Die Sprache des Fußballs - Hans Ulrich Gumbrecht und Gunter Gebauer über Fußball auf der Großen Weltausstellung

System – Fan – Sprache

 

Die Sprache des Fußballs

Hans Ulrich Gumbrecht und Gunter Gebauer über Fußball auf der Großen Weltausstellung

 

Auf dem ehemaligen Flugfeld des Flughafens Tempelhof findet noch bis zum 24. Juni Die große Weltausstellung unter dem Motto The World is not fair statt. Am Sonntagabend konnte man dort am Festivalzentrum das Länderspiel Dänemark gegen Deutschland mit einem intellektuellen Warming-up von Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford), Gunter Gebauer (Freie Universität Berlin) und Christoph Biermann (Chefredaktion 11 Freunde) live und aus nächster Nähe erleben.

11 Freunde – Magazin für Fußballkultur ist so etwas wie der SPIEGEL für Fußballfreunde, wenn ich das richtig verstehe, also Fußball mit Diskurs. Gefördert wurde das Match von der Deutschen Akademie für Fußball in Nürnberg. Gerd Dembowski und Norbert Niclauss organisieren „Rasensysteme“, also das intellektuelle Gespräch über Fußball für die Weltausstellung, die das Abschiedsgeschenk des HAU-Intendanten Matthias Lilienthal an Berlin ist. Die Fankurve hörte denn auch eher interessiert zu, als dass sie sich lautstark artikulierte.

Die beiden prominenten Professoren, Gumbrecht und Gebauer, sind bekennende Fußballfans. Gebauer stellte gleich klar, dass es für einen Fan im Unterschied zu einem Zuschauer eine Initiation geben müsse. Der Fan verbindet mit seinem Interesse am Fußball ein quasi familiäres Erlebnis. Er wird in eine Gemeinschaft aufgenommen. Und er erlernt dadurch eine eigene Sprache dieser Gemeinschaft.

Gumbrecht und Gebauer lieferten als bekennende Fußballfans dafür gleich die passenden Erzählungen der Initiation. Gebauer sei durch seine Mutter zum Fußball gekommen, weil sie (wohl in den 50er Jahren) die Geschäftsstellenleiterin von Holstein Kiel war, und er den Fußballern des Vereins wöchentlich Lohntüten ausgehändigt habe. Er hatte somit als Jugendlicher bereits die Funktion eines Kassierers inne. Gumbrecht steuerte zur Initiation die Geschichte von seinem Vater bei, der seine Fußballkarriere sozusagen für seinen Sohn geopfert habe. Denn Vater Gumbrecht entschloss sich nach der Geburt des Sohnes für eine Karriere als Chirurg.

Zur Initiation als Fan gehört nicht zuletzt eine gewisse Opferbereitschaft, was als Erzählstruktur zwar vorkam, aber nicht derart explizit formuliert wurde. Die beiden erfolgreichen Professoren der Geisteswissenschaften - Gumbrecht als Romanist mit Lehrstuhl in Stanford, Gebauer als Professor für Philosophie des Sports an der Freien Universität – hatten während ihrer Studienzeit durchaus noch unter dem proletarischen Image des Fußballs zu leiden, während Leichtathletik und Fechten als akademische Sportarten Anerkennung fanden.

Das Bekenntnis zum Fußball als Sportdisziplin im Deutschland der 60er Jahre funktionierte im akademischen Rahmen zugleich als Provokation. Heute ist Fußball dagegen zu einem intellektuellen Thema geworden, wozu nicht zuletzt Gumbrecht und Gebauer mit Buchveröffentlichungen und Beiträgen im Feuilleton führender Zeitungen in Deutschland und Gebauer sogar mit einer TV-Produktion beigetragen haben.

Während das Thema Sport in den wissenschaftlichen Fokus vor allem mit Sport im Nationalismus bzw. Nazi-Deutschland seit den 80er Jahren eine Reihe von sport-kritischen Publikationen von Hajo Bernett (1921-1996) – Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur 1983 – rückte und 2005 in der Schwabenakademie Isee zusammen mit der Deutschen Akademie für Fußball die Tagung Fußball im Nationalsozialismus: Kultur - Künste - Medien stattfand, veröffentlichte Gumbrecht im gleichen Jahr sein kontrovers aufgenommenes Buch Lob des Sports. Und Gebauer sprach im Februar 2012 mit Alexander Kluge in dctp über Philosophie des Sports. Worauf beruht die Faszination der körperlichen Spitzenleistung?  

Gumbrecht formulierte nicht zuletzt, dass er seit 2010 wieder ein Fan der deutschen Nationalmannschaft geworden sei. Das habe vor allem etwas mit veränderten Spielstrategien, Spielerpersönlichkeiten und der Internationalisierung des deutschen Fußballs zu tun. Wer kann ein Spiel machen oder bestimmen? Wer kann ein Spiel drehen? Wer spielt wie mit einem Team? Fußball ist heute Hochleistungssport mit intellektuellem Anspruch. Sein Lieblingsspieler ist Mesut Özil, wie in 11 Freunde im Mai zu lesen war. Damit konnte er gestern wahrscheinlich recht zufrieden sein, weil Özil am entscheidenden zweiten Tor beteiligt war.

Gumbrecht machte auch auf den Transfers der Fußball-Sprache in den akademischen Wettbewerb heute aufmerksam. Denn beim Exzellenzwettbewerb der Universitäten sei heute davon die Rede, dass „ein Team gut aufgestellt“ ist. Andererseits hat sich eine analytische Sprache im Fußball von „Vierer- oder Dreierkette“ wie selbstverständlich eingebürgert. Und wahrscheinlich kann man sogar im Spielbericht von Stefan Hermanns im Tagesspiegel sprachliche Verschiebungen finden:

Genau in diesen wackeligen Moment hinein, trug Khedira einen Konter vor, bediente Mesut Özil. Der Spielmacher wollte seinerseits Klose bedienen, doch der Ball war zu scharf geschossen, dafür aber war Lars Bender mitgelaufen, der für dieses Risiko belohnt wurde und das 2:1 erzielte. Der Jubel war groß, auch auf der Bank. Löw hatte wieder mal alles richtig gemacht mit seiner gewagten Maßnahme, einen Mittelfeldspieler auf die rechte Verteidigerposition zu bringen…   

Wahrscheinlich müsste man Spielberichte genauer untersuchen. Gegenüber den Live-Kommentaren im Fernsehen oder im Rundfunk, was sich vielleicht als ein Modus des Synchronisierens formulieren ließe, bietet der schnell geschriebene und ausformulierte Spielbericht von 23:34 Uhr, also knapp eine Stunde nach Spielende, bereits eine Erzählung. Für Stefan Hermanns ist es die Erzählung von Lukas Podolski in seinem 100. Länderspiel, bei dem er dann auch noch eines der beiden Tore schießt. Diese Erzählung verläuft zwischen dem bewährten Nationalspieler und der Überraschung durch den Newcomer Lars Bender „in seinem erst neunten Einsatz für Deutschland“.

Erzählt wird also nicht nur der Mythos zweier Nationalmannschaften – Dänemark und Deutschland -, sondern auch der vom Erfolgsgaranten und dem Newcomer. Es wird dann auch Lars Bender sein, dem vor allem der Sieg zugespielt oder zugeschlagen wird. Länderspiele bzw. Nationalmannschaften sind reiner Mythos. Dies stellt sich gerade an der deutschen Mannschaft heraus, deren Spiel kaum noch als deutsch, was immer das gewesen sein könnte, bezeichnet werden kann. Vielmehr zeichnet sich das Spiel der deutschen Nationalmannschaft heute gerade dadurch aus, dass die unterschiedlichsten Techniken mit dem Ball abgerufen werden können, die zuvor beispielsweise den Brasilianern zugeschrieben worden waren. Gumbrecht erinnert Mario Gomez’ Drehung mit dem Ball an brasilianischen Fußball.

Gunter Gebauer hat sich intensiver mit der Sprache und Sprachphilosophie beispielsweise auch im Exzellenzcluster Languages of Emotion mit den „Philosophischen Bedingungen des Sprechens über Emotionen“ befasst. So erwähnte er, dass die erste erfolgreiche brasilianische Mannschaft von einem deutschen Trainer gebildet wurde und dass die heutigen Fußballakademien auf Anregungen aus Frankreich zurückgehen. Mit anderen Worten der Mythos vom deutschen bzw. überhaupt nationalen Spiel ließe sich vermutlich sehr schnell auflösen, wenn man die Spielsysteme auf ihre vielfältigen Ursprünge untersuchte.

Der Mythos Nationalmannschaft hat, wenn ich das richtig sehen kann, aktuell auch viel mit Angst zu tun. Häufiger fiel in Spielberichten und –kommentaren die Formulierung, ob eine Mannschaft Angst hat oder nicht. Längst spielen die sogenannten Nationalspieler in ganz Europa und der Welt. Mesut Özil geradezu beispielhaft beim FC Barcelona. Wie kann es dann zu einer Frage von Angst bei einer Nationalmannschaft kommen? Erzählt werden die aktuellen Mythen von ängstlichen Griechen, Spaniern und Italienern, die dann gar keine Angst im Fußballspiel zeigen. Der Transfer der Angst kommt vermutlich aus der Finanzpolitik. Fußball ist Therapie. Und im Fußball wie in der Finanzpolitik sind „die Deutschen“ gnadenlos vorbildlich. Aber eben gnadenlos.

Die Sprache des Fußballs ist eine weit verzweigte und oftmals nicht genauer auf einen Ursprung zurück zu führende. So merkte beispielsweise Gumbrecht an, dass er gar nicht wisse, woher der Name Tiqui-taca oder Tikitaka für das spanische Spielsystem komme. Ihm sei die Formulierung weder in Lateinamerika noch in Spanien bekannt. Tikitaka zeichnet sich dadurch aus, dass eine Mannschaft fortwährend den Ball im Mittelfeld in ihren eigenen Reihen zirkulieren läßt und so die gegnerische Mannschaft vom Ballbesitz ausschließt, um dann gezielte Tore zu schießen. Das dürfte indessen wieder Özil bei Barcelona gelernt haben.

Fußball ist eine Sportart, die vom Ereignis lebt. Deshalb lässt sich ein Spiel selten voraussehen oder gar wiederholen. Aus ereignishaften Spielzügen entstehen neue, die nur selten als Zug um Zug funktionieren. Wahrscheinlich müsste man jede Prognostik im Fußball, und erst recht in der Vorrunde eines Turniers, daraufhin untersuchen, wie die sprachlich gefasste Prognose im Spiel gerade nicht eingelöst wird. In dem Maße wie sich das Fußballspiel nicht oder nur im Modus des Mythos fassen lässt, führt es geradezu eine moderne Allegorie vom Leben auf.

Eine weitere Beobachtung in Leserkommentaren beispielsweise ist, dass selbst wenn ein Team gewonnen hat, meistens nicht das gezeigt wurde, was man zu sehen gehofft hatte. Deshalb einigt man sich wahrscheinlich darauf, den Sieg vor allem dem Torschützen zuzuschreiben. Die Häme ist freilich groß, wenn ein zuvor erfolgreicher Torschütze im nächsten Spiel, aus welchen Gründen auch immer, nicht trifft. Sogleich beginnt die Erzählung. Insofern ist Hermanns Formulierung

Löw hatte wieder mal alles richtig gemacht mit seiner gewagten Maßnahme, einen Mittelfeldspieler auf die rechte Verteidigerposition zu bringen.

eine Art Krücke in einem Spiel, das sich (nicht erzählen) lässt. Denn wenn Lars Bender kein Tor geschossen hätte, dann hätte auch die „gewagte Maßnahme“ keine Erwähnung gefunden.

Die Erzählungen vom Spiel, der ständige und möglichst aktuelle Übersetzungsprozess von Ereignissen in Sprache hat im weltweiten Fußball einen tief wirkenden Kulturprozess angestoßen. Mit dem Anstoß – dem ur-sprünglichen Ereignis - beginnt das Spiel, das immer schon vorher begonnen hat und dennoch nie im Voraus erzählt werden kann. Gerade in dem Maße wie sich der Sprecher oder Kommentator immer im Spiel befindet und gleichzeitig auf Formulierungen zurückgreifen muss, die er erlernt hat, passen sie und erzeugen das Ereignis, um es gleichzeitig zu verfehlen. Das ereignisbetonte Spiel im Modus des Live appelliert ständig an die Sprache und das Gefühl.

 

Das Versagen der Sprache und „der Stimme“ wie es Heike Faller in ihrem Artikel Der Plan von der Abschaffung des Rumpelfußballs im ZEITmagazin (Druck 14.06.2012, Nr. 25) formuliert und zitiert hat, betrifft den Moment des Kommentators im Spiel. Ihm versagt die Stimme:

… Götze beschleunigt, versetzt den brasilianischen Torwart und versenkt den Ball aus halbrechter Position zum 2 : 0. Erst da findet der Kommentator seine Stimme wieder. »Guter Doppelpass«, schreit er, »klasse gespielt, wow! Jawoll! 2 : 0! Klasse! So! Geht! Fußball!«

Das Versagen und Wiederfinden der Sprache als Stimme wird in dieser kurzen Passage geradezu exemplarisch am Ereignis vorgeführt.

Vom Fußballspiel erzählen, heißt immer, von etwas Anderem zu erzählen. Es ist schwierig, vom Spiel zu erzählen. Erzählt wird von den Gefühlen, den Zügen, den Schüssen, den Tritten, der Familie, der Vorgeschichte, der Karriere eines Spielers etc. Doch das Spiel, wie es sich ereignet, lässt sich selbst mit einer ausgeklügelten Sprache des Fußballs nicht erzählen. Das Spiel selbst ist das unendliche Ensemble der Gefühle im Verfolgen des Ballbesitzes. Wer den Ball besitzt, erfährt die Erzählung. Kurz und knapp, um sich bisweilen Bahn zu brechen.

Erzählt und berichtet werden kann von einem warmen Sommerabend mit Lammsbräu Urstoff und Erdnüssen vor einem Bildschirm auf dem Flugfeld des Flughafens Tempelhof, der unwiederholbar bleiben wird. Überhaupt sollte man noch die Weltausstellung besuchen, was der Berichterstatter denn auch getan hat. Natürlich war der Fußballabend schon sehr viel Welt: Deutschland - Dänemark aus Lemberg. Und über die Weltausstellung sonst soll in den nächsten Tagen ebenfalls berichtet werden. Doch für einen Verschnitt von mehr The World is not fair mit dem Fußballspiel Dänemark – Deutschland, war diesmal nicht Ort und Zeit.

 

Torsten Flüh

 

Die große

WELT

AUSSTELLUNG

2012

noch bis 24. Juni 2012