Ur-Sprünge europäischer Wissenschaft - Juden, Christen und Muslime im Martin-Gropius-Bau zeigt den Wissenstransfer durch die drei Religionen

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Ur-Sprünge europäischer Wissenschaft 

Juden, Christen und Muslime im Martin-Gropius-Bau zeigt den Wissenstransfer durch die drei Religionen 

 

Ob Wissenschaft vor Populismus und politischen Verwerfungen schützen kann, ist eher zweifelhaft. Zeichnen sich die Wissensformen des Populismus doch dadurch aus, dass sie vor allem gegen detailliert ausgearbeitetes Wissen formuliert werden, indem u.a. behauptet wird, dass der Islam nicht zu Europa und seiner Wissenschaftsgeschichte gehöre. Bereits 2013 zeigte die Österreichische Nationalbibliothek in ihrem Prunksaal in Wien die Ausstellung Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften 500-1500. Die Generaldirektorin der Bibliothek versteht die Ausstellung als einen Denkanstoß auch gegen „xenophobe Isolierung“.[1] Doch seit Dezember regiert in Wien eine rechts-konservative Regierung mit der rechtspopulistischen FPÖ, die eine „Ausgangssperre“ für muslimische Flüchtlinge erwägt.

 

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau fasziniert durch ihre Exponate aus den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Buchmalerei der Weltkarte nach Claudius Ptolemäus von Ciriaco de’Pizzicolli aus Ancona vom 31. 10. 1454[2] mit den pausbäckigen Winden empfängt die Besucher der Ausstellung in Berlin und im ersten Themensaal zu den vier Schriftkulturen – der griechischen, lateinischen, hebräischen und arabischen. Das antike Weltbild, das lange fortwirkt, ist ein anderes. Am Schluss des Ausstellungsrundgangs steht der Sextant zur Messung von Sterndistanzen in beliebigen Ebenen nach Tycho Brahes Astromiae Illustratae Mechanica von 1599.[3] Das Weltbild ist nun mit mancherlei Instrumenten vermessen worden.[4] Das Wissen von der Erde, den Sternen und dem menschlichen Körper hat sich nicht zuletzt dank vielfältiger Übersetzungen verändert.

 

Die Ausstellung zum Wissenstransfer in der Zeit zwischen 500 und 1500 verdankt sich dem einzigartigen Sammlungsbestand der Österreichischen Nationalbibliothek. Einige der wichtigsten Schriftzeugnisse wie der „Wiener Dioskurides“ als spätantikes, überwiegend griechisches Original der „pharmakologisch-zoologischen Sammelhandschrift“[5] sind nun im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die Ausstellung der Wiener Nationalgalerie legt nicht nur Wert auf die Einmaligkeit der Handschriften und Seltenheit der Schriftzeugnisse aus einer Zeit, als die Blätter kaum in Büchern gebunden waren, sondern als Codex, einem „Stapel beschrifteter oder zur Beschriftung vorgesehener Holz- oder Wachstafeln, später … gehefteter Papyrus- oder Pergamentblätter“[6] gesammelt wurden. Vielmehr werden die Gebrauchsspuren durch Randglossen, „Bemerkungen und Notizen“ in Latein, Hebräisch, Arabisch, Persisch oder Türkisch ins Interesse gerückt.[7]

 

Das gebundene Buch entwickelt sich aus dem Codex heraus. Das war auch ein Umbruch im Wissen. Denn schon die Verschiebung von der Rolle aus Papyrus zum Codex in Pergament erforderte andere Praktiken des Schreibens und Lesens. Ernst Gamillscheg widmet sich in der Ausstellung und dem Katalog einer detaillierten Entwicklung der griechischen Handschrift, die besonders mit dem „Beschreibstoff“ Pergament verknüpft ist. Die Knappheit des aus Tierhäuten (Schafen oder Ziegen) hergestellten Pergaments führt u.a. dazu, dass bereits beschriebene Seiten abgewaschen oder abgeschabt und erneut beschrieben wurden. Beispielsweise findet sich so als Palimpsest „unter einem Text in Syrisch die Ilias in Griechisch“.[8] Doch auch die Weiterverwendung griechischer Handschriften durch Übersetzungen ins Lateinische an den Ränder trug der Knappheit Rechnung.

 

Die heterogene Textgestalt der „Bibel der Christen“, insbesondere des Neuen Testaments resultiert aus der „Codexform“.[9] Zum Codex als Vorform des Buches gehört die Zusammenstellung, Sammlung und Sequenzierung von Pergamenten wie den „Predigtunterlagen der Apostel als Notizbücher (Polyptycha)“.[10] Der Codex, wie er sich in der Ausstellung mit dem „Lederschnitteinband mit Rankendekor und Tierdarstellungen für den Pentateuch und Megilloth“[11] in Hebräisch aus Deutschland im 14. Jahrhundert erhalten hat, generiert sich aus Heften oder Briefen u. a. kürzeren Schriften. Während in der lateinisch-christlichen Schriftkultur das gebundene Buch schneller den Codex ablöst, bleibt er offenbar länger in der hebräisch-jüdischen und arabisch-muslimischen erhalten.

 

Die einleitende Entwicklung der Handschriften in der Ausstellung fasziniert durch ihre kostbaren und einmaligen Exponate. Doch erfordert sie gleichzeitig das Lesen nicht nur der Texttafeln, vielmehr noch der einzelnen Beschriftungen, die indessen nicht immer das Exponat hinreichend erschließen. Die historischen Erzählungen von der Entwicklung der jeweiligen Schriften wie das „Koranfragment (Sure 68, 39-41) in Kufi-Schrift, mit roten Punkten als Vokalzeichen und goldenen Rosetten als Verszeichen“ aus Syrien, Irak oder Nordafrika aus dem 9. oder 10. Jahrhundert wird zwar mit den „roten Punkten als Vokalzeichen“ erklärt, doch die Schrift ist hier offenbar nicht nur zum Lesen besonders aufwendig gestaltet. Vielmehr möchte der Besucher dann doch mehr von der Gestaltung und dem Text erfahren.

 

Die Schrift und Verschriftlichung der Sprache als Generator von hier zunächst religiösem Wissen, das wegen seiner Ausschmückung immer auch magische Qualitäten entfaltet, lässt sich nicht allein als historische Entwicklung erschließen. Solveigh Rumpf-Dorner weist zwar auf die „von 'Utmān veranlasste schriftliche Version … zum heut noch gültigen Standardtext des Korans“ hin und bedenkt „die Schrift selbst“ als „gestalterische(s) Element“. Doch inwiefern überschneiden sich die durch Punkte und Rosetten verzierte Schrift mit der „Textgenauigkeit“?[12] Wann stellt sich gerade durch die oft rätselhafte Gestaltung und Ausgestaltung der Schrift Sinn als Wissen ein? Was sich in der Einleitung der Ausstellung beobachten lässt, ist gleichfalls die Macht der Schrift in ihrer ästhetischen Qualität. Ausgeschmückt werden die religiösen Texte, um sie allererst als ebenso geheimnis- wie wertvolles Wissen in Erscheinung treten zu lassen.

 

Die Prozesse der Schriftlichkeit, der Sammlung, Kombination und Sequenzierung transferieren nicht nur Wissen. Sie machen dieses vor allem auch sicht- und lesbar. Sie materialisieren Wissen. Durch die Materialisierung wird nun gerade die „Textgenauigkeit“ zum Streitpunkt des Wissens und richtigen Lesens, der Exegese. Trotz oder wegen des Anspruchs auf „Textgenauigkeit“ gibt es die unterschiedlichsten Lesarten insbesondere des Korans, aber natürlich auch der Bibel der Christen. Zeichnet sich der Koran in seiner Schriftlichkeit doch durch eine poetische Sprache aus, die Sinn und Wissen jenseits der Schrift bzw. der Schriftkulturen entstehen lässt. So hatte Stefan Weidner im Februar 2010 im Literarischen Colloquium die Sure 96 in ihrer Unübersetzbarkeit hervorgehoben und den Koran als eine Sammlung von poetischen Texten unterschiedlicher Provenienz vorgestellt. Die Fragen des Fundamentalismus in den Religionen hängen entschieden mit der Schriftlichkeit und Materialität den Wissens zusammen.[13] Der Koran liegt dem Wissensmodus des Codex‘ näher als dem des gebundenen Buchs. 

 

Der historische Ansatz für die Schriftkulturen und Übersetzungen, die sich in den Codices auf den Schriftseiten beobachten lassen, greift ein wenig kurz. Die Codices und Bücher transferieren nicht einfach Wissen, vielmehr prozessualisieren das Wissen bis hin zum Palimpsest. Die Übersetzungen allein schon in die Schrift und den Codex generieren immer auch neues Wissen. Einerseits mag der „Lederschnitteinband mit Rankendekor und Tierdarstellungen“ sowie Buchklappe und Verschlusshaken an der Seite praktisch für die Aufbewahrung und den Transport sein. Andererseits sind es möglicherweise gerade diese Verschluss- und Sammlungspraktiken, die das Imaginäre eines Buchwissens allererst einsetzen lassen. Die Verfügbarkeit, Bindung von Seiten unterschiedlicher Provenienz und schließlich Abschreibbarkeit durch Kopisten bringt überhaupt eine Imagination von Wissen hervor.

 

An der Medizin und der Astronomie wie Astrologie wird in der Ausstellung die Überlieferung des „Wissens der Antike“ mit wundervoll illuminierten Handschriften des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit vorgeführt. Doch was heißt Überlieferung? Andreas Fingernagel weist in seinem Artikel Die Überlieferung des medizinischen Wissens der Antike auf das „im Einzelnen durch ungesicherte Zuschreibungsfragen aber strittige() Werk, de(s) so genannten Corpus Hippocraticum“ hin.[14] Das antike Wissen des Hippokrates lässt sich selbst „mit dem unter der Signatur Cod. Med. gr. 4 verwahrten Codex, eine(m) der ältesten Textzeugen“, schwer genau fassen. Vielmehr entstehen durch unterschiedliche Übersetzungen aus dem Griechischen und Arabischen „konkurrierende() Varianten“. Anders gesagt: Die Überlieferung des Corpus Hipporcraticum unterliegt einer Nachträglichkeit.

… Wie beim Werk Galens, so sind auch hier die Wege der Übertragung vielfältig, da neben der Vermittlung über die arabischen Fassungen im Laufe des Mittelalters – vor allem im 13. und 14. Jahrhundert – auch vermehrt wieder auf die griechischen Texte als Ausgangspunkt für die Verbreitung in lateinischer Sprache zurückgegriffen wurde, … Die Folge dieser Mehrfachübersetzungen war die Verbreitung von abweichenden, untereinander konkurrierenden Varianten, wobei sich im Allgemeinen die älteren »Versionen« durchgesetzt haben.[15]     

 

Durch die christliche Religion und Katholische Kirche wird das Wissen der Antike bis hin zu Bücherverbrennungen abgetrennt. Die Materialisierung des Wissens als Codices ermöglicht zugleich seine Indizierung und Auslöschung. Der Körper des Menschen als Werk Gottes unterliegt anderen Regeln als denen der Antike. Die christliche Religion konkurriert mit ihrem Wissen vom Körper mit dem schematischen der Medizin in der Antike. Deshalb kommt den arabischen Übersetzungen eine besondere Funktion bei der Überlieferung zu. Das antike Wissen verschwindet nicht einfach, vielmehr wird es umgeleitet und umgeschrieben. 

Der unumstrittene Verdienst der ersten Vermittlung des medizinischen Wissens der griechischen Antike ist … den arabischen Gelehrten zuzusprechen. Erste, zaghafte Anfänge dieser Entwicklung lassen sich bis in die Zeit der Herrschaft der Omayyaden (661-749) zurückverfolgen, als die Araber nach der Eroberung Syriens, Persiens und Ägyptens erstmals mit den Erkenntnissen der griechischen Medizin in Berührung kamen.[16]

 

Es ist offenbar auch die Medizin, die in Syrien, genauer Mossul, erlaubt, was sonst als islamisches Bilderverbot praktiziert wird. Die bildliche Darstellung von Fünf giftigen Schlangen und der Vipernjagd mit ausgestopften Puppen im arabischen Theriakbuch nach Galen ist nicht nur ein fragmentarischer „Prachtcodex“. Die Bildlichkeit wird hier auch in besonderer Weise als Scharnier und zur Verbreitung des Wissens eingesetzt. Fingernagel schlägt vor, dass die „Präsentationsform des Textes“ auf eine „hebräische Zwischenstufe“[17] verweist, womit des antiken Arztes Galen Wissen über die Gifte und Gegengifte von Schlagen bereits transformiert worden war, als es im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts ins Arabische übersetzt wurde. Der „Prachtcodex“ stellt in seiner reichen Illumination insofern nicht nur antikes Wissen dar, vielmehr wird durch die Kombination von Text und Bild das Wissen auf besondere Weise aufgewertet und zum Schatz. Das Wissen der illuminierten Codices wird vor allem als Geschenk in Umlauf gebracht. 

 

 

Der Wissenstransfer durch Codices als Geschenk wird von Andreas Fingernagel im Katalog zwar wiederholt erwähnt, doch nicht genauer bedacht. Codices werden oft, wenn nicht gar meistens als Geschenk angefertigt. So sind es gerade das arabische „Theriakbuch“ und der „Wiener Dioskurides“, die als Geschenke ausgewiesen werden. Der Codex mit seinen Schriften und Malereien, seinem Wissen mit „Widmungsbild (der Herrscher und Mäzen der Handschrift im Kreis seines Gefolges)“[18] oder „Dedikationsbild“ als Geschenk in Szene setzt. Es ist nicht immer deutlich zu unterscheiden, wer den Codex in Auftrag gegeben oder an wen es verschenkt wurde. 

Das Dedukationsbild … zu Beginn des Codex – das älteste erhaltene Widmungsbild der Buchmalerei – informiert uns konkret über die Empfängerin des kostbaren Geschenkes und den Anlass der Überreichung. Demnach erhielt Prinzessin Juliana Anikia, die Jahre 512 im Stadtteil Honoratae (=Pera) von Konstantinopel eine Marienkirche gestiftet hatte, als Dank ein reich illustriertes »Kräuterbuch«, den Dioskurides. Eine stark verwischte und nur mehr schwer zu entziffernde Beischrift weist darauf hin: Juchhe! Mit allen guten Ruhmessprüchen besingt und rühmt dich, o Herrscherin, die Stadt Honoratae. Denn zu dem ganzen Erdkreis zu sprechen treibt sie die Großherzigkeit der Anikier, deren Spross du bist. Denn einen Tempel des Herrn erbautest du, der hoch und herrlich emporstieg.[19]

  

Die Materialisierung des Wissens als Codex erlaubt zugleich den Gebrauch als Geschenk. Es lässt sich als Codex verschenken. Das ist insofern bemerkenswert, weil der Sinn und Zweck des Kräuterbuchs für die „Prinzessin Juliana Anikia“ damit auch umgangen wird. Sie ist keine Ärztin, die das Wissen des Dioskurides lernen, anwenden und lehren könnte. Vielleicht kann sie nicht einmal lesen. Sie muss als Prinzessin nicht lesen können. Schriftgelehrte, Schreiber und Kopisten können lesen. Von einer Alphabetisierung breiterer Bevölkerungsschichten ist selbst in Konstantinopel um 500 kaum auszugehen. Der Codex des Dioskurides als in der Dedikation formuliertes Geschenk spart die Frage des Wissens aus und transferiert es dennoch.

 

Die Kopien und „Beischriften in Arabisch, Persisch und Türkisch bezeugen“ nicht nur eine Aneignung des Codex durch „Eroberer“, vielmehr wird das Wissen dadurch transformiert und gibt einen Wink auf das Pergament als Spur. So gibt es den „Text zur baumartigen Hauswurz, mit lateinischen Transkriptionen“ ebenso wie die arabischen, persischen und türkischen Beischriften. „Im 16. Jahrhundert gelangte die Handschrift schließlich in jüdischen Besitz und wurde vom Leibarzt Süleymān II., dem Juden Hamon, verwendet.“[20] Das Pergament als knapper und, vielleicht sollte man ruhig sagen, nachhaltiger „Beschreibstoff“ transportiert nicht nur Wissen, es wird auch zum Schauplatz der Übersetzung, wobei die Praktiken der Benutzung nicht genau bekannt sind. Als ständig verfügbares und häufig genutztes Nachschlagewerk wird der Dioskurides kaum genutzt worden sein.

 

Eine wichtige Funktion in der Überlieferung und Kompilation von antikem Wissen der Medizin wird dem arabischen Arzt Avicenna (أبوعليالحسينبنعبداللهابنسينا/Abū ʿAlī al-Ḥusain b. ʿAbd Allāh ibn Sīnā) zugeschrieben, von dem die „Österreichische Nationalbibliothek gleich eine Reihe von Handschriften dieses Textes“ besitzt.[21] In Berlin lässt sich nun eine lateinische Ausgabe des Canon de medicina von Avicenna von 1300 aus Bologna oder Padua mit einem vogelköpfigen Mischwesen als Initiale sehen. Avicenna verfasste seinen Qānūn at-Tibb (Kanon der Medizin, القانون في الطب, al-Qānūn fī ṭ-Ṭibb) zwischen 1020 und 1027. Seine Leistung bestand insofern nicht nur in der Übersetzung, sondern in der Zusammenstellung und Systematisierung antiken Wissens. 

… Das aus den Arbeiten Galens, Rhazes und Haly Abbas‘ schöpfende Werk bestach durch seinen zusammenfassenden, kompilatorischen Charakter. Inhaltlich unterscheidet sich der Qanun von zeitgleich entstandenen medizinischen Schriften vor allem dadurch, dass trotz des naturphilosophischen Grundkonzeptes alles Metaphysische in den Hintergrund tritt (…).[22]    

 

Was in der Medizinliteratur durch Avicenna offenbar mit dem Qanun gelingt, nämlich eine Kompilation unter gleichzeitiger Bereinigung der Sprache zu Handlungsanweisungen, „alles Metaphysische in den Hintergrund tritt“, macht in der Astronomie auf längere Sicht größere Schwierigkeiten. Immer spielt offenbar die ebenso literarische wie sinnstiftende Astrologie in das astronomische Wissen hinein. Doch die geheimnisvolle Initiale der Handschrift, das Mischwesen mit tierischen und menschlichen Zügen sowie einem roten Schild zur Abwehr holt Metaphysisches oder Magisches durch Uneindeutigkeit gerade zurück in die Handschrift. Die Bildlichkeit der Initiale, die auf religiöse Texte als Handschrift anspielt, setzt in Szene, was zumindest nach Fingernagel und dem von ihm zitierten Heinrich Schipperges „in den Hintergrund“ treten sollte. Das Mischwesen, das in einer Schleppe ausläuft oder aus einer eher weiblichen Kleidung mit Schleppe generiert wird, geht im kanonisierten Wissen der Medizin nicht auf.

Astronomie und Astrologie, also die Gesetzmäßigkeit der Sterne, ihrer Bewegungen und Himmelerscheinungen sowie das Wissen aus den Sternen oder durch sie, lassen sich bis in die Neuzeit in der Wissenschaftsliteratur nicht deutlich von einander trennen. Tycho Brahe geht von einem geozentrischen Weltbild aus. Immer wieder wird das Wissen in Medizin, Astronomie und Astrologie von literarischen Mischformen heimgesucht. Für die Lebenspraxis der Menschen und Herrscher, für das Wissen als eines, das sich jetzt darauf anwenden lässt, was in Zukunft eintreten wird, erfreute sich die Astrologie weit größerer Beliebtheit als die Astronomie. So ist beispielsweise Venus als Lautenspielerin im vierten Himmel wie in Abū Yahyā Zakariyā' ibn Muhammad al-Qazwīnīs (persisch ابویحییزکریاءبنمحمدالقزوینی) Das Geschenk der Merkwürdigkeiten oder auch Wunder der Schöpfung ebenso in die Astronomie wie Astrologie und Medizin verwoben. Denn Muhammad al-Qazwini war gleichfalls Arzt, Astronom und Astrologe.

 

 

Der astronomische Name des Planeten Venus wird im Arabischen von Muhammad al-Qazwini mit einer astrologisch-religiösen Liebesgeschichte des „großen göttlichen Namens“ verknüpft. Die Literaturen der Medizin, der Astronomie und Astrologie nehmen nicht zuletzt durch Übersetzungen und Übertagungen unablässig Wissensoperationen vor, die Mehrdeutigkeit generieren. In der arabischen Legende vom Planeten Venus wird die literarische Operation durch die Übertragung des Namens Zuhra besonders deutlich. Ständig überschneiden sich in der Astronomie die Namen der Planeten und Sternbilder mit astrologischen Erzählungen. 

... den »großen göttlichen Namen«. Mit der Kraft dieses Zauberworts kann (die Sängerin und Musikerin Zuhra) in den Himmel aufsteigen und zum Planeten Venus – arabisch »zuhra« - werden. Nun hat sie ihren Platz in der vierten der himmlischen Sphären – und in vielen illustrierten islamischen Kosmologien und Bildenzyklopädien, in denen sie als Lauten- oder Harfenspielerin abgebildet wird, wie zum Beispiel in zahlreichen Handschriften der berühmten Wunder der Schöpfung des Persers Zakariyā' ibn Muhammad al-Qazwīnī (1203-1283), die aus dem arabisch verfassten Original ins Persische und Türkische übersetzt wurden (…).[23]

 

Die Literaturen der Astrologie und Astronomie durchdringen einander und sind in ihrem gnostischen Potential besonders beliebt. Nicht zuletzt darin liegt das Versprechen der Religion und ihrer Lebensregeln in den drei monotheistischen Religionen von Judentum, Christentum und Islam. Das Wissen um eine Zukunft nach dem Tod führt zu Praktiken, die ein zukünftiges Wohlleben garantieren sollen. In der Ausstellung Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften 500-1500 lässt sich sehen, lesen, wie die Literatur über ein richtiges Leben, ein gesundes Leben immer wieder verhandelt wird. Doch das Wissen ist nicht einfach verfügbar, vielmehr bleibt es selbst oder gerade dann, wenn es als Initiale und Illumination im Buch erscheint, immer elastisch

 

 

Torsten Flüh 

 

Juden, Christen und Muslime 

Im Dialog der Wissenschaften 500 – 1500 

Martin-Gropius-Bau 

bis 4. März 2018 

Mittwoch bis Montag 10:00 bis 19:00 Uhr

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[1] Johanna Rachinger: Vorwort. In: Andreas Fingernagel [Hg.]: Juden, Christen und Muslime. Im Dialog der Wissenschaften 500-1500. Wien: Kremayr & Scheriau, 2018, S. 8.

[2] Nicht im Katalog. Beschriftung in der Ausstellung: „Ptolemäische Weltkarte Claudius Ptolemaeus (~100 – nach 160), Geographia (gr.) Florenz, 31.10.1454 (Johannes Skutariotes) – Die Karten stammen von Ciriaco de’Pizzicolli aus Ancona Cod. Hist. gr. 1, fol. 49v/50r”.

[3] Tychonis Brahe: Astronomiae Instauratae Mechanica ... / [Propria Authoris Typographia opera Philippi de Ohr Chalcographi Hamburgensis] Illustrator Ohr, Philipp von Wandesbvrgi, 1598. (Digitalisat)

[4] Ebenda Titelblatt.

[5] Andreas Fingernagel: Ein spätantikes Original. Der »Wiener Dioskurides« und seine Rezeptionsgeschichte. In: ders. [Hg.]: Juden, … [wie Anm. 1] S. 109.

[6] Gudrun Wlach: Glossar. In: Andreas Fingernagel [Hg.]: Juden, … [wie Anm. 1] S. 264.

[7] Andreas Fingernagel: Ein … [wie Anm. 1] S. 111.

[8] Ernst Gamillscheg: Die griechische Handschrift. In: Andreas Fingernagel [Hg.]: Juden, … [wie Anm. 1] S. 18.

[9] Ebenda S. 17.

[10] Ebenda.

[11] Siehe Abb.10 ebenda S. 58.

[12] Solveigh Rumpf-Dorner: Die arabische Handschrift. In: Andreas Fingernagel [Hg.]: Juden, … [wie Anm. 1] S. 29.  

[13] Siehe Torsten Flüh: Das Ursprüngliche des Korans. Stefan Weidners Seminar Vom Übersetzen des Unübersetzbaren im Literarischen Colloquium Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. Februar 2010 20:56 und zum fundamentalistischen Salafismus ders.: Vom Umkehren, Bekennen und Schmuggeln. Zur aktuellen Reihe Konversionen der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. Juni 2015 22:12.

[14] Andreas Fingernage: Die Überlieferung des medizinischen Wissens der Antik. In: ders.: Juden … [wie Anm. 1] S. 75.

[15] Ebenda S. 76.

[16] Ebenda S. 82.

[17] Ebenda S. 85. 

[18] Ebenda S. 82/83.

[19] Ebenda S. 111.

[20] Ebenda.

[21] Ebenda S. 104.

[22] Ebenda.

[23] Christian Gastgeber: Astronomie und Astrologie im Mittelalter zwischen den Kulturen. In: Andreas Fingernagel [Hg.]: Juden … [wie Anm. 1] S. 220.