Become physical - Parade als "Fear Love Circus" und "Physical Theater" im Chamäleon

Körper – Arbeit – Digitalisierung

 

Become physical 

Parade als „Fear Love Circus“ und „Physical Theater“ im Chamäleon  

 

Das Chamäleon Theater in den Hackeschen Höfen kreiert ständig neue Zirkusformen. New Circus, Fear Love Circus oder Physical Theater sind nur eine Auswahl aktueller Lables im Zirkus- und Varieté-Genre. Nun zeigt Chamäleon eine weitere Entwicklung mit Parade von Brendan Shelper und seinem Team balltleROYAL. Körper biegen sich. Körper fliegen durch die Luft. Körper wirbeln an Seilen von der Decke. War die australische Show Scotch & Soda in der ersten Jahreshälfte in den zwanziger Jahren angesiedelt, springt Parade ins Heute. Möbelstücke sind mit weißen Decken, Laken verhängt. Digitale Nomaden leben in Serviced Appartments oder betreiben homesharing. HomeShare bietet “luxury buildings, … compatible housemates and … privacy partitions to provide a seamless moving experience” inclusive Kristallvase.

Im Foyer können sich die Gäste erst einmal pixeln lassen. Heute gibt es für Digitale Nomaden die Rund-um-sorglos-Programme auf dem globalen Wohnungsmarkt gleich inklusive passender Mitbewohner. Das ist in etwa die Ausgangslage für Parade. Die Show dreht sich um Masken und Selbstdarstellung. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Die Lebenswelten ebenfalls. So wie das Varieté seit seinen Anfängen von der Arbeit und Arbeitswelten erzählt, geht es nun in Parade um Lockerheit statt Körperanstrengung, Masken statt Identität und Innovation statt Tradition. Das Physical Theater erscheint als Genre im Moment fortschreitender Digitalisierung. Denn das Büro ist zum Working Space geworden, der sich fast überall auf der Welt auf Zeit finden lässt. Heute Silicon Valley, morgen Berlin.

Die Arbeitswelt und die Welt der Arbeit überschneiden sich in der Show. Die Unterhaltung, das Amüsement von Parade besteht darin, dass die Einzel- und Gruppenleistungen auf der Bühne leicht, witzig und konfliktlos auf höchstem Niveau erscheinen. Jede Zuschauer*in könnte den Digitalen Nomaden angehören, selbst wenn es zumeist internationale Touristen beispielsweise Gruppen aus Schweden sind. In der Eröffnungssequenz kommen die Artisten mit Schildern in der Hand auf die Bühne, weil im Englischen eine Parade auch eine Demonstration sein könnte. Auf den Schildern steht MASKEN VERBOTEN, KEINE MASKEN und auch einmal NO HIPSTER. Das ist äußerst witzig, weil auf dem Theater natürlich alles Maske ist. Und die abwehrende Geste gegen den Hipster mit getrimmtem Vollbart und Samurai bzw. Chonmage kombiniert Gentrifizierungskritik mit, nennen wir es, Globalness.


© Kooné (Zugeschnitten T.F.) 

Parade ist nicht zuletzt ein Begriff für einen künstlerischen, farbenfrohen Umzug, während er zugleich für die Synchronisierung von Körpern beim Militär gebraucht wird und eine Militärparade immer eine Machtdemonstration ist. Im Französischen kommt der Begriff zwar vom Verb parer wie abwehren und bereiten. Doch auch die Bedeutungsebene von präsentieren wird damit im Deutschen angesprochen. Insofern spielt Parade auf eine Mehrdeutigkeit an, die bis zum Paradebett reichen kann. Auf dem Paradebett wurden einst verstorbene Könige und Herrscher zur Schau gestellt. Brendan Shelper hat diese Mehrdeutigkeit stärker in Richtung der Frage „Wer bin ich?“ gerückt.[1] Und zweifelsohne geht es bei Parade als Fear Love Circus um Formen der Synchronisierung von Körpern, die keinesfalls oder nur auf witzige Weise wie eine Militärparade aussehen dürfen.  


Screenshot aus Trailer Video von Julian Li'l Internet 

Die Masken variieren in Parade zwischen diskreten Punkten und Strichen auf dem Gesicht der Akrobaten, bestickter Gazemaske und verwegenen, schwarzen Strumpfmasken. Das Maskenspiel und -thema ließe sich noch deutlich erweitern, doch Gabor Zsoka (Mask Design) hält sich etwas puristisch zurück. Doch die schwarzen Strumpfmasken spielen eben auch auf einen Bereich der Unkenntlichmachung durch eine Maske an. Sie sind ein wenig subversiv, wenn man beispielsweise an die G20-Ausschreitungen denkt. Zum Genre im Chamäleon gehört auch, dass sich öffentliche, populäre, gar globale Bilder gewollt oder zufällig mit dem Design überschneiden. Doch mit den Masken möchte Brendan Shelper in Parade „die Aufmerksamkeit des Publikums nur auf den Körper und seine physische Form … lenken“. 

In Parade verwenden wir die Maske als eine Möglichkeit, der Realität zu entkommen oder verbildlichen damit eine Transformation, Wiedergeburt (einmaliges Entfernen der Maske) oder schlicht den Schutz der Identität.[2] 


© Kooné

Parade als eine Form der Zurschaustellung arbeitet mit der Maske in der Bandbreite zwischen Ver- und Enthüllen. Wenn die Maske verhüllt, dann schützt sie auch die Identität im politischen Protest auf Demonstrationen oder als Identity Safe Programm für „Kennwortverwaltung und Online-Identitätsschutz“.[3] Zurschaustellung bei gleichzeitigem Schutz der Identität beschwört heute das Thema Identität in neuartiger Art und Weise. Was immer man sich unter einem „Online-Identitätsschutz“ vorstellen mag, es geht um eine Art Maskierung beim Surfen im Netz. Obwohl oder gerade weil Brendan Shelper eine Show mit Akrobaten inszeniert, möchte er mit dem Physical Theater „den Schutz der Identität“ im Internet thematisieren. In einer Debatte um die Identität werden die Masken dann subversiv, wenn gerade rechte Aktivisten wie die Identitären den Begriff in einer Substanz- und Herkunftslogik verwenden.


Screenshot aus Trailer Video von Julian Li'l Internet 

Als Physical Circus wird in Parade eine öffentliche Debatte verhandelt und bearbeitet, die sich um Fragen der Identität und Zurschaustellung im Internet-Zeitalter drehen. So platziert Facebook gerade in diesen Tagen beispielsweise in renommierten Printmedien wie dem ZeitMagazin eine Kampagne mit dem Titelzitat „Ich möchte in der Öffentlichkeit stehen. Dazu stehe ich.“[4]. Das Verhältnis von Privat und Öffentlichkeit, von Maske und Identität, von Körper und Avatar bzw. internet persona wird gerade neu verhandelt. Das Gesicht zum Titelzitat ist ein junger Mann mit zumindest angedeutetem Hipster-Bart. Zuviel Hipster darf eben auch nicht sein. Fast erscheint es so, als materialisierten sich in Parade die entscheidenden Diskurse des Internets und der Digitalisierung.

 

Körper und Digitalisierung überschneiden sich in Parade auch produktionstechnisch. Das Video Design von Duncan McDade erinnert zunächst an die berühmten Titelsequenzen von 007, James Bond, in denen spektakuläre Überblendungen von Artistenkörpern und elementaren Gewalten geboten werden. Die Überblendung von Medusen mit Actionszenen war in Skyfall (2012) geradezu die Schlüsselsequenz[5], in der sich Internetterrorismus mit kämpfenden Körper materialisierte.[6] Und der Titelsong von Adele zu Skyfall lässt digital einen elementaren Kampf zwischen Wasser und Feuer Bild werden.[7] Duncan McDade dreht per Software für Parade nun das Verhältnis des Digitalen zum Körper um, indem er „(b)ei den Videoinstallationen … eine Live Animation Software“ einsetzt, „die von den Künstlern in Echtzeit vor dem Publikum animiert wird“.[8] Dieses Verhältnis ist kaum wahrnehmbar, doch spektakulär: „Alles ist komplett improvisiert.“[9]


© Kooné 

Die Körperlichkeit der Show wird auf diese Weise durch eine unsichtbare Synchronität der Körper mit den Projektionen besonders betont. Die Körper steuern sozusagen das digitale Video Design, das sie sichtbar werden lässt. Diese produktionstechnische Invention gibt einen Wink auf ein komplexes Verhältnis von Körperlichkeit und Digitalisierung. Einerseits erscheinen in Video- oder Computerspielen immer „natürlichere“ Körper, mit denen die Spieler am Gaming Joystick agieren und kontrollieren, andererseits werden die Körper beispielsweise durch die Rechenprozesse der Gesichtserkennungssoftware mit digitalen Rastern bzw. Masken abgeglichen.


Screenshot aus Trailer Video von Julian Li'l Internet 

Matthias Monroy berichtete am 28. September 2017 vom Einsatz der Gesichtserkennungssoftware FaceVACS in bisher unbekanntem Datenvolumen von einer „zweistelligen Terabyte-Zahl“ bei den Ermittlungen zu den Ausschreitungen bei den G20-Protesten. Ebenso werden „Geo-Daten zur Erstellung von Bewegungsprofilen Verdächtiger genutzt“.[10] Man könnte anhand dieser ohnehin praktizierten Verschränkung von Geo-Daten, die die Bewegung individueller Körper im Raum aufzeichnen, und Verdatung des Gesichts in der Erkennungssoftware sagen, dass es nicht mehr unbedingt von Vorteil ist, einen Körper zu haben. Die Körper lassen sich sozusagen per GPS an jeden Punkt der Erde verfolgen und festhalten. Im Physical Theater fliegen sie durch die Luft.


Screenshot aus Trailer Video von Julian Li'l Internet 

Die Steuerung der Live Animation Software durch die Körper der Akrobaten als komplette Improvisation formuliert und realisiert einen kaum ausgesprochenen Wunsch in Zeiten dramatischer Zunahme an Überwachung durch Digitalisierung. Parade wird deshalb so innovativ und faszinierend, weil nicht nur die Körperbeherrschung der Artist*innen ungemein überzeugt, vielmehr situiert sich der Fear Love Circus genau an der Schnittstelle von Angst und Liebe im Umbruch der digitalen Epoche. Das Körperliche, Physische wird betont und vorgeführt, weil es zugleich im höchsten Maße gefährdet ist. Body- und Fitness-Apps synchronisieren und überwachen die Körperfunktionen. Was in der Medizin nützlich erscheint, hat sich längst massenweise als Raster in die Körper geschlichen. Man kann das lieben oder auch beängstigend finden.

 

Im besonderen Maße wird die Körperlichkeit von Takumi Motokawa als Percussionist in der Live-Musik vorgeführt und betont. Mit einer Vielzahl von Schlagzeuginstrumenten einen möglichst farbigen und polyphonen Sound zu erzeugen, ist möglicherweise die körperlichste Form des Musikmachens. Takumi Motokawa bietet dazu noch eine eigene, witzige Mimik, die vielleicht weniger die Musik selbst, dafür aber das Musikmachen unterstreicht. Die sonst sich eher als Hintergrund abspielende Musik wird mit Takumi Motokawa, der in Kyoto geboren wurde, in Wellington, Neuseeland, Musik studiert und gemacht hat und jetzt in Berlin lebt und arbeitet, zum performativen Ereignis.

 

Ein weiteres interessantes Element von Parade ist das, sagen wir, Straßenelement Break Dance, das Alvaro Medrano Lopez auf atemberaubende Weise und hochartistisch umsetzt. Die Straße als ebenso belebter wie materieller Ort kommt im Break Dance zum Zuge und sorgt für das, was man im Englischen Street Credibility nennt. Street Cred wird zur Schnittstelle, sich auf der Straße wie im Physical Circus durchsetzen zu können. Und natürlich gehören auch die durchtrainierten Oberkörper der männlichen Akrobaten zu einer gewissen Street Cred. Es geht nicht nur um den Körper als Sichtbarkeit von Kraft, vielmehr sind die glattrasierten Oberkörper längst bei der L’Oreal Herrenserie 5in1 angekommen, die Körper, Gesicht, Haare, Rasur und Feuchtigkeit als Pflegebereiche vereint.         

 

Parade kombiniert insofern eine ganze Reihe von Themen aus der Popkultur in einer hochinnovativen Weise. Angst und Liebe werden durch Partnerakrobatik und Hoop Diving etc. vorgeführt. Der Einzelne und die Gruppe werden ständig neu kombiniert. Doch natürlich geht es in einem Ensemble vor allem darum, dass alle Akrobaten - Jon Allingham, Laurie Marchand, Emma Serjeant, Justin Sherry, Beata Surmiak, Jamie Swan - im höchsten Maße aufeinander abgestimmt sind. Das Chamäleon Theater bietet wiederum ein aktuelles Menu mit entsprechenden Cocktail-Kreationen, so dass das Publikum bei der Gesamtabstimmung aller Erlebnisaspekte fast vergessen kann, welche Aspekte öffentlich artikulierter Ängste und Vorlieben im Fear Love Circus unter der Oberfläche aufgeführt werden. Das Chamäleon und seine Kooperationspartner zeigen immer auch eine Haltung zu aktuellen Themen. 

 

Torsten Flüh 

 

Parade 

noch bis 18. Februar 2018 

CHAMÄLEON 

In den Hackeschen Höfen 

Rosenthaler Straße 40/41 

10178 Berlin

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[1] Regisseur Brendan Shelper im Interview. In: Pressemappe Parade/battleROYAL. Berlin 2017.

[2] Ebenda S. 4.

[3] So das Wording von Norton Identity Safe für Google. https://identitysafe.norton.com/de

[4] Facebook. In: ZeitMagazin No 46 vom 9.11.2017, S. 25.

[5] Siehe Torsten Flüh: Angst vor den Schatten. Über 007 und M in Skyfall. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. November 2012 14:18.

[6] In Spectre, wo der Internetterrorismus quasi seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, blieben das Internet und die Digitalisierung weit weniger sichtbar. Vielmehr wurde 2015 das Hauptquartier des Britischen Geheimdienstes an der Themse digital zur Ruine. Siehe auch: Torsten Flüh: Zeit der Gespenster. Zum 24. 007-James-Bond-Film Spectre in der Originalversion im CineStar. In: NIGHT OUT @ BERLIN 7. November 2015 18:51.

[7] Siehe das fast 300 Millionenmal abgerufene Video auf YouTube: Adele - Skyfall (Lyric Video)

[8] Programmheft: Parade. Berlin: Chamäleon, 2017, S. 8.

[9] Ebenda.

[19] Matthias Monroy: G20-Gipfel: Polizei durchsucht zehntausende Dateien mit Gesichtserkennungssoftware. In: Netzpolitik.org 28.09.2017.