschung ist in den sieben Kompositionen erstaunlich. Natürlich hat das auch etwas mit der großen Experimentierfreude von Martin Bliggentorfer, Lupophon, und Elise Jacoberger, Kontraforte, zu tun. Komponieren heißt in der Neuen Musik heute vielleicht weniger ein Erfinden von Melodien als ein Forschen in der Musik. – Den Leoparden-Einkaufstrolley wird man im Radio allerdings nicht sehen können.

 

Torsten Flüh

 

Holz im tiefen Winter // Musik für Lupophon und Kontraforte 

Deutschlandfunk Kultur 

Tonart Klassik 

am 2018-01-29 01:05:00 Uhr    

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[1] Siehe: Torsten Flüh: Performanz der Stimmen. ultraschall zwischen Wolfgang Rihm und Heinz Winbeck. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. Februar 2017 16:25.    

[2] Siehe: Torsten Flüh: An der Grenze des Verstehens. Grain de la Voix und Jennifer Walshe bei MaerzMusik 2017. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. März 2017 21:19.  

[3] MaerzMusik 2017: An Gléacht JENNIFER WALSHE & CAOIMHÍN BREATHNACH An Gléacht Film, 30 min., colour, sound (2015) (MaerzMusik 2017)

[5] AN INTRODUCTION TO GRÚPAT (Milker Cooperation)

[6] Paul Fingleton: Microsoft announce 200 new jobs for Dublin. In: TechKnow Ireland October 5, 2017.