Black Voices/Schwarze Stimmen - Zur gefeierten Porgy and Bess-Aufführung der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle

Rasse – Geschlecht – Musikgenre

 

Black Voices/Schwarze Stimmen

Zur gefeierten Porgy and Bess-Aufführung der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle

 

Am 14. September wurde im Rahmen des musikfestes berlin 2012 in der Philharmonie, die konzertante, aber halbszenische Aufführung der Oper Porgy and Bess aus dem Jahr 1935 mit Sir Simon Rattle am Pult, Sir Willard White als Porgy, Latonia Moore als Bess, weiteren exzellenten Solisten und dem Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus stürmisch gefeiert. Wenn es bei den Berliner Philharmonikern nicht die ungeschriebene Regel gäbe, dass das Orchester nach gefühlten 10 Minuten, und sei der Beifall noch so groß, das Podium verlässt, hätte das Publikum, das bereits mit Standing Ovations dankte, sicher noch entschieden länger applaudiert.

Porgy and Bess? Ist das nicht ein Musical? Und ist das nicht überhaupt eine Aneinanderreihung von allbekannten Hits wie Summertime, It Ain’t Necessarily So, I got plenty of nuttin  …? Ebenso wie die Genrezuordnung strittig ist, wurde im Herbstsemester 2011 in einem Seminar an der Harvard Faculty of Arts and Science darüber diskutiert, wie „gender, race, class, and identity“ in Porgy and Bess vorkommen und was das für eine Neuinszenierung heute heißt. Das Seminar Porgy and Bess: Performance and Context ist sogar für Distance Education der Harvard University Extension School freigeschaltet.


Foto: Monika Rittershaus

 

Insofern als durch das Format der konzertanten Aufführung die Fragen nach der Darstellung von „gender, race, class and identity“ auch umgangen werden konnten, wird das Musikalische stärker betont, was in einer Aufführung der Berliner Philharmoniker in der Regel spannend genug ist. Ein Novum ist es allerdings, dass die Gershwin-Erben peinlich darauf achten, dass die Autorenvorschrift, die Sänger müssten Schwarze sein, eingehalten wird. Sie konnte glücklicherweise eingehalten werden. Denn nicht allein die Sorgfalt, mit der gespielt wird, verspricht Neues zu hören.


Foto: Sebastian Hänel


In der Geschichte der Berliner Philharmoniker ist es wohl das erste Mal, dass sie eine Komposition quasi zwischen Oper und Musical mit Swing und Gospel spielten. Sir Simon Rattle hat für derartige Unternehmungen überhaupt keine Berührungsängste, was ein großes Glück ist. Er hat bereits 1997 eine Einspielung von Porgy and Bess mit dem London Symphonie Orchester und Sir Willard White gemacht, was dazu verleiten könnte, beide Aufnahmen nun zu vergleichen. Doch stand ihm mit dem Glyndebourne Chorus gewiss ein exzellenter Chor, aber sicher nicht ein so sensationeller wie der Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus zur Verfügung, der schier alle unterschiedlichen Chorebenen und Rhythmen traf.


Wird Porgy and Bess nun mehr symphonische Oper, wenn die Berliner Philharmoniker sie spielen? Wird das Orchester dadurch populärer? - Nachgefragt im Freundeskreis, wer mitkommt, war keinesfalls Begeisterung zu spüren. Trotzdem waren alle drei Aufführungen ausverkauft. Dennoch kann man fragen, woher die Zurückhaltung kommt. Beispielsweise kann man sich an die Einspielungen des Rings der Nibelungen mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern zwischen 1966 und 1970 erinnern, der zwar erlesen anzuhören war, doch dem jede Dramatik fehlte. Wenn Sir Simon Rattle jetzt im Rahmen des Musikfestivals Berlin 2012 zum Thema Amerika Porgy and Bess dirigiert, dann ist es für ihn und das Orchester kein Skandal, wenn ein Teil des Publikums nach It Ain’t Necessarily So, von Howard Haskin als Cab Galloway-Nummer interpretiert, in Beifall ausbricht. Für das Haus ist es allerdings ungewöhnlich genug.

Foto: Monika Rittershaus 


Die Bandbreite dessen, was die Berliner Philharmoniker heute spielen und vor allem spielen können, ist beachtlich. Der Swing, den es in Porgy and Bess ebenso wie den Gospel und die symphonische Tonmalerei beispielsweise beim hochdramatischen Sturm im zweiten Teil des 2. Aktes oder das geradezu wagnersche Versprechen nach Art des Tristan von Porgy und Bess jetzt eins zu sein im ersten Teil des 2. Aktes - … oh, my Bessie, we’s happy now, we is one now - gibt, wird mit genau der gleichen Sorgfalt und Leidenschaft gespielt. Das Orchester ist nicht nur Untermalung zum Gesang, sondern Orchester, Chor und Solisten interagieren an diesem Abend auf allerhöchstem Niveau und mit größter Transparenz.


Foto: Monika Rittershaus

Die Vielfältigkeit der Komposition, die sich aus den unterschiedlichsten musikalischen Genres – Oper, Musical, Folksong, Swing, Gospel – generiert, kann leicht zum Problem einer Aufführung werden. Kann ein Veranstalter überhaupt so vielfältige Begabungen zusammenbekommen? Und wie können in Deutschland, in Europa, all diese Schwarzen Stimmen zusammenkommen? - Eigentlich gar nicht. Klipp und klar, eine Aufführung von Porgy and Bess, in der sich europäische mit amerikanischen, ja, afrikanischen Musiktraditionen überschneiden, ist auf einem Spitzenniveau nahezu unmöglich.


Foto: Monika Rittershaus

Das musikalische Ereignis war nur den einzigartigen Möglichkeiten der Stiftung Berliner Philharmoniker und dem musikfest berlin, das vom Bund gefördert wird, zu verdanken, dass in der Philharmonie ein atemberaubend guter Chor, dessen Mitglieder mühelos kleine Solistenpartien übernehmen können, aus Südafrika und herausragende Solisten aus den USA, Kanada und Großbritannien mit dem deutschen Orchester und dem englischen Dirigenten zusammentrafen. Und gerade in dieser Kombination ist diese Porgy and Bess-Aufführung state of the art. Selbst Deutschland, nicht zuletzt Berlin ist ein wenig schwarz geworden. Die Gebrüder Boateng kommen aus dem Wedding und haben ihre Fußball-Karriere im Käfig an der Panke und bei Hertha begonnen. Doch es gibt keine schwarzen Traditionen in der Musik wie in Amerika.


Es ist nicht ganz einfach zu sagen, was Black Voices sind. Der Chor aus Südafrika hat auch einzelne Mitglieder, die weiß sind. Vielleicht ist genau dieser Umstand ein Wink auf die prekäre rassische oder ethnische Festschreibung einer (Gesangs-)Stimme. Mit Porgy and Bess haben sich George und Ira Gershwin, DuBose und Dorothy Heyward durchaus zwischen alle Stühle gesetzt. Sind bio- und identitätslogische Festschreibungen nicht immer höchst prekär? Andererseits hat gerade die Autorenvorschrift dazu beigetragen, dass Sir Willard White als Black Voice mit einem bewunderungswürdigen Bassbariton und einer hellwachen Bühnenpräsenz mit 65 Jahren auf eine grandiose Opernsängerkarriere zurückblicken kann, die 1977 mit seinem Porgy unter Lorin Maazel in der ersten kompletten Einspielung des Oper überhaupt einen ersten Höhepunkt erreichte. White erhielt einen Grammy für seinen Porgy. Latonia Moore feiert dagegen in Verdi-Opern von Hamburg über Sidney, Los Angeles, New York und London gerade Erfolge auf den wichtigen Opernbühnen dieser Welt. In der Philharmonie debütierte und brillierte sie mit der so ganz anders angelegten Bess.

Bevor man einer Authentizität der Aufführung in musikalischer Hinsicht das Wort redet, muss man schon genau hinschauen, was sich hier beispielsweise seit 1935 an schwarzen Sängerbiographien verändert hat. Latonia Moore gibt auf der Höhe ihrer Karriere das Debüt der Bess. Die internationale Karriere von Lyontine Price (*1927) war ab 1952 aufs Engste mit ihrer Bess und der vom United States Department of State finanzierten Welttournee der Everyman Opera Company (1952-1955) verbunden. Die Welttournee führte sie nicht nur an die Scala. Im Dezember 1955 führte die Tournee selbst nach Moskau und St. Petersburg, worüber Truman Capote in The Muses Are Heard schrieb.


Die Finanzierung der Tour galt nicht zuletzt dem amerikanischen Mythos einer Aussöhnung zwischen den Schwarzen – Protagonisten - und den Weißen – Komponisten und Librettisten, die geradezu mit volkskundlichem Interesse Libretto und Musik komponiert hatten. Der Mythos von 1935 wurde unter dem Außenminister John Foster Dulles, dem Berlin die Kongreßhalle bzw. das Haus der Kulturen der Welt zu verdanken hat, kurzerhand für die Propaganda von der Gleichheit aller Menschen genutzt, die natürlich keinesfalls gleich sind. Dadurch dass Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, hat keinesfalls die Aussöhnung stattgefunden. Vielmehr hat die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten Amerika stärker gespalten, was vor allem die Republikaner und christliche Fundamentalisten betrieben haben und aktuell im Wahlkampf betreiben. Unterschiedlichste Formulierungen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney spielen mit imaginären Grenzziehungen, Verortungen und einer Aufteilung der Gesellschaft in Schwarze und Weiße, Arme und Reiche, Latinos und Südstaatler, Heterosexuelle und Homosexuelle etc.

Doch bereits die Umdeutung des Mythos zur Propaganda in der us-amerikanischen Außenpolitik der 50er Jahre erzeugte auch Häme. Auf heute nicht mehr ohne Gänsehaut zu lesende Weise berichtete DER SPIEGEL am 19. Dezember 1956 von der Welttournee des „Neger-Ensembles“ mit „Gershwins Negeroper“ und dem Erscheinen von Truman Capotes Buch. Während die Journalisten vom (grenzenlosen) Erfolg der Moskauer Aufführungen berichtet hatten, schrieb Truman Capote über die Schwierigkeiten, die hämisch vom SPIEGEL aufgegriffen wurden. Der programmatische Name des Ensembles als Everyman Opera Company wurde gerade auch in Deutschland höhnisch zurück gewiesen. Jederman konnte und wollte sich keinesfalls in einem „Neger-Ensemble“ wiederfinden. Schon gar nicht in Kombination mit dem Genre Oper.

Zwischen der „Negeroper“ und der Fotoausstellung „Family of Men“ 1955 in Berlin spielt sich das Drama der Ideologie ab. Obwohl Porgy and Bess im 20. Jahrhundert zu einer der meistgespielten und wahrscheinlich auch häufig am meisten verhunzten Oper wurde – O-Ton aus den 70er Jahren in Kiel „so furchtbar traurig“ -, werden auch seit den 1970er Jahren in Amerika die Stimmen lauter, dass die Afro-Amerikaner diskriminierend und rassistisch dargestellt werden. Die schwarze Gesellschaft der Catfish Row ist keine Idylle, sondern auch musikalisch von Anfang an, was Sir Simon Rattle genau mit den Bläsern herausgearbeitet hat, von erschütternder Brutalität geprägt.


In der Catfish Row herrscht ein Regime aus Angst und Gewalt. Sporting Life (Howard Haskin) ist ein brutaler und hinterhältiger Dealer und Schmuggler, Crown (Lester Lynch) ist nicht weniger brutal und benutzt das Kokain wie Sporting Life, um Bess von sich abhängig zu machen. Robbins (John Fulton) wird nicht nur aus Versehen von Crown erstochen, sondern die von brutalen Männern und frömmelnden Frauen beherrschte Gesellschaft ist zutiefst in Armut, Glaube, Aberglaube, Drogenkonsum und unterschiedlichen Formen der Gewalt verstrickt.


Porgy ist nicht zuletzt ein mehr gelittener, denn geliebter „Krüppel“ am Rande dieser Gesellschaft. Dabei wird die Geschlossenheit dieser Gesellschaft gegenüber Weißen als Polizei, durchaus zweischneidig gefeiert. Die Geschlossenheit, die hier vorgeführt wird und dadurch ins Komische, vermeintlich Subversive  verschoben wird, ist nicht zuletzt hörbar. Die Weißen haben Stimmen, aber keine Lieder. Utopien oder Lösungsangebote werden nicht entwickelt. Allenfalls gibt es in dieser schwarzen Gesellschaft unterschiedliche Träume, die dann massiv in Gesang und Musik artikuliert werden.

Ist die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in der Catfish Row eindeutig und fest umrissen, so wird dies mit dem vorherrschenden Thema der unterschwelligen, aber deutlichen Sexualität und männlicher Potenz verkoppelt. Was in Porgy and Bess vor allem auseinanderfällt, ist die Frage von Sexualität und Liebe. Damit wird ein auffälliger und höchst problematischer Gegensatz zum Kernproblem der Opernhandlung gemacht. Sicher müsste man sich diesen Punkt der Erzählung noch einmal genauer ansehen. Wird nämlich einerseits von Porgy immer wieder eine entsexualisierte Liebe im Einssein beschworen, was durchaus musikalisch an den Tristan erinnert, sind doch die Verschmelzungs- und Vereinigungsphantasien von Anfang an im größten Gegensatz zu diesem durch Porgys Behinderung bzw. Impotenz.

Gerade in der narrativen und volkskundlichen Konstruktion von Porgy and Bess liegt ein guter Schuss Exotismus. Was sich nämlich seit 1935 mit Porgy and Bess beobachten ließ und was selbst mit der nicht sehr erfolgreichen Urproduktion am Broadway in Szene gesetzt wird, ist die idealistische Liebe eines machtlosen Mannes zu einer Prostituierten. Bess wird aus dem Kontext der 30er Jahre als Prostituierte inszeniert. In einer Gesellschaft, in der Clara (Angle Blue, ein Summertime, das die Maßstäbe für diese Aufführung setzte) zu Beginn als Inbegriff der ein Wiegenlied singenden Mutter mit einem ehrbaren, doch glücklosen Fischer, Jake (Rodney Clarke) auftritt, konnte Bess nur als Prostituierte wahrgenommen werden.


Beim ersten Auftritt von Bess mit Crown sind beide betrunken. Im Kontext der 30er Jahre, aber natürlich auch noch in den 50er Jahren und später, war es unmöglich für eine „anständige“ Frau, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken. Crown und Bess haben offenbar auch keine Kinder. Denn das Verhältnis zwischen Bess und Crown ist ein fatales:

… you could kick me in the street,

then when you wanted me back,

you could whistle, an’ there I was

back again, lickin’ yo’ hand.

Natürlich kann hier keine ausführlichere Besprechung zum in Harvard jüngst problematisierten Komplex von „gender, race, class, and identity“ geleistet werden. Aber der Hinweis auf das Seminar und das Online-Angebot kann doch einen Wink geben, dass Porgy and Bess in Amerika heute durchaus in einem größeren Kontext gestellt wird. - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Philip D. Murphy, hatte am 14. September acht junge Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund aus dem Oberstufenkurs der Ernst Abbe Schule aus Berlin-Neukölln eingeladen. Denn darin ist Porgy and Bess sicher noch immer zutiefst mit dem Selbstverständnis der Demokraten in Amerika verschränkt, dass es darum gehen sollte, Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg zu schaffen.   

 

Torsten Flüh

Digital Concert Hall

George Gershwin
Porgy and Bess
Konzertante Aufführung vom 15. September 2012