Ein Sommernachtstraum im Botanischen Garten - Botanische Nacht 2010 im Botanischen Garten und Museum Berlin

Botanischer Garten - Feuerwerk – Animation

 

Ein Sommernachtstraum im Botanischen Garten

Botanische Nacht 2010 im Botanischen Garten und Museum Berlin

 

Ein Feuerwerk zu Georg Friedrich Händels Music of the Royal Firework von 1749 ist immer ein Kracher.

12.000 Menschen wie bei der Generalprobe am 21. April 1749 in London werden es am Samstag nicht gewesen sein, die das Feuerwerk von den Hängen des Fichtenberges unterhalb des Tropenhauses und des Subtropenhauses im Botanischen Garten sahen. Doch es waren Tausende.

Auf den Wegen begegneten dem Publikum die Blumengöttinnen in ihren Fantasiekostümen. Flora und ihre Schwestern versetzten die spätabendlichen Spaziergänger der Botanischen Nacht in Erstaunen, faszinierten Kinder wie Erwachsene. Überhaupt hat die Botanische Nacht, die nach dem Vorjahreserfolg zum zweiten Mal stattfand, viel von einem lebenden Bilderbuch.

Neben unterschiedlichsten musikalischen, kulinarischen und theatralischen Angeboten schüttete der Botanische Garten in Kooperation mit einer Eventagentur sein botanisches Füllhorn über die zahlenden Gäste aus. Kein gerade billiges Vergnügen für Berliner Verhältnisse mit 38,- € pro Person plus Kosten für Getränke und Speisen. Doch als die Hänge am Italienischen Garten in Erwartung des Feuerwerks fast völlig belegt waren, da hätten es kaum mehr Menschen sein dürfen.

 

Das Wetter hätte nicht besser passen können. Statt der Hitze der vergangenen Woche sorgte die leichte Abkühlung durch das Gewitter in der Nacht und am Morgen zuvor dafür, dass man sich überhaupt auf den illuminierten Wegen bewegen mochte. Scheinwerfer und andere Lichtinszenierungen wie die der Gewächshäuser setzten berauschende Effekte. In der Dämmerung und Dunkelheit erschien der Garten noch einmal so geheimnisvoll und verführerisch.

Überhaupt wirkt doch das Große Tropenhaus, dessen Restaurierung erst im letzten September abgeschlossen wurde, noch viel spektakulärer, wenn es von Innen heraus strahlt. Der Temperatur-Unterschied zwischen Innen und Außen war vorhanden, aber nicht wirklich bedeutend. Und das Subtropenhaus hatte sogar seine Verglasung in den oberen Fensterreihen geöffnet. Davor sang die Sopranistin Antje Rux, begleitet von der Mandolinenspielerin Mascha Belova, neapolitanische Lieder von 1870 bis 1930. Das Publikum ließ sich verzaubern und hätte die Lieder in Neapel nicht schöner und stilvoller hören können.

Der Botanische Garten Berlin erfüllt, zur Freien Universität gehörend, noch immer eine wissenschaftliche Aufgabe. Heute besteht der Wert der botanischen Sammlungen in den Gewächshäusern, in den Gärten und im angeschlossenen Museum vor allem darin, dass sie eine Vielfalt an Pflanzen vereinigen, die teilweise ausgestorben sind oder vom Aussterben bedroht sind. Wissenschaftlich formuliert sind Garten und Museum heute ein Hort der Diversität. Das war nicht immer so.     

Die zweite Botanische Nacht im Botanischen Garten Berlin fiel in diesem Jahr mit zwei Jubiläen zusammen. Denn als 1810 die Berliner Universität gegründet wurde, war ihr auch der Botanische Garten zugeschrieben worden. Zuvor hatte der Botanische Garten, der damals auf dem Gelände des Kleist-Parks an der Potsdamer Straße lag, einen nicht nur wissenschaftlich unsicheren Status. Er war nämlich aus dem Hopfengarten der kurfürstlichen Brauerei hervorgegangen, der 1679 angelegt worden war.

 

Fast einhundert Jahre später war Berlin nicht wiederzuerkennen. Der Botanische Garten war durch mancherlei Umstände in der Potsdamer Straße unzureichend geworden. Deshalb erteilte der Kaiser nach mancherlei Vorarbeiten am 30. August 1899 die Plangenehmigung für den Botanischen Garten sehr viel weiter im Süden der Stadt, quasi zwischen Berlin-Lichterfelde und Berlin-Dahlem. Bis Ende Mai 1910 wurden dann alle Anlagen des Gartens gebaut und am 25. Mai offiziell eröffnet.

Der Gedanke der Diversität in der Botanik ist noch gar nicht so alt. Vielmehr wurde er seit 1985 in der Biologie als Biodiversität angewendet und erhielt vor allem 1988 durch die Veröffentlichung des Buches Biodiversity des us-amerikanischen Insektenkundlers und Evolutionsbiologen Edward Osborne Wilson einen wichtigen Schub. Man kann das einen Paradigmenwechsel nennen. Ein hervorstechendes Beispiel für den Schatz der Biodiversität im Museum ist in Berlin das Naturkundemuseum in der Invalidenstraße. Seine Sammlung geht auf die Reisen Alexander von Humboldts zurück.  

 

Wie sich am Hopfengarten vor den Toren der Stadt Berlin des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem Großen Kurfürsten, zeigt, der mit der Gründung der Berliner Universität 1810 allererst eine wissenschaftliche Bedeutung erhält, wurden Botanische Gärten und Pflanzensammlungen zunächst aus anderen Interessen angelegt. Der Besitz seltener Pflanzen aus fernen Ländern wird seit dem 17. Jahrhundert zu einem fürstlichen, wenn nicht königlichen Herrschaftssymbol.

Pflanzen und Samen, die aus Übersee, aus Amerika und Asien, per Schiff nicht zuletzt von den Holländern nach Europa gebracht werden, verheißen Teilhabe am Reichtum ferner, fast noch mythologischer Länder wie China, Japan, Indien oder Amerika. So kommt die Orange von China nach Europa. Das niederländische Herrscherhaus der Oranier macht den Sinasappel (Chinaapfel) zur Farbe und zum Symbol des eigenen Fortschritts und der zunehmenden Macht.

 

Ebenso sind Orangerien weniger der Botanik geschuldet als einem imaginären Brückenschlag der Herrscherhäuser in ferne Länder. Die Orangerien um 1700 sind nicht nur Glashäuser zur Überwinterung der Orangenbäume und anderer Zitrusfrüchte, die sich von Versailles aus in Europa verbreiten. Sie sind gleichfalls ein Stück "China", in dem man spazieren gehen kann. 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird das Sammeln und ordnen von heimischen Pflanzen und denen aus fernen Ländern wissenschaftlicher. Es werden Regelwerke – Arten, Familien, Sorten, Unterarten – aufgestellt und Kataloge angelegt.

 

1776 brachte der schwedische Naturforscher Carl Peter Thunberg die Pillnitzer Kamelie von einer Reise nach Japan mit. Sie steht und blüht noch heute im Garten von Schloss Pillnitz an der Elbe. Doch hatte sich das Interesse an derart seltenen Pflanzen bereits in Richtung Wissenschaft verschoben. Botanisieren wird eine Wissenschaft.

Die Gebrüder Grimm geben in ihrem Wörterbuch der deutschen Sprache 1854 den Dichter Jean Paul (1763-1825) als Gewährsmann für das Verb botanisieren an:

so botanisierte er überall nach jedem gräschen und kraut der erkenntnis.

Botanisieren heißt nicht mehr nur Sammeln, sondern Wissensanreicherung und Ordnen.

 

1796/97 formuliert Jean Paul in seinem Roman Siebenkäs – Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel im Extrablättchen über das Recht der Weiber in einer witzigen Wendung:

…, ob ein Apotheker über seine abgebrannte Apotheke murrt oder ob er darüber stöhnt, daß er nicht im Mond botanisieren kann, wiewol er in den dasigen Phiolen manches fände, was er in den seinigen vermisset.  

In der witzigen Formulierung, dass der Apotheker „nicht im Mond botanisieren“ könne, klingt nicht zuletzt die Sammel- und Ordnungsleidenschaft der Apotheker wieder, die wie etwa Martin Heinrich Klaproth (1743-1817) beginnen, chemische Elemente zu ordnen und damit auch ganz neue zu finden. 1789 fand Klaproth das Uran. Zirconium, Cer, Titan, Tellur und Strontium kamen hinzu. 1810 wurde er auf Vorschlag von Alexander von Humboldt der erste Professor für Chemie an der neugegründeten Berliner Universität. Es wird die Alma Mater der modernen Universitäten.

 

Der Apotheker Martin Heinrich Klaproth war damit einer der Gründungsväter der modernen Chemie. Gerade der Apothekerberuf, der sich um 1800 aus dem vormodernen Wissen der Alchemie herauslöst, wird zum Ursprung der modernen Biologie, Botanik und Chemie. Der Zeitgenosse Jean Paul zweifelt mit seiner witzigen Formulierung nicht zuletzt an der Herausbildung der neuen Wissenschaften.      

Aus der Ferne also ertönt ein Echo von dynastischem Machtanspruch in den Glashäusern des Botanischen Gartens, wenn man an die Orangerien erinnert. Die Stahlkonstruktion des Tropenhauses ist noch das Original von 1906/07. Die Scheiben wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört – und damit das Unwiederbringliche der Pflanzensammlung. Als junge Kolonialmacht schwang in den Tropenhäusern nicht zuletzt um 1900 Deutschlands und des Kaisers Sehnsucht nach den Tropen, nach einem „Platz an der Sonne“ in der monumentalen Architektur mit.

In Zeiten als es noch nicht jedem Berliner mehr oder weniger Möglichkeit war, von Tegel oder Schönefeld aus die fernen Länder der Tropen anzusteuern oder übers Wochenende kurz einmal in die Alpen zu fliegen, war – und ist – der Botanische Garten mit Tropenhäusern und Alpengarten, Amerika Teich und Japanischem Pavillon immer auch ein Versprechen auf eine kurze Weltreise. Denn die Glashäuser aus Eiskonstruktionen sind nicht zuletzt Ausstellungshallen der Welt wie der berühmte Christal Palace in London, der schon 1851 zur Weltausstellung gebaut wurde. 

 

Es mag jenes Versprechen gewesen sein, das ein merkwürdiges Bild im Japanischen Pavillon unter den Ginkgo-Bäumen entstehen ließ. Mit einem Mal saßen Besucher der Botanischen Nacht während der Performance der japanischen Gruppe Lasenkan wie Touristen auf Bali im Pavillon und ließen sich träumend nach Japan entführen. Obwohl heute alles Event heißt und ein nicht ganz so verträumtes Gedränge vor dem Pavillon herrschte, geht es bei der Botanischen Nacht wohl letztlich um das Träumen von fernen Ländern, von Feenlandschaften, von Blumen, die sich in lächelnde Frauen verwandeln.

Es sind unter anderen spätbarocke Träume einer Sommernacht, die die Botanische Nacht in Szene setzt. Japanische Trommel und Flöte. Japanische Töne. Und wie in der alten Kunst der Lebenden Bilder, von der Johann Wolfgang Goethe in seinen Wahlverwandtschaften (1809) schreibt, bei der sich Menschen wie in bekannten Gemälden verkleiden und aufstellen, um in ein anderes sich zu verwandeln, so werden die Besucher Teil des Bildes.

Schlösser Nächte wie die Potsdamer Schlössernacht am 21. August, die bereits ausverkauft ist, oder eben die Botanische Nacht bieten imaginäre Zeit- und Weltreisen. Jeder Besucher wird animiert, so wie die Lebenden Bilder, die durch Laien dargestellt wurden, eben auch das Glück in der Animation, im zum Leben erwecken, verheißen. Wir Leben nicht nur in einem Computerzeitalter der Animation, vielmehr durchdringen Techniken der Animation unsere Existenz.

 

Torsten Flüh        


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Categories: Kultur

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