Die No-Budget-Überraschung - Zhou Haos YÈ auf der BERLINALE und Brigitte Helblings QUEER STORY

Queer – Blumen – Nacht

 

Die No-Budget-Überraschung

Zhou Haos (yè/Nacht) auf der BERLINALE und Brigitte Helblings QUEER STORY

 

Das Wundervolle sind die Überraschungen auf der BERLINALE. Zhou Haos No-Budget-Film ist so eine Überraschung. Das Unerwartete tritt ein, wenn eine Überraschung passiert. Nicht die Stars im Wettbewerb, auf die die Fans in kleineren und größeren Trauben vor dem Hotel Adlon warten, verheißen Überraschungen, obwohl sie auch bei ihnen stattfinden können. Denn die Überraschung findet eher außerhalb des Wettbewerbs im Panorama der BERLINALE statt. Stars werden in der Regel dafür bezahlt, dass sie ihren Fans bieten, was erwartet wird. Diesmal passiert die Überraschung im Cinestar 7 des Sony Centers am Samstag ab 22:30 Uhr.

Bereits bei den ersten, mutigen Einstellungen fragt sich der Berichterstatter, ob das ein Film aus Taiwan oder Hongkong ist. Doch dann wird der Preis für den Blowjob auf 50 RMB festgelegt. Renminbi. Der Film muss in der Volksrepublik China produziert sein. Da wusste der Berichterstatter noch nicht, dass tatsächlich die Millionenmetropole Chongqing in einigen wenigen Einstellungen am Rande als Lichtermeer aufleuchtet. Zhou Hao hat seine Exkursionen in die Nacht in die engen Gassen, Tunnel und öffentlichen Toiletten eines altstadtähnlichen Außenbezirks verlegt. Am Samstagabend stellte Zhou Hao im Cinestar 7 am Potsdamer Platz sein queeres Wunder vor. 

Zhou Hao wird beim Publikumsgespräch nach der Vorstellung gefragt, ob es keine Zensur bei dem Film gegeben habe. Er versteht die Frage kaum. Die Chongqing University of Post and Telecommunications, CUPT, wird im Ranking asiatischer Spitzenuniversitäten auf Platz 826 gelistet. Das ist unverdächtig. Chinesische Stars werden woanders gemacht. Und es ist weniger politisch als an der Beijing University of Post and Telecommunications auf Platz 956, die im viel politischeren Peking liegt. Deutsche haben schon ein Problem zu wissen, wo die mehrere Millionen Einwohner große Stadt Chongqing liegt, wenn sie nicht gerade mal zufällig eine Jangtse-Flusskreuzfahrt gemacht haben. Der 21jährige Zhou Hao studiert an der CUPT und präsentiert mit seinen Klassenkameradinnen . Buch, Regie, Hauptdarsteller, Produzent, Schnitt: Zhou Hao.

ist ein hochkomplexes Spiel mit Sprache, Sprachlosigkeit, Bildern und Spiegelbildern. Es geht um Blumen , huā. Und was so schnell nicht im Wörterbuch steht: huā sind auch Prostituierte. Wenn die Nacht anbricht, dann macht sich Tuberose (Zhou Hao) vor dem Spiegel hübsch, zieht sein neuestes Hemd an, zupft hier und da noch ein wenig, parfümiert sich und stellt sich in eine schmale Gasse, um auf Freier zu warten. Das Geschäft geht schnell, fast wortlos. Preisabsprache, in die öffentliche Toilette und schon kommt der Kunde in Tuberoses Mund. Danach spült er seinen Mund am Waschbecken. Kaum noch ein , zàijian, Tschüss. Gesprochen wird so gut wie gar nicht.

Das Verhältnis von Sprachlosigkeit beim Sex und Sprachbildern im Film ist frappierend. Es bleibt nämlich offen, ob Sprache oder Bilder zuerst da waren. Anders als bei Jean Genets Notre-Dame-des-Fleurs, mit dem Zhou Hao schon verglichen wird, werden die Blumennamen aus der chinesischen Literatur und Schlagern generiert. Wenn man in einer chinesischen Kleinstadt oder überhaupt nach fragt, dann darf man sich irritierter Blicke sicher sein. Fragen Sie auf der Suche nach einem Blumenladen nie nach . Eine Chinesin wird das als massive Anmache auffassen, als halte man sie für eine Prostituierte. Andererseits gibt es viele Liebeslieder mit Blumennamen. So wie das Lied von einer Narzisse der Sängerin Teresa Teng.

Still: Zhou Hao 夜, 2014 

Bis ins verspielteste Detail arbeitet Zhou Hao mit . Natürlich kauft oder verschenkt man für gewöhnlich in China keine Blumen. Das ist erst durch westliche, europäische Einflüsse populär geworden. Geldbriefchen und Obst werden verschenkt und zu einem Fest mitgebracht. Wenn Zhou seine Protagonisten also Blumen kaufen lässt, sie verschenkt oder liegengelassen werden, dann geht es mehr um Prostitution als um Blumen von Fleurop. Hast du die Blume gekauft? Das Spiel der Blumen und mit den Blumen ist stark aufgeladen. Prostitution und Blumen sind nicht wie bei Genet Kritik an der Bigotterie des Bürgertums in den 1950er Jahren. Vielmehr werden sie zum Experimentierfeld wechselnder Identitäten. Tuberose zieht jede Nacht ein anderes Hemd an. Der Blowjob auf dem Männerklo soll keine Diskriminierung von Schwulen aufdecken. Denn Narzisse (Lius Xia Xiao) steht als junge Frau in der gleichen Gasse wie Tuberose.

Still: Zhou Hao 夜, 2014

Wenn die Geschichte von Narzisse und Tuberose nur der Logik einer Liebesgeschichte folgen würde, dann wäre der Film bestenfalls nett. Doch die weibliche Rolle heißt zwar Narzisse, aber die Frage des Narzissmus wird schließlich auch in einer Einstellung Bild, in der Tuberose über einem Spiegel liegt. Ist es nicht der Narzissmus, der Tuberose und seine wechselnden Identitäten allererst hervorbringt? Das wäre eine Frage, die sehr nah am Plot des Filmes liegen könnte. Und welche Rolle spielt dann die Liebe? Irgendwann trifft Tuberose Rose (Li Jin Kang) und will sich für den Sex mit ihm in einem Autobahn- oder Schnellstraßentunnel nicht bezahlen lassen. Was bedeutet das? Und bedeutet das überhaupt schon was? Rose verfolgt Tuberose, weil er es für Liebe hält. Aus Liebe, wenn man so sagen kann, stellt sich Rose in die gleiche Gasse, um sich schließlich auch ansprechen zu lassen. Und dann spielt eine tropfende Speiseeistüte noch eine Rolle. Ein Hörnchen, aus dem es recht unkontrolliert tropft. Zhou Hao findet ebenso poetische wie vieldeutige Bilder. Irgendwann steht Rose mit drei Hörnchen in der Gasse, Narzisse und Tuberose sind nicht da und die ganze schöne Eiscreme tropft einfach auf das Pflaster. 

Was hat Liebe mit Geld zu tun? Und was wird umgangen, wenn bezahlt oder nicht bezahlt wird? Was taucht auf, wenn nicht bezahlt wird bzw. nicht bezahlt werden soll? Zhou verhandelt in seinem Film genau diese Fragen, die dann viel weniger Diskriminierungskritik sind, als vielmehr an eine Kapitalismuskritik erinnern könnten. Aber auch die Kritik am Kapitalismus ist nicht so eindeutig, wenn Tuberose seine Mobilenummer als MB, Money Boy, an die Wand der Gasse klebt, damit das Geschäft angekurbelt werden kann. Und natürlich sind Money Boys nicht nur bei Männern beliebt in China.

Kapitalismus als Verpflichtung des Tausches bringt in weitere Zwänge hervor. In dem Moment, in dem für Sex nicht bezahlt wird, muss er anders, durch Verpflichtungen ähnlichen Wertes abgegolten werden. Zhous Protagonisten sprechen wenig. Und das liegt nicht nur daran, dass es nichts zu sagen gäbe. Wenn etwas gesagt wird, dann erzählt Narzisse der Mutter von Tuberose am Telefon, dass er ihr gerade Obst gekauft habe, damit die Mutter denkt, dass Tuberose um ihre Gesundheit und Wohlergehen besorgt ist. Beziehung, Liebe, soll die Mutter denken. Zhou reflektiert in solchen Sequenzen chinesische Traditionen und Wissensmuster.

Natürlich lügt Narzisse am Telefon. Sie weiß genau, was sie einer Mutter sagen muss, damit die sich keine Sorgen macht und wohlfühlt. Die Sprache lügt und verspricht sich auch ständig, am meisten dann, wenn man, wie Narzisse mit der Mutter des Freundes ins Plaudern gerät. Das Spiel der Blumen und die Prostitution setzen den Wechsel als Prinzip in Gang. Nur im ständigen Wechsel entstehen Werte. Das Geschlecht spielt kaum eine Rolle. In der Schlusseinstellung wacht Tuberose im Bett zwischen Narzisse und Rose auf. Er küsst sie beide, geht zum Kühlschrank und isst ein Hörnchen mit Eis. Die Frage einer homosexuellen Identität und ihrer Diskriminierung kommt in dieser Konstellation kaum vor. Tuberose wechselt sein Geschlecht ebenso wie seine Geschlechtspartner. Das ähnelt auf wirklich überraschende Weise der Eröffnungseinstellung von Tous Les Mêmes, dem aktuellen Videoclip auf YouTube des belgischen Rappers und Chansoniers Stromae. Stromae liegt im Bett mit einer jungen Frau und einem jungen Mann.  

Während das Lable der Bisexualität an der Ordnung von zwei sexuellen Identitäten festhält, geht es mit der Queerness, wie sie bei Zhou Hao und Stromae aktuell inszeniert wird, um einen sich ständig wandelnden Identitätsprozess. Bei Stromaes Tous Les Mêmes überschneidet sich die Ästhetik nicht zufällig mit Michael Jacksons Thriller. Farbigkeit und geschlechtliche Uneindeutigkeit werden von Stromae recht selbstbewusst eingesetzt. Die Zombies aus Thriller werden zu queeren Identitäten transformiert.  

Screenshot: Tous Les Mêmes 

Ende 2013 hat Brigitte Helbling im queer lab QUEER STORY veröffentlicht. Der Erzählmodus von QUEER STORY ist ein Driften. Macht Driften Sinn? Und wie macht es dann Sinn als Gegenentwurf zu Karriereplanung und Heteronormativität? Heinrich und Robinson driften durch das Schanzenviertel in Hamburg und folgen dem Zufall, in einem Glückskeks-Zettel eine geheime Botschaft zu lesen. Eher widerwillig, aber von den Fragen der Freundinnen getrieben, suchen sie gar in einer Glückskeksbäckerei nördlich von Hamburg nach der Urheberin des Zettels mit der Aufschrift „Rette mich“. Letztlich gibt es keine Urheberin der Worte, obwohl sie eine Reise durch die Stadt bei Tag und bei Nacht in Gang setzen. Glückskekse, gerade im grammatischen Modus des Imperativs, können sich verfangen.  

Screenshot: Tous Les Mêmes

Über die Namen und das grammatische Geschlecht gerät das Geschlecht von Heinrich, Robinson und Diana ins Wanken. Spiegel spielen auch hier eine wichtige Rolle: 

… Wenn die Liebe ein Spiegel ist, der dein zersplittertes Dasein zu einem Ganzen zusammenfügt, dann war dieser Spiegel für sie Robinson. Immer schon. Ihn begehrte H. als Gegenüber. Kann sein, dass ihr dieses Begehren am Ende nicht mehr gereicht hat. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass mir damals schon klar war ─ denn so blind war meine Liebe nicht ─ dass unsere Geschichte über die gemeinsame Zeit in Husum hinaus keinen Bestand haben würde. (S. 87)

Screenshot: Tous Les Mêmes

Spiegelszenarien entspringen immer auch dem Wunsch, sich selbst als andere/n zu sehen, um das Selbstbild allererst sichtbar werden zu lassen. Darin liegt eine Volte des Narzissmus, die eher wenig Beachtung gefunden hat. Nicht ganz zufällig trifft dieses Szenarium, das vor allem einem Mangel an Eigenem entspringt, auf ein Sich-selbst-sehen im Traum. Brigitte Helbling verknüpft den Wunsch mit einem ziel- und sinnlosen Driften in einer Stadt, in der auch Killer-Zombies nicht fehlen. Auf andere Weise driften Zhou Haos Protagonisten durch die Nacht und empfehlen den Film für den Teddy Award. Queerness wird zu einem Darstellungsmodus von „Geschlechter_un_ordnungen“ (queer lab). 

 

Torsten Flüh

 

PS: Die Teddy Award Gala mit Preisverleihung findet am Freitag in der Komischen Oper statt.

BERLINALE
(yè/Nacht)
Zhou Hao
Volksrepublik China 2014 95 Min.
Weitere Vorstellungen am Mittwoch, Donnerstag und Freitag

 

Brigitte Helbling

QUEER STORY 

Roman 

ISBN 978-3-930924-21-9 

Preis 12,- €                      

 

Teddy Award 2014
Teddy Award Gala
Freitag, 14.02.2014 ab 21:00 Uhr
Komische Oper