Der tolle Hund - Kleistpreis-Verleihung an Ferdinand von Schirach

Extrablatt – Kleistpreis - Terrorgefahr

 

Der tolle Hund

Kleistpreis-Verleihung an Ferdinand von Schirach

 

Vor ein wenig mehr als 200 Jahren eröffnete Heinrich von Kleist seine Berliner Abendblätter mit einem Extrablatt. Das 1ste Blatt der Abendblätter war nicht genug. Es bedurfte des Extrablattes, um das Abendblatt verkaufen zu können. Am Sonntag, 21. November 2010, griffen die Zeitungsleser am Kiosk zum Tagesspiegel: Plant Al Qaida Terroranschlag auf Berlins Mitte? Terrorgefahr Kein Wanken.

Auf merkwürdige Weise wankten die Lettern des Titels im Kursiv. Das Rot des Kommentar-Übertitels, Terrorgefahr, sprang nach Tanz mit mir! sogleich ins Auge.

Kleists erstes Extrablatt war das Kleinwenigmehr, was die Berliner zum ersten Blatt der Abendblätter greifen ließ. Die Terrorgefahr und das Extrablatt verkaufen Zeitungen. Unglücklicherweise konnten keine Extrablätter folgen, sondern nur Tages-Mitteilungen, die bald schon von der Berliner Zensur unmöglich gemacht wurden. Kleists Zeitung scheiterte ökonomisch. Gestern genau vor 199 Jahren erschoss sich Heinrich von Kleist in Begleitung Henriette Vogels am Kleinen Wannsee.

Wäre das eine Story für Ferdinand von Schirach? Nicht zuletzt erschießt sich Tackler in Cello aus der Story-Sammlung Verbrechen. Mehr noch Tackler schießt sich, wie Kleist, in den Mund. – Pardon, aber das ist Schweinkram. Sich in Selbsttötungsabsicht in den Mund zu schießen, soviel weiß der gerichtsmedizinisch geschulte Tatortfan, führt nicht sogleich, wenn überhaupt zum Tod. Kleist konnte es nicht wissen, wir wissen das heute. Schirach muss für den Schuss ein anderes Motiv gehabt haben.

 

Ferdinand von Schirach hat in einem renommierten Münchner Verlag mit Verbrechen im August 2009 einen Überraschungserfolg gelandet. Sein zweites Buch, Schuld, stürmt gerade die Bestsellerlisten. Als Schirach-Leser, weiss man, dass dieser Autor etwas von Todesarten versteht. Er ist Anwalt und Strafverteidiger in Berlin. Ferdinand von Schirach muss ein anderes Motiv gehabt haben. In der vertrackten Story von Tackler und seinen Kindern, Theresa und Leonhard, steckt dieser á la Kleist „sich den Lauf in den Mund“ und drückt ab.

Mit anderen Worten: Tackler schießt sich nicht in Selbsttötungsabsicht in den Mund. Nein. Vielmehr zielte Schirach mit der Todesart auf den Kleistpreis. Wom! Und da ist er nun: Kleistpreisträger 2010. Das nennt man Zielgenauigkeit. Fangschuss. Geschossen wird auf die eine oder andere Weise bei Schirach nahezu immer. Glyzerinkugel oder Sperma, nichts verfehlt sein Ziel. Ein Buch. Und bums, schon der Kleistpreis. Ein letzter Satz, der Zufall und die Genauigkeit führen haargenau zum Ziel.

 

Natürlich erregt eine derartige Zielsicherheit die Kritik des Literaturbetriebs und der Wissenschaft. Eröffnet Schirach doch sein zweites Buch Schuld mit der Story Volksfest. Darin gibt es gleich eine achtfache Ladung Sperma. Das ist ziemlich happig und liest sich in Berlin zwischen schätzungsweise 5 U-Bahn-Stationen. Als Oberstufenlektüre dürfte Schirach damit nach den Leitlinien von Frau zu Guttenberg erledigt sein:

Sie lag dort, nackt und im Schlamm, nass von Sperma, nass von Urin, nass von Blut. (Schuld, S. 11)   

DNA-Spuren sind entscheidend. Deshalb auch müssen die ergossenen Körperflüssigkeiten erwähnt werden. Das versteht heute jeder. Doch die DNA-Spuren werden unsachgemäß gesichert und vernichtet. Die acht Vergewaltiger des siebzehnjährigen Mädchens können nicht überführt werden. Ihre Schuld kann nicht bewiesen werden. Sie verlassen das Amtsgericht als freie Männer. Soviel zur Schuldfrage aus Sicht der Strafverteidigung.

 

Der Vertrauensmann der Jury, die lediglich diesen formal ausgewählt hatte, hob gestern bei der Preisverleihung im Berliner Ensemble hervor, dass er Ferdinand von Schirach als Preisträger aufgrund des ersten Buches, Verbrechen, ausgewählt hatte. Bernd Eilert ist von Haus aus Schriftsteller und Satiriker. Als Mitbegründer der Zeitschrift Titanic und langjähriger Mitautor des Über-Vaters aller deutschen Comedians, Otto Walkes, ist Eilert Schriftsteller im Genre der Satire. Das hat Folgen.

Die Kunst der Satire, die mehr ist als Comedy und unterhaltender Quatsch, besteht im Timing. Timing bezeichnet das Gefühl für den richtigen Moment eines erzählerischen Umschwungs. Kein Wort darf überflüssig sein. Alles muss punktgenau sitzen. Von der Haltung eines Satirikers, dessen Lust und Aufgabe die gesellschaftliche Entlarvung ist, darf man erwarten, dass er dies praktiziert.

 

Bernd Eilert erwähnte in seiner Preisrede im honorigen Rahmen der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, des Berliner Ensembles und der hochseriösen Schauspieler Hermann Beil und Burkhard Klaußner, die mit stimmlich ausgefeilten Lesungen der Texte Kleists wie Schirachs einen sonoren Klang verliehen, insbesondere das Timing in Schirachs Storys. Es ist so perfekt, dass es sich nach Eilert an Hollywood messen lässt. Verbrechen wird gerade verfilmt.  

Muss einem Satiriker, der sich 2006 mit dem Drehbuch zu 7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug positioniert hat, nicht die Auswahl eines Kleistpreisträgers, einem der, wie es oft heißt, bedeutendsten Literaturpreise Deutschlands zwangsläufig zur Satire geraten? Von einem Titanic-Autor muss man das zumindest erwarten dürfen. Satire ist ein derbes Genre. Gesellschaftliche Missstände, denen kaum zu entkommen ist, werden verspottet. Verbrechen und Schuld haben zweifelsohne satirische Züge.

 

Nun geschah es allerdings, dass Eilerts Rede auf Ferdinand von Schirach, zwar launig – mehrfach lachte das Publikum erheitert -, doch keineswegs satirisch, sondern eher honorig geriet. Warum also die Hervorhebung, dass er sich für den Preisträger zu entscheiden hatte, bevor das zweite Buch erschienen war? Das klingt bei allen kollegialen Verbrüderungsgesten nach Einschränkung und Vorbehalt. Rede und Entscheidung bekommen ein satirisches Moment. Oder, was schlimmer wäre, bei der Erwähnung handelte es sich um schlechtes Timing.     

Das Extrablatt, die Satire und die aktuelle Tageszeitung lassen sich mit Verbrechen (2009) und Schuld (2010) konstellieren. Sie gaben in der Inszenierung der Preisverleihung den Rahmen ab. Zur Eröffnung las Hermann Beil aus Kleists Extrablatt, in dem es 1810 um eine Serie von Bränden und Brandstiftungen in Schönberg, Steglitz, Berlin und Lichtenberg sowie am 9. Oktober einen „tollen Hund“ in Charlottenburg geht.

Am 10. Oktober steht unter der Überschrift Druckfehler:

In dem gestrigen Abendblatte ist aus einem Versehen die Rubrik: Polizeiliche Tages-Mittheilungen über dem Artikel vom tollen Hunde in Charlottenburg gedruckt, anstatt nach diesem Artikel zu folgen; der Artikel ist keine Tages-Mittheilung und seine Fassung beruht bloß auf der Redaction.

Das ist toll. Denn in den durch Roland Reuß und Peter Staengle akribisch herausgegebenen Berliner Abendblättern steht der „Artikel vom tollen Hunde“ nicht unter der „Polizeilichen Tages-Mittheilung“, sondern über.

 

Die Tages-Mittheilung, die keine sein soll, erweist sich nicht als Druckfehler, sondern wird von Kleists doppelter Vertauschung zum Wink auf das Szenarium von über und unter Schrift. Der Druckfehler, der keiner ist, erinnert an die Formalisierung der Schrift als Überschrift und Unterschrift im Druck. Er ruft den Drucksatz als syntaktisches Szenarium auf. Mit dem Hinweis auf die fehlerhafte Überschrift unterschreibt Kleist als „Redaction“.

Kleists Vertauschung von über und unter bekommt ein satirisches Moment. Indem an den Drucksatz und die Formalien von Zeitung und Extrablatt erinnert wird, ruft der fingierte Fehler, der sich beim Nachlesen als keiner erweist, den Zweifel an der Wahrheit des Genres selbst hervor. Außerhalb des Genres gibt es keine Wahrheit. Wahrheit wird immer schon zum Effekt des Genres. Kleist inszeniert die Bedingungen von Wahrheit im Genre mit der Tages-Mittheilung, der Überschrift, der Unterschrift und dem Druckfehler. 

 

Wenn Wahrheit allein mit dem Genre verkoppelt wird, dann wird sie zur Fiktion. Tatsächlich hatte der „Artikel vom tollen Hund“ nämlich die Berechtigung zur Tages-Mittheilung. Der offizielle Polizeirapport des Polizeipräsidenten Gruner als Kleists privilegierte Grundlage für die Tages-Mittheilungen berichtet fast wörtlich von dieser Begebenheit beim Geheimrat Pauli in Charlottenburg. Die Genre Polizeirapport und Gerücht um die Brandstiftungen sowie Tagesmitteilungen vermischen sich. Immer schon ist Fiktion im Spiel.

Nicht zuletzt geht es auf Ebene der Narration im „Artikel vom tollen Hund“ um die Wahrheit des „Faktums“. Kleists Formulierung lautet:

Dieses Faktum hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, dass in Charlottenburg ein toller Hund Menschen und Vieh gebissen habe.

Der Geheime Commerzienrat Pauli hat auf seinem Hof einen Hund erschossen. Laut Polizeirapport war er „der Meinung, dass er toll sei“. Es ist also nicht nur das Faktum, dass der Hund erschossen worden ist, das „zu dem Gerücht Anlaß gegeben“ hatte. Vielmehr war bereits Pauli von „dem Gerücht“ ausgegangen und hatte abgedrückt. Das Faktum selbst war im Polizeirapport bereits Effekt des Gerüchts. Wo bleibt die Faktizität des Faktums?

Heinrich von Kleist, der durchaus in der Rechtsfindung mit einer juristischen Ausbildung in Ansätzen bewandert war, erweist sich als aufmerksamer Leser des vermeintlich faktischen Polizeirapports. Es ist nämlich selbst im Sicherheit versprechenden Polizeirapport eine Frage, was über und was unter kommt. Die Narration beginnt mit einer „Anzeige des Polizei Commissarius Quittschreiber“. - Es gibt im Leben wie in der Literatur Namen, die man kaum für möglich hält. - Jedenfalls bringt Quittschreiber auch zur Anzeige, dass „selbst die Geheimräthin Pauli“ in des Hundes „Ansehen keine Spur der Tollheit bemerkt haben“ will.

Was der honorige Geheimrat Pauli in dem Hund gesehen hatte, den er erschoss, und was seine Frau, die Geheimrätin, gesehen hatte, klafft auseinander. Das Reale erweist sich mit Jacques Lacan als das Unmögliche. Selbst das „Ansehen“, vielmehr noch und gerade das „Ansehen“ ist nicht das Reale. Ein Schuss, ein Riss, und schon legt sich der Strick der Narration um den Hals des Hundes. Denn „ein fremder Hund mit einem Strick um den Hals“ war auf den Hof des Geheimrats gekommen.     

Ferdinand von Schirach sprach in seiner Kleistpreisrede von der „formalisierten Wahrheit“ der Strafprozessordnung und der „formalisierten Wahrheit“ der Literatur. Sie klaffen auseinander. Sprechender Weise erzählt Schirach vom mittelalterlichen Gleichnis der Schönheit als junger Frau vor den Richtern. Sie erschien vor Gericht. Zur Aussage zum Zwecke der Wahrheitsfindung gezwungen stellte sich die Schönheit vor die Richter und ließ alle Hüllen fallen. Sie war nackt. Mit der literarischen Wahrheit seiner Storys kommt es Ferdinand von Schirach nicht zuletzt darauf an, die Formalisierung von Wahrheit und Schuld aufzudecken.  

Das mittelalterliche Gleichnis ist sehr schön. Es ist im Kreis der Juristen durchaus geläufig. Doch Mittelalter ist ein wenig anders als Moderne. Es gibt im Mittelalter noch das Versprechen auf die nackte Schönheit der Wahrheit in Gestalt einer Frau. Bei Heinrich von Kleist, wenn man sich nun einmal an ihm messen lassen muss, kommt der fremde Hund bereits mit einem Strick um den Hals auf den Hof. Keine schöne nackte Frau. Keine Wahrheit. Kein Sperma. Keine Erektion.


In der Story Der Schlüssel schreibt Ferdinand von Schirach:

An der nächsten Ecke hörte er es. Es war ein dunkles Grollen, bedrohlich. Die Dogge riss das Maul auf, sie hechelte, jaulte vor Schmerzen. Dann entleerte sie sich. Sie krümmte sich auf dem Vordersitz, quetschte sich zwischen den Lehnen nach hinten, biss in das Polster und riss ein großes Stück heraus. Der flüssige Kot spritzte über die Sitze, die Scheibe, den Boden, die Hutablage. Der Hund verteilte alles mit den Pfoten. Atris bremste und sprang aus dem Wagen. Er schloss die Fahrertür. Es dauerte zwanzig Minuten. (Schuld, S. 136)

Das nennt man Timing.


Lesen Sie Kleist.

 

Torsten Flüh

 


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