Haarige Konfrontationen - Zu Thomas Machos Vortrag "Verwandlungsgeschichten: Von Wölfen und Schweinen"

Humanum – Haare - Animalum

 

Haarige Konfrontationen

Zu Thomas Machos Vortrag Verwandlungsgeschichten: Von Wölfen und Schweinen

 

In der Dunkelheit kommt der Wolfsmann. Das Tageslicht verträgt er nicht. Doch im Dunkel der Nacht wird der Menschenmann zum Tier. Er verwandelt sich oder wird unter Kontrollverlust verwandelt. Thomas Macho setzte bei seinem Vortrag, Verwandlungsgeschichten: Von Wölfen und Schweinen, am eher frühen Freitagabend um 18:00 Uhr anlässlich der Ausstellung HUMANIMAL Mythos und Realität im Anatomischen Theater der Thierarzneischule, nun kurz Tieranatomisches Theater der Humboldt-Universität genannt, bei Kafkas Verwandlung ein.

Die Ausstellung des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität thematisiert und erkundet die Grenzziehung zwischen Tier und Mensch, indem sie sich der Mischwesen annimmt. Angesichts neuartiger Reproduktions- und Genmanipulationstechniken in der Medizin oder der Xenotransplantation, bei der beispielweise seit ca. 20 Jahren bei Kindern und Jugendlichen mit Herzfehlern Herzklappen aus Schweine-Gewebe lebensrettend eingesetzt werden, muss die Frage der Grenzziehungen neu gestellt werden. Doch Mischwesen als Plastikfiguren bevölkern auch Kinder- und Jugendzimmer.

„Ob magische Götterwesen oder mit Superkräften ausgestattete Helden ─ Mischwesen tendieren nur allzu oft zum Übermenschlichen“, heißt es auf dem Faltblatt zur von Studierenden verschiedener Berliner Universitäten und der Universität Potsdam unter Mitwirkung des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik und des Museums für Naturkunde Berlin kuratierten Ausstellung. Gezeigt werden Mischwesen aus Pixel und Plastik, die Computerspielen wie Kings of War (2010), einem tabletop wargame von Mantic, entsprungen sind, Naturhistorisches, Werwölfisches oder Filmausschnitte von Katastrophenszenarien im Genlabor.

Das restaurierte und erneuerte Anatomische Theater der Thierarzneischule, das weit über Berlin hinaus seit 1790 seine Wirkung und sein Wissen unter Pferde- und Tierärzten beispielsweise bis auf dem Lande bei Bremen in Uthlede entfaltete, ist nicht nur einer der prächtigsten Bauten von Carl Gotthard Langhans, der das Brandenburger Tor erbaute. Es ist geradezu ein programmatischer Ort für das Verhältnis von Mensch und Tier. Das erste Anatomische Theater wurde 1594 an der Universität zu Padua noch für Tiere und Menschen errichtet. Ein Stich vom Anatomischen Theater der Universität Leyden vereint um 1650 noch Tier und Mensch im Raum.

Nachdem 1895 der Pariser Parasitologe Louis-Joseph Alcide Railliet den Fadenwurm oder Trichinella spiralis entdeckt hatte, der vom Schwein oder anderen Fleischfressern durch Fleischgenuss auf den Menschen übergehen kann, nannten die Berliner im 20. Jahrhundert das tempelartige Gebäude auch Trichinentempel. Nun war es von der Lehre am Nutz-Tier, vor allem Pferd, zur Lebensmittelsicherheit umgewidmet worden, um den Menschen vor dem Tier zu schützen. Das prächtige Gebäude, das Langhans der Villa Rotonda des Renaissance-Architekten Andrea Palladio nachempfunden und zum Ort des Wissens vom Tier/Pferd umfunktioniert hatte, unterstreicht, damals noch außerhalb der Stadtmauer von Berlin gelegen, in nächster Nachbarschaft zur bereits eingerichteten Charité, den Wert des Wissens vom Pferd als Transport- und vor allem Militärtier.

Mal kann der Mensch oder gar der Staat nicht ohne dem Tier existieren, mal muss er sich gerade seit der Parasitologie und Bakteriologie am Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Tier durch eine Definition der Hygiene vor Mikroorganismen schützen. Nahebei in der Luisenstraße wird Robert Koch in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts als Bakteriologe mit der Mikrophotographie ausgerüstet neue Grenzen zwischen Tier und Mensch ziehen. Tiere als Mikroorganismen oder als deren Träger können den Menschen krank machen.

Der Mensch muss sich nun durch und mit Hygiene dank Robert Koch, seiner Mitarbeiter und Schüler vor dem Tier als Mikroorganismus schützen. Die Entwicklung von Hygienestandards in Folge der Entdeckungen von Robert Koch wird zum globalen Zivilisationsprojekt. Besonders stark bilden sich das Wissen der Hygiene und die Angst vor Mikroorganismen als Krankheitserreger in Japan heraus. Der Nobelpreisträger Robert Koch (1905) wird auf seiner Weltreise im Juni 1908 in Japan als eine Kombination aus Jesus, Buddha und Konfuzius in der Zeitung Yamato Shimbu gefeiert.        

Mit der Umwidmung des Tieranatomischen Theater, in dem der Tierkörper für angehende Militär- und Pferdeärzte sichtbar erklärt werden kann, in Trichinentempel findet auch ein Sichtbarkeitswechsel statt. Im Trichinentempel herrschen das Mikroskop und die Photographie. Doch es lässt sich noch früher im europäischen Wissen von Humanum und Animalum zurückgehen, um die Schwierigkeit bei der Unterscheidung von Tier und Mensch, die im Mischwesen wiederkehrt, zu bedenken. Welche Funktionen hatte die Abfassung des Humanum genus in der frühen Neuzeit des Humanismus in Abgrenzung zu einer Historia animalum durch Conrad Gessner ab 1551 oder jene der Animalia rationalia et Insecta[1] des Humanisten, Malers und Arztes Georg Hoefnagel von 1575-1580?

Text- und bildgebende Verfahren verändern die Bilder von Mensch und Tier. Das trifft sowohl auf Kafkas Verwandlung (1912/1915) von Gregor Samsa als auch auf die neuartige Produktion von Bildern wie der Produktion neuer Bilder im Humanismus des 16. Jahrhundert zu. Dass Gregor Samsa zum Käfer wird oder sich selbst als Käfer sieht, fühlt und erzählt, hat durchaus mit den neuen Bildern vom Menschen und vom Tier unter dem Dispositiv der Psychoanalyse um 1900 zu tun. Nicht zuletzt kommt in Kafkas Erzählung eine Dame im tierischen Pelz vor, die ihrerseits an die Novelle Venus im Pelz von Leopold Sacher-Masoch von 1870 erinnert.

Und so brach er denn hervor – die Frauen stützten sich gerade im Nebenzimmer an den Schreibtisch, um ein wenig zu verschnaufen – , wechselte viermal die Richtung des Laufes, er wußte wirklich nicht, was er zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen, kroch eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und seinem heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt ganz verdeckte, würde nun gewiß niemand wegnehmen. Er verdrehte den Kopf nach der Tür des Wohnzimmers, um die Frauen bei ihrer Rückkehr zu beobachten.

Thomas Macho ging ausführlich auf die Geschichte vom Wolfsmann ein, die für die Geschichte der Psychoanalyse Sigmund Freuds selbst bei ihrer Veröffentlichung als Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (1918) eine wichtige Funktion einnimmt. Sie zeichnet sich nämlich einerseits auf eine bei Freud äußerst seltene Verschränkung von einer Zeichnung als Bild und Text, andererseits durch die Erzähltechnik der Geschichte selbst aus:

Ich kann die Geschichte meines Patienten weder rein historisch noch rein pragmatisch schreiben, kann weder eine Behandlungs- noch eine Krankengeschichte geben, sondern werde mich genötigt sehen, die beiden Darstellungsweisen miteinander zu kombinieren. Es hat sich bekanntlich kein Weg gefunden, um die aus der Analyse resultierende Überzeugung in der Wiedergabe derselben irgendwie unterzubringen. Erschöpfende protokollarische Aufnahmen der Vorgänge in den Analysenstunden würden sicherlich nichts dazu leisten; ihre Anfertigung ist auch durch die Technik der Behandlung ausgeschlossen..

Behandlungs- und Erzähltechniken sind laut Freud in einander verschränkt. Und deshalb gibt es eine Kombination von Darstellungsweisen, die durch eine Zeichnung ergänzt werden. Die merkwürdige neurotische und mit einer „gonorrhoischen Infektion“ als STD oder sexuell übertragbaren Erkrankung im Alter von 18 Jahren verkoppelten Geschichte von Sergej Pankejeff, der 1979 im Alter von 92 Jahren verstarb, in der fünf Wölfe in einem Baum in der Zeichnung und sechs bis sieben Wölfe in der analytischen Erzählung eine entscheidende Rolle spielen, stellt nach Freuds einführender Formulierung selbst ein Problem des Schreibens von Geschichte dar. Geht es doch nicht zuletzt um eine (psychoanalytische) Urszene, die die nummerische Differenz der Wölfe zwischen Bild und Erzählung entschlüsselt haben will.

Macho machte mit der Erzählung vom „Wolfsmann“ Sergej Pankejeff und dessen Erzählung von seinem Geburtsdatum am 25. Dezember 1887 nach dem Gregorianischen Kalender als einer Zeit zwischen den Jahren, wie man sagt, und als einem Unterschied zum Gebrauch des Julianischen Kalenders in der russisch Orthodoxen Kirche auf die „Zwischenwelten und Zwischenzeiten“ aufmerksam. Wölfe sind nach Macho „zutiefst ambivalent“. Fürsorgliche Wölfe gibt es in den Erzählungen und Mythen ebenso wie mörderische. Wölfe lassen sich als Tiere auch schwer einordnen. So rettet im Gründungsmythos der Stadt Rom eine Wölfin die Zwillinge Romulus und Remus, nach Plutarch, der sich auf Diokles von Paparethos bezieht.

Nicht selten sind in den Verwandlungsgeschichten, in denen Tiere auch wieder in Menschen verwandelt werden können, „noch menschlicher“ oder überhaupt menschlicher als der Mensch selbst, wie Thomas Macho in seinem Vortrag anmerkte. Das Spektrum mythologischer Verwandlungen kann das Menschliche auch gänzlich in Frage stellen. Daran erinnerte Macho schließlich mit der Verfilmung und Zuspitzung des Romans Hanibal von Thomas Harris durch Ridley Scott 2001. „Technisch betrachtet ist, "Hanibal" so gut wie perfekt“, schrieb Filmszene.de. „Die Optik stimmt: Leider kann die einwandfreie Inszenierung nicht die unbefriedigende Handlung retten.“

Wildschweine und das Zerfressen oder Verfüttern des Gesichts eines Menschen von einer Muräne (Harris) oder an Hunde (Scott) spielen im Roman wie im Film eine erzähl- wie bildtechnisch wichtige Rolle. Das Gesicht des Menschen, das in der Renaissance zum Bildprojekt wird, wird bei Ridley Scott unter psychoanalytischen Vorzeichen von Sadismus und Masochismus an Hunde verfüttert. Der Verlust des Gesichts (siehe Trailer „Hannibal“), das sich Mason Verger unter Drogen zerstören lässt oder sich selbst zerstört, wird gleichzeitig zum Dreh- und Angelpunkt der Frage von Mensch und Menschlichkeit. Der Mensch Hanibal Lecter, der als „Dr. Fell“, nomen est omen, in Florenz lebt, soll aus Rache an Wildschweine verfüttert werden.

Das Fell, die Kleidung und das Gesicht werden im Humanismus an der Schnittstelle von Bild und Text, Kategorisierung und Natur um 1570 durch den flämischen Maler Georg Hoefnagel zu einem wichtigen Thema. Georg bzw. Joris Hoefnagel malt in mikroskopischer Feinheit Insekten und Blumen in seiner Animalia rationalia et Insecta von 1575-1580. Die Insekten werfen Schatten auf das Papier, als lebten sie, und Schäden in den haarfeinen Libellenflügeln werden ebenso detailgenau ausgeführt, wie die Libellenköpfe und ihre Musterung. Die Erfassung des Kleinen und Feinen als maltechnische Herausforderung verlangt höchste Bewunderung.

Die Feinheit in den Bildern der Folien der Animalia rationalia et Insecta ist auch beim Fell der Hasen, Kaninchen und Eichhörnchen auf Folie 47 atemberaubend. Allerdings erscheint mittig gleichfalls ein merkwürdiges Fabel- oder Mischwesen mit Geweih, das mit gleicher Hingabe in einer natürlichen und zugleich künstlichen Brückenlandschaft gemalt wird. Georg Hoefnagel setzt Standards in der Sichtbarkeit, die stets mit einem allerdings allegorischen Text versehen ist:

tute lepus es et pulpamentum qUaeris. Lepus dormit.

(Du bist selbst ein Hase und suchst nach Wildbret. Der Hase schläft.)      

Abgesehen davon, dass Hase, Kaninchen und Eichhörnchen sowie das Fabelwesen mit der Kategorie Lepus bedacht werden, wird sich nicht vollständig klären lassen, wie stark pulpamentum in seinem Bedeutungsspektrum von vom Knochen abgelöstem Fleischstück, Fleischspeise oder Wildbret nicht gerade an der Kreation des Fabelwesens – Hase mit Geweih - mitgewirkt haben. Der fellartig behaarte Petrus Gonsalvus und seine Frau werden von Hoefnagel zwar in flämischer Bürgerkleidung gemalt, aber in eine Hügellandschaft mit abgestorbenen Baum versetzt. Der vollbehaarte Kopf als Gesicht erfährt dabei nicht weniger Hingabe des Malers und Arztes als das Fell der Kaninchen. Gerade in der Kontrastierung des Gesichts der Frau, die als flämische Bürgerstochter erscheint, mit der Vollbehaarung des Petrus wird das tierische Element als Wissenskategorie unterstrichen.

Heidi von Plato hat sich in ihrem Roman Das haarige Mädchen (2005) eingehend mit Tognina Gonzalez, der Tochter des  Petrus Gonzalez oder Gonsalvus auseinander gesetzt.[2] Schriftliche Zeugnisse der Tognina Gonzalez sind so gut wie keine überliefert. Aber die römische Malerin Lavinia Fontana malte 1583 oder 1585 das haarige Mädchen, das dann um 1580 weitere Bildfassungen erlebte. Heidi von Plato nimmt die Konstellation von Lavinia Fontana als Malerin und Tognina Gonzalez als Frau an der Schwelle zum behaarten Tier zum Anlass, Selbst- und Geschlechtswahrnehmung zu thematisieren.

In der Eröffnungssequenz des Romans sucht Tognina in einem Buch nach einem „behaarten Engel“. Gibt es in der anthropomorphen Kategorie der Engel behaarte? Haare werden wie bei Sassetta 1430-32 eher dem Teufel verpasst, wie auf dem Gemälde des Heiligen Antonius, der von den Teufeln geschlagen wird, das in der Pinakothek von Siena aufbewahrt wird.

Die Seiten des Buches flattern wie Schmetterlingsflügel. Lateinische Buchstaben bewegten sich vor ihren Augen. Sie blätterte. Leicht beugte sie sich über das Lesepult, das am Fenster stand, damit Licht auf die Buchseiten fiel. Zwischen den dünnen Seiten suchte sie immer wieder ein Bild, das Bild vom Jüngsten Gericht, auf dem ein behaarter Engel war. (S. 7)

Engel haben Flüge und Federn. In Fra Angelicos Jüngstem Gericht von 1432-1435 verspeist der behaarte Teufel, mehr Tier als Mensch, in der Hölle die Sünder. Ca. 150 Jahre später werden Petrus Goncalvus und seine Tochter von Malerinnen portraitiert. Während bei Hoefnagel Petrus noch in ein Paarbildnis in Landschaft eingebunden wird, gesteht Lavinia Fontana Tognina das Format eines Portraits mit Brief zu. Das Portrait ist in seinem Arrangement nur Menschen, i.d.R. herrschenden Männern, vorbehalten. Von Lavinia Fontana wird es ausnahmsweise vor allem in Selbstportraits und eben im Portrait der Antonietta Goncalvus auch der Frau im krassen Kontrast zum Jüngsten Gericht zugestanden. Lavinia Fontana als musizierende, schreibende und lesende Frau im Selbstportrait stellt sich Antonietta quasi zur Seite.

Indem Lavinia Fontana der Kleidung, wie zum Beispiel den feinen Spitzen des Kragens, von Tognina/Antonietta ebenso viel Aufmerksamkeit und malerische Sorgfalt wie den Haaren des Gesichts schenkt, schimmert deutlich das Bild vom Humanum trotz der Behaarung hervor. Das ist ein ziemlich neuartiger und einzigartiger Darstellungsmodus. Das Gesicht und die Kleidung machen Antonietta allererst zum Menschen. So wenig, wie sich heute noch aus Büchern von der Herkunft und der Ankunft am Hofe Heinrich II. des Petrus Goncalvus wissen lässt, wo er offenbar nicht gleich in höfische Kleider gekleidet wurde und so durch den König quasi erst später humanisiert wurde, lässt sich doch sagen, dass er als König von Frankreich offenbar bei der Menschwerdung einen entscheidenden Anteil hatte.

Für Heidi von Plato ist in ihrem Roman die Position des Humanum für Tognina unstrittig. Sie verteidigt Tognina quasi gegen die Mythen des 16. Jahrhunderts, die das haarige Mädchen zur Missgeburt, zum Monstrum erklärten. Monströs wird das Mädchen durch seine Haare im Gesicht, die Lavinia Fontana nicht zuletzt durch die noch kindlichen, haarfreien Hände kontrastiert. Ob sie tatsächlich haarfreie Hände hatte, die Malerin vorhandene Haare dort nicht sah oder sie gezielt die fleischig kindlichen Hände gegen die Haare im Gesicht ins Spiel brachte, wissen wir nicht. Gewöhnliche Zeitgenossen hätten die haarfreien Hände bei einem Monstrum wohl eher übersehen.

Obwohl der päpstliche Zensor sich energisch dagegen aussprach, halten wir eine teuflische Wirkungsweise auf die Entstehung der Monstra für nicht glaubhaft. Die erhabene Naturlehre kann in der Einbildungskraft der Frauen eine entscheidende Quelle für die Entstehung von Missgeburten ausmachen. So führte der Anblick eines Hummers zu der Geburt eines Monstrums, das einem gekochten, roten Hummer glich, ausgestattet mit einer harten Schale und allen Scheren… (S. 176)    

Die Portraitszene nimmt in Heidi von Platos Roman als Portraitsitzung einen breiten Raum ein. Wie sich durchaus in dem Werk Lavina Fontanas beobachten lässt, malte sie möglicherweise auch als Herausforderung an ihre Maltechnik gern „das Fell von Hunden“. Die Hunde nehmen, beispielsweise in ihrem Portrait einer adeligen Dame, als Teil der Portraitinszenierung deutlich die Funktion eines kleinen Freundes ein. Durch den kleinen Hund wird die portraitierte Frau quasi menschlicher. In dieser Verschränkung verlieren die Haare auch ihren Schrecken.  

Umringt von allen Gästen, durfte Tognina jeden Abend ihr entstehendes Gesicht betrachten. Aus dem Nichts entwickelte sich ein rundes Oval mit Kopfhaaren, Kindergesicht, erst als Zeichnung, dann in Öl, die hochgesteckte Frisur über der niedrigen Stirn, die großen, ein wenig erschrocken wirkenden Augen, als sehe ein feindseliger Betrachter sie an, die kleine, stumpfe Nase und der gewölbte Mund, später in Ocker die Gesichtsfarbe, zuletzt die Haare im Gesicht, die schichtweise in mehrtägiger Arbeit mit einem feinen Marderpinsel gemalt wurden, Haar für Haar, Decke für Decke. Als sei jedes Haar ein Wunder. (S. 183)

Außer dem Portrait von Lavinia Fontana gibt es keine weiteren Zeugnisse von Tognina, das Bild des haarigen Mädchens allerdings wanderte durch Bücher und Zeiten. Gut möglich, dass Tognina in ihre Geburtsstadt Antwerpen zurückkehrte, verschwand oder, nachdem adelige Damen in Italien das Interesse verloren hatten, einem weniger humanen Schicksal preisgegeben wurde. Der italienische Schriftsteller, Historiker und Kulturanthropologe Roberto Zapperi kennt in seiner Geschichte Der wilde Mann von Teneriffa (2005) zu Pedro Gonzalez noch andere Möglichkeiten. Entscheidend aber ist, dass sich tatsächlich Georg Hoefnagel und Lavinia Fontana überhaupt so sehr für die Wald-, Wolfs- oder Haarmenschen interessierten, dass sie sie zum Gegenstand aufwendig hergestellter und durchdachter ─ in Landschaft mit abgestorbenem Baum (Natur) oder mit Brief in den Händen (Mensch) ─ Bilder machten.

Die Geschichten und Bilder von Menschen und Tieren sind im ständigen Fluss. Und bisweilen gibt Georg Hoefnagels Animalia rationalia et Insecta einen auf den Autor, Zoologen und Insektensammler Ernst Jünger und Das Tier Mensch.  Insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert werden Haarmenschen auf Jahrmärkten und Menschenschauen als Monstren oder Freaks wiederkehren. Zumindest aktuell nehmen sie im Szenarium des HUMANIMAL keine prominente Rolle mehr ein, es sei denn als The Wolf of Wall Street (2013) von Martin Scorsese mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle. Aber das geht dann auch ohne außerordentlicher Körperbehaarung.

 

Torsten Flüh

 

HUMANIMAL

Mythos und Realität

noch bis 12. Januar 2012

Tieranatomisches Theater

Philippstraße 12/13

Campus Nord, Haus 3

10115 Berlin-Mitte

Zugang auch von der Claire-Waldoff-Straße

Dienstag – Samstag

14:00 – 18:00 Uhr

Eintritt frei

 

Heidi von Plato

Das haarige Mädchen

Roman

ISBN 3-86601-620-4

 

Fotos: Torsten Flüh (7. September und 15. November 2013)

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[1] Anm.: Georg Hoefnagel nimmt in seine Foliensammlung Animalia Rationalia et Insecta den Haarmenschen Petrus Gonsalvus und seine Frau  (Aquarelle, Gouache und ovale Umrandung in Gold auf Pergament mit Bildbeschriftung) quasi als flämisches Bürgerportrait, aber als eine besondere Tierart auf. Siehe Verzeichnis der Abbildungen Abb. 6 (und 7) In: Assmann, Aleida; Gomille, Monika; Rippl, Gabriele: Sammler – Bibliophile – Exzentriker. Tübingen 1998. S. 409

[2] Plato, Heidi von: Das haarige Mädchen. Berlin 2005