Die Serie in uns - 2 Mosse-Lectures zum Semesterthema Fortsetzung folgt ..

Flow – Serie – Serialität

 

Die Serie in uns

2 Mosse-Lectures zum Thema Fortsetzung folgt … Formate des Seriellen in den Künsten und Medien

 

Waren das nun schon 3 oder erst 2 Lectures zur Eröffnung des Sommersemesters 2012 bei den Mosse-Lectures? - Die erste Vorlesung, angekündigt von Prof. Klaus Scherpe, hielt Prof. Lorenz Engell mit dem Titel „Watch your series now“. Aber die zweite Mosse-Lecture – Fortsetzung folgt … - performten Rainald Goetz und Prof. Diedrich Diedrichsen mit dem Titel „mehr“, weshalb sich die Frage stellen lässt, ob das nun eine, zwei oder noch mehr Lectures waren.


Bereits nach den ersten beiden Mosse-Lectures in diesem Semester lässt sich sagen, dass das Thema des Seriellen offenbar in der Luft liegt. Ein Symptom. Einerseits sieht Lorenz Engell mit dem Ende des Fernsehens durch die Digitalisierung ein Ende des Serienformats. Denn das Fernsehen des Flow ändert sich dramatisch. Andererseits enden für Rainald Goetz die Zeitung wie das Tagebuch, um als Blog und Kommentarfunktion fröhliche Urständ zu feiern. Widergänger. Und Diedrich Diedrichsen formuliert das Tagebuch als „Selbstformat ohne Schutzmechanismus“.


Das Serielle steht hoch im Kurs. Es verdient nicht zuletzt deshalb Aufmerksamkeit, weil die Serialisierung laut Engell zunächst als das „Phänomen der modernen Industrieproduktion“ gesehen wird. Die in Serie produzierten Industrieprodukte werden bis auf die Seriennummer gleich. Das Ziel industrieller Serienfertigung bringt das Einzelstück zum Verschwinden, weil die absichtliche Gleichheit jede Individualität in der Serie verschwinden lässt. Insofern wohnt der Serie immer der Schrecken des zum Verwechseln Ähnlichen inne. Die Verwechslung, und damit das Verschwinden des Einzelstücks, wird zum Programm.

Doch Engell sieht als Medienphilosoph auch den Film als eine Serie von Bildern, die durch minimale Abweichungen Bewegung generieren. Damit lässt sich zwischen der identischen und der differentiellen Serie unterscheiden. Im frühen Fernsehen ereignet sich noch etwas Anderes. Denn Fernsehen wird als „Flow“ ausgestrahlt. Die frühen Fernsehsendungen lassen sich nicht aufzeichnen. Sie werden im Live versendet. Sie kommen mittels Bild- bzw. Kathodenstrahlröhre beim Empfänger an und verschwinden wieder. Auf dem Leucht- oder Bildschirm bleibt nichts von den Bildern zurück.

Wegen des Flow mussten in New York die ersten Serien auch live produziert werden, ohne dass sie aufgezeichnet werden konnten. Mit anderen Worten: das frühe Fernsehen generiert als Programm Serialität und bringt, anders als der Film auf Zelluloid, das in der Serie Ausgestrahlte sogleich wieder zum Verschwinden. Fernsehen war Ereignis. „Fernsehbilder sind nie als Bildfläche vorhanden“, sagte Lorenz Engell in seiner Mosse-Lecture. So lange es noch keine MAZ, die sogenannte Magnetaufzeichnung gab, waren Fernsehsendungen unwiederholbar versendet.

Die „Zeitregime“ des Fernsehens machen Fernsehen zum „Seriengenerator“. In den 1940er bis 60er Jahren gibt es kein „Urbild“. Es gibt nur die Sendung, die gesendet worden sein wird. Um die Sendung zu sehen, muss sich der Fernsehkonsument zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher einfinden und ihn anschalten. Damit die Sendung nicht versäumt wird, muss sich der Zuschauer dem Zeitregime unterwerfen. Fernsehen als Format des Seriellen strukturiert vom Morgenmagazin u.ä. bis zu den Tagesthemen u.ä. Lebenszeit und gelebte Zeit.

Bis zur Verbreitung der Videoaufzeichnung einer Fernsehsendung mittels programmierbarem Rekorder seit den 80er Jahren war das Zeitregime des Fernsehens total. Es konnte höchstens durch Wiederholungen durchbrochen werden. Die Wiederholung im Fernsehen, die Anfangs rein technisch unmöglich war, lockert quasi das totalitäre Zeitregime, das sich noch bis in die jüngere Vergangenheit als „Zeitherrschaft des Fernsehens“ (Engell) halten konnte. Insofern findet durch mobile und digitalisiert verfügbare Nachrichten und Serien mittels Smartphones und Tablets eine Verschiebung medialer Zeitregime statt.    

Die Serie als Fernsehformat entsteht als Episodic Drama seit 1953 im Modus einer „Versöhnung zwischen New York und Hollywood“ (Engell). Denn gerade die Filmindustrie orientiert sich seit der Frühphase des Films am Format der Serie. Untersuchen ließen sich beispielsweise die Filme von Richard Oswald (1880-1963) unter der Frage des Seriellen. Dabei sind es insbesondere die „Sexualhygienischen Filmwerke“ Richard Oswalds von 1916 bis 1919 – Sündige Mütter (Strafgesetzbuch § 218). Es werde Licht! Teil 4 (1919 mit Magnus Hirschfeld als Berater) –,[i] die den Gesetzen der Serie folgen.

Richard Oswald hat wiederholt die Filmproduktion in Berlin als Industrie und damit nicht zuletzt ihr serielles Format betont, weshalb er zwischen identischer und differentieller Serienproduktion pendelnd als einer der frühen Serienpioniere mehr Aufmerksamkeit verdiente. Ab 1953 (!) produzierte er für das Fernsehen in Hollywood. Sein Sohn Gerd Oswald (1919-1989) arbeitete ab 1956 an frühen Fernsehserien wie Perry Mason (ab 1957), Bonanza und Star Trek als Regisseur mit. Für Star Trek, ab 1966, betonte Lorenz Engell, dass die Figuren nicht lernen. „Es ist immer das erste Mal.“ Im Raumschiff herrscht als Effekt des Seriellen eine Welt vollkommenen Stillstands.

Engell legt einen besonderen Wert darauf, die Frage des Seriellen im Fernsehen unter der systemtheoretischen Perspektive von Zeit zu sehen. Denn zwischen dem Flow des unwiederbringlichen Zeitflusses im frühen Fernsehen, dem „Prinzip des unendlichen Zeitflusses“ der Soap und dem Stillstand von Zeit im Raumschiff des Star Trek differenzieren sich bis zum „Neo-Fernsehen“ und bis zur „Neo-Serie“ unterschiedliche Zeitlichkeiten heraus.

Lorenz Engell eröffnete mit seiner Mosse-Lecture zu Formaten des Seriellen den Horizont einer Theorienbildung von Zeit. Anders gesagt: aus dem Flow des Fernsehens kündigt sich eine Theorie der Zeit unter den Bedingungen des Seriellen an. Eine derartige Theorie der Zeit ist eng mit der Frage des Lernens, also eines Subjektes, das lernt oder gänzlich unfähig zum Lernen ist, verknüpft. Denn die Fernsehserien ließen sich nach Engell eben in solche einteilen, in denen mehr oder weniger gelernt wird oder ein Lernvorgang durch das Serielle als Muster gänzlich ausgeschlossen wird, siehe Star Trek.

Doch was passiert mit dem Fernsehen, wenn es im Internet statt in den unendlichen Weiten des Weltraums – Star Trek – aufgeht? Was heißt das für das Lernen und das Subjekt? Fernsehen brauchte nicht zuletzt Sender bzw. Sendeanstalten, die über Formate des Seriellen entschieden, die bis in mikrologische Strukturen des Worts zum Sonntag Zeitregime transformierten und generierten. Sind YouTube oder Facebook Sendeanstalten?

Das Subjekt ist in das Serielle verstrickt. Das machten Rainald Goetz (Berlin) und Diedrich Diedrichsen (Wien) mit ihrer Mosse-Lecture-Performance mehr klar. Goetz und Diedrichsen wechselten sich im 15 oder 16 Minutentakt ab mit dem Reden und Performen und boten so auf jeden Fall mehr. Das Subjekt steht mit dem Seriellen auf dem Spiel. Deshalb machte Rainald Götz mit der Mehrdeutigkeit des französischen Journal von Tagebuch und Zeitung eröffnend einen weiten Raum von „Ichzuspitzung“ und „Ichauslöschung“ auf.

Mit Klage (Vanity Fair Weblog 2007-2008) und loslabern. Bericht. Herbst 2008 - loslabern im Suhrkamp Laden 2010 - hat Rainald Goetz selbst den Blog als Journal ausgetestet, um dann beide Texte im Netz zu löschen und doch wieder bei Suhrkamp 2008 und 2009 als Bücher vorzulegen. Deshalb darf mehr auch als eine ironische Replik auf die Medien Tagebuch und Zeitung verstanden werden. Goetz’ Auftritt ist fulminant, hyperaktiv und extrem verlinkt. mehr ist mehr und weist eine Kritik am Mehr als Kapitalismuskritik zurück, wie es einem Hörer auf Nachfrage quittiert wird.

mehr als Performance will nicht mehr sein, als das Prinzip der permanenten Überbietung durch das Format des Seriellen. So lobt Rainald Goetz an Luise Kaschnitz’ Tagebüchern (1999) den „trancehaften Sog des Tagebuchs“. Diedrichsen setzt das Lob des Tagebuchs vor allem an Navid Keramis Roman Dein Name (2011) fort, der eine einzige „Materialschlacht“ des Tagebuchartigen sei. Woraufhin Götz Diedrichsens Redezeit nach der Stoppuhr abbricht und mit dem Thema Scham beginnt. Denn er kenne „kein relevantes Tagebuch, das schamlos wäre“, während im Blog über alles geredet, gepostet wird.

Die Stichworte und hinreißenden Formulierungen beider Redner überschwemmen die Hörer. Hat sich eine Formulierung festgesetzt, wird sie auch schon von einer neuen davon gespült. Der Hörer als hörendes Subjekt wird auch von dem permanenten mehr fortgerissen. Goetz reißt Bücher oder Zeitungen in die Höhe und führt die „Objektivität“ der Zeitung vor. Diedrichsen spricht vom „Gesetz der Serie“ und beginnt zu singen. Iggy Pop: I need more. …

And the more I think the more I need
More clouds, I’ll take more money

More champagne, I can’t forget my brain.

More floor’s, more door’s, more mustard … More

Rainald Goetz, der in der Woche zuvor den Vortrag von Lorenz Engell, gehört hatte, reißt die Ausgabe der FTD, Financial Times Deutschland vom 1. Mai 2012 in die Höhe und liest den Titel: London erklärt Murdoch für inkompetent. Das ist Soap. Goetz macht den Zeitungsjungen. Und er schiebt nach: die „Soap der Wirklichkeit ist interessanter als jede Serie im Fernsehen. Presse als Wirklichkeitserzählung, die unüberbietbar ist“. Zeitung bietet immer schon Erzählung von Wirklichkeit.

Es ist nicht zuletzt Heinrich von Kleist, der in seinen Berliner Abendblättern jene Erzählung von Wirklichkeit praktiziert und durchbricht, gegenbürstet. Goetz und Diedrichsen erwähnen Kleist nicht. Das wäre vielleicht auch ein wenig akademisch. Doch bereits mit der Eröffnungssequenz der Berliner Abendblätter und dem Format des Seriellen lässt sich bei Kleist die Infragestellung der „Wirklichkeitserzählung“ beobachten. 

Mit Kleists kurzer Notiz am Schluss des 1. Blattes der Berliner Abendblätter vom 1. Oktober 1810 mit dem Titel „Tagesbegebenheiten.“ wird ein bedenkenswertes Verhältnis von kürzester Erzählung und der Herstellung von Wirklichkeit angesprochen.

Tagesbegebenheiten.

Stadtgerücht. Von dem Preußischen Eigenthum im Herz. Warschau, mit Ausschluß der Bank, Seehandl. und Wittw. Casse, ist der Sequester aufgehoben worden. — Privatnachrichten. Der Gr. Gottrop soll in Riga angekommen sein.

Tagesbegebenheiten erinnern in ihrer sprachlichen Analogie an Ereignisse. Mit anderen Worten: was sich begeben hat, hat sich ereignet. Diese Nähe ist bedenkenswert, weil in den Abendblättern später buchstäblich von einem Ereignis die Rede sein wird - ein einziges Mal in den gesamten Berliner Abendblättern „Polizei-Ereiniß“. Merkwürdiger Weise beginnen die „Tagesbegebenheiten“ mit einem „Stadtgerücht“.

Was lässt sich an einem „Stadtgerücht“ beobachten? Es gehört zur Funktionsweise des Gerüchts, dass das Ereignis ungewiss ist und bleibt. Beim Gerücht ist nicht klar, ob erst das Ereignis stattgefunden hat oder es sich allererst um eine Erzählung im Modus eines Gerüchts handelt. Der Ursprung eines Gerüchts bleibt ungewiss. Das Gerücht fordert auch geradezu heraus, dass man mehr wissen will, weil das Ereignis fraglich ist. Indessen ist das „Stadtgerücht“ so knapp, dass man sich fragen muss, worum es dabei geht. Wird das „Stadtgerücht“ möglicherweise nur zitiert, um eine weitere Erzählung einzufordern?  

Die zweite Tagesbegebenheit wird als „Privatnachrichten“ angeführt. Auch das Genre der Privatnachricht wäre näher zu untersuchen. Man kann sich beispielweise die Frage stellen, was eine Privatnachricht überhaupt in der Öffentlichkeit einer Zeitung zu suchen hat. Schließt das Private nicht gerade die Veröffentlichung in der Zeitung aus? Doch genau darum geht es natürlich auch heute noch beim Lesen des Journals in seiner Doppeldeutigkeit von Tagebuch und Zeitung, worauf Goetz hingewiesen hat.

Beim „Stadtgerücht“ geht es bezeichnender Weise um irgendwelche Geldgeschäfte, die fast jeden betreffen können. Bei den „Privatnachrichten“ muss man fragen, ob sie überhaupt interessieren, weil sie ja vielleicht so privat sind, dass wir gar nichts damit anfangen können. Wer kennt schon „Gr. Gottrop“? Die Privatnachricht betrifft uns nicht. — Oder doch? Die Zeitungsleser werden immer schon in jenen merkwürdigen Sog des Lesens hineingezogen. Beim Kauf einer Zeitung wollen sie mehr erfahren, als sie bereits wissen. (Mitunter werden sie dabei „übergefahren“.) Doch gerade dies wird unter der Rubrik „Tagesbegebenheiten“ fragwürdig. Von hieraus ließe sich die kurze Notiz „Tagesbegebenheiten“ noch weiter durcharbeiten.

Auf die „Tagesbegebenheiten“ folgt der Abdruck des „Extrablatt(s)“, in dem Kleist nun ankündigt, dass er die polizeilichen Tagesrapporte, „Polizei-Rapporte“ abdrucken darf und wird, was in Zeiten der Zensur durchaus auch eine ökonomische Relevanz hat. Unerwähnt bleibt allerdings, dass es sich um wiederum knappste Erzählungen handelt, die Erzählungen generieren. Kleists Zeitungsprojekt wird aufs Engste mit den Tagesrapporten und der Zensur verknüpft sein. Als er die Polizei-Rapporte nicht mehr abdrucken kann bzw. darf, bedroht das die ökonomische Existenz der Abendblätter.

Entscheidend ist, was Kleist als Redakteur gleich im allerersten „Extrablatt“ macht. Er zitiert aus den Tagesrapporten vom 28., 29. und 30. September drei Brände an verschiedenen Orten in und um Berlin herum. Allein die dreimalige Wiederholung führt zum Effekt von Serialität. Eine Brandserie. Nun liegen durch die Polizei-Rapporte anscheinend wirklich Ereignisse vor. Man könnte meinen, dass man nun das Ereignis hätte. Doch ist es so?

Dann erscheint im 7. Berliner Abendblatt vom 8. Oktober ein merkwürdiges Polizei-Ereigniß, auf das sich der Charité-Vorfall bezieht, ein „Arbeitsmann“ ist „übergefahren“ worden. Im Vorfall geht es mit der Mehrdeutigkeit von Vorfall als Ereignis ebenso wie eine medizinische Veränderung z.B. eines Bandscheibenvorfalls, um Ereignisse, das Berichterstatten, das Fragen und Antworten, das Sehen und das Erzählen und das Überfahren. Mit anderen Worten: eine differentielle Serie von Begebenheiten, Ereignis, Nachrichten, Vorfällen etc. generiert im Charité-Vorfall eine lächerliche Erzählung, bei der selbst die „Todtkranken“ auf den Betten lachen müssen.

In der Frühphase der Zeitung selbst werden so die „Objektivität“ (Goetz) der Zeitung und die „Presse als Wirklichkeitserzählung“ im Zuge eines mehr so sehr gesteigert, dass sie in einem verfehlenden Erzählen lächerlich werden. In den besonderen seriellen Formaten von Zeitung und Tagebuch scheint das Erzählen selbst als ein serielles auf. Das ließe sich zumindest mit der Mosse-Lecture von Rainald Goetz und Diedrich Diedrichsen sagen.

Weitere Mosse-Lectures – Fortsetzung folgt … - werden folgen. Das wird zumindest eine Serie über das Serielle hervorbringen, was schon jetzt als höchst spannend erwartet werden darf.

 

Torsten Flüh

 

Fortsetzung folgt …

Formate des Seriellen in den Künsten und Medien

Siehe weitere Termine Mosse-Lectures                  



[i] Vgl.: Richard Oswald: Regisseur und Produzent / Red. Helga Belach u. Wolfgang Jacobsen. München: edition text + kritik, 1990