Die Maschine, die Emotion und der Blitz - Vielfältiges mit Berlin Piano Percussion im Kammermusiksaal bei MaerzMusik

Uraufführung – Seele – Typographie

 

Die Maschine, die Emotion und der Blitz
Vielfältiges mit Berlin PianoPercussion im Kammermusiksaal bei MaerzMusik

 

Halbherzig ist die Förderpolitik des DeutschlandRadio Kultur. Aus Urheberrechtsgründen wurde das Konzert von Berlin Piano Percussion mit 4 Uraufführungen am 19. März nur  einmal am 20. März um 20:03 Uhr gesendet. Das Konzert wird nicht zum Nachhören in der Online-Mediathek für 7 Tage bereitgestellt. Urheberrechtsgründe heißen hier für das bundesweite, „nationale“, öffentlich-rechtliche Hörfunkprogramm, das vor 20 Jahren als „Symbol der deutschen Einheit“, so sein Intendant Dr. Willi Steul, auf Sendung ging,  Knauserigkeit. Uraufführungen, also zeitgenössische Musik, durch hausfremde Orchester und deren Rundfunkübertragung kosten Geld. Bildungsfreundlich und für lebende Komponistinnen förderlich ist das nicht. Diese Sende- und Bereitstellungspolitik stammt aus Zeiten der terrestrischen Sendefrequenzen und geht haarscharf am Bildungsauftrag des Senders vorbei. Sollen die Beteiligten doch froh sein, dass überhaupt gesendet wurde.

Das ebenso brillante wie erkundungsfreudige Ensemble Berlin PianoPercussion bewies mit Aufführungen von so unterschiedlichen Komponistinnen wie Charlotte Seither, Georg Katzer, Arthur Kampela und nach der Pause Oliver Schneller und dem Spectralisten Hugues Dufourt seine bewunderungswürdige Vielseitigkeit. Denn jede/r Komponist/in schreibt nicht nur in anderen Notensystemen, sondern verlangt auch eigene Präparationen der Instrumente und unterschiedliche Spielweisen. Berlin PianoPercussion hat sich bereits eine starke Reputation erworben. Alle 5 gespielten Kompositionen zwischen 10 und 21 Minuten wurden als Auftragswerke verschiedener Institutionen und Programme vergeben: Land Berlin Ensembleförderung Neue Musik, DAAD und Berliner Festspiele/MaerzMusik sowie Ernst von Siemens Musikstiftung und Deutsch-Französischer Fonds für zeitgenössische Musik/Impuls neu Musik.

Ya-ou Xie, Prodromos Symeonidis, Sawami Kiyoshi, Matthias Buchheim, Adam Weisman und Martin Lorenz spielen in jeweils wechselnden Formationen in der Besetzung von 2 Klavieren und zweifach besetztem Schlagzeug. Die Leitung hat i. d. R. Ya-ou Xie. Doch auch Adam Weisman wechselt, wenn es die Aufteilung erfordert, zwischendurch mal ans Pult. Die Vielfalt der Kompositionsansätze vom philosophischen Text über Analogien zu Farbtönen, Sprichwort oder Befragung eines Instrumentengenres bis zum Gedicht L’Éclair und die nach Béla Bartók angelegte Instrumentierung von zwei Klavieren mit zweifachem breit in Gongs, Trommeln, Blechen etc. aufgefächerten Schlagwerks einer klassischen Moderne charakterisierten das Konzertprogramm. Dabei wird die Vielfalt möglich, weil die Ensemblemitglieder über breite solistische Fähigkeiten verfügen.

Exkurs über die Mechanik von Georg Katzer, als Auftragswerk von Berlin PianoPercussion bereits 2009 uraufgeführt, gibt mit seinem formalistischen Titel einen Hinweis auf das Kompositionsprinzip. Einerseits ruft Katzer die Mechanik in der Musik im Unterschied zum Gefühl beispielsweise in Erinnerung. Andererseits betont der Modus des Exkurses keine Originalität, sondern kündigt an, Vorgefundenes weiter auszuführen. Katzer, geb. 1935, hat sich in seiner Komposition insbesondere auf Julien Offray de La Mettrie und dessen Text L’homme machine bezogen, den jener, von Friedrich II. 1748 zum Leibarzt und Mitglied der Akademie der Wissenschaften berufen, 1747 an der Universität Leyden als Mediziner zunächst anonym verfasst hatte, um daraufhin an den Hof in Berlin bzw. Potsdam exilieren zu müssen.[1]    

Was komponiert Georg Katzer mit der Mechanik, wenn er ausdrücklich an La Mettries  skandalträchtige und zugleich von einer Geste aufklärerischer Befreiung begleitete Buchveröffentlichung andockt? Er bezieht sich auf ein medizinisches Buch, das mit der Mechanik dem Menschen die Seele austreibt bzw. diese als mechanischen Prozess formuliert. Weil allein die Mechanik in La Mettries Schrift vorherrscht, kein Gott und keine Seele das Sein und die Funktionen des Körpers vorschreiben, wird das Medizinbuch zur antiklerikalen wie anti-metaphysischen, inkriminierten Schrift. Die Moderne, die die Musik als Gefühlskunst befragt, beginnt bei La Mettrie mit der Mechanik, lange bevor die Maschine zum Schrecken des Menschen erklärt wird. Dieser Schrecken hält von 007 Skyfall bis Her von Spike Jonze als Szenario von Zukunft und Verlust des Menschen bzw. der menschlichen Eigenschaften aktuell an.   

Heruntergebrochen wird der Mensch mit den Verfahren der Diagnostik in der Medizin auf seine Körperfunktionen, die mechanisch funktionieren. Durch den Arzt La Mettrie wird die Philosophie materialistisch, physikalisch. La Mettrie koppelt die Gefühle (sensations) an die Organe wie vor allem das Auge im § 11 Mécanisme des sensations.[2] Über die Seele (l’ame) heißt es in der Ausgabe von 1796 unter § XII Des passions (über die Leidenschaften):

Les passions sont des modifications habituelles des esprits animaux, lesquelles fournissent presque continuellement à l'ame des sensations agréables, ou désagréables, qui lui inspirent du desir ou de l'aversion pour les objets qui ont fait naître dans le mouvement de ces esprits les modifications accoutumées. Delà naissent l'amour, la haine, la crainte, l'audace, la pitié, la férocité, la colere, la douceur, tel ou tel penchant à certaines voluptés.[3]   

Die Seele der Gefühle oder Empfindungen wird von La Mettrie in eine mechanische Bewegung der gewohnten Modifikationen aus dem tierischen, weil seelenlosen Geist verlegt. Die Funktion der Mechanik im L’homme machine, auf die sich Katzer in seiner Komposition bezieht, geht von einem strengen Materialismus im Dienste der voluptés, Wollust-Maschine Mensch, aus. Seit La mécanique  und La Mettrie oder Anmerkungen zum Maschinenmenschen (Bläserquintett, Klavier) 1985 hat sich Georg Katzer in seinem Werk wiederholt auf die Mechanik bezogen. Anders gesagt: Katzer philosophiert im Komponieren, im Medium Musik. In Exkurs über die Mechanik beginnt er mit der Tonfolge b-a-c-h, um in Wiederholungen und Modifikationen bei einem Klavierton zu enden, der angeschlagen, aber durch Präparation des Klaviers nicht gehört werden kann. Katzer enthält den Klavierton c5 vor, um noch einmal sicht- und hörbar vorzuführen, dass der Ton nicht empfunden werden kann, wenn er materialistisch ausbleibt.

Charlotte Seither bietet mit ihrer Komposition Running circles (2011), die am Mittwoch zur Uraufführung kam, durchaus eine extreme Gegenposition in ihrem Werk, wenn sie online über ihre Ästhetik schreibt,

dass ein Ton eine zusätzliche Dimension hat, die über die bekannten Parameter wie Höhe oder Dauer hinausgeht. Man könnte diesen Raum auch als dritten Ort bezeichnen, als emotionalen Raum, der die Tiefe eines Tones (im Sinne einer psychologischen Valenz) bemisst.

Deutlich unterscheidet sich bei ihr durch die „Dimension“ eines „emotionalen Raum(s)“ der kompositorische Ansatz zu Georg Katzer. Wenn sie die Klaviersaiten dafür nutzt, dass mit kreisenden Sherrygläsern sehr feine, leise, fast atmende, hohe Töne erzeugt werden, dann soll dies auch einen psychologischen, „emotionalen Raum“ ansprechen.

 

Ya-ou Xie und Sawami Kiyoshi an den Klavieren bearbeiten nicht nur die Tastaturen der Klaviere auf intensive Weise, sie sind von der Komponistin quasi dazu aufgefordert, mit Bürsten, Gläsern und einem Malerspachtel beispielsweise unterschiedliche Töne in einem Zwischenbereich der Tonleiter anzuschlagen und zu erzeugen. Zwar werden die Töne durch mechanische Anschläge erzeugt, dennoch bewegen sie sich in einem Bereich der Töne, die im ¾-Takt chromatisiert sind, doch ständig eher in Übergängen erklingen. Zumindest als Hörer wird es so schwierig, die Töne emotional zuzuordnen. Das Konzerterlebnis, bei dem die höchst originelle Produktion der Töne wie das kreisende Reiben eines Flummis auf einem Sciarrino-Blech ins Auge fällt, verhindert wenigstens, dass die Töne nicht allzu psycho-logisch werden. Denn diese Ebene der Ästhetik von Charlotte Seither kann man auch als etwas schwierig formulieren.

Allerdings stellt sich durch die originelle Tonerzeugung an den Klavieren wie Schlagzeugen ein anderer bemerkenswerter Effekt ein. Reiben und Schlagen in einem eher diskreten ¾ Takt, lösen tendenziell die Möglichkeit der Zuordnung der Töne durch den akustischen Sinn zum einen oder anderen Instrumentenbereich auf. Charlotte Seither kalkuliert eher darauf, das Auge als Sinnesorgan aus der Musik herauszunehmen. Man könnte auch sagen, dass ihr „dritter Ort“ allererst durch die Ausschaltung des Auges in der Tonempfindung entsteht.   

Das Tripas Coração (2013) des brasilianischen Gitarristen und Komponisten Arthur Kampela, der 2012 Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms war, ist eine sinnlich äußerst vielschichtige Komposition. Bewegung, Lichtwechsel, Gesten, Komik, Sprache und Klangerzeugung bringen eine hoch performative Komposition hervor. Weniger ein Expertinnentum spielt für seine im Brasilianischen sprichwörtliche Komposition eine Rolle. Das Tripas Coração heißt vielmehr so viel wie sich überwinden, sich ein Herz (coração) zu fassen oder auch extrem hart arbeiten. Während der Aufführung geht wiederholt das Licht aus und die Musikerinnen wechseln ihre Position. Die Pianistin Sawami Kiyoschi streicht als Schlagzeugerin mit Fingerhüten über ein langes Reibholz, mittelamerikanisches Güiro oder portugiesisches Reco-reco. Adam Weisman sitzt am Klavier.  

Cyan (2011/2013) von Oliver Schneller kombiniert die zwei Klaviere mit 2 Vibrafonen. Schneller gehört zu den Komponisten, mit denen Berlin Piano Percussion zum wiederholten Mal zusammenarbeiten. Schneller schließt seine Augen, wenn er die Aufführung seiner Musik hört. Sein musikalisches und kompositorisches Schaffen ist bis hin zu seiner Klanginstallation Polis. Istanbul – Kairo – Jerusalem – Beirut für MaerzMusik 2013 breit gefächert. Auch in der Klangmontage Polis hatte er mit Schichtungen gearbeitet. Die Aufnahmen von Plätzen zu bestimmten Zeiten in Istanbul, Kairo, Jerusalem, Beirut konnten einen geschichteten Klangraum ergeben. Vor den Augen des Gehörs entstanden Szenarien.

Man könnte sagen, dass Schneller in seinen Kompositionen Räume und Bewegungen für das Ohr erzeugen, aufbauen möchte. Doch mit Cyan geht es nicht nur um einen räumlich-architektonischen, sondern farblichen Modus. Klangfarben für das Ohr. Einerseits zeichnet sich der Farbton Cyan dadurch aus, dass er ein Übergangsfarbton zwischen Blau und Grün ist. Doch im Farbdruck gehört Cyan neben Rot und Gelb zu den Grundfarbtönen. Auffällig  ist bei Schneller, dass er von seiner Musik im Modus der Metapher spricht. Seine Musik wird so metaphorisch. In seinen Worten:

Wie fast immer in meiner Musik ist die Komposition bestimmt von räumlich-geometrischen Metaphern: Drehungen, Spiegelungen, formale Proportion, differenzierte Kombination von unterschiedlichen Materialien, Wiederholungen als Symmetrie, Schichtungen von Klangflächen, Vordergrund-Hintergrund-Verhältnisse, sorgfältiger Umgang mit der Resonanz, dem Nachklingen als Metapher für Transparenz, aber auch Attribute der grafischen Verzerrung, die auf musikalische Objekte projiziert werden.[4]   

Berlin PianoPercussion unter der Leitung von Ya-ou Xie hatte im Konzerthaus 2013 den Spectralisten um Hugues Dufourt ein ganzes Konzertprogramm gewidmet. Mit L’Éclair d’après Rimbaud wurde von ihm nun ein Werk uraufgeführt, das sich auf ein Gedicht bzw. einen besonderen Modus von Literatur bezieht. L’Éclair/Der Blitz wurde von Arthur Rimbaud 1873 mit weiteren Texten als Une Saison en Enfer/Eine Saison in der Hölle abgeschlossen und in den Druck beim Brüsseler Drucker M. J. Poot gegeben, wo man die Exemplare erst 1901 zehn Jahre nach Rimbauds Tod fand. Die Kurztexte, die den Modus des Gedichtes in einer deutlich als delirante Rede eines Subjekts markierten Weise durchbrechen, wurden wiederholt in Bezug zu einer Auseinandersetzung mit seinem Liebhaber Paul Verlaine gesetzt.[5] Verlaine schoss während dieser Auseinandersetzung auf Rimbaud und verletzte ihn an der Hand. Der Text beginnt mit der Formulierung:

Le travail humain! c'est l'explosion qui éclaire mon abîme de temps en temps.

 "Rien n'est vanité ; à la science, et en avant !" crie l'Ecclésiaste moderne, c'est-à-dire Tout le monde. Et pourtant les cadavres des méchants et des fainéants tombent sur le cœur des autres... Ah ! vite, vite un peu ; là-bas, par-delà la nuit, ces récompenses futures, éternelles... les échappons-nous ?...

(Die menschliche Arbeit! Das ist die Explosion, die meinen Abgrund von Zeit zu Zeit blitzartig erhellt …)

Im Text findet sich kein direkter Hinweis als Benennung auf den Schuss. Der biographische Verweis ist gerade in der Weise wie sich das Subjekt in der „travail humaine“ im Kampf mit der Welt befindet, äußerst fragwürdig. Viel stärker tritt die „travail humaine“ als Kampf der Existenz hervor. Für die „liebe arme Seele“ (chère pauvre ame) gibt es keine Ewigkeit mehr. ─ Im Rahmen des Konzertes lässt sich von hieraus ein Bogen zur L’Homme machine und Georg Katzer schlagen. ─ Insofern kann Der Blitz, der den Abgrund der Existenz erhellt und der insbesondere typographisch stark mit Ausrufezeichen, Auslassungspunkten und unterbrechendem Trennstrichen versehen ist, als Inszenierung einer Existenz gelesen werden.     

Je reconnais là ma sale éducation d'enfance. Puis quoi!...  

Aller mes vingt ans, si les autres vont vingt ans…

Non ! non ! à présent je me révolte contre la mort ! Le

travail paraît trop léger à mon orgueil ma trahison au

monde serait un supplice trop court. Au dernier moment,

j'attaquerais à droite, à gauche…

Alors, ─ oh ! ─ chère pauvre âme, l'éternité serait-elle

pas perdue pour nous !  

Hugues Dufourt komponiert mit L’Éclair d’après Rimbaud, wie es Berlin PianoPercussion zur Uraufführung brachte, weniger eine biographische Erzählung als vielmehr eine durch scharfe Zäsuren strukturierte Komposition von Existenz. Die Schläge, die Anschläge, als Unterbrechungen und Einschläge fallen im Schlagwerk wie am Klavier äußerst hart aus. Die Klaviere tendieren geradezu zu Schlaginstrumenten, an denen die Töne auf den Saiten kaum noch ausschwingen können. Das korrespondiert auf radikale Weise mit dem Modus des Textes von Rimbaud. Eine „psychologische Valenz“ der Musik fällt hier ebenso weg wie ein imitiertes Säuseln oder Rauschen von Existenz. Für den von der Philosophie herkommenden Komponisten und scharfen Denker Dufourt, der als Komponisteninstanz in Paris ebenfalls vor keiner Radikalität im gesellschaftlichen Umgang zurückschreckt, nimmt L’Éclair d’après Rimbaud eine geradezu apodiktische Funktion ein.

Torsten Flüh

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[1] Vgl. dazu Friemuth, Cay: Friedrich der Große und China. Hannover 2012. S. 25ff

[2] La Mettrie, Julien Offray de: Oeuvres philosophiques de La Mettrie. Tome 1. Nouvelle édition, précédée de son éloge par Frédéric II, roi de Prusse. C. Tutot (Berlin) 1796, p. 102

[3] La Mettrie … p. 133/134

[4] Zitiert nach Schröder, Julia H.: Vielfältiges für zwei Klavier- und zwei Perkussionsstimmen. In: Programmblatt. MaerzMusik 2014 vom 19.03.2014. Berliner Festspiele. Berlin 2014

[5] Anm.: So auch von Julia H. Schröder auf dem Programmblatt

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