Verflüchtigt - Was in der Berichterstattung zur Lichtgrenze von 25 Jahre Mauerfall nicht vorkam

Medien – Bilder – Erzählen 

 

Verflüchtigt 

Was in der Berichterstattung zur Lichtgrenze von 25 Jahre Mauerfall nicht vorkam 

 

Medien sind flüchtig. Sie sind in der Beimessung von Bedeutung trügerisch und manipulativ. Weil in der offiziellen Berichterstattung ein entscheidender Effekt der Lichtgrenzen-Aktion nicht oder so gut wie gar nicht vorkam, muss auf verspätete Weise doch einmal darauf zurückgekommen werden. Der Berichterstatter hatte sich nämlich auf Einladung von Cross Roads ─ Berlin mit anderen Augen des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte bereit erklärt, als Ballonpate an der Aktion teilzunehmen und eigentlich nichts Besonderes erwartet. ─ Doch dann kam alles anders.  

Der Berichterstatter war in den beiden vorausgegangen Posts durchaus mit einem kritischen Unterton an die Lichtgrenzen-Aktion anlässlich von 25 Jahre Mauerfall herangegangen. Es gab mehr als genug zu kritisieren. Die unterschiedlichen Logiken der Jahrestage, die einen festen Platz im Sendemodus der Fernseh- und Rundfunkanstalten wie in Verlagsprogrammen ausmachen, der Nation, der Sichtbarkeit, der großen Namen, der Prominenten, des Wissens, des Erinnerns und der Gefühlskultur im Rahmen einer Erinnerungskultur etc. wurden auf direkte Weise in der Lichtgrenze verschaltet. Mächtige Narrative, denen dann über Medienverbreitung im In- und Ausland kaum zu entkommen war. Selbst meine Facebook-Freundin Anna K. in Dublin und meine Mail-Freundin Monika L.-T. in Tao Yuan nahmen teil.  

Die Eventkultur, eine schier unablässige Produktion von Daten und Bildern, die nicht zuletzt Nachrichten und Nachrichtenswertes für Medien wie Fernsehen und Internet produziert, findet allein in bestimmten Formaten statt. Wiederkehrende Bilder, pics, Fotos sind entscheidend. Für die Nachrichtenmedien und Bildredakteure sind wegen der Wiederkehr schnell erkennbare Bilder entscheidend. Wenn sich das Bild mit der Positivität von Events wie Jahreswechsel und großen Feiern wie Fußballweltmeisterschaft verknüpfen lässt, dann wird es regelrecht zu einem Lable, das sich endlos in Ökonomien von Vermarktung, Teilhabe, Aufmerksamkeit und Erfolg einspeisen lässt. Insbesondere seit 1989 hat das Brandenburger Tor eine derartige Karriere gemacht. 

Das Brandenburger Tor ist zum ikonographischen Lable aufgestiegen. Endlos und unzählbar zirkuliert das Brandenburger Tor in den digitalen Bildmedien beispielsweise auf Istagram und iconosquare unter dem Tag brandenburgertor. Auf inconosquare wird das brandenburgertor zum Selfie-Accessoire. Selfie und brandenburgertor verschmelzen zu einer Selbstpraxis. Die Fotobilder auf iconosquare zum Tag brandenburgertor wechseln in hoher Taktung. Durch einen Algorithmus aus Uploads, Tags, Likes und Comments verändert sich das Sample von brandenburgertor ständig. Das Brandenburger Tor wird zum ereignishaften Sample der Smartphone-Technologie. Tendenziell alle Smartphone-Istagram-Benutzerinnen wollen oder sollen, vielleicht sogar müssen an brandenburgertor teilhaben. 

Die Bildformate der medialen Eventkultur wie sie mit der Feier zu 25 Jahre Mauerfall am Brandenburger Tor im Fernsehen montiert wurden ─ Panorama von der Siegessäule, Lasershow und Feuerwerk, erleuchtete Ballons und Einzelportraits von Prominenten ebenso wie namenlosen Passanten etc. ─, haben sich für das Event wie den Ort bereits wirkungsmächtig eingespielt. Sie werden von der Bildregie geradewegs vorhersehbar rhythmisch wiederholt. Und sie müssen dies mehr oder weniger auch. Denn die Wiederholung generiert u.a. ein Wissen darüber, was erwartet werden kann und darf sowie erfüllt werden muss. In gewisser Weise ähneln die aufsteigenden Ballons zu 25 Jahre Mauerfall dem Event 20 Jahre Mauerfall mit den stürzenden Dominosteinen. Vermutlich wird sich für das nächste Mauerfall-Event ein vergleichbares Schema eingespielt haben, weil es mittlerweile zum Repertoire der visuellen Formate gehört.

Zeitzeugen hatten und haben eine wichtige Funktion für das Medienereignis 25 Jahre Mauerfall. Bereits im Vorfeld des 9. Novembers 2014 setzte in unterschiedlichen Fernsehformaten wie Talkshow, Dokumentation, Morgenmagazin etc. eine unablässige Befragung von Zeitzeugen und eine Erzählung von eher wenigen oft in unterschiedlichen Sendungen wiederkehrenden Zeitzeugen ein. Sie sollten erzählen und erzählten dann auch in fernsehgerechten Kurzstellungnahmen vom Mauerfall, was nicht zuletzt hieß, vom Unerzählbaren zu erzählen. 

 

Die mediale Umsetzung des Jahrestages erfolgte unter Einsatz von Zeitzeugen und ganz großer Bildinszenierung im Live-Modus. Auf dem Programmblatt Lichtgrenze Mauergeschichten ─ Ballonaktion der Kulturprojekte Berlin GmbH in Kooperation mit der Robert-Havemann-Gesellschaft, Stiftung Berliner Mauer, WHITEvoid und bauderfilm heißt es für den 8./9. November: 

Alle rbb-Programme lassen zum Jubiläum die grenzenlose Freude von 1989 wiederaufleben und wollen den Wahnsinn von damals spürbar machen. Gemeinsam mit Zuschauern, Hörern und Internet-Nutzern wird die besondere Nacht gefeiert und dafür allumfassend live berichtet… 25 Stunden lang sendet das rbb-Fernsehen durchgehend live aus Berlin… 

Was nicht erzählt werden kann, muss medial und visuell „spürbar“ gemacht werden, ließe sich formulieren. Das Medienereignis 25 Jahre Mauerfall wurde nicht zuletzt entscheidend von den Formaten der ARD-Anstalt Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) strukturiert und vermittelt. Während international von den Künstlern Christopher Bauder und Marc Bauder als Ideengeber für die Lichtgrenze berichtet wurde, lässt sich auf der Website bauderfilm deutlich lesen, dass es hierbei um ein Unternehmen geht, das seit 2001 in Berlin die „Entwicklung von Dokumentar- und Spielfilmen für Kino und TV“ verfolgt und bereits 1999 in Köln gegründet wurde. Insofern war die Lichtgrenze von Anfang an auf ihre visuelle Vermarktung angelegt. Anders gesagt: die Lichtgrenze, die das Jubiläum 25 Jahre Mauerfall zutiefst strukturierte, wurde aus der Logik von Film- und TV-Formaten gedacht. 

Was sich als Ereignis kaum oder nur außerordentlich zerstreut erzählen lässt, wird durch eine mediale Verschaltung allererst zum Event, das nicht das Ereignis ist und durch den hohen Grad seiner Formatierung nicht sein kann. Trotzdem wird häufig das eine für das andere genommen. Wahrnehmungsweisen spielen eher eine sekundäre Rolle. Nicht zuletzt war es das Medium Fernsehen der DDR mit dem Format Pressekonferenz als „Pressekonferenz über neue Reiseregelung“ und eine Formulierung von Günter Schabowski, Politbüro des ZK der SED, die nicht nur die Mauer zu Fall, sondern die Formate der medialen Herrschaft außer Kraft setzte und in Tagesschau und Tagesthemen am 9. November 1989 quasi umleitete. 

Doch was erlebte der Berichterstatter als Ballonpate? Die Ballonpaten waren (keine) Zeitzeugen. Ihnen wurde am 9. November die Funktion zugesprochen, final mit einem Hebel nach 19:00 Uhr irgendwo zwischen Bornholmer Straße, Brandenburger Tor und Oberbaumbrücke den erleuchteten Ballon aus Naturkautschuk aus seiner Verankerung zu lösen und mit einer individuellen Botschaft auf einem Anhänger in den Himmel steigen zu lassen. Das Ganze war bei 15 Kilometern Lichtgrenze und einem Ballon schätzungsweise pro Meter eine logistische Großaktion. Um rechtzeitig beim Ballon und mit dem Hebel ausgestattet zu sein, mussten sich also die Tausenden von Ballonpaten ab ca. 16:00 Uhr an einem Verteilungsort einfinden. Der Berichterstatter wurde um 16:30 Uhr zur St. Thomas-Kirche am Bethaniendamm 23-27 bestellt. 

Schnell waren die Beutel mit dem Hebel etc. und die roten Jacken mit der Aufschrift Ballonpate verteilt. Rot ist Marlboro. Nein, Rot ist auch die Farbe der Berliner Fahne und des Wappens sowie der Sparkasse und deren Verbände. Deshalb war neben den Logos der Senatsverwaltung und der Kulturprojekte Berlin GmbH das S-Logo der Sparkasse in Weiß auf die rote Jacke gedruckt. Und das war schon mal schön, weil die Ballonpaten mehr als einmal danach gefragt wurden, ob sie denn bei der Sparkasse arbeiteten. So ab 17:00 Uhr war dann eigentlich Warten angesagt, was langweilig zu werden versprach. Doch weit gefehlt. 

Einerseits konnten sich die Ballonpaten bis kurz vor 19:00 Uhr frei bewegen, weil im Programm stand, dass zu der Zeit die ersten Ballons am Brandenburger Tor ausgelöst würden und sie dann im Sekundentakt einer nach dem anderen entlang der Grenze ausgelöst werden sollten. Eine Kettenreaktion quasi. Andererseits hatten die Gruppenleiter einen Hackenporsche mit Proviant wie Rotkäppchen-Sekt und Einweggläser für ihre Gruppe erhalten. Und drittens konnte auch jeder Ballonpate bei seinem nummerierten Ballon stehen bleiben, wenn er wollte. Also blieb der Berichterstatter erst einmal beim Ballon Nummer 1995 am Bethaniendamm stehen. 

Bethaniendamm ist im ehemaligen Westen Kreuzberg mit der Adalbertstraße, die direkt vom Kotti oder Kottbusser Tor hinaufkommt, und im ehemaligen Osten Loft-Kultur und Platte. Auf der Adalbertstraße gibt es im Späti OBC, Original Berliner Cidre als Rosé, 98% Apfelcidre & 2% Johannisbeersaft, 5,0% Alkohol. Anders gesagt: der Bethaniendamm bis zum Engelbecken ist ungeheuer angesagt. Im Wedding gibt’s noch kein OBC. Kommt auch noch. Und der Bethaniendamm füllte sich gegen 19:00 Uhr wirklich bunt, was der Berichterstatter gar nicht erwartet hatte.  

Die roten Jacken waren natürlich irgendwie eine Köpenickiade. Bekanntlich stiftete der arbeitslose Schuster Wilhelm Voigt am 16. Oktober 1906 in Köpenick bei Berlin in einer Hauptmannsuniform größte Verwirrung. Das Tragen der Uniform verlieh ihm ungeahnte Autorität. Dabei ist an der Köpenickiade gar nicht der Aspekt der Hochstapelei der entscheidende, vielmehr jener dass die Uniform ihm eine merkwürdige Autorität verlieh. Ja, und was soll der Berichterstatter sagen? Die uniformierende, rote Ballonpatenjacke funktionierte auf ähnliche Weise. Der Berichterstatter, der selbst nicht genau wusste, was nun wie genau passieren sollte, beispielsweise ob der Ballon erleuchtet in den Himmel steigen werde, wurde ständig von Passanten ohne Ballonpatenjacke daraufhin angesprochen und befragt. So kam dann wirklich zunächst ein älterer Herr aus Köpenick (ehemals Osten) ─ ist nicht gelogen ─ mit seinen Kindern aus Prenzlauer Berg, sprach den Ballonpaten an und erzählte und fragte und ging dann weiter in den Abend hinein. 

Dann kam ein älterer Mann aus Wannsee (ehemals Westen) und erzählte, dass er schon den ganzen Tag an der Grenze von der Bornholmer Straße über die Bernauer Straße etc. entlang gegangen sei, weil er nie so genau gewusst hätte, wo denn die Mauer eigentlich verlief. Das bringt einen ja ins Stolpern. Aber vermutlich war der Mann sein Leben lang glücklich in Wannsee und hatte sich tatsächlich nie für den konkreten Verlauf der Grenze als Mauer in Mitte interessiert. Der Mann war gesprächig und freundlich und ganz offenbar über die Unterhaltung erfreut. Man kam wirklich detailliert ins Gespräch bis zur Frage, wo denn nun das Spartakus-Denkmal  für Karl Liebknecht auf der Chausseestraße stünde. Das habe er nämlich in den letzten Jahren immer gesucht. Ja, guter Mann, ganz recht. Es war wohl 10 Jahre oder mehr in einem Holzverschlag auf einem Baugrundstück verborgen und ist nun erst wieder, seitdem die Luxusimmobilie fertig ist, mit einer Klingel auf dem Gartenhof zugänglich und sichtbar. 

Familien, Paare, Passanten lasen teilweise nur die Botschaft an „meinem“ Ballon und gingen weiter. Multikultifamilien kamen vorbei und man sprach ein paar Worte. Um ca. Viertel vor Sieben kamen dann zwei Paare mit 4 Kindern im Kita-Alter an den Ballon 1995 heran. Und die Kinder wollten unbedingt wissen, wie das denn nun mit dem Ballon geht und was dann passiert. Daraufhin sagte der Ballonpate, ihr könnt mir helfen, wenn es so weit ist. Die Kita-Kinder wollten wirklich helfen und waren sehr geduldig. Weil es doch noch etwas bis zum Ballonstart hin war, bekamen sie Bananen zu essen. Das stimmt auch. War wirklich so. Und der Ballonpate dachte: Irre, die essen jetzt wirklich Bananen. Und wieder kam man ins Gespräch. Diesmal mit der einen Mutter.

Es stellte sich heraus, dass die Familie mit dem Regionalexpress aus Potsdam gekommen war, weil die eine Tochter erzählte, dass sie fast den Zug verpasst hätten. Das Warten wurde länger, weil sich die Feier am Brandenburger Tor verzögerte, wovon wir auf dem Bethaniendamm aber nichts zu wissen bekamen. Und natürlich fragen Kita-Kinder einem Ballonpaten dann Löcher in den Bauch, was gelegentlich auch ganz nett sein kann. Jedenfalls fragte die Mutter irgendwann zum Zeitvertreib, was ich denn am 9. November 1989 gemacht hätte. Und ich antwortete.

Das Fernsehen war am 9. November 1989 ein verknüpfendes und geradezu zentrales Medium. Der Berichterstatter erzählte, wie er mit seiner Großtante in Hamburg völlig ungläubig und fassungslos vor den Bildern gestanden habe. Woraufhin die junge Frau erzählte, wie sie bei ihren Eltern in Potsdam auf dem Sofa gelegen habe, man erst die Aktuelle Kamera, dann die Tagesschau und später die Tagesthemen gesehen habe, aber nie auf den Gedanken gekommen wäre, gleich zur Bornholmer Straße oder so zu fahren. Tatsächlich sei sie erst am 11. November 1989 über die Glienicker Brücke nach West-Berlin gefahren, wo dann Karneval war.  

 

Irgendwann um 19:40 Uhr oder so stieg dann Ballon 1994 in den Himmel über Berlin und der Ballonpate legte mit den 4 Kita-Kindern den Hebel für die Entkopplung des Ballons 1995 um. Der Hebel brach. Doch der Ballon stieg unbeleuchtet in den Himmel und die Kinder freuten sich. Fast hätte man noch Adresse oder Telefonnummern austauschen mögen, weil Mütter und Väter natürlich auch glücklich waren, dass die Kinder ihren Spaß hatten. Aber das wäre dann vielleicht doch zu viel gewesen.

Ob die Köpenickiade und ihre Effekte von den Organisatoren bedacht oder gar geplant worden war, lässt sich nicht sagen. Doch jenseits des visuellen Effekts, der Fernsehformate und der großen Botschaft passierte offenbar nicht nur dem Berichterstatter etwas, was sich nicht erschöpfend erzählen lässt, weil es einfach passierte und man es nicht hätte planen können. Da müssen immer mehr als eine Person dran teilnehmen. Und die Zeitzeugenschaft nahm eben eine ganz andere Wendung, als sie im Fernsehen als Format vorkam. 

 

Torsten Flüh