Der Traum vom Fliegen an der Spree - Lunapark Berlin des HAU im Spreepark, Plänterwald

Fliegen – Vergnügen – Spreepark

 

Der Traum vom Fliegen an der Spree

Der Lunapark Berlin des HAU im Spreepark, Plänterwald

 

Das Programm des HAU gehört zu den interessantesten nicht nur der Berliner Bühnen. In diesen Tagen bis zum 29. Mai bespielt das HAU den ehemaligen Kultur- und Freizeitpark Spreepark im Plänterwald. Am 17. November 2001 schloss das Vergnügungsunternehmen. Jetzt ist eines der zauberhaftesten Gelände Berlins für kurze Zeit zu entdecken.

Die Fahrgeschäfte der Freizeitparks und Rummel bzw. Jahrmärkte handeln in unterschiedlicher Weise vom Fliegen. Wahrscheinlich geht es bei jedem Fahrgeschäft um eine Art von Flugsimulation, selbst wenn sie in der Wildwasserbahn oder im Riesenrad oder in der Chapeau Claque-Bahn stattfindet. Nicht zuletzt gehören Geister, die bekanntlich fliegen können und flüchtig sind, in Geisterbahnen zum festen Repertoire der Freizeitparks.

Im Spreepark sollte 1997 gar ein ganzes Geisterschloss seinen Fahrbetrieb aufnehmen. Doch die Schwerkraft des Landschaftsschutzes, der Berliner Verwaltung und der Finanzen drückte nicht nur die Geister des Schlosses nieder, sondern stoppte 2001 alle Fahrgeschäfte. Seit nunmehr 10 Jahren führt der Spreepark auf Websites, in verwackelten Handyvideos auf YouTube, in Zombiefilmen wie Otto; or, up with dead people (2008) von Bruce LaBruce, in Achterbahn (2009) von Peter Dörfler, Modefotografien und Fernsehproduktionen eine wahrhaft geisterhafte Existenz.

Der Spreepark ist zu einem modernen Berliner Mythos geworden. Die Spreepark-Mythologie beginnt zu Zeiten der DDR, treibt ihre Blüten in der Nachwendezeit als privatwirtschaftliches Unternehmen, handelt von extrem hohen Geldsummen, Reichtum und Armut, Zusammenbrüchen ganzer Systeme, Ruhm und Gerede, Natur und Technik, Zeit- sowie Vorgeschichte und Märchen, Mutproben und Vandalismus, Lebensträumen und Kapitalverbrechen. Als Mythos lässt sich die Geschichte des Kultur- und Freizeitparks nicht mehr einfangen. Sie hat sich verselbständigt und ist in die verschiedensten Stränge des Erzählbaren ausgefasert.

Am Donnerstag begann das Lunapark Berlin-Projekt des HAU um 18:00 Uhr mit mehreren Führungen. Ich erwischte die ProPlänterwald-Tour mit Sabrina Witte, der Tochter der seit Anfang des Jahres Wieder-Besitzerin des Spreeparks. Mehrere Jahre lang unterlag das Unternehmen der Insolvenzverwaltung. Die Spreepark GmbH hatte 2001 die Insolvenz angemeldet. Hauptgesellschafterin der GmbH ist demnach die Mutter von Sabrina Witte. Norbert Witte, der Vater, der sich in der Öffentlichkeit exponierte, war laut seiner Tochter weder Eigentümer noch Geschäftsführer der Gesellschaft, sondern allein der Ehemann der Gesellschafterin.

Es gehört offenbar zum Konzept des Lunapark Berlin-Projekts, nicht eine Erzählung zum „Kultur- und Freizeitpark“ anzubieten, sondern eine Vielzahl von Erzählungen, die eben in den Mythos einfließen bzw. eingeflossen sind. Frau Witte erzählte auf ihrer Tour, wie sie als Kind im Spreepark aufgewachsen ist. Bereits diese Erzählung, die vor allem an die Orte der einstigen Fahrgeschäfte vom Fliegenden Teppich über die Wildwasserbahn bis zur Looping- und Geisterschlossbahn führte, uferte in die unterschiedlichsten Stränge aus.

Die Teilnehmer der Tour mit Frau Witte erfuhren ebenso etwas über die Familiengeschichte wie die Rechtsgeschichte oder die Geschichte und den Verbleib der Fahrgeschäfte. Sie erzählte dies auf eine charmante und sehr authentische Weise, so dass einige dieser Erzählungen, die bereits durch die Presse und andere Medien bekannt geworden sind, hier eine kurze Erwähnung finden sollen. Denn in der ausufernden, doch keinesfalls langweiligen Erzählung kommt ja auch die Schwierigkeit des Erzählens selbst, zumal wenn es um eine eigene Geschichte geht, zur Sprache.    

Eine nicht unwichtige Rolle im Mythos spielen Erzählungen vom Hörensagen, die Formen des Gerüchts annehmen können. Zweifelsohne waren der Spreepark als Unternehmen und die Familie Witte Gegenstand von Gerüchten. Gerüchte lassen sich nicht widerlegen. Gerüchte verselbständigen sich. Und sie haben nicht zuletzt ganz konkrete finanzielle, ökonomische Folgen. Gerüchte ruinieren Geschäfte und Familiengeschichten. Insofern ging es in den Erzählungen von Frau Witte beispielsweise auch darum, den Gerüchten Fakten entgegenstellen zu dürfen.

Eine exponierte Rolle in der Zeit nach der Insolvenz spielte das Fahrgeschäft Fliegender Teppich. Im November 2003 versuchte Norbert Witte in den Masten des Fahrgeschäfts 167 kg Kokain von Peru nach Deutschland zu schmuggeln. Er wurde verhaftet, verurteilt und ist nach Verbüßung seiner Haftstrafe seit Mai 2008 wieder in Freiheit. Insbesondere um das Fahrgeschäft Fliegender Teppich, das ebenso an die populären Erzählungen aus Tausend und einer Nacht, seit 1704 in Europa bekannt, wie überhaupt an eine populäre Kultur wie die Disney Verfilmung Aladin und die Wunderlampe (1992) anknüpft, kristallisieren sich Wünsche des Fliegens.

In den Erzählungen vom Spreepark nimmt der Fliegende Teppich beispielsweise bei Sabrina Witte eine prominente Rolle ein. Denn der Fliegende Teppich ist ein seltenes Fahrgeschäft. Es erfüllt nicht nur den Kinderwunsch, einmal auf einem Teppich wie Aladin zu fliegen, vielmehr versprach auch der besonders groß angelegte Kokainschmuggel mit dem Fliegenden Teppich, die Fahrgeschäfte im Spreepark wieder in flugartige Bewegungen zu setzen. Nicht zu vergessen ist in diesem Kontext, dass das Rauschmittel Kokain „Flügel verleiht“ und sich in dem mit Flugwettbewerben positionierenden Modegetränk Red Bull hartnäckig das Gerücht hält, es enthalte Kokain.

Mehr noch als im Spreepark und aktuellen Fahrgeschäftsentwicklungen ist es im Moment die Werbung nicht zuletzt von Red Bull, die in Bild und Text den Traum vom Fliegen zu einer wichtigen Strategie gemacht hat. Red Bull Air Race unterhält eine eigene Website, um das Getränk zu bewerben. Auf dem Video von Red Bull Air Race wird der Traum vom Fliegen ein von der Lausitz über Dubai bis Rio de Janeiro und Sidney weltumspannender, der nicht zuletzt atemberaubende Flugbilder, wie man sie bisher nicht gesehen hat, generiert. Bei und mit Red Bull wird ständig geflogen: mit dem Snowboard, dem Motorrad oder bei einer alternativen Sportveranstaltung wie Red Bull Art of Motion.

Red Bull hat sozusagen mit dem Getränk eine Alltagskultur des Fliegens entwickelt, die an jeder Supermarktkasse legal zu erhalten ist. Auf aktuellen Werbeplakaten - "Büroschlaf ist heilbar" - "Hellwach bis zum Feierabend" - wird damit geworben, dass Red Bull selbst für das Büro „Flüüügel verleiht“. Fliegen bleibt nicht mehr auf Rummel, Freizeitparks und Freizeitsport beschränkt, vielmehr hat die Metapher des Fliegens längst die Arbeitswelt erreicht. Diese Ausdehnung des Fliegens, das im Verkehrsflugbetrieb durchaus anstrengend wie Arbeit sein kann, vollzieht durch das Narrativ Fliegen eine Aufhebung von Bindungen und Gesetzmäßigkeiten.

In der Erzählung von Sabrina Witte über den Spreepark und die Insolvenz nimmt eine Art Verlusts der Realität des Vaters, der nur noch größere und spektakulärere Fahrgeschäfte bauen wollte, einen breiten Raum ein. Entgegen den Vorstellungen des Geschäftsführers und gegen die Vorstellungen der Mutter und der Finanziers habe der Vater 2001 eine noch größere Attraktion mit einer Halle bauen wollen, die die perfekte Illusion eines Sternenhimmels geboten hätte. Was den Traum mit dem Fliegen verbindet, ist eine Umkehr der Gesetzmäßigkeit.

Bereits beim Geisterschloss war der Bau dieser Attraktion verhindert worden, weil der damit bebaute Bereich des Areals unter Naturschutz gestellt wurde. Das zwingende Gesetz von Geld und Recht steht zumindest bei Sabrina Wittes Erzählung im krassen Gegensatz zum Traum vom Fliegen. Der Vater sei kein Geschäftsmann gewesen, sondern ein Träumer. Das gibt nicht zuletzt einen Wink auf die aktuelle Situation des Spreeparks als Schauplatz für Lunapark Berlin.  

Die Ursprünge des Fliegens sind eng mit dem Schaustellergewerbe verknüpft. Dies geht beispielsweise aus dem Artikel Über die gestrige Luftschiffahrt des Herrn Claudius im Extrablatt zur Ausgabe der Berliner Abendblätter vom 16. Oktober 1810 von Heinrich von Kleist hervor. Zum Geburtstag des Kronprinzen hatte Kleist bereits am 15. Oktober angekündigt, dass der Wachstuchfabrikant Claudius vom Schützenplatz aus eine Luftschifffahrt „längs der Potsdammer Chaussee nach dem Luckenwaldeschen Kreise“ unternehmen wolle. Das Spektakel sollte zu Ehren des Kronprinzen der Berliner Bevölkerung vorgeführt werden. Doch die „Maschinerie“, mit der das Luftschiff gelenkt werden sollte, versagte und Herr Claudius blieb „in den Bäumen des zunächst liegenden Gartens“ hängen.

Ein wesentliches Problem in der Frühzeit des Fliegens ist die Lenkung der Flugrichtung. Denn einerseits erweist sich die Vorhersage der Windrichtung als schwierig, andererseits funktioniert die „Maschinerie“, das Luftschiff bzw. den Ballon zu lenken, nicht zufriedenstellend. Der Wunsch zu fliegen, kollidiert in der Frühzeit also nicht zuletzt mit dem der Lenkung. Man will und kann durchaus fliegen, doch das Fliegen lässt sich nicht kontrollieren. Es entzieht sich der Berechenbarkeit. Kleist macht das zum Thema. Doch bereits in der griechischen Mythologie geht es mit der Erzählung von Ikarus und Daidalos um ein Lenkungsproblem beim Fliegen. Denn Ikarus soll nach der Anweisung seines Vaters Daidalos nicht zu nah an die Sonne fliegen. Im Flug passiert Ikarus aber genau dies. Er fällt vom Himmel und stirbt, weil er die Gesetze nicht beachtet hat.  

Die Gefahr des Fliegens besteht darin, verloren zu gehen. Wenn man nicht weiß, wohin man fliegt, dann kann man – sich und anderen – verloren gehen. Kleist erzählt dies mit dem finalen Versuch, das Luftschiff aufsteigen zu lassen. Es steigt nun unbemannt auf, weil sich die „Unternehmer“, Herr Claudius und Herr Reichard, nicht der „Lebensgefahr“ aussetzen wollen:

worauf die Herren Unternehmer, nachdem dies bewerkstelligt war, dem Volk noch, um es zu befriedigen, das kostspielige Schauspiel gaben, den Ballon für sich, ohne Schiffahrer, in das Reich der Lüfte empor gehen zu lassen. In weniger als einer Viertelstunde, war derselbe nunmehr den Augen entschwunden; und ob man ihn wieder auffinden wird, steht dahin.

(H. v. Kleist. Sämtliche Werke, Brandenburger Ausgabe, II/7, S. 75 f)

 

Am 30. März 1811 kündigt Professor G. Reichard die Erste Luftreise der Madame Reichard vom „Garten der Königl. Thierarzneischule“, unweit des Oranienburger Tores zwischen Spree und Panke, in der Vossischen Zeitung an. Nun ist das Spektakel um die Luftschifffahrt also das Fliegen kaum noch von einer Jahrmarktsdarbietung zu unterscheiden:

Der große Luftball wird, nebst einer Fliegemaschine, einem Fallschirm, vielen kleinen Luftbällen, aerostatischen Figuren und allem Zubehör im Königl. Bibliothekgebäude am Operplatz täglich gezeigt. Ebendaselbst wird Madame Reichard jeden Nachmittag um 14 Uhr einige kleine Luftbälle füllen und aufsteigen lassen. Einlaßpreis 4 Gr. Für Kinder 2 Gr.     

 

Ausgerechnete eine Frau aus dem Umland des Harzes gelingt die gewinnbringende Verknüpfung von Fliegen und Geschäft. Unter großer Anteilnahme der Berliner Bevölkerung und der ersten Dame des Berliner Hofes, Prinzessin Marianne, denn Königin Luise ist ein Jahr zuvor verstorben, steigt am 16. April 1811 Wilhelmine Schmidt aus Braunschweig, verehelichte Reichard, in die Gondel unter dem Luftballon und in den Himmel über Berlin, um für eine kaum vorstellbar lange Zeit den Augen des Publikums zu entschwinden. Erst am 18. April liest die Berliner Öffentlichkeit in der Vossischen Zeitung, dass Madame Reichard bei Teltow unversehrt gelandete und vom Landrat des Kreises empfangen worden ist. 

Die unter Ballonfahrern auch heute noch oder wieder hochverehrte am 2. April 1788 geborene Wilhelmine Reichard wiederholt ihre Ballonfahrten als regelrechte Massenspektakel in ganz Deutschland. Das Fliegen macht Wilhelmine und ihre Familie reich. Am 1. Oktober 1820 startet sie zum letzten Mal auf dem Münchner Oktoberfest! Insgesamt absolvierte sie zwischen 1811 und 1820 17 Ballonfahrten. Am 23. Februar 1848 verstarb Wilhelmine Reichard in Dresden. 

Das Riesenrad steht still. Der Fliegende Teppich ist verschollen. Die Loopingbahn bleibt an der Erde. - Looping, ein Wort, das aus dem Schleifenfliegen im Kunstflug kommt. - Statt kreischender Kinder hört man an der Grand Canyon Bahn die Frösche um die Wette quaken mit der Tourführerin. Anstatt dass Kinder in den Schwänen umhergondeln, wächst das Schilf im Schwan. Wo Wasserpumpen Schwäne und Kähne bewegten, hat sich Schlamm abgesetzt und blüht Entengrütze. Nach Sabrina Witte lassen sich fast alle fest installierten Fahrgeschäfte nach Reinigung und Reparatur auch heute noch wieder in Betrieb nehmen.

Die Abwesenheit des Betriebs hat indessen den traumhaft surrealen Reiz des Spreeparks heute entstehen lassen. Anders als in der Werbung von Red Bull wird diese traumhafte Existenzform des Areals nicht lange andauern. Ein Investor steht vor der Tür. Statt Erbpächter soll der Investor Eigentümer werden, was erhebliche rechtliche Folgen hat. Der Liegenschaftsfonds Berlin ist Eigentümer des Geländes, das durch das Erbbaurecht der Spreepark GmbH weiterhin belastet ist. Mit anderen Worten: Man hat Ende der 90er Jahre nicht nur eine rechtliche Eigentums-Situation geschaffen, die das Fliegen unmöglich machte, sondern die auch die Zukunft des Geländes beeinträchtigt.

Durch das Luna Park Projekt ist der Spreepark tatsächlich wieder zu einem Ort des Fliegens geworden. Aber anders als vor 10 Jahren und, so darf man annehmen, anders als es in 10 Jahren sein wird. Denn von der Finanzsituation des Landes Berlin gezwungen, muss der Liegenschaftsfonds eine Veräußerungsmöglichkeit für das Gelände finden. Von Natur aus handelt es sich indessen um einen sumpfigen Untergrund, wie schon die Familie Witte beim Bau der Fahrgeschäfte feststellen musste. Das macht eine lukrative Nutzung des Geländes mit größeren Immobilien nicht gerade leichter.

Bis Sonntag werden neben Installationen und Attraktionen noch die Vergnügungspark-Tour, die Fahrgeschäfte-Tour, die Naturkunde-Tour und die Märchen-Tour angeboten. Am Samstag um 24:00 Uhr flötet das Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester und am Sonntag um 15:00 Uhr gibt es eine Diskussionsrunde mit den politischen Akteuren zum Thema: Kein Vergnügen mit dem Spreepark?  

Hingehen. Kommt nicht wieder!

 

Torsten Flüh