Vom Zaun-König der Streichmusik - Jon Roses Mosse-Lecture und Palimpolin im Ausland

Bogen – Zaun – Musik

 

Vom Zaun-König der Streichmusik

Jon Roses Mosse-Lecture und Palimpolin im Ausland

 

Für 5 Tage war Jon Rose von Down Under nach Berlin gekommen. Jetzt bespielt er vermutlich schon wieder die Rabbit-Proof Fences im Westen oder den Dingo Fence im Osten Australiens. Zumindest muss man nach seiner Mosse-Lecture vom letzten Donnerstag in der Humboldt-Universität davon ausgehen, dass er, wenn er in Australien ist, immer irgendwo auf einem Zaun Musik macht.

Der eher lockeren Vorlesung im Senatssaal der Universität an der Straße Unter-den-Linden folgte am Pfingstsonntag zu vorgerückter Stunde im Ausland - Territory for experimental music, performance and art - in der Lychener Straße die Praxis. Jon Rose spielte mit seinem interaktiven und MIDI-gesteuerten Bogen Palimpolin. Das ist Experimentelle Musik und bedarf fürs Gelingen eines Stoßgebets an Steve Jobs.

Was heißt eigentlich Experimentelle Musik? Was ist das Experimentelle an der Musik, die sich dadurch eine Richtung gibt? Einerseits kann man mit den wichtigsten Komponisten für Experimentelle Musik antworten, die John Cage (1912-1992) und Karlheinz Stockhausen (1928-2007) wären. Andererseits kann man von den Instrumenten ausgehen, die die Musik hervorbringen und verändern.

Auf jeden Fall wird man bei Experimenteller Musik davon sprechen können, dass sie sich an den Grenzen von Musik ansiedelt oder besser noch ereignet. Mit anderen Worten: Experimentelle Musik lässt sich immer als eine Grenzerfahrung und Grenzarbeit an der Musik definieren. Die Geschichte der Musik ließe sich als eine der Erfindung immer neuer Instrumente zum Musikmachen erzählen. Ständig wurden und werden neue Musikinstrumente erfunden, die die Musik und ihre Grenzen verschieben.

Jon Rose erkundet seit mehr als 40 Jahren die Grenzen der Musik mit seinem Instrument, der Violine. Das hat ihn zu einem Star der Experimentellen Musik gemacht. Denn die Violine, die er seit seinem 7. Lebensjahr spielt, ist ein Instrument, das aus zwei Teilen besteht: dem Bogen und der Violine. Deshalb ist es nicht wirklich überraschend, dass Jon Rose mit seinen musikalischen Experimenten einerseits mehr die Grenzen des Bogens erkundet und andererseits den Körper der Violine in seiner vielfältigen Bespielbarkeit erforscht.

Als Vertreter der Experimentellen Musik ist Jon Rose ein regelrechter Kultur-Wissenschaftler geworden. Für Jon Rose wurden in seinem Great Fences Project mittels seines Bogens die Drähte der Zäune zu Saiten, auf denen er Musik machen kann. Im Englischen heißen übrigens sowohl die Saite wie Leine, Kette oder Schnur string. Eine Zeichenfolge ist ebenfalls ein string. Mit dem Musikmachen und der Verwandlung eines Zaundrahtes in eine Saite berührt und befragt er seit 1983 die Existenz von Zäunen. Der Violinen-Bogen wird metaphorisch zu einer Waffe gegen die abgrenzende Funktion von Zäunen.

Zunächst hat Jon Rose die Rabbit-Proof Fences im Westen Australiens mit seinem Bogen bespielt. Ein Zaun als Grenze ist immer auch politisch. Er unterliegt dem Imaginären, das sich durch Abgrenzungen und Dichotomien definiert. In Australien gibt es besonders viele und lange Zäune. Die Rabbit Fences sollten Australien davor bewahren, dass die eingeschleppten Kaninchen sich vom Westen weiter ausbreiteten. Die Dingo Fences im Osten sollten diesen Teil Australiens und den Viehbestand vor dem Dingo schützen.    

Zäune versuchen Bewegungen, Wanderungen und Ströme zu stoppen. Doch schon mit den Kaninchen und den Dingos, vor langer Zeit verwilderten Haushunden, funktionierte es nicht. Anders als Mauern bleiben Zäune mehr oder weniger durchlässig. Jon Rose hat sich intensiv mit der Funktion der Zäune beschäftigt.

Australien hat besonders lange Zäune, für die extrem viel Geld ausgegeben wurde. Was bekämpft man, wenn man so viel Geld dafür ausgibt? Man kann das detailliert auf seiner sehr umfangreichen Website nachlesen. Zäune haben letztlich immer einen phobischen Zug. Sie sollen ab- und begrenzen, wovor sich beispielsweise aus Europa eingewanderte Viehzüchter in Australien fürchteten. Sie lösen allerdings auch Ängste aus. Furcht und Ängste generieren Zäune, die wiederum Ängste auslösen.

Jon Rose hat mittlerweile nicht nur Zäune in Australien bespielt, sondern auch unterschiedliche Sperranlagen aus verschiedenen Zeiten seit 1967 in Israel. Während das Bespielen einiger nicht mehr funktionswichtiger Zäune wie dem alten Grenzzaun zwischen Israel und Syrien auf den Golanhöhen, keine unmittelbaren Reaktionen auslöste, wurde Rose 2006 verhaftet, als er einen illegalen, israelischen Siedler-Zaun in Bil’in bespielte. Dieser Zaun sollte eine illegale, israelische Siedlung auf palästinensischem Gebiet schützen.

Zäune können hoch emotional besetzt sein. Avi Mograbi hat Jon Roses musikalische Zaun-Aktion in Bil’in gefilmt, so dass man sehen kann, welch starke Emotionen das Bespielen des Zauns bei den israelischen Soldaten auslöst. Allein die metaphorische Befragung der Funktion des Zaunes löst heftige Reaktionen aus. Das Musikmachen am und mit dem Zaun wird als eine Infragestellung des Zaunes empfunden und löst mit der Verhaftung einen Rechtsakt aus, mit dem die Gesetzmäßigkeit des Zauns aufgerufen wird.

Am 1. Juni 2008 bespielte Jon Rose den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA bei Naco, der die reichen Staaten Amerikas vor allem vor illegalen Einwanderern aus Mexiko schützen soll. Das World Fences Project hat dabei längst den begrenzbaren Bereich der Musik überschritten und hat sich ins Diskursive ausgeweitet.       

Miles away from the fence we are stopped by the famed border patrol. They are waving around some obsolete looking boxes.
What's that?
They have been issued with Geiger counters.
What for?
To check suspects for radiation, Sir.
I'm convinced they are left overs from the Cold War US bases in Germany.
So the illegal Mexican immigrants now have nuclear bombs in their back pockets?
That's what we are here to find out, Sir.
As unlikely as it would be to find radiation at the Mexican/USA border fence, our readings show that the authorities there are exhibiting high levels of imagination, not to say insanity.

Die Website von Jon Rose ist, fast schon einem Blog ähnlich, zu einer Schnittstelle von Dokumentation, Diskurskritik, Reportage, politischen Aktivismus, Forschungsarbeit, Bildmedien und Musik geworden. Der Violinen-Bogen hat sich zu einer hoch politischen Waffe entwickelt. Denn Rose war nicht zuletzt von der Polisemie des Bogens in seiner Bedeutung von Waffe und Musik-Instrument ausgegangen. Die Vielfältigkeit der Ebenen, auf denen Jon Rose zwischen Musik und Politik aktiv geworden ist, lässt sich vermutlich nirgends besser als mit den Techniken der Vernetzuung von Dateien und Datensätzen im Internet praktizieren.   

www.jonroseweb.com gehörte nicht zuletzt zum entscheidenden Bild- und Klangmedium für die Mosse-Lecture zu Musik und Politik. Erst durch die Webarbeit generiert Jon Rose eine fenceless Verbreitung seiner Experimentellen Musik als politische Aktivität. Die vielen Ebenen seiner Arbeit werden durch das Web im Vorlesungssaal zugänglich. Anstatt einer textlich ausgearbeiteten Vorlesung hielt Jon Rose seine Lecture frei und spielte verschiedene Beispiele ein. Das berührt en passant Wissensstrategien.

Am Pfingstsonntag spielte Rose dann im Ausland in der Lychener Straße 60 im Prenzlauer Berg. Das Konzert begann um 22:00 Uhr. Und auf Jon Rose folgte im Rahmen der Serie biegungen ein norwegisches Sextett, das Schlaiten aufführte. biegungen gibt es seit 2002 im Ausland. Es ist eine Serie für Experimentelle Musik. Abseits der großen Eventlocations ist das Ausland ein Geheimtipp für frische, experimentelle, meist sehr junge Musik- und Kunstprojekte.

Der Bogen verändert in Palimpolin von Rose noch einmal seine Funktion. Er wird zu einer Art virtuellem Musik-Instrument, indem er nun nicht nur zum Streichen oder Schlagen genutzt wird, sondern durch die Verschaltung mit Computerprogrammen Musikelemente aktiviert und generiert. Er wird zum k-bow. Beispielsweise hat Rose, wie er bereits während der Lecture vorführte, australische Auktionatoren aufgenommen, die dann in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, sozusagen als extended voice technique, eingespielt werden.

Australische Auktionatoren bewegen sich bei Auktionen an der Grenze von Sprache und Musik. Von Region zu Region unterscheidet sich das schnelle Sprechen der Auktionatoren, das nur für Eingeweihte, Besucher und Käufer verständlich ist. Auktionatoren müssen besonders schnell im Bietergefecht bei Viehauktionen sprechen können. Für diejenigen, die nicht eingeweiht sind, erhält das Sprechen eine vor allem melodiöse Qualität an der Grenze zum Verstehen. Dateien mit dieser Art Auktionatoren-Schnellsprech hat Rose in Palimpolin eingebaut.    

Rose hat mit Keith McMillen und anderen den k-bow als interaktiven und serienfähigen Bogen entwickelt. Experimentelle Musik mit komplizierten technischen Verschaltungen bergen indessen auch das Problem, dass das Computerprogramm bei der Vorführung rausfliegt. Jon Rose kann dann allerdings vom Tech-Freak sofort zum Geigenvirtuosen umschalten und gibt, während das Programm wieder hochgefahren wird, ein „analoges“ Zwischenspiel.

Das sehr junge Fachpublikum im Ausland feierte Jon Rose regelrecht für Palimpolin. Und für Interessierte gibt es auch eine Hoffnung, Rose bald wieder in Berlin live hören zu können. Abgesehen davon, dass er, seitdem er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war, einen Koffer in Berlin hat und regelmäßig auf Festivals für Experimentelle Musik spielt, wird er ab Oktober für etwas länger wieder in Berlin sein.

Svein Magnus Furu, Saxophone, Stine Janvin, Stimme, Are Lothe Kolbeinsen, Gitarre, Guro Moe, Bass, Andrea Neumann, Inside Piano, und Tanja Orning, Cello, entwickelten in einem Workshop für das Grönland Kammermusikfestival No.1 in Oslo ein Stück, das sie Schlaiten nennen. Das Sextett arbeitet zwar auch mit elektronischen Verschaltungen und Aussteuerungen, die aber etwas weniger aufwendig sind als bei Jon Rose.

Experimentelle Musik ist für Schlaiten eine Mischung aus strengem formalem Zusammenspiel und einem nahezu meditativen Aufeinanderhören. Natürlich werden alle Instrumente weit über ihr gewöhnliches Funktionsspektrum genutzt, erkundet und ins Spiel gebracht. Dabei ist besonders interessant, dass sich die Begrenzungen immer wieder überschneiden. Es gibt beispielsweise Sequenzen, in denen nahezu ununterscheidbar wird, ob man Atemlaute aus dem Saxophone oder das Atmen von Stine Janvin als extended voice technique hört.

Ähnliche Interferenzen entstehen zwischen der Gitarre, dem Bass und dem Inside Piano. Andrea Neumann setzt eben auch unterschiedliche Pinsel, Küchengeräte und Bögen ein, um Klänge auf den Piano-Saiten zu erzeugen. Schlagklänge wechseln mit Streicher ähnlichen Ansätzen, während Guro Moe am Bass mit dem Bogen ein Schrubben oder mit einer Perlenkette ein Klimpern erzeugt und Are Lothe Kolbeinsen auf seiner präparierten Gitarre mit einem mechanischen Milchaufschäumer sphärische Töne produziert.

Es scheint so, als hätte sich das Sextett nur zusammengefunden, um mit Schlaiten die Möglichkeiten ihrer Experimentellen Musik zu erkunden. Das Ganze hat einen entschieden meditativen Zug, weil man als Zuhörer selbst zum genauen Hinhören gelenkt wird. Der Virtuosität des Einzelnen stand an diesem Abend quasi das Meditative eines Sextetts gegenüber, was ein besonderer Reiz war.

 

Torsten Flüh