Ideale Galerieortung - Zur glanzvollen Eröffnung der daadgalerie in der Oranienstraße

Ort – Geist – Globus

 

Ideale Galerieortung 

Zur glanzvollen Eröffnung der daadgalerie in der Oranienstraße 

 

Zur Eröffnung der neuen Galerie hat das Berliner Künstlerprogramm des DAAD einen echten Star der globalen Kunstszene in die denkmalgerecht umgebauten Räume des Geschäftshauses von Oskar Kaufmann aus dem Jahr 1912 in die Oranienstraße 161 eingeladen: Lim Minouk. Wo vor nicht allzu langer Zeit noch Glasbausteine den Blick in das Gebäude von der Oranienstraße zwischen Moritz- und Oranienplatz abschirmten, öffnet sich nun der Blick auf eine geheimnisvolle Szenerie, eine Installation der südkoreanischen Medien- und Performancekünstlerin Lim Minouk: New Town Ghost GAGA HOHO. Sie erinnert mit den Autoscheinwerfern und zerborstenen Scheiben nicht zuletzt an eine desaströse Straßenszene.

 

Katharina Narbutovič und ihre Mitarbeiterinnen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik und Film haben das Eröffnungsprogramm für die neuen Galerie- und Veranstaltungsräume Topophilia/Topophobia genannt, das noch bis zum 22. Januar läuft. Von der Kurfürstenstraße über dem Café Einstein ist die daadgalerie über die Zimmerstraße nun in die einst heiß umkämpfte Oranienstraße in Kreuzberg gezogen. Ein Ort, den man lieben kann, vielleicht sogar muss, der aber sicher auch einigen Menschen in seiner Aufgeschlossenheit Angst machen wird. In ihrer Eröffnungsperformance vollzieht Lim Minouk - nach europäischer Namensfolge Minouk Lim - koreanische Rituale in ihrer Installation, um eine neue Wohnung einzuweihen. Denn GAGA HOHO ist im Koreanischen beziehungsreich mit der freundlichen Inbesitznahme eines Ortes verknüpft.

  

Mit dem neuen Ort der daadgalerie vergrößert sich die Fläche für Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen, Perfromances und Konzerte von Berlins, wenn nicht Deutschlands wohl erfolgreichstem, internationalem Künstlerprogramm. Katharina Narbutovič wies bei der Eröffnung auf die Kooperation mit der Biennale in Venedig ebenso wie mit der Documenta in Kassel hin. Das Künstlerprogramm ist mit zahlreichen Festivals wie Ultraschall, Festival für neue Musik, und MaerzMusik, Festival für Zeitfragen, oder der Berlinale verknüpft. Nun können die Räume der Galerie auf 500 m² selbst zu Festivalorten werden. Das rückt die erfolgreiche Arbeit deutlicher in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Denn zahlreiche internationale Komponisten zeitgenössischer Musik wie John Cage 1972, Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann 1963, Péter Nádas 1981 und Liao Yiwu 2012, Bildende Künstler wie Nam June Paik 1983 und Marina Abramović 1992 oder Jimmie Durham 1998 sowie Filmregisseure wie Jim Jarmusch 1987 oder Chen Kaige 1991 gehörten zu den mittlerweile mehr als 1.000 Stipendiatinnen des Künstlerprogramms in Berlin.

 

Die Stipendien des Berliner Künstlerprogramms gelten als ein wichtiger Schritt für eine internationale Karriere. Als Gäste in Berlin sind sie meistens noch am Beginn ihrer Karriere. Die Namen sind noch keine Publikumsmagneten, was durchaus noch 1963 für Ingeborg Bachmann oder den Jahrhundertkomponisten John Cage 1972 galt. Auf den Veranstaltungen in den neuen Räumen in der Oranienstraße 161 wird man also mehr als zuvor Künstlerinnen kennenlernen und treffen, die in geraumer Zeit zu Stars in ihrer Sparte werden können. Das macht den eigentlichen Reiz der Veranstaltungen aus. Und es entspricht dem Förderkonzept des Programms. Die Öffentlich rechtlichen Medien wie RBB und Deutschlandradio oder Deutsche Welle berichten über die Entwicklung und laden die Künstler in ihre Programme ein. Es ist indessen auch eine Herausforderung, eine Sprache für das Neue, das Unbekannte, das noch nicht Verortete und Eingeordnete zu finden.   

 

Zur Eröffnungsfeier der daadgalerie am neuen Ort waren denn auch nicht nur die aktuellen Stipendiatinnen wie Minouk Lim und Ivana Sajko und die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Prof. Dr. Margaret Wintermantel, die Beauftragte der Abteilung Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amts, Heidrun Tempel, sowie der Staatssekretär für Kultur des Landes Berlin, Dr. Torsten Wöhlert, gekommen. Zugleich stellten sich internationale Netzwerkerinnen wie Sonia Lescene oder die Multimediakünstlerin Colette Lumiere[1] ein. Die Mitarbeiterinnen des DAAD wie des Künstlerprogramms aus Bonn und Berlin waren ebenso anwesend wie der Stellvertretende Generalsekretär. Denn Kunst ist, um es einmal so zu formulieren, nicht nur mit viel administrativer und kreativer Arbeit verbunden, sondern manchmal gehört ebenso das Feiern zur Arbeit.

  

In der Formulierung GAGA HOHO klingt nicht nur ein englisches Gaga und weihnachtliches Hohoho an, vielmehr geht es um das koreanisch-chinesische 家家戶戶. Darin steht ga () für das Haus oder auch die Person, während ho () das Rahmengestell oder die Tür bezeichnet. Die Verdopplung von ga und ho im Chinesischen ist eine beliebte Praxis. So gibt es denn auch ein koreanisches Restaurant im Hongkonger Ausgehviertel Tsim Sha Tsui, das 家家戶戶 heißt. Und eine Immobilienfirma in der südkoreanischen Millionenstadt Gwangju nennt sich ebenfalls 家家戶戶. Minouk Lim trägt in der Performance eine Art Tür aus Latex auf ihrem Rücken in den Raum.[2] Ihre Handrücken hat sie mit Goldfarbe bestrichen.

 

Doch was sichtbar ist, spielt für die Künstlerin nicht allein die Rolle. Es geht ihr immer auch um das Unsichtbare oder Verdrängte, das sich an einem Ort befunden hat. Es gibt eine sozial-historische Dimension in ihrer multimedialen Kunst, die häufige Reste und Überbleibsel verwendet und inszeniert. So gehört zur Installation eine helle dicke Latexmatte, die gleich in mehrfacher Hinsicht als Rest funktioniert. Sie ist der Rest des unsichtbaren Hofs, dessen Boden sie mit Latex vor mehreren Wochen ausgegossen hatte. Und weil die Matte der Witterungswechsel der letzten Wochen ausgesetzt war, bleibt auch etwas von dem Wetter übrig, das das Latex verändert hat.

 

Ganz offenbar gibt es einen New Town Ghost in ihrer Installation. Der Geist ist unsichtbar, obwohl gespenstische Skulpturen aus Baumästen und einer Art Mantel aus Kletten den Ort hier wie in ihrer Installation Runnig on Empty (2015) bevölkern.[3] Auch die Krähe mit 3 Beinen gibt einen Wink darauf, dass ein wohl nicht ganz harmloser Geist umgeht. In ihrer Eröffnungsperformance geht es nicht zuletzt darum, mit einem alten koreanischen Ritual den Geist zu besänftigen, ihn womöglich für sich einzunehmen. Der Geist gehört nach animistischen Vorstellungen unweigerlich zum Ort, weil er, wenn man so will, beseelt ist. Es gibt keine unbeseelten Orte und Räume im Animismus, der in der koreanischen Kultur einen gewissen Einfluss hat.

 

GAGA HOHO wird insofern zu einer animistischen Zauberformel. Das erinnert in gewisser Weise an chinesische Neujahrstraditionen, die während der Festzeit in ländlichen Gebieten die Reinigung der Familiengräber vorsieht. Die Grabstätten werden nicht nur von Blättern und Ästen gereinigt, sondern es werden auch Feuerwerkkörper und Knallfrösche zur Reinigung gezündet, um schlechte Geister zu vertreiben.[4] Die Spur des Animismus hat sich in China bis heute bei der Eröffnung von Geschäften erhalten. Bisweilen wurde und wird jede Geschäftseröffnung mit einem vor allem lauten Feuerwerk begangen. Doch während es mit dem Feuerwerk um Reinigung und Vertreibung von Geistern geht, brachte Minouk Lim sozusagen ein Trinkopfer dar.

 

 

Lim Minouk war bereits 2012 für den koreanischen Künstlerpreis nominiert.[5] Der Kulturkritiker und Professor an der Kyung Hee University Lee Taek-Gwang arbeitete in seiner Kritik die Philosophie der Kunst von Lim heraus. Denn Lim arbeitet nicht zuletzt kulturkritisch und befragt die koreanischen Medien beispielsweise mit ihrer Arbeit The possibility of the Half, in der sie unterschiedliche Trauerpraktiken in Nord- und Südkorea thematisierte. Lee erwähnt in seiner Kritik u.a. eine Vorstufe der Berliner Installation. Lim ist wie Kim Jinran von Ruinen als Rest fasziniert.[6]  

The ruins that appear in the works of Minouk Lim are traces of events. What Lim works to show is a situation in which an event has been reduced to state. The sentiment of anger emanating from New Town Ghost (2005) later appears to have acquired a further dimension in Portable Keeper (2009).[7] 

 

  

Das Eröffnungsprogramm Topophilia/Topophobia reagiert indessen nicht allein auf den Ort, den die daadgalerie nun gefunden und nach einiger Verzögerung bezogen wie eröffnet hat. Vielmehr geht es auch um eine Erforschung der Liebe und der Angst zum Ort. Denn der Ort und die Verortung haben nicht zuletzt politisch eine neue Brisanz bekommen. So geht es in den politischen Debatten seit geraumer Zeit um eine Besetzung und Inbesitznahme von Orten. Das Private als Ort der Identität wird verteidigt und löst sich gleichzeitig in den Tweets des designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auf. Die doch wohl eher private Aversion gegen Meryl Streep wird zum öffentlichen Verdikt. Die im Fernsehformat der Reality Show The Apprentice (Der Auszubildende) eingeübte Vermischung von Privatem und Öffentlichen wird zum Programm der Politik aus dem Trump Tower.  

 

Doch die gezielte Vermischung des Privaten mit dem Öffentlichen diente allein der Inbesitznahme des Öffentlichen für das Private. Die Unschärfe der Öffentlichkeit von Facebook und Twitter, wo das Private öffentlich gemacht wird, wurde von Donald Trump während des Wahlkampfs und sprachlich unlängst auf seiner ersten Pressekonferenz seit seiner Wahl offensiv und brachial in Besitz genommen, um die Öffentlichkeit der Medien von vornherein zu diskreditieren. Er gebrauchte eine unangemessene Sprache, um als Präsident eine vermeintlich einfache, klare und ehrliche Sprechweise zu diktieren. Topohilia/Topophobia macht diese politische Okkupation und ihre Folgen zum Thema. 

Suchen wir angesichts der Brianz der aktuellen Krisen den Rückzug ins Private, in den vermeintlich sicheren Kokon, oder setzen die rechtspopulistischen Dammbrüche und die massiv um sich greifende Instabilität ein stärkeres gesellschaftliches und politisches Engagement frei, das lange brachgelegen hat?

 

Mit einer Topologie von Topophilia und Topophobia geht es immer um Identitätskonzepte, die mit Orten und Verortungen verknüpft werden. Dabei werden die Orte über Grenzen und Grenzziehungen allererst hergestellt. Temporäre Orte und nomadische Praktiken gelten längst als Effekt der Globalisierung. Was topologisch in der Wirklichkeit der globalen Medien verteidigt werden soll, ist insbesondere im Mittleren Westen der USA eine feindliche Landnahme, eine Okkupation, die Heimat genannt wird und die die nomadischen Kulturen der Ureinwohner ausgelöscht hat. Darum geht es mit einer Diskussion, die eine nomadische Praxis der Künste und Kulturen von globaler Bedeutung mit Ansage bekämpfen will. Trump will sich nicht auf einen Ort zurückziehen, sondern den gesamten öffentlichen Raum besetzen. 

 

Torsten Flüh

 

Topophilia/Topophobia 

bis 22. Januar 2017 

daadgalerie 

Oranienstraße 161 

Zwischen Moritz- und Oranienplatz 

 

Nächste Veranstaltungen in Kooperation des Künstlerprogramms 

Ultraschall 

Donnerstag, 19.01.2017 20 Uhr – Heimathafen Neukölln 

Ensemblekollektiv Berlin // Bas Wiegers 
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[1] Siehe auch Colette auf http://www.collectcolette.com/

[2] Siehe dazu den Bericht in der RBB-Abendschau: daadgalerie eröffnet neue Ausstellungsräume Do 12.01.2017 | 19:30 | Abendschau.

[3] Siehe Minouk Lims Teilnahme an der 20. Biennale of Sidney 2016.

[4] Diese Tradition war 1995 in der Zheijiang Provinz noch üblich. Wolfram Eberhard hat in seinem Lexikon chinesischer Symbole ebenfalls auf diese Praxis verwiesen: “The New Year festivities between the first and the fifteenth days of the new year were marked by letting off fireworks, whose bangs and crackles were supposed to scare away demons.” Wolfram Eberhardt: A Dictionary of Chinese Symbols. Hidden Symbols in Life and Thought. Taiwan 1994, S. 106.

[5] Siehe Korean Artist Prize http://koreaartistprize.org/en/project/lim-minouk/

[6] Siehe: Torsten Flüh: Reinigungsrituale, Ruinen und Korean Soulfood. Zur Ausstellung After The Rain von Jinran Kim in der Galerie im Körnerpark. In: NIGHT OUT @ BERLIN14. Mai 2014 14:33.

[7] Korean Artist Prize … [wie Anm. 5]