Klangraumerkundung - Zur Uraufführung von Rebecca Saunders Stasis-Kollektiv

Klang – Raum – Collage

 

Klangraumerkundung 

Zur Uraufführung von Rebecca Saunders Stasis-Kollektiv mit dem Ensemblekollektiv Berlin

 

Das Akademiemitglied, der Architekt Günter Behnisch wäre fasziniert und erfreut gewesen. Endlich kommt seine umstrittene Raumaufteilung und Ordnung der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 auf faszinierende Weise zur Geltung. Rebecca Saunders nutzt und erforscht den Raum, um den noch 2006 heftig gestritten wurde, für ihre neue Fassung von Stasis für „a spacial collage for 23 musicians“. Das Publikum hat sich auf der mittleren Ebene der verschachtelten Auf- und Übergänge eingefunden, um nicht nur ein eher kammermusikalisches Konzert zu hören, sondern gleichsam multimedial den Raum mit Ohr und Auge zu erkunden.  

 

Rebecca Saunders gelingt mit Stasis-Kollektiv ein einzigartiges Live-Erlebnis, das sich so nicht auf einen anderen Raum übertragen lässt. An den beiden Probenabenden vor der Uraufführung am 29. Oktober steigt sie lauschend über die Brücken. Wer wo wann spielt wird gleich einer Collage gelegt, umgelegt, überdacht und neu bestimmt. Die räumliche Collage – „spacial collage“ – ist nicht mit der Komposition und den Plänen abgeschlossen, vielmehr nimmt die Komponistin noch während der Probenabende durch das Erproben und Erforschen der Klangräume bis zur Uraufführung entscheidende Umstellungen vor. Wann wer wo sein Instrument spielt, wird gerade mit den transportablen Instrumenten bis zum letzten Moment ausprobiert.

 

Der als quasi nutzlos verbaute Raum mit seinen Glaswänden und -dächern wird durch Rebecca Saunders auf einmal zum Mitspieler für das Klangereignis. Die Musikerinnen des Ensemblekollektivs Berlin werden nicht nur über die Ebenen und Ecken im Raum verteilt, vielmehr noch wechseln sie während des Konzertes ihre Spielorte. Und eigentlich ist es mehr einer Konvention und eventuellen Störung geschuldet, dass die Zuhörerinnen der ca. 46 Minuten langen Komposition sich nicht auch über die Aufgänge und Brücken bewegen, sondern auf den Stühlen sitzen. Sie lauschen dem Klang, der von oben, unten, vorn, hinten und von den Seiten an ihr Ohr gelangt, nach.

 

Ohne Raum gibt es keinen Klang. Mit Rebecca Saunders erhält die Formulierung allerdings eine ganz andere Wendung. Für die erste Uraufführung von Stasis 2011 bei den Donaueschinger Musiktagen im Strawinsky Saal der Donauhallen mit dem Kölner Ensemble Musikfabrik schrieb Rebecca Saunders, dass eine „Klangskulptur … in den Aufführungsraum projiziert“ werde.[1] Für den selbst skulpturalen Brücken-Raum von Günter Behnisch gilt das umso mehr, denn er ist kein Saal. Die Hörerinnen befinden sich geradewegs innerhalb der beweglichen „Klangskulptur“. Natürlich können der Flügel (Ernst Surberg) oder die Harfe (Gunnhildur Einarsdóttier) nicht transportiert werden. Und auch die Flöten (Kistjana Helgadóttir, Bettina Junge) mit der elektronischen Verstärkung bleiben auf der Brücke zum Plenarsaal. Aber selbst Matthias Bauer (Kontrabass) wechselt über die Auf- und Abgänge die Ebenen.

 

Stasis-Kollektiv (2011/2016) ist eine außerordentlich komplexe Collage. Einerseits geht sie der „Verräumlichung verschiedener Musiker als auch der formalen Verbindung und Collage einzelner Kammermusikstücke“ nach. Andererseits arbeitet sie mit dem Aufführungsraum selbst und der Bewegung in ihm, so dass die Klangskulptur zum Mobilé wird. Es gibt die Komposition in Noten auf dem Papier für die Musikerinnen und es gibt die Architektur- bzw. Raumpläne. Insofern kombiniert Rebecca Saunders mit Stasis (Zustand) unterschiedliche Materialien, wobei es naheliegt, dass die Architektur auf Dauer angelegt ist. Doch erstens unterliegt Architektur selbst immer schon komplexen Prozessen[2], zweitens befindet sich das Haus am Pariser Platz noch in einer „technisch-energetischen Teilsanierung“ und drittens wird sie durch eine Nutzung, wie sie selbst Günter Behnisch nicht geplant hatte, verzeitlicht.     

 

Rebecca Saunders greift mit ihrer „spacial collage“ nicht nur in eine Musikdiskussion ein, von der noch die Rede sein wird, weil für sie die „stillness“ eine besondere Rolle spielt, vielmehr verändert oder bereichert sie gar die Architekturdiskussion in der und um die Akademie der Künste herum. Ist es doch das Verfahren der Collage in den Künsten, das mehr oder weniger unabsichtlich getrennte Bereiche plötzlich in Beziehung setzt. Wo Günter Behnisch 2006 nur mit der Geschichte, dem historischen Standort, und der Kapitalisierung eines zentralen Stadtraums argumentierte, eröffnet die Komponistin plötzlich einen klanglich-visuellen Wahrnehmungsraum. 

Gerade in dieser wertvollen Lage im Herzen der Hauptstadt öffentlichen Raum auch als Geschenk erlebbar werden zu lassen und nicht wie gewohnt auf maximale Nutzungsdichte hin zu kalkulieren, Treppen nicht in ein Stiegenhaus einzusperren, sondern als Brücken zwischen Alt- und Neubau sichtbar zu machen.[3]

 

Stasis ist durchaus auf die Erforschung der Wahrnehmung angelegt. In erster Linie arbeitet Rebecca Saunders mit der Stille und dem Klang. Doch wenn sie über ihre Komposition scheibt, dann greift sie sowohl auf das visuelle wie die Literatur aus. Mit „stillness“ schreibt sie nicht einfach von einem akustischen Nicht-Ereignis, sondern sie knüpft an eine Kurzgeschichte von Samuel Beckett mit dem Titel „Still“ an. Ihre „stillness“ lässt sich nicht einfach mit Stille übersetzen, sondern nutzt die Bedeutungsvielfalt von „still“ im Englischen, um die Schlusssequenz von Beckett Kurzgeschichte zu zitieren: 

As if even in the dark eyes closed not enough and perhaps even more than ever necessary against that no such thing the further shelter of the hand… 

Leave it so all quite still or try listening to the sounds all quite still head in hand listening for a sound.

 

Still kann im Englischen bei Beckett zwischen Stille, still sein und einem temporalen „nach wie vor“ oder „weiterhin“ gebraucht werden. Es geht dabei ebenso um ein Ausbleiben von Klang wie einem zeitlich andauernden Zustand (stasis). Beckett setzt es in seiner Doppeldeutigkeit in der Schlusssequenz seiner Kurzgeschichte Still ein. Rebecca Saunders hat diese seltsam unentschiedene Situation auf ihre Weise für Stasis nicht nur in Klang, sondern in eine Erzählung übersetzt. 

Den Kopf dem Sonnenuntergang zugewandt, betrachtet der ungenannte Protagonist das Hereinbrechen der Nacht, die anwachsende Dunkelheit; den Kopf langsam und behutsam von den Händen gestützt, wartet er, während sich die Dunkelheit ausbreitet, auf einen Klang. (Programmzettel)

 

Tom Service hat 2012 im Guardian daraufhingewiesen, dass Rebecca Saunders Kompositionen häufig an die Literaturen von James Joyce und Samuel Beckett anknüpfen. Diese zeichnen sich darin aus, dass die Sprache durch Verdichtung in der Prosa vieldeutig wird. Auf unterschiedliche Weise klopfen beide im Schreiben die englische Sprache nach Mehrdeutigkeiten ab und lassen neue Wortkombinationen entstehen. Verstörung und Faszination, die bereits in der Literatur angelegt sind, werden in Klang transformiert.

What makes Saunders' music so fascinating is the way in which this forensic examination of how sounds are made becomes a vivid and sometimes disturbing world of feeling. James Joyce and Samuel Beckett are important inspirations for her (CRIMSON: Molly's Song 1 is just one of the handful of works she has written that meditate on images from Molly Bloom's monologue at the end of Ulysses), but so too is colour.[4]

 

Stasis-Kollektiv gehört insofern zu einem wenigstens größeren Kompositionscluster von Rebecca Saunders, mit dem sie an der Grenze zur Literatur des 20. Jahrhunderts arbeitet. Die faszinierenden Texte von James Joyce und Samuel Beckett werfen Fragen hinsichtlich des Klangs auf, machen auf Mehrdeutigkeiten aufmerksam und regen auf diese Weise die Klangproduktion an. So entsteht der Klang der Flöten nicht zuletzt an der Grenze von Atem und Sprechen. Sprechen die Flöten schon oder hören sie sich nur an, als würde geflüstert werden? Stasis-Kollektiv im Gebäude der Akademie der Künste, das durch die Verglasungen Transparenz verspricht, die Grenzen zwischen Innen und Außen zerfließen lässt und durch Spiegelungen unheimliche Tiefen generiert, spielt auf Beckett an. Es ist in seiner Unbestimmtheit ein wenig ein Spuk, ein Geisterwerk.

 

Wie wird Spuk gemacht? Die Zeichenfunktion des Spuks lässt sich nicht leugnen. Der Spuk sagt etwas. Er bevorzugt die Dunkelheit und erscheint durch Spiegelungen gleichzeitig an mehreren Orten. Im Spuk befinden sich die Wahrnehmenden immer mittedrin außerhalb. Da es keinen Dirigenten gibt, kann sich das Publikum nicht visuell am Taktgeber orientieren. Enno Poppe und Rebecca Saunders hatten Stasis-Kollektiv mit dem Ensemblekollektiv einstudiert, bevor Saunders die Endeinrichtung im Raum vornahm. Jede Musikerin wusste also, was sie wie wo spielen sollte. Saunders nahm nur noch feine Abstimmungen an der Grenze des Spiel- und Hörbaren vor. Es geht ihr um diese Grenzbereiche, bevor sich die Violine, Violoncello oder Kontrabass hören, identifizieren lassen.

 

Bevor der erste Ton als Klang zu hören sein wird, hat das Stück schon begonnen. Das Publikum ist wirklich sehr still und aufmerksam, als das Licht ausgeht. Es herrscht Stille, die eine gewisse Zeit andauert. Wo wird wann was zu hören sein? Es gibt keinen idealen Hörerplatz. Die Unsicherheit, das Warten und das Hören in die Stille dauern an? Wird die Stille schon Klang? „Zerbrechliche Klanglinien werden aus der Tiefe einer imaginierten Stille hervorgezogen, oder aber der Klang bricht aus dem Zustand (Stasis) der Geräuschlosigkeit hervor“, schreibt Saunders. Demnach wäre Stille nicht nur ein Ausbleiben von Klang, sondern auch eine Imagination.

 

Es gibt bei Stasis-Kollektiv durchaus so etwas wie das Erschrecken vor dem Spuk. Man hört dem minimal anschwellenden Ton des Kontrabasses nach und plötzlich ertönen Rufe oder Echos der Trompeten (Nathan Plante, Matthew Conley). Oder ein harter, kratziger Bogenstrich zerreißt die Stille. Aus dem Akkordeon (Christine Paté) kommt ein kaum wahrnehmbares Atmen und plötzlich wird das Schlagzeug (Matthias Engler, Roland Neffe) angeschlagen oder oben nur für ein leises Rauschen eingesetzt. Indem Saunders die Instrumente an verschiedenen Orten erklingen lässt, wird die akustische Orientierung noch einmal erschwert.

 

Die Einsätze der Musiker geschehen auf unsichtbare Weise, von unsichtbarer Hand sozusagen an verschiedenen Orten. Natürlich trägt das einiges zur Spukhaftigkeit bei. In gewisser Weise ist Rebecca Saunders „stillness“ in Anknüpfung an Beckett, von unsichtbarer Hand gemacht. Wie das? Die millisekundengenaue Stoppuhr ist der kompositorische und aufführungstechnische Kniff an Stasis-Kollektiv. Bei der ersten Probeaufführung waren die Musikerinnen zunächst unsicher, ob das funktionieren könne. Zumindest für Stasis-Kollektiv knüpft Saunders damit an Fifty-Eight (1992) von John Cage an, das im März während THE LONG NOW im Kraftwerk Mitte zu hören war.

 

Vielleicht sollte jetzt gar an eine ganze Aufführungsserie im Haus der Akademie der Künste am Pariser Platz gedacht werden. Denn der als Geschenk gedachte Raum erwies nun als ein eben solches. Das Publikum war fasziniert von der Komposition, dem Raum und dem Ensemblekollektiv Berlin. 

 

Torsten Flüh

Nächstes Konzert mit dem
Ensemblekollektiv Berlin
Donnerstag, 19. Januar 2017 Ultraschall Berlin
Konstellation II

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[1] Programmzettel der Uraufführung in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4. Akademie der Künste Berlin, 29. Oktober 2016.

[2] Vgl.: Torsten Flüh: Ein Stück Himmel für Kleist. Schlüsselübergabe im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder. In: NIGHT OUT@ BERLIN 15. Juli 2013 16:43.

[3] Günter Behnisch: Raum als Geschenk. Architekt Günter Behnisch über seinen umstrittenen Neubau am Pariser Platz. In: Der Tagesspiegel 11.03.2006 00:00 Uhr


[4] Tom Service: A guide to Rebecca Saunders’ music. In: Tom Service's weekly guide to contemporary classical music. In: The Guardian Monday 5 November 2012 15.47 GMT.