Die Nackten und das Wissen - Zum Elberskirchen-Hirschfeld-Haus als "Leuchtturm" der Sexualitäten

Archiv – Wissen – Sexualitäten

 

Die Nackten und das Wissen 

Zum Elberskirchen-Hirschfeld-Haus als „Leuchtturm“ der Sexualitäten 

 

Mutig und spontan fragt die Freundin aus dem Reitstall in Dithmarschen: „Wieso sagst du nicht, dass dein Sohn homosexuell ist?“ Die Mutter erschrickt, wehrt ab. In Dithmarschen ist es auch 2016 ein Problem für Mütter, wenn der (eigene) Sohn „homosexuell“ ist. Gar nicht auszudenken, dass die Freundin ebenso freundlich das Wort „schwul“ gebraucht hätte. Der eigene Sohn, die eigene Tochter als „Opfer“ geht weiterhin gar nicht. – Am Sonderkäsestand bei Citti in Kiel erkennt die Fachverkäuferin die Kundin, die vor vielen Jahren in der Nachbarschaft wohnte, erzählt sogleich, dass die Tochter vor kurzem und wohl viel zu spät eine „Geschlechtsumwandlung“ hat vornehmen lassen. „Auch nicht einfach für eine Mutter.“

 

Beim Miesmuschelessen sagt der 60jährige, schwule Handwerkerfreund, dass er nicht die kleinen, sondern die großen, fetten Miesmuscheln wolle und Trump gut finde. Am Ende des Abendessens nach dem Kolloquium am Tag zuvor zum Elberskirchen-Hirschfeld-Haus der Initiative Queer Nations e.V. im Berliner Abgeordnetenhaus und nach der Formulierung, dass „die Nackten auf den Wagen beim CSD den Schwulen gar nicht helfen“, ist klar: Vollbild schwuler AfD-Wähler. Es war definitiv das letzte Abendessen mit dem Mann. Berlin und die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland brauchen das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus, damit schwule Jugendliche in Dithmarschen und Transmenschen in Kiel ihren Müttern sagen können, dass sie keine Opfer sind.

 

Die Normalisierungswelle rollt. Wer abweichende Praktiken vom vorherrschenden gesellschaftlichen Wissen über Karriere, Beruf und Sexualität entwickelt und ausübt, dem wird ein Opferstatus zugeschrieben. Weil Jugendliche keine Opfer sein wollen, werden sie „normal“ oder versuchen es zumindest mit meistens tragischen Folgen. Komasaufen ist normal. Schwulsein nicht. Im Koma kann dies und das passieren oder gar nichts, weil die Beteiligten ja besoffen sind. Meistens passiert nichts, weil alle zu knülle waren. Und am nächsten Morgen sind sie wieder nüchtern und normal. Oder es ist wie in Tina Übels Mittelstandsroman Last Exit Volksdorf (2011), mittlerweile in der 4. Auflage bei C.H.Beck, alles kaputt und gar nichts mehr zu retten. Heteronormativität hat für junge Menschen heute, wenn man einmal in die spärlichen Erzählungen hineinhört, ihren Ursprung im Suff.

 

Ob der Transmann in Kiel nicht doch glücklich ist, weil er sich zu seiner Operation entschlossen hat, wurde am Sonderkäsestand von Mutter (70+) zu Mutter (80+) nicht besprochen. Der schwule Sohn daneben bekam das Gespräch nur am Rande mit. Die Literaturwissenschaftlerin Annette Runte veröffentlichte bereits 1996, also vor 20 Jahren ihre mittlerweile „kanonische“ Arbeit zur „Biographieforschung bei Trans*menschen“[1] mit dem Titel Biographische Operationen - Diskurse der Transsexualität.[2] Das Wissen vom „eigenen“ Geschlecht funktioniert anders als im Gespräch unter Müttern auch immer als lebensbeschreibende Erzählung von sich selbst und den Anderen.   

>Transsexualität< stellt nicht nur die problemlose Genese von >Männlichkeit< und >Weiblichkeit< infrage, sondern stellt vor allem die zentrale Frage nach den konstitutiven Beziehungen zwischen Subjektivität, Sexualität und Geschlechtlichkeit. Dabei erweist sich die transsexuelle >Geschlechtsstörung< zwar als Diskursprodukt, aber auch als imaginärer Effekt einer symbolischen Strukturierung, deren Verständnis auf textexterne Rahmenhypothesen angewiesen bleibt. Die diskursanalytisch inkommensurablen, wiewohl redundanten Residuen transsexueller Rede deuten ferner auf eine >Infrastruktur< der Sinnbildung, die sich mit Kristevas psychosemiotischem Modell erfassen ließ. Wenn nämlich >Geschlechtsidentität< weder als bloßes Resultat sexueller Positionierung noch als Fundierungsebene des Begehrens gelten kann, geht es vielleicht auch unter lacanschen Prämissen um eine verwickeltere topologische >Verschlingung< von Selbst und Anderem.[3]  

 

Annette Runte erstellte nicht zuletzt mit ihrer Forschungsarbeit ein „freilich stets offene(s) diskursive(s) Archiv“ der Transsexualität.[4] Damit rückt das Archiv in Hinblick auf das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus in den Blick. Denn dieses knüpft als Projekt an das 1933 durch die Nationalsozialisten mit großer Brutalität zerstörte Archiv des Instituts für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld an. Nach 1945 wurde das Archiv in seiner Vielfalt, wozu nicht zuletzt die Sammlung von biographischen Erzählungen von Frauen, Männern, inter- und transsexuellen Menschen gehörten, nicht wieder aufgebaut. Die Zerstörung des Archivs durch die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, bei der die Büste Magnus Hirschfelds aus dem Institut aufgespießt vorangetragen wurde, wirkt bis heute nach. Insbesondere durch einzelne, mutige Sammlungen entstanden seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts Archive wie das Schwule Museum*, das Spinnboden-Archiv, die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft und seit kurzem das Lili-Elbe-Archiv zu den Themen Trans*, Inter und Queer in Berlin verstreut über die Stadt. Nun soll das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus diese Archive mit ihren eigenen Sammlungsgeschichten beherbergen.

 

Das Kolloquium Elberskirchen-Hirschfeld-Haus – Ein queerer Leuchtturm für Berlin fand am 16. Dezember im Berliner Abgeordnetenhaus unter der Leitung von Andreas Krüger, Sabine Balke und Jan Feddersen statt. Es war ein weiterer Meilenstein in der Arbeit der Initiative Queer Nations e.V., die sich 2005 in Berlin zusammengefunden hat, „um eine Bundesstiftung für die Förderung wissenschaftlicher und politischer Debatten über LSBTI*-Themen ins Leben zu rufen“ und einen „Ort“ für diese Debatten in Berlin zu schaffen.[5] Kurz: E2H statt Sonderkäsestand. Mit der Gründung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wurde 2011 das erste Ziel erreicht. Und in der Koalitionsvereinbarung von Rot-Rot-Grün steht seit dem 8. Dezember 2016, dass die Koalition die „Idee“ des Hauses unterstützt und die Umsetzung begleiten wird. 

Berlin ist der Geburtsort der modernen Emanzipationsbewegung von LSBTTIQ*. Die Koalition bekennt sich zu dieser Geschichte und zur Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Magnus-Hirschfeld-Instituts. Die Koalition unterstützt die Idee eines Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses und wird den partizipativen Prozess seiner Umsetzung begleiten. Die Koalition wird dafür Sorge tragen, dass der Unterhalt des Magnus-Hirschfeld-Denkmals gesichert wird.[6]  

 

Es kommt einer scherzhaften Pointe gleich, dass ausgerechnet Jens Jessen in der Kommentarspalte des Feuilletons in der Druckausgabe der morgigen ZEIT den Berliner Koalitionsvertrag insbesondere wegen dem Kürzel „LSBTTIQ*“ — lesbisch, schwul, bi, transsexuell, transgender, intersexuell, queer und * — kritisiert. Herr Jessen wirft dem Vertrag „missionarischen Eifer“ und „Weltfremdheit“ in Art der „Mission einer Sekte“ vor.[7] Er hat ganz offensichtlich nicht den Konnex zwischen homophobem Diskurs der AfD und einer engagierten Zivilgesellschaft erkannt. Was Herr Jessen mit der Verve des Feuilleton-Kommentators fordert, läuft darauf hinaus, dass die LSBTTIQ* doch bitte sehr in der Opferrolle bleiben mögen. — Die Nackten beim CSD helfen den Schwulen gar nicht. — Es geht dabei allerdings nicht um missionarischen Eifer, sondern darum der Zurück-zu-Herd-und-Hausfrau-Bewegung der AfD eine Stirn zu bieten. Die Weltfremdheit liegt gerade bei Herrn Jessen vor, wenn er die Diskurse im Reitstall in Dithmarschen und am Sonderkäsestand bei Citti nicht wahrhaben will. Dabei ist nun Dithmarschen so etwas von geerdeter Welt und Deutschland überhaupt. „Gefährdungslage“ und „AfD-Vertreter im Abgeordnetenhaus“ bekämpft man ganz gewiss nicht aus einer rosa Opferrolle, sondern mit Argumentation und Leuchtturm.  

 

 

Ein Meilenstein war das Kolloquium allein schon deshalb, weil sich eine große Bandbreite von Aktivist_innen* überhaupt zusammengefunden hatte, um weitere Ideen u.a. mit bunten Lego-Steinen für das Haus zu entwickeln. Als „Partner*innen“ stellten sich ABqueer und Kombi – Kommunikation und Bildung, FFBIZ, Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Universität zu Berlin, LILI-ELBE-Archiv, Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Schwules Museum* und Spinnboden Lesbenarchiv vor. Die Architektin Ulrike Lickert hielt eine Keynote über Queere Stadtentwicklung in Berlin. Und Jörg Litwinschuh als Geschäftsführer der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld überbrachte ein Grußwort. Eine weitere Keynote sprach Prof. Dr. Andreas Krass zum E2H als eine „queere Stadtvision“. Dabei kam er auch auf das E2H als Archiv und Michel Foucault zurück.

 

Nach Andreas Krass soll das Archiv mit Michel Foucault nicht mehr „die Summe aller Texte, die eine Kultur als Dokumente ihrer eigenen Vergangenheit […] bewahrt hat“, sein. Statt Summe aller Texte wird das Archiv zu einem Ort, um Fragen zu stellen. Es ermöglicht auf diese Weise, beispielsweise zu fragen, warum Mütter im Reitstall und am Sonderkäsestand mit handgeschöpftem Camembert de Normandie über queere Söhne und Töchter sprechen wie sie sprechen. Denn das Archiv ist nach Krass „eine Anordnung im doppelten Sinn: ein System und ein Gesetz zugleich, das bestimmt, was man denken, wissen, sagen kann. Es ist gewissermaßen der heimliche Torwächter, dessen Wirken man kaum bemerkt, denn es ist »uns nicht möglich, unser eigenes Archiv zu beschreiben, weil wir innerhalb seiner Regeln sprechen«.“[8] Es geht also nicht zuletzt darum, den „Torwärter“ zu überlisten.

Die historische Distanz, mit der sich das Sagbare beschreiben und beobachten lässt, garantiert indessen nicht, dass das Unsägliche des Archivs wiederkehrt. Es gibt möglicherweise einen geheimnisvollen Zwang, der das Unsägliche beispielsweise von den Diskursfriedhöfen durch die AfD, wie anlässlich von Falk Richters FEAR besprochen, wiederkehren lässt. Das Denken des Archivs muss auch als ein Protest dagegen formuliert werden, sich zum Opfer machen zu lassen. 

Foucault betont, dass die analytische Beschreibung des Archivs erst aus der historischen Distanz möglich sei, aus der »Andersartigkeit« einer neuen Gegenwart: »Die Beschreibung des Archivs entfaltet ihre Möglichkeiten […] ausgehend von Diskursen, die gerade aufgehört haben, die uns von dem trennt, war wir nicht mehr sagen können.« So »lässt sie das Andere und das Außen aufbrechen«.[9]    

 

Eine Zivilgesellschaft braucht eine Vielfalt an Diskursen u.a. zur Sexualität und sexuellen Identität. Das galt schon zu Zeiten von Johanna Elberskirchen (1864-1943) und Magnus Hirschfeld. Als feministisch-queere Schriftstellerin schrieb Johanna Elberskirchen gegen die herrschenden Diskurse an, während Magnus Hirschfeld mit dem sexualwissenschaftlichen und medialen Wissen wie dem „Bilderatlas“ seiner Zeit der sexuellen Norm einen queeren Dreh verpasste. Deshalb sollen im Elberskirchen-Hirschfeld-Haus unterschiedliche Archive ihren Ort finden und Archive mit ihren Beständen zu Sexualitäten wie dem Bundesarchiv und dem Landesarchiv Berlin zugänglich gemacht werden. Erst in der Vielfalt der Archive kann eine Pluralität der Diskurse zur Geltung kommen. Es ist nicht zuletzt der Wunsch der AfD, eben diese Pluralität mit dem Versprechen auf mehr Macht durch Normierung zu unterwandern, ja rückgängig zu machen.

 

Torsten Flüh 

 

Weitere Informationen zu E2H
bei Initiative Queer Nations e.V.

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[1] Thorsten Benkel: Biographische Operationen. Wortbeitrag in Transgenderradio vom 19. Februar und 4.  März 2012.

[2] Annette Runte: Biographische Operationen. Diskurse der Transsexualität. München: Fink, 1996. (Digi20)

[3] Ebenda S. 10.

[4] Ebenda S. 9.

[5] Maria Borowski, Ulrich Dörrie, Jan Feddersen, Benno Gammel, Christian Schmelzer, Manuel Schubert: Ein queerer Leuchtturm für Berlin. Pläne für ein Elberskirchen-Hirschfeld-Haus (E2H). In: Initiative Queer Nations: Jahrbuch Sexualitäten 2016. Göttingen: Wallstein, 2016, S. 17.

[6] Koalitionsvereinbarung zwischen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Landesverband Berlin und DIE LINKE Landesverband Berlin und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Landesverband Berlin für die Legislaturperiode 2016-2021. Berlin gemeinsam gestalten. Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen. Berlin, 8. Dezember 2016, S. 106.

[7] Jens Jessen: Mission einer Sekte. Zur Ideologie des rot-rot-grünen Koalitionsvertrags in Berlin. In: DIE ZEIT N° 1, 29. Dezember 2016, S. 41.

[8] Andreas Krass: Queere Archive. In: Initiative Queer Nations: Jahrbuch … [wie Anm. 5] S. 159.

[9] Ebenda.