Verbrechen und Politik mit Homosexualität - Götz Wienold liest aus seinem Stück Planet Grynszpan im Gesprächskreis Homosexualität und besucht das KZ Sachsenhausen

Homosexualität – Politik – Verbrechen 

 

Verbrechen und Politik mit Homosexualität 

Götz Wienold liest aus seinem Stück Planet Grynszpan im Gesprächskreis Homosexualität der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeine und besucht das KZ Sachsenhausen 

 

Als Herschel Hermann Feibel Grynszpan im Eichmann-Prozess in Jerusalem im April 1961 mit Zeugenaussagen seines Vaters Sendel bzw. Zindel und seines Bruders Mordechai bzw. Markus zur Sprache kam, kritisierte die Prozessbeobachterin Hannah Arendt im Magazin The New Yorker, dass der „Ankläger sein »Bild« mit ihm beginnen wollte“. Arendt nannte Hermann einen „Psychopath(en)“, störte sich an der Darstellung des Jüdischen mit dem Vater als alten „Mann, der das jüdische Käppchen der Orthodoxen trug, klein, zerbrechlich, mit spärlichem weißem Haar und Bart“ und lehnte die Argumentation mit der Homosexualität entschieden ab. Gerüchteweise hatte sie gar gehört, dass Grynszpan noch lebe. Der Vater hatte ihn am 8. Mai 1960 für Tod erklären lassen. Der ganze Auftritt des Falls schien ihr schlecht konstruiert und voller Widersprüche.

 

Götz Wienold löst in seinem Stück Planet Grynszpan die Widersprüche nicht auf, vielmehr treibt er sie mit drei Szenarien auf die Spitze. Das Thema der Homosexualität wird von Wienold ohne falsche Vorbehalte in den teilweise gewalttätigen Verhören von Grynszpan durch die Gestapo auf unterschiedliche Weise zur Sprache gebracht. Grynszpan sollte nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Paris 1940 in Berlin ein Schauprozess gemacht werden, um den zur Tatzeit 17jährigen Attentäter als politischen Verschwörer des „Weltjudentums“ darzustellen, ihn zu überführen und die Pogrome vom 9. November 1938 im Nachhinein zu rechtfertigen. Doch trotz ausgeklügelter Vorbereitungen und persönlichen Engagements von Joseph Goebbels kam es nie zu diesem Prozess. Warum nicht?

 

Lothar Dönitz und Volker Gasser vom Gesprächskreis Homosexualität hatten Götz Wienold eingeladen, um durch Lesung und Diskussion mehr darüber zu erfahren. – Hatte Herschel Grynszpan im Verhör gedroht, von seiner sexuellen Beziehung zum gerade 29jährigen Botschaftsrat Ernst vom Rath vor der versammelten Weltöffentlichkeit zu sprechen? Welche Argumente verhinderten den Schauprozess? Wann verschwand Herschel Grynszpan? Dazu ist ausführlich historisch geforscht worden. Götz Wienold kennt die Forschungsliteratur bis ins letzte Detail und hat sie zu einem dramatischen Stück möglicher Zeitgeschichte verdichtet. So kommt er der Figur Grynszpan in ihren Widersprüchen ziemlich nah. 

JOSEF WINTERER: Und du lügst auch noch, wenn du nichts sagst. Schlägt ihn. 

GRYNSZPAN: Vorsicht! Ich muß einigermaßen heil bleiben, sonst ist der Prozeß im Eimer. 

Winterer schlägt ihn zu Boden.[1]

 

Was wissen wir von dem (historischen) Ereignis? – Wir wissen wenig, fast nichts über den Siebzehnjährigen, der in der Botschaft allein mit dem Botschaftsrat im Zimmer, ohne Zeugen, mit einem Revolver so schlecht schoss, dass nur zwei von fünf abgeschossenen Kugeln überhaupt trafen. Da ist vermutlich jeder aufgebrachte Beziehungstäter erfolgreicher. Grynszpan traf Ernst Eduard vom Rath ins Schulterblatt und in den Bauch, was diesem durchaus noch ermöglichte, aus dem Zimmer zu gehen. Hitler persönlich soll seine Vertrauensärzte nach Paris geschickt haben, um das Leben des an der Milz verletzten jungen Botschaftsrats zu retten. Vom Rath starb trotzdem am 9. November 1938 in Paris. Seit den Schüssen am 7. hatte eine bereits widersprüchliche, nicht enden wollende Erzählung eingesetzt. Nach der von Ernst von Weizsäcker in Paris organisierten Trauerfeier wurde der Sarg am 17. November 1938 pompös mit einem Sonderzug nach Düsseldorf überführt, wo Adolf Hitler wiederum höchst persönlich an dem Staatsbegräbnis teilnahm.

 

Historiker haben auch als Folge von Hannah Arendts kritischen Prozessbericht die Umstände des Attentats und das Verschwinden Gynszpans materialreich zu klären versucht. Klar ist: Als Totem wächst Ernst vom Rath eine zuvor unausdenkliche Symbolkraft zu. Oder es war schon alles zuvor geplant? Oder Hitler unterhielt gar eine persönliche Beziehung zu vom Rath? Oder Grynszpan, der in Hannover geborene polnische Jude mit dem merkwürdigen Namen, hatte nur Schulden aus Sexleistungen vom Botschaftsrat eintreiben wollen … Wer weiß, auch Rollenspiele soll es geben? Es gibt die Schüsse, Berichte, Erzählungen und Gerüchte. Und noch heute gibt es jüdische Überlebende, Überlebende des Holocaust, die den jungen Mann mit dem seltsamen Namen für die Novemberpogrome vor bald 80 Jahren verantwortlich machen. Sendel Grynszpan hat seinen Sohn möglicherweise auch aus Scham am Tag der Befreiung, dem 8. Mai, für Tod erklären lassen. Starb er unerkannt und entstellt erst auf dem Todesmarsch der 30.000 KZ-Gefangenen von Sachsenhausen Richtung Ostsee? 

 

Die kursierenden Namen des jungen Mannes – Herschel, Hermann, Feibel – sind durchaus nicht nebensächlich. Götz Wienold macht aus Herschel den Titel für sein Stück Planet Grynszpan. Denn Herschel ist nicht nur ein männlicher Vorname, sondern erinnert an den ebenfalls in Hannover 1738 geborenen Friedrich Wilhelm Herschel, der in England als Musiker, Komponist, Gelehrter, Mathematiker und Astronom 1781 den Planeten Uranus entdeckte. Dieser wurde zunächst nach ihm, Herschel, benannt. Allerdings kann Herschel im Jiddischen auch als Hirsch gebraucht werden. Es lässt sich nicht so leicht entscheiden, ob der Vorname Herschel mit einem emanzipatorischen Bildungswissen und/oder einer jüdischen Namenstradition verknüpft worden war. Von zumindest seinen Geschwistern wurde Herschel wohl mit dem urgermanischen Namen Hermann gerufen. Auch liegt das Hermannsdenkmal in mittelbarer Nähe von Hannover im Teutoburger Wald. Feibel ist allerdings ein häufig in Mittel- und Osteuropa verwendeter männlicher, jüdischer Vorname gewesen: der Leuchtende. 

Gleich einem sehr fremden, beinahe anstößigen Planeten wandert Herschel Grynszpan durch schwerste, bedrückendste Zeit.[2]      

  

Götz Wienold will mit seinem Stück keine Erklärungen für das Attentat und die historischen Ereignisse liefern. In seinen Nachforschungen zum Fall hat Wienold die verschiedenen Versuche und nicht zuletzt Hannah Arendts ungläubige Rückschlüsse studiert. Einerseits kritisiert die selbstbewusste Intellektuelle und Akademikerin Arendt wie im Eichmann-Prozess fatalerweise der Vater mit „jüdische(m) Käppchen der Orthodoxen“ als Stellvertreter des Judentums eingeführt wird. Arendt lehnt das „Bild“ des Juden als ein falsches ab, weil es das Bild der Nationalsozialisten vom „Weltjudentum“ ist. Dagegen protestiert sie. Die Juden waren durch die Nationalsozialisten und ihre Rassenmodelle allererst sichtbar, identifizierbar gemacht worden. Auf den Fotos, die von Herschel Grynszpan im hellen Trenchcoat von der Polizei in Paris aufgenommen wurden, die heute im Internet zirkulieren, sieht er nicht besonders „jüdisch“, eher ein wenig verwegen und gut gekleidet aus. Das Bild schwankt.

 

Andererseits findet Hannah Arendt als Prozessbeobachterin keine schlüssige Antwort, wie Grynszpan in den Tod vom Raths hineingeraten sein soll. Deshalb fällt der schwierige Begriff „Psychopath“. Und die für sie „vermutlich von der Gestapo erfunden(e)“ Homosexualität des Opfers verstärkt nur die Ungereimtheiten. 

… Vom Rath wäre für einen Racheakt ein besonders ungeeignetes Opfer gewesen – er wurde von der Gestapo wegen seiner offen antinazistischen Haltung und wegen seiner Sympathien für Juden überwacht, und die Geschichte von seiner Homosexualität war vermutlich von der Gestapo erfunden. Grynszpan mag als unwissendes Werkzeug von Gestapoagenten in Paris gehandelt haben, die vielleicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollten - einen Vorwand für Pogrome in Deutschland schaffen und einen Gegner des Naziregimes erledigen -, ohne sich klarzumachen, daß beides zugleich nicht ging, d. h. daß sie nicht vom Rath als Homosexuellen mit unerlaubten Beziehungen zu jüdischen Jugendlichen verleumden und ihn gleichzeitig als Märtyrer und Opfer des »Weltjudentums« hinstellen konnten.[3]

 

Die Widersprüche die Hannah Arendt aus dem Prozessauftritt herausarbeitet, lassen sich nicht auflösen. Die Homosexualität spielt für ihre Argumentation eine entscheidende Rolle. Durch einen ärztlichen Behandlungsvorgang weiß man heute, dass Ernst vom Rath wegen einer „gonorrhoischen Mastdarmentzündung“ im Frühjahr 1938 Indien hatte verlassen müssen. Da die Gonorrhoe, umgangssprachlich Tripper, nur über Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, muss vom Rath mit einem infizierten Mann ungeschützten Analverkehr gehabt haben. Doch in Hannah Arendts Argumentation macht die erwiesene Homosexualität ein großes Problem. Sie ist durch den von den Nationalsozialisten 1935 verschärften § 175 StGB zu einem Politikum geworden. Denn nun ist es nicht mehr nur strafbar, wenn Männer mit Männern verkehren, sondern wenn „objektiv das allgemeine Schamgefühl verletzt und subjektiv die wollüstige Absicht vorhanden war, die Sinneslust eines der beiden Männer oder eines Dritten [zu] erregen“.[4] Das „allgemeine Schamgefühl“ und „die Sinneslust“ machen die Strafbarkeit je nach Belieben dehnbar, weil sie sich schlecht überprüfen und formalisieren lassen. 

SCHNABEL: Sie haben … ich meine, haben Sie selbst auch? 

GRYNSZPAN ohne Scheu: Anfangs ja. Aber ich war nicht ganz sein Typ. Mein Glück? Lächelt unverschämt. Da machte ich ihm den Vorschlag. 

SCHNABEL: Sie … Sie … schmutziger, gemeiner, hundsgemeiner Kerl! 

WINTERER: Hunds-, hundsgemeiner Kerl! 

GRYNSZPAN: Zum Beispiel, das Café Tout Va Bien – 15 Boulevard St. Denis, da Sie so gern die genaue Adresse wissen wollen. Schnabel stürzt sich auf ihn, Grynszpan aber bleibt cool. Für mich allein ging ich nicht dahin, aber mit dem Geld, das er mir gab, konnte ich mir das erlauben.[5]

 

Das Schamgefühl spielt in der Passage aus Götz Wienolds Stück eine entscheidende Rolle. Es speist sich aus einem ambigen Wissen. Äußerst geschickt und treffend baut Wienold das fast voyeuristische Wissenwollen im Verhör auf. Eigentlich wissen Schnabel und Winterer schon vorher, was Grynszpan dreist aussprechen wird. Geschickt spielt der Verhörte mit dem Wissen von der Homosexualität und unterstellt es den Verhörenden. Denn gerade das Wissen von der strafrechtlich verfolgten Homosexualität zeichnet die männerbündlerische und körperkultige Staatskultur der Nationalsozialisten aus. Die sexualisierten Männerkörper sind beispielsweise seit den Olympischen Spielen 1936 im Olympiastadion als Statuen und Vorbild allgegenwärtig. Am Olympiastadion stehen sie einzeln oder freundespaarweise nackt, überlebensgroß. Man muss zu ihnen aufschauen und sich ihnen als Bild unterwerfen. Doch in Grynszpans Vita, wie sie selbst von Hannah Arendt verarbeitet wird, blitzt ein weiterer Moment auf. Der Tätigkeit als Vermittler und Sexarbeiter geht offenbar ein früherer Missbrauch voraus. Wenn es stimmt, dass er schon seit Jahren ein Schulabbrecher und Herumtreiber war, dann ist er wahrscheinlich in noch jüngeren Jahren missbraucht worden.

 

Das Verbrechen ist zugleich in mehrere andere verstrickt. Die Homosexualität als Praxis und der Missbrauch als Verbrechen bleiben auch ein von Hannah Arendt verdrängtes. Vom Rath darf kein Verbrecher sein. Was wirklich hinter den verschlossenen Türen in der Botschaft passiert ist, weiß niemand außer Grynszpan und vom Rath. Aber es gibt Schriftstücke wie den Brief der Schwester „Berta“ an „Hermann“ über die Zwangsrepatriierung der 17.000 in Deutschland lebenden polnischen Juden im Oktober 1938. Seit 1933 waren jüdische Deutsche durch die Nationalsozialisten wie beispielsweise mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, was erst einmal rechtens und unverfänglich klingt, am 7. April 1933 systematisch Schritt für Schritt entrechtet worden. Die verbrecherische Deportation der „polnischen“ Juden im Oktober 1938 ist nur eine weitere Maßnahme zur Vertreibung und Auslöschung der europäischen Juden, die die deutschen Juden nicht für möglich hielten.[6] 

SENDEL GRYNSZPAN: es war an einem Donnerstag, den 27. Oktober gegen 20 Uhr, als ein Polizist kam und uns sagte, wir sollten uns im 11. Revier mit unseren Pässen melden. Er fügte hinzu: Sie brauchen nichts mitzunehmen, Sie kommen gleich zurück. Als wir im Revier ankamen, haben wir mehrere Personen gesehen. Die einen saßen, andere standen herum, andere weinten. Ein Polizeibeamter schrie: „Unterschreibt, unterschreibt den Revers, ihr sei ausgewiesen.“ …[7]      

 

Es sollte nichts nützen, Berta, Hermann, Markus oder Gerhard zu heißen wie Gerhard Lachmann-Mosse, der als George L. Mosse in den USA nach 1945 als Historiker Karriere machte. Die Selektion hatte bereits 1933 eingesetzt. 1939 wurde Gerhard im Reisepass des Deutschen Reiches mit einem „J“-Stempel und dem zusätzlichen Vornamen „Israel“ kenntlich gemacht.[8] Hannah Arendt machte der Fall Grynszpan auch deshalb soviel Kopfzerbrechen, weil sein Überleben des Holocaust „ein fast exemplarischer Beweis wäre für »das Paradox von Auschwitz«, daß diejenigen Juden, die kriminelle Handlungen begangen hatten, am Leben blieben“.[9] Ob er kriminell war oder nicht, spielte letztlich für die Instrumentalisierung der beiden unsicheren Kandidaten Ernst vom Rath und Herschel Grynszpan keine Rolle. Noch 1952 war der Journalist Michael Graf Soltikow wegen Verunglimpfung durch Homosexualität Ernst Eduard vom Raths strafrechtlich in der Bundesrepublik Deutschland verurteilt worden.[10] Vieles spricht dafür, dass das Wissen über Grynszpan und vom Rath in Pariser Homosexuellenkreisen als offenes Geheimnis kursierte und je nach Belieben eingesetzt wurde. 

GRYNSZPAN: Herr Anwalt, nicht nur in gewissem Maße. Bei der bekannten öffentlichen Einstellung des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers zur Homosexualität … 

ANWALT: Was erlauben Sie sich! 

GRYNSZPAN: ist es doch untragbar, daß man erfährt, daß 

ANWALT: Was erlauben Sie sich, Sie Un… Un… 

GRYNSZPAN: Hitler einem Schwulli, der mit einem Juden schlief und der für Geld es mit jungen Burschen trieb, 

ANWALT: Halt!, Mensch, Halt![11]   

  

Fast mühelos lässt sich denken, dass genau jene Ängste noch 1952 von der Justiz der Bundesrepublik Deutschland zum Urteil wegen „Verleumdung“ gegen Michael Graf Soltikow führten. Den russischen Adelstitel hatte Walter Richard Max Bennecke aus Potsdam 1926 als 24jähriger durch Adoption von Leo Graf von Soltikow (und dessen Ehefrau Alexandra Tzwatkoff) erworben. Da nun Ehen oder eheähnliche Partnerschaften um 1926 selbst in Paris rechtlich nicht möglich waren, war die Adoption eine oft geübte homosexuelle Praxis, eine rechtliche Bindung einzugehen. Soltikow war kinderlos geblieben und Michael von Soltikow heiratete erst mit 64 und blieb ebenfalls kinderlos. Liest man die Biographie gegen den Strich, kommen homosexuelle oder queere Biographien um den Planet Grynszpan heraus. 

TANTE: Wenn die Deutschen es selbst getan hätten, sie hätten ihn nicht dümmer dastehen lassen können. 

GRYNSZPAN: Ich habe es getan! Es war richtig so! Was wollt ihr alle! Dann stellt er sich brav und demütig neben den Anwalt Ich bedaure meine Tat aufrichtig. Ich bitte Gott, mir zu verzeihen. Ich wollte ihn nicht töten. Dann tritt er wieder an eine andere Stelle Ich habe es getan! Es war richtig so! Was schreit ihr! Und wieder an anderer Stelle in Demutspose Ich bedaure meine Tat aufrichtig. Ich wollte ihn nicht töten. Ich bitte Gott, mir zu verzeihen.[12] 

 

Der Fall Grynszpan wird in seiner Dramatisierung und Diskursivierung symptomatisch, weil er nicht nur als Beziehungstat oder mentales Problem des Täters als „Psychopath“ aufgeht, sondern als Problem und Paradox der Homosexualität im Nationalsozialismus weitererzählt und verworfen wird. Die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog hat 2013 gleich auf mehrere Paradoxien der sexuellen Liberalisierung[13] durch Magnus Hirschfeld und Johanna Elberskirchen im Nationalsozialismus hingewiesen. „Sexuelle Dämonisierung von Juden war bereits in der Weimarer Republik ein gängiges Merkmal des Antisemitismus“[14], schreibt sie, was einen Wink auf Grynszpans Verortung als Homosexuellen und Juden gibt, um ihn in zweifacher Weise herabzusetzen, zu kriminalisieren und zu instrumentalisieren. Im Pariser Fall durchkreuzen sich indessen die gängigen Bewertungen und Diskurse, die beispielhaft auf das neuralgische Paradox der Sexualität im Dritten Reich hinweisen. 

Ohne Frage war es den nationalsozialistischen Propagandamachern lebhaft bewusst, dass die Homosozialität der Hitlerjugend sowie der SS und der Wehrmacht konkrete Möglichkeiten für homosexuelle Handlungen boten – und waren beflissen darauf bedacht, dies reflexiv zu thematisieren. […] Die zentrale Idee war – wie die SS-Zeitschrift Das schwarze Korps wiederholt elaborierte – dass sexuelle Identität etwas Schwankendes, Flüssiges, Veränderbares sei: »Das Triebleben erwacht in einem Altersstadium, in dem das andere Geschlecht noch nicht als bewußtes Wunschbild erscheinen kann«, und man wisse, »daß jeder Mensch in seiner Entwicklung eine Periode unbewußt durchlebt, in der es für das Gift [der gleichgeschlechtlichen Liebe] in einem gewissen Grade empfänglich ist«.[15]

 

Die von Dagmar Herzog eingeführte Homosozialität gehört zur Staats-, ja, Elitenräson des Nationalsozialismus. Und das ambivalente „Gift“ der „gleichgeschlechtlichen Liebe“ wird von Wissenschaftlern und im Eliteorgan der „SS-Zeitschrift Das schwarze Korps“ derart verständnisvoll verhandelt, als ginge es um den kriegsstrategisch verordneten Konsum von Chrystal Meth bzw. aufputschender „Panzerschokolade“ also Pervitin mit Metamphetamin.[16] Das „Gift“ kann richtig angewandt helfen, was bekanntlich für alle Gifte gilt. Lässt der Name Pervitin nicht auch an ebenso verbotene wie beglückende Perversionen denken? 

Eine Idee, die eigentlich zur Verminderung der Homophobie hätte beitragen können, zur Linderung der Abneigung und zur bejahenden Anerkennung fließender und durchlässiger Grenzen zwischen sexuellen Orientierungen – also die tief empfundene Einsicht, wie fragil Heterosexualität ist – diente stattdessen dazu, die Grenzen zu befestigen und die grauenhaft rigorose Intensivierung der Homosexuellenverfolgung bis hin zur mörderischen Radikalisierung zu legitimieren.[17]   

 

An die „mörderische Radikalisierung“ wurde am 12. Mai durch den Gesprächskreis Homosexualität unter der Leitung von Lothar Dönitz mit Lesungen von Biographien homosexueller KZ-Gefangener in Sachsenhausen und einer Kranzniederlegung nahe der „Folterpfähle“ unter der Gedenktafel – Totgeschlagen Totgeschwiegen den Homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus – erinnert. Sie wurde bereits am 22. November 1992 auf Initiative des Gesprächskreises unter Mitwirkung von Peter Birmele enthüllt. Einige historische Quellen erwähnen, dass Herschel Grynszpan in Sachsenhausen isoliert festgehalten wurde. In der Ausstellung Der Weg in den Abgrund. Das Jahr 1938 im Neuen Museum des KZ Sachsenhausen wird Herschel Grynszpans Geschichte umgangen. Die judenfeindlichen Schmierereien an den Schaufensterscheiben von A. BRÜNN in Berlin als Plakat für die Sonderausstellung erwähnen neben den Geschichten von Bella Rosenkranz, Erna Goldberg, Hermann Neudorf, Mendel Max Karp, Ruth Weinberg und Marceli Reich zwar ausdrücklich die Deportation von „Sendel Grynszpan und seine Frau Ryvka“ von Hannover nach Polen, der Name „Herschel Grynszpan“ fällt auch, doch wie dieser in die Geschichte um die November-Pogrome verwickelt war und wurde, ob er gar im KZ Sachsenhausen festgehalten und ermordet wurde, wird nicht erwähnt.

 

Herschel Grynszpan verschwindet einfach und wird von seinem eigenen Vater vor ziemlich genau 58 Jahren für Tod erklärt. Das Verschwinden Grynszpans und seine mehrfache Wiederkehr geben zu denken. Bis heute gibt es keinen offiziellen Gedenkort für die im KZ Sachsenhausen zwangssterilisierten, kastrierten, gefolterten, durch medizinische Versuche, durch Mangelernährung und Zwangsarbeit z. B. auf der „Schuhprüfstrecke“ (11 Stunden marschieren und gehen auf unterschiedlichen Bodenbelegen bei Mangelversorgung) ermordeten Homosexuellen. Weiterhin gibt es wenig bis keine Sensibilität für die Strukturen und Mechanismen der Entwürdigung, Verstümmelung und Ermordung von Homosexuellen und Dokumentation im KZ Sachsenhausen.

 

Lothar Dönitz hat als ehrenamtliches Projekt des Gesprächskreises Homosexualität am 11. Mai ein aktualisiertes Totenbuch der bisher namentlich bekannten homosexuellen Opfer des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers im KZ Ravensbrück im Internet veröffentlicht. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Homosexuellen lebte und überlebte auf Führungspositionen in der Wehrmacht. Noch in den 90er Jahren kursierten Berichte von ehemaligen, homosexuellen Wehrmachtsangehörigen, wie sich in der Wehrmacht nach Strafmaßnahmen überleben und Karriere machen ließ. Beispielsweise überlebte Walter Ahrens als Adjutant eines Rittmeisters etc. G. Gallus machte nach Festungshaft und Einsatz an der Ostfront leidlich Karriere beim Aufbau der Bundesrepublik in der CDU etc. Der Diskurs der Homosexualität ließ sich elastisch handhaben. Am „Krankenbau“ im KZ Sachsenhausen wurde der Bericht eines Homosexuellen verlesen, wie er nach seiner „Entmannung“ aus der Narkose erwacht und ein SS-Mann am Fußende seines Bettes sitzt. Der größte Triumph, ja, Genuss eines SS-Elite-Mannes wäre es demnach gewesen, einem Homosexuellen nach dessen „Entmannung“ seine „Eier im Glas“ zu zeigen. – Das sollte zu denken geben. 

 

 

Der bis 1933 höchst erfolgreiche Vortragskünstler und Chansonnier Paul O'Montis ist im Totenbuch des KZ-Sachsenhausen mit dem Todesdatum 17.07.1940 verzeichnet. Wie der Komponist von Ball im SavoyPaul Abraham, und die meisten jüdischen oder politischen Künstler verließ Paul 0'Montis 1933 Deutschland und tingelte nach zahlreichen Schallplattenerfolgen durch Europa. Paul O'Montis wurde am 3. April 1894 in Budapest als Paul Wendel geboren. Er wuchs in Hannover auf und machte ab 1924 in Berlin mit einschlägigen Kompositionen von Friedrich Hollaender etc. Karriere. Er wurde so erfolgreich, dass heute zahlreiche seiner Schallplattenaufnahmen bei YouTube und auf CDs zu finden sind. Während andere offen homosexuelle Künstler wie Gustav Gründgens ihre Karriere im Dritten Reich fortsetzten und protegiert wurden, war das für Paul O'Montis offenbar nicht möglich. Der Texter erfolgreicher Schlager von Zarah Leander, Bruno Balz, wurde 1941 auch einmal kurzzeitig von der Gestapo wegen des „allgemeinen Schamgefühls“ von der Gestapo verhaftet, kam aber wieder frei. Die Todesumstände von Paul O'Montis im KZ Sachsenhausen sind nicht einwandfrei geklärt. Nach der Kranzniederlegung des Gesprächskreises Homosexualität, der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. und des erst in diesem Jahr für seine Verfolgung nach dem § 175 StGB in der Bundesrepublik Deutschland „entschädigten“ Klaus Born erklang die Stimme von Paul O'Montis mit offen schwulen Liedern aus der Zeit vor 1933.     

 

Torsten Flüh

Götz Wienold 

Planet Grynszpan 

Mit einem Essay 

Herschel Grynszpan – eine andere Sicht 

Erschienen 2011, Aufl. 1 

ISBN 9783851659825 

208 x 128 mm 

104 Seiten 

Preis 13,30 EUR 

 

Gesprächskreis Homosexualität 

Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde

 

Totenbuch & Stolpersteine 

der bisher namentlich bekannten homosexuellen Opfer des 

KZ Sachsenhausen & des Männerlagers im KZ Ravensbrück

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[1] Götz Wienold: Planet Grynszpan. Mit einem Essay Herschel Grynszpan – eine andere Sicht. Wien: Passagen Verlag, 2011, S. 13.

[2] Ebenda S. 91.

[3] Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: Piper, 1964, S. (?) (Digitalisat).

[4] RGSt 73, 78, 80 f.

[5] Götz Wienold: Planet … [wie Anm. 1] S. 48-49.

[6] Vgl. dazu auch: Torsten Flüh: Fatale Selbstversicherung. Zu Lauingers – Eine Familiengeschichte aus Deutschland von Bettina Leder. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. April 2015 19:27.

[7] Götz Wienold: Planet … [wie Anm. 1] S. 20.

[8] Siehe Torsten Flüh: Über die verheißungsvolle Geschichte von Bildung und Liberalismus. Zur Mosse-Lecture „Bildungsliberalismus“ und zum Jubiläumsvortrag über den deutsch-jüdischen Liberalismus der Familie Mosse. In: NIGHT OUT @ BERLIN 14. Juni 2017 11:30.

[9] Hannah Arendt: Eichmann … [wie Anm. 3].

[10] Siehe: Michael Graf Soltikow (Wikipedia)

[11] Götz Wienold: Planet … [wie Anm. 1] S. 56.

[12] Ebenda S. 65.

[13] Dagmar Herzog: Paradoxien der sexuellen Liberalisierung. (Hirschfeld-Lectures 1) Göttingen: Wallstein, 2013.

[14] Ebenda S. 29.

[15] Ebenda S. 30-31.

[16] Vgl. z.B. Sven Felix Kellerhoff: Schon die Wehrmacht kämpfte mit Chrsytal Meth. In: Welt 30.03.2015.

[17] Dagmar Herzog: Paradoxien … [wie Anm. 13] S. 33.