Sprache der Stille - Robert Wilsons theatralisches Porträt KOOL für Suzushi Hanayagi

Sprache – Gedächtnis – Modern Dance

 

Sprache der Stille

Robert Wilsons theatralisches Porträt KOOL für Suzushi Hanayagi

 

Ganz am Schluss geht Robert Wilson im Studio der Akademie der Künste am Hanseatenweg mit dem Mikrophon noch einmal vorne an die Rampe und sagt, dass die Geste mit den Fingern noch immer da ist. - Seine Stimme versagt, erstickt. Bricht ab. Stille.

Was passiert, wenn man etwas sagen will und die Stimme erstickt? Welches Geheimnis führt das Sprechen, die Sprache, die Sprache des Körpers mit sich? Das Geheimnis der Sprache hat Robert Wilson während seiner gesamten Theaterarbeit beschäftigt. Die Sprache und das Sprechen. Sie gehören zum politischen Körper. Politische Körper heißt die Reihe der Veranstaltungen in der Akademie der Künste.

Das Versagen der Stimme ist politisch. Ende der 60er Jahre begann Robert Wilson mit einem taubstummen Jungen zu arbeiten, den er aus seiner Isolation befreite. Robert Wilson erzählt die Geschichte von dem Jungen, den er auf der Straße traf und der zum Schlüssel für seine frühen Theaterarbeiten, Deafman Glance (1970), wurde, eher en passant auf der Bühne des Studios. Es ist eine politische Geschichte.

 

Es ist eine Geschichte von der Befreiung eines tauben und stummen Menschen, den Robert Wilson aus der staatlichen Fürsorge durch Adoption befreite, um mit ihm seine Theaterinszenierungen zu erarbeiten. Wer nicht hört und nicht spricht, sich nicht im Rahmen der Normen artikulieren kann oder „nur“ eine Taubstummen-Sprache beherrscht, wurde und wird durch Politiken ausgeschlossen. Das heißt meistens ein- bzw. weggeschlossen. Wem die Sprache versagt, der wird für dumm gehalten. Irre gar.

Der Richter, der darüber zu entscheiden hatte, ob Robert Wilson die Adoption erhielt, zweifelte die Intelligenz des Jungen an. Wilson hielt ihn für hochintelligent. Die Bemessung von Intelligenz ist eine politische. Wilson führt das und das Versagen der Umwelt seit 1970 vor. Genetik und Statistik sind das Gegenteil von intelligenten Ansätzen zur Intelligenzfrage. Sie ist immer eine politische Frage. Insofern wusste und konnte Robert Wilson doch nicht wissen, von welch aktueller Brisanz seine Arbeit ist, als er von der Intelligenz seines ersten, wichtigen Mitarbeiters sprach.

 

Robert Wilson schlägt mit der Geschichte von der Sprachlosigkeit seines ersten Mitarbeiters den Bogen zu seiner Mitarbeiterin Suzushi Hanayagi (geb. 1928 in Osaka), die heute in Osaka in einem Altenheim für Demenzkranke so rigoros weggeschlossen wird, dass es ihm nicht möglich war, mit seiner Freundin, Vertrauten und Lehrerin auch nur ins Restaurant zum Mittag zu gehen. Der Sohn hatte ihm bedeutet, dass das in Japan unmöglich ist. - Es ist nicht nur in Japan unmöglich. – Suzushi Hanayagie hatte seit Jahren nicht gesprochen, als Wilson sie 2007 besuchte.

Die Videoinstallation Dancing in my mind in der Akademie der Künste am Pariser Platz, die Performance KOOL – ein theatralisches Porträt, der Film (zusammen mit Richard Rutkowski) und das Gespräch auf der Studiobühne waren vor allem ein politischer Akt über Sprache, Sprachlosigkeit, Verstummen, Erinnern, Gedächtnis. Mit der Vehemenz und der Kraft, mit der Robert Wilson die weggeschlossene Tänzerin und Choreographin in die Öffentlichkeit rückt, ist es eine hoch politische Trauerarbeit geworden. Trauern und Erinnern sind immer politisch.  

 

Was heißt es, zu erinnern, sich zu erinnern? KOOL – ein theatralisches Porträt ist eine Archivierungsarbeit. Der Körper, die Körper der Tänzerinnen und Tänzer als Archive. Robert Wilson inszeniert die Körper als Archive auf mehreren Ebenen.

Die Choreographien, die er mit Suzushi Hanayagi oder die sie für ihn, für seine Inszenierungen z.B. für The civil wars erarbeitet hat, werden von den Tänzern verkörpert. Ihre Choreographien werden in der Aktualisierung durch die Tänzer archiviert.

 

Auf einer weiteren Ebene werden die Tänze und Choreographien, die Suzushi Hanayagi selbst aufgeführt hat, von den Tänzern aufgenommen und in den Gesten aktualisiert. Aktualisieren heißt auch öffentlich werden. Die eingeblendeten Fotos und Filmausschnitte von Hanayagi in traditionellen japanischen Tänzen oder in einem Transfer von japanischen Gesten in den Modern Dance der 60er bis 90er Jahre werden vom Ensemble verkörpert.

Zu einer der wichtigsten modernen Inventionen gehört die Choreographie mit den 6 weißen Latten, die Suzushi Hanayagi in mehreren Performances immer wieder fallen ließ. Eine Aktion von sinnfreiem Fallen. Das Fallen der sechs Latten allein, die Bewegung der Latten in Raum und Zeit erzeugt die Graphie. Diese Geste, die weniger als eine Geste ist, wird von den Tänzern in KOOL mehrfach eingesetzt und moduliert.

 

Mit den beiden Solisten Illenk Gentille und Jonah Bokaer werden zwei weitere Ebenen zum Prelude von Johann Sebastian Bach, Prelude und Fuge in B Minor BWV 544:1, in KOOL eingeführt und expliziert. Illenk Gentille tanzt einen traditionellen Tanz, der der Aufführung am königlichen Hof von Java vorbehalten war, mit dem Titel „Badoyo/Bedoyo“.

Tanzte Suzushi Hanayagi in den 90er Jahren am Nationaltheater in Tokio zum ersten Mal Nō-Stücke in der Öffentlichkeit, die bis zu jenem Zeitpunkt unter Ausschluss der Öffentlichkeit am kaiserlichen Hof aufgeführt wurden, so erinnert Illenk Gentille mit seinem Tanz an ihren politischen Akt der Veröffentlichungen. Gleichzeitig wird der traditionelle Tanz, den der Körper des Tänzers erinnert, zu europäischer Musik – Bach - aktualisiert. 

 

Jonah Bokaer tanzt parallel eine eigene Choreographie, die europäische, us-amerikanische soziale, volkstanzartige und Bewegungen des Klassischen Balletts kombiniert. Damit wiederholt und erinnert Jonah Bokaer ein choreographisches Verfahren, das Suzushi Hanayagi selbst für ihre Arbeiten seit den 60er Jahren entwickelte.

Die Vielschichtigkeit von KOOL, das Robert Wilson zusammen mit Carla Blank, einer langjährigen Weggefährtin und Freundin von Suzushi Hanayagi, und den Tänzerinnen und Tänzern erarbeitet hat, geht weit über das Genre eines Porträts oder einer Hommage hinaus. Wilson sieht es vielmehr als eine künstlerische Forschungsarbeit zur Geschichte des Modern Dance der letzten 30 oder 40 Jahre.

 

Die Forschung findet dabei als Archivierung  und Re-Produktion statt. Die Produktion bringt eine neue hervor, indem die Re-Produktion Strukturen deutlich macht, die bislang selbst in den Archiven der Fotos und Filme nicht expliziert waren. Natürlich sind die Produktionsbedingungen der 60er, 70er oder sogar 80er Jahre nicht zu wiederholen. Die Prozesse waren in ihrer Vielschichtigkeit und ihren politischen Implikationen einmalig.

Wilsons Arbeit über Suzushi Hanayagi ist auch eine Arbeit über Wilson, insofern es ein Erinnern an die Entwicklung seiner eigenen Bildsprache ist, die aus seltsamen Gesten und Bewegungen eine Sprache jenseits von Sinnstiftung entwickelte. Wenn man KOOL sieht, dann sieht man auch all die seltsamen Robert Wilson Wesen von Heiner Müllers Hamletmaschine (1986) in Hamburg, als sich drei Sekretärinnen immer wieder mit dem Mittelfinger maliziös am Schädel kratzten, oder seinem Black Rider (1990) am Thalia Theater, bei dem die sich die Schauspieler so merkwürdig bewegten und die Sprache immer wieder bis an die Grenzen ging.

 

Selbst wenn Robert Wilson nicht mit Suzushi Hanayagi zusammenarbeitete, war und ist sie in seiner eigenen Bühnensprache gegenwärtig. Das Eigene ist immer auch ein Anderes. Man spricht immer die Sprachen von Anderen, wenn man eine eigene Sprache spricht. Das lässt sich im Schnitt mit den Bilddokumenten sehen. Indem aber die Sprache als eigene angenommen wird, verändert auch die des Anderen sich.

Kool – Dancing in my mind wurde Anfang August 2009 im Rathaus von Easthampton auf Long Island uraufgeführt, wo Robert Wilson lebt und arbeitet. „… austerely beautiful and poetic“, schrieb Deborah Jowitt in Village Voice. Und Ishmael Reed sah KOOL als ein "Masterpiece". Die studio- oder werkstattartige Aufführung in der Akademie der Künste war die deutsche Erstaufführung. Gerade die Kombination der unterschiedlichen Medien – Gespräch, Tanz, Film, Foto - erschloss die Tiefe der Arbeiten.

 

Was ist Sprache? Man muss immer wieder auf diese Frage zurückkommen. Robert Wilsons Begegnung mit Suzushi Hanayagi in Osaka 2007 fand in der Stille statt. Er zeigte ihr Fingergesten, die sie entwickelt hatte und sie erinnerte sich daran, indem sie diese wiederholte. Nur einmal antwortete ihm die an Alzheimer Erkrankte auf Japanisch mit: Dancing in my mind. Die komplexe wiewohl bedeutungslose Geste der Finger vermag zu faszinieren. Sie war sowohl in der Videoinstallation wie in der Performance zu sehen.

Im Dokumentarfilm sieht man, wie Wilson vor der im Rollstuhl sitzenden Suzushi Hanayagi kniet und sie ein um das andere Mal das Fingerspiel wiederholen. Sie kommunizieren miteinander. Sie machen etwas gemeinsam. Sie teilen mit den Gesten ihre Zeit. Sie sprechen und sprechen nicht.

 

Man muss an die Grenzen der Sprachen gehen, um auszuloten, welche Geheimnisse sie birgt. Robert Wilson hat das immer getan. Oft wurde das als Manierismus verurteilt. Menschen die durch Alzheimer oder durch Demenz die Sprache verloren haben, existieren an der Grenze der Sprache ohne einer Spur des Manieristischen. Und, wer sich intensiv mit einem dementen Menschen beschäftigt hat, wer jemals mit einem kommuniziert hat, weiß, dass es magische Momente der Verständigung gibt.

In seiner Videoinstallation, die am Pariser Platz gezeigt wurde, sieht man eine ständige Wiederholung der immer gleichen Finger-Geste. Einer Geste der unendlich feinen, knöchernen Hände die zeigt, dass da nicht nichts ist. Wilson hat die Geste auf mehreren Bildschirmen kombiniert mit einem leichten Zittern in den Falten des japanischen Gewandes. Eine Regung. Und wenn man die Großaufnahmen des weiß geschminkten Gesichts von Suzushi Hanayagi sieht, wenn man die leichte Bewegung der Augenlider sieht, wenn man das zur Seite gewandte Profil anschaut, dann ist das von großer Würde. Die Würde hat ihr Robert Wilson gegeben und nicht gegeben. Sie ist sichtbar und unsichtbar zugleich. Sie stellt sich zwischen dem Betrachter und der Video-Produktion her. Würde entsteht in einem Prozess.

 

KOOL ist nicht zuletzt Robert Wilsons Abschied von Suzushi Hanayagi, wenn er seine Arbeit als letzte mit ihr ausgibt. Es ist ein Abschied und auch keiner. Er wird sich, er wird seine Arbeit nicht von ihr trennen können. Der Tanz, der Film, die Videoinstallation sind Abschied. Sie sind geteilt, abgetrennt von ihm und ihr. Sie sind uns in ihrer Rätselhaftigkeit mitgeteilt.

Jonah Bokaer, CC Chang, Illenk Gentille, Sally Gross, Meg Harper, Yuki Kawahisa sind Tänzer und Tänzerinnen von höchsten Graden. Im Solo, im Duett, wie es in den Notizen von Carla Blank heißt, oder im Corps, als Gruppe sind sie exzellente Tänzerartisten. Beifallsstürme wären ebenso berechtigt wie unpassend gewesen. So gab es herzlichen Applaus.  

KOOL in all seinen Facetten ist wie das lautlose Knistern der klassischen Seidenrobe und das Aufschlagen der 6 Latten auf den Boden. Am Ende der Vorstellungen in Easthampton hat Carla Blank notiert: … and 6 sticks have been dropped. 6 weiße Latten werden auf den Boden geworfen worden sein. Mehr nicht. Es ist etwas passiert. Die Geste ist noch immer da. - Wo? - Wir wissen es nicht.

 

Torsten Flüh    

 

Politische Körper

Pina Bausch
Filmnacht
23.10.2010

Gerhard Bohner/Cesc Gelabert
Schwarz Weiß Zeigen
10. und 11.12.2010