Versus got the spirit Versus im Varieté Chamäleon

Spirit – Urbanität – Individualität

 

Versus got the spirit

Versus im Varieté Chamäleon, Hackesche Höfe

 

Die fabelhafte Varieté-Show Versus im Chamäleon fängt den spirit von Berlin ein. Die acht jungen Artisten und Artistinnen im Jugendstil-Saal des Chamäleon wirbeln über die Bühne und spazieren kopfüber an der Decke. Das Chamäleon in den Hackeschen Höfen bietet zur Zeit das frischeste Varieté der Stadt. Berlins Varieté lebt. Das Eastend boomt.

Rückblende: Es muss irgendwann im Sommer 1994 gewesen sein. Mit Freunden kam ich aus Hamburg zu einer Ausstellungseröffnung in den Hackeschen Höfen. Die Gebäude waren mehr Ruinen als Schmuckstücke. Grau in grau. Wer sollte die Sanierung bezahlen? Undenkbar an eine Zeit anzuknüpfen, als die Hackeschen Höfe bereits vor dem Ersten Weltkrieg, 1909, den Neuen Club mit expressionistischen Dichtern beherbergte. Dichter wie Jacob van Hoddis (1887-1942), der in Sobibór ermodet wurde, und Georg Heym (1887-1912), der beim Schlittschuhlaufen in der Havel ertrankt.  

Am 18. September 1910 vor gut 100 Jahren schrieb Georg Heym das Gedicht Die Vorstadt. Während die Hackeschen Höfe als größte Hofanlage Deutschlands in der sogenannten Spandauer Vorstadt bereits seit 1906 saubere und gesunde Wohnungen und Arbeitsplätze sowie Fest- und Ballsäle im Ersten Hof boten, sah es in den Straßen der überbevölkerten Umgebung anders aus.

Die Hackeschen Höfe folgten den Vorstellungen der Lebensreformbewegung. Doch Georg Heym war ein harter Chronist der Großstadt mit ihrer wenig schmeichelhaften Vorstadt:

Die Vorstadt

 

In ihrem Viertel, in dem Gassenkot,
Wo sich der große Mond durch Dünste drängt,
Und sinkend an dem niedern Himmel hängt,
Ein ungeheurer Schädel, weiß und tot,

Da sitzen sie die warme Sommernacht
Vor ihrer Höhlen schwarzer Unterwelt,
Im Lumpenzeuge, das vor Staub zerfällt
Und aufgeblähte Leiber sehen macht.

Hier klafft ein Maul, das zahnlos auf sich reißt.
Hier hebt sich zweier Arme schwarzer Stumpf.
Ein Irrer lallt die hohlen Lieder dumpf,
Wo hockt ein Greis, des Schädel Aussatz weißt.

Es spielen Kinder, denen früh man brach
Die Gliederchen. Sie springen an den Krücken
Wie Flöhe weit und humpeln voll Entzücken
Um einen Pfennig einem Fremden nach.

Aus einem Keller kommt ein Fischgeruch,
Wo Bettler starren auf die Gräten böse.
Sie füttern einen Blinden mit Gekröse.
Er speit es auf das schwarze Hemdentuch.

Bei alten Weibern löschen ihre Lust
Die Greise unten, trüb im Lampenschimmer,
Aus morschen Wiegen schallt das Schreien immer
Der magren Kinder nach der welken Brust.

Georg Heyms Gedicht Die Vorstadt erzeugt mit ihrem expressionistisch harten Klang den Sound der Großstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Inmitten der Vorstadt gaben die Hackeschen Höfe einen anderen Ton an. Sie wurden zum Zentrum für Kultur und Mode. Heyms hoch komplexes Gedicht wäre genauer zu analysieren. Er wird zu wenig gelesen. Doch allein aus der Anfangssequenz der ersten beiden Strophen lässt sich sagen, dass Die Vorstadt mehr ist als expressionistische Regionallyrik.

Der „große Mond“, der zu einem „ungeheure(n) Schädel, weiß und tot,“ wird, hängt nicht nur über der Vorstadt, vielmehr hängt er über dem wilhelminischen Deutschland. Er ist bereits verbunden mit dem Weißen Band, das Michael Hanecke auf so präzise Weise in die Idylle eines Dorfes im ländlichen Norden Deutschlands gelegt hat.

Man muss den Mythos der Hackeschen Höfe, der ihnen bereits verhaftet ist, mit Georg Heyms Die Vorstadt konstellieren, um die glasierten Fassaden nicht zu verkitschen. Es waren vor allem hygienische und nicht nur ästhetische Gründe, die die Architektur der Hackeschen Höfe als fortschrittlich und beispielhaft gelten ließen. Nicht zuletzt wegen Robert Kochs Entdeckung des Tuberkel Bazillus in der Luisenstraße und seines Versuchs, 1890 einen Impfstoff gegen die Tuberkulose zu entwickeln, wurde diese auch „Berliner Krankheit“ genannt.

Nie haben die Hackeschen Höfe vermutlich eine bessere Zeit gesehen als heute. Die Spandauer Vorstadt mit Rosenthaler Straße, August-, Gips-, Linien- und Torstraße schon bis hinauf zur Bernauer Straße ist zur Renommieradresse geworden. Verlegerwitwen, Kulturstaatsministerin a. D. und Wolfgang Joop wohnen um den Hackeschen Markt herum. Das gab’s für die Hackeschen Höfe wohl noch nie. Täglich laufen trotzdem Tausende von Touristen durch die Höfe und die ersten mutigen Galerien von 1994 sind längst weiter gezogen oder zu Schmuckkästchen geworden.

Die Hackeschen Höfe leben vom Ampelmännchen-Laden, den Askania-Uhren und den Taschen-Boutiquen. Das Programmkino in den Hackeschen Höfen bietet stets ein anspruchsvolles Programm und seit 2004 gibt es das Varieté Chamäleon in einem Ballsaal. Kann es funktionieren, dass ein privates Varieté an einem derart touristisch frequentierten Ort eine erstklassige und junge Show bietet?

Es funktioniert. Der Saal ist an einem Dienstag ausverkauft. Die Show Versus lockt nicht zuletzt sehr junges Publikum in die als angestaubt geltende Kunst des Varieté. Mindestens die Hälfte des Publikums ist unter 30, großteils unter 20. Versus got the spirit of Berlin. Die Show fängt ein und erzeugt das junge, frische Lebensgefühl von Berlin auf allerhöchstem Artistenniveau. Das verstehen dann auch 77-jährige und sind begeistert.

Die Zeit der Nummernrevue mit Pudel, der durch den Reifen springt, ist vorbei. Sie hat allenfalls musealen Wert. Versus zeigt ein neues Konzept zwischen Streetdance und Trapez. Erzählt wird die Geschichte von jungen Menschen, die auf ihre Weise gegen die Gesellschaft rebellieren. Rebellion heißt heute Streetdance und Streetart. Da lässt sich noch einiges weiterentwickeln.

In wechselnden Kombinationen sind die 8 ArtistInnen Streetgang, Jungens- oder Mädchenclique, Freunde und Freundinnen, Liebespaare zwischen Himmel und Erde. Wenn Jugend mehr ist als Rumhängen, dann kann sie mit Nummern an Vertikalstangen, an Seilen und auf Artistenkrücken hoch dynamisch und aufregend werden. Markus Pabst ist es gelungen, mit Versus das urbane Lebensgefühl einer Generation in Berlin auf die Varieté-Bühne zu bringen.

Markus Pabst hat bereits vor Made in Berlin im Wintergarten Versus eingerichtet. Versus ist ein Selbstläufer. Ursprünglich war die Laufzeit der Show bis August 2010 geplant, bis 19. Februar 2011 steht sie nun weiterhin auf dem Spielplan des Chamäleon. Zu recht. Circle of Eleven ist zur Zeit wahrscheinlich der beste Show-Produzent Berlins, der in der Rosenthaler Straße selbst angesiedelt ist. Varieté muss heute Geschichten erzählen, die mehr sind als eine Aneinanderreihung von Nummern. Es muss ein Lebensgefühl vermitteln.

Im Unterschied zur berühmten Mädchenreihe der zwanziger Jahre sind Jugendliche, junge Männer und Frauen heute selbst in Gruppen wesentlich stärker individualisiert. Dies zeigt Versus beispielhaft. Sicherlich gibt es auch heute das Bedürfnis, in der Masse aufzugehen, wofür die Mädchenreihe ein Bild war. Doch es funktioniert heute anders und differenzierter. Facebook ist ein Massenphänomen aber keine Mädchenreihe. Varieté hat immer etwas mit der Wechselwirkung von Masse und Individualität zu tun.

Gerade die quadratische Bühne mitten im Saal erweist sich als besonders effektvoll. Sie erlaubt es den Artisten, an den vier Eckstangen hoch und runter zu klettern, zu rutschen, zu gleiten und über die Köpfe des Publikums zu schwingen. Eine Stange ist, was ich aus ihr mache. Sie kann auch zu einem Ausguck werden, von dem aus ein Junge ein Mädchen beobachtet. Eben das macht erstklassige Artistik aus, dass Gegenstände aus der Lebenswelt auf völlig andere Weise genutzt werden. Das machte eigentlich immer schon Kreativität aus.

Das Konzept des Chamäleon stimmt. Es stimmt mit den frischen Show-Produktionen und das Preisleistungsverhältnis für Tickets, Fingerfood und Cocktails ist ausgewogen. Die Betreuung der Gäste durch den Service vor der Show ist gut organisiert und trägt zum Wohlfühlen bei. Ein Abend im Chamäleon ist selbst für die Besuchergruppe der 77-jährigen ein Grund, wieder nach Berlin zu kommen.

Torsten Flüh

Versus
bis 19. Februar 2011

Chamäleon

Spielplan bis 31. Dezember 2010