Wenn Nosferatu kommt - Zur Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf

Großstadt – Tod – Kultur 

 

Wenn Nosferatu kommt 

Zur Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. 

 

Von Berlin-Mitte zum Südwestkirchhof in Stahnsdorf sind es mit dem Fahrrad fast 25 Kilometer. Früher gab es vom S-Bahnhof Berlin Wannsee extra eine Friedhofsbahn zum Haupteingang des Kirchhofs. Wegen der Deutschen Teilung war das eigene Bahnhofsgebäude Anfang der 70er Jahre bereits so sehr beschädigt, dass es 1976 von den Verantwortlichen in der DDR gesprengt wurde. Die Verbindung des Öffentlichen Nahverkehrs ist heute unterbrochen und wäre nahezu vergessen, wenn der Förderverein des Südwestkirchhofs Stahnsdorf e.V. darüber nicht im ehemaligen Pförtnerhaus informieren würde und nun mit großem Aplomb am Samstag eine Kulturnacht veranstaltet hätte.

Die Toten waren der Kulturnacht wohlgesonnen und hielten das Wetter in Schach. Keinen Tropfen Regen gab’s. Allerdings wurde es dann doch ab 20:00 Uhr empfindlich frisch vor der Stadt. Zur Kulturnacht trugen zahlreiche, engagierte Künstler und Vortragende, Musikensembles und Chöre sowie das THW mit Generatoren bei. Bereits zur Eröffnung der Nacht um 18:00 Uhr vor der zentralen Holzkirche durch den Präsidenten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Ulrich Seelemann, war der Platz erfreulich gut gefüllt. Und die Besucher strömten bis weit in den späten Abend auf den Südwestkirchhof.

Vom Wintergarten Varieté bis zum Hugo-Distler-Chor, von Stefan Graf von Bothmer bis zur Nachwuchssängerin Rebecca Frese, von Ute Beckert bis zu Florian Langenscheidt verzauberten die Mitwirkenden den Südwestkirchhof und seine Gräber. Prominente Tote und Grabstätten wurden mit den Aufführungen in Beziehung gesetzt und in Erinnerung gerufen, wie man sagt. Denn prominente Tote fanden seit 1909 ihre letzte Ruhestätte weit vor den Toren der Stadt Berlin.

Der Südwestkirchhof ist auch ein Prominentenfriedhof des beginnenden 20. Jahrhunderts. Das Mausoleum des Sprach- und Wörterbuchverlegers Gustav Langenscheidt (1832-1895) wurde von Florian Langenscheidt bespielt bzw. mit Glück belesen. Georg Stecker, Geschäftsführer des Wintergarten, erinnerte nur wenige Schritte von Ludwig Schuchs Grab, der das alte Wintergarten Varieté am Bahnhof Friedrichstraße zum größten und bestausgestatteten Theater gemacht hatte, mit Varieté Vorführungen an ihn. Stefan Graf von Bothmer spielte die Filmorgel zu einer nächtlichen Aufführung von F. W. Murnaus Stummfilm-Meisterwerk Nosferatu – Symphonie des Grauens (1922), weil sich das Grab des legendären Regisseurs auf dem Kirchhof befindet.

Die Verknüpfung von Unterhaltung, Event, Informationsveranstaltung, Totengedenken und Grabpflege durch die Kulturnacht des Fördervereins dürfte einzigartig sein. Das Konzept ging auf, obwohl die Veranstalter sicher mit ein wenig freundlicheren, also wärmeren Temperaturen im August gerechnet hatten. Doch das kann man selbst in Berlin und Umgebung nicht immer genau vorhersehen, obwohl es in der zweiten Augusthälfte schon kühle Nächte geben kann. Immerhin, es blieb trocken und man muss so eine Veranstaltung einfach machen. Wettervorhersagen sind, wie das Wetter selbst, immer höchst flüchtig. Die Grabpflege tat nach 1989 not. Der Friedhof war nahezu verfallen, überwuchert. Gräber waren beschädigt. Grabbeschriftungen waren wegen des Metalls geraubt und dadurch gelöscht worden.

Dabei ist der Südwestkirchhof nicht nur eine Ansammlung berühmter und gleichwohl oft vergessener Namen, die sich wiederentdecken lassen. Vielmehr ist er in vielfacher Hinsicht wie mit der Holzkirche ein Kulturschatz. Doch Kulturschätze haben es als Erbe und Kulturerbe nicht erst seit dem Anbruch des Digitalen schwer, weil sie durch ständige kulturelle Prozesse auch überschrieben werden. Sie sind gefährdet, weil sie auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen um- und überschrieben werden, wenn sie beispielsweise nicht musealisiert und neuerdings digitalisiert werden oder worden sind. Der Südwestkirchhof, gleichwohl eine Art Museum der Toten mit seinen Grabstelen und Mausoleen, Familiengräbern und Geschlechtern wurde und wird immer auch von der Natur bedroht. Sie lässt sich nicht einfach anhalten. Wobei die Natur durch importierte und Kulturpflanzen selbst immer schon mit der Kultur verzwickt ist.

Die Holzkapelle oder Holzkirche des Südwestkirchhofs wurde 1911 von Gustav Werner (1859-1917) errichtet, von dem sich wenig erfahren lässt, außer dass er gegenüber seines vermutlichen Hauptwerkes unter einer schlichten Grabplatte beigesetzt wurde. Dennoch ist die Holzkirche in architektonischer Hinsicht nicht uninteressant. Einerseits huldigt sie der Vorliebe von Kaiser Wilhelm II. für die norwegische Holz-Architektur wie sie in der Matrosenstation Kongsnæs am nicht allzu fernen Jungfernsee im Norden der Berliner Vorstadt von Potsdam 1888 entstand oder sich in den legendären Norwegen-Kreuzfahrten des Kaisers äußerte. Andererseits weicht die Holzkirche entschieden von originalen Stabkirchen in Norwegen ab. Reformerische Jugendstilelemente überschneiden sich mit dem eher nazarenischen Christusbild über dem Eingang, wie es in dem monumentalen Christusrelief von Ludwig Manzel, an dem dieser von 1909 bis 1924 arbeitete und das ganz in der Nähe seine Aufstellung fand, wiederkehrt.

 

Gustav Werner ist mit seiner Holzkirche nicht stilbildend geworden. Vielmehr überschneiden sich auf fast schon collageartige Weise in der Architektur modische Elemente, um ein weniger norwegisches als vielmehr nordisches Bildensemble der Moderne heraufzubeschwören. Spätere Filmarchitekturen des Nordischen kündigen sich bereits in der Holzkirche an. Werner lässt sich von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) inspirieren, der seine nordischen Bildfabelwelten in Rom ausbildet. Bertel Thorvaldsen und Hermann Ernst Freund (1786-1840) aus Uthlede bei Bremen werden zu den stilbildenden Bildhauern ihrer Zeit in Kopenhagen. Und Hermann Ernst Freund schafft für seinen 1827 verstorbenen, jüngeren und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße 127 beigesetzten Bruder Martin August Freund eine griechische Lekythos mit einem Bild der nordischen Norne Skuld als Eisenguss.

 

Auf besondere und durchaus einzigartige Weise ist der Südwestkirchhof ein Ort der Abgeschiedenheit. Das hängt nicht zuletzt mit seiner Geschichte als einer der westlichen Großstädte des 20. Jahrhunderts zusammen. Um 1900 hat die Bevölkerung von Berlin derart rasant zugenommen, dass die Kirchhöfe in der Großstadt Berlin zu klein werden. So setzen zwei bestattungsgeschichtliche Entwicklungen in einer der damals durch die Industrialisierung größten Städte der Welt ein. Man braucht mehr Raum für die Toten oder man muss den Raum für sie verkleinern. In deutlicher, zeitlicher Nähe werden Zentral- und Waldfriedhöfe weit außerhalb der Stadt geplant und angelegt, so der Südwestkirchhof, der 1909 eröffnet wird, und die Feuerbestattung mit dem Urnenfriedhof kommt auch in hygienischer Hinsicht mit dem Krematorium Wedding, erbaut 1909-1910, in Gebrauch.  

 

An den Kirchhöfen von Berlin lässt sich seit dem 18. Jahrhundert das Wachsen der Stadt beobachten. Wie Epochenringe wuchern sie der Stadt sozusagen voran. 1763 wurde der Dorotheenstädtisch–Friedrichwerderscher Friedhof für die evangelischen Kirchengemeinden der Dorotheenstadt und des Friedrichwerder vor dem Oranienburger Tor eröffnet und bis 1826 mehrfach vergrößert. In den 1830er und 1840er Jahren werden Friedhöfe, wie der Dorotheenstädtische Friedhof II, in der Liesenstraße an der Grenze zum Wedding angelegt, nicht zuletzt weil durch die Choleraepidemie 1830-1831 die Choleratoten nicht in oder nahe der Stadt beigesetzt werden dürfen. Eine pikante Ausnahme macht die Beisetzung des Staatsrechtlers Friedrich Hegel, der trotzdem auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt wird. Der Dorotheenstädtische Friedhof III wird nach 1900 an der Scharnweberstraße nördlich der Siedlung Schillerpark, seit 2008 UNESCO-Welterbe, aus den 20er Jahren von Bruno Taut angelegt. 

Zu den grabarchitektonischen Highlights des Südwestkirchhofs gehört die Grabstätte für Julius Wissinger von Max Taut aus dem Jahr 1920, das aufwendig restauriert worden ist. So wird es denn auch auf der Karte Personen und Bauwerke des Kirchhofs geführt. Max Taut konzipierte aus Beton eine Einfassung der Grabstelle, die als expressionistische Architektur aufgefasst wird. Doch die in die Breite gestreckten Spitzbögen erinnern ebenso gut an die Gotik, die Max Taut nicht zuletzt aus der Anschauung der Ruine des Klosters Chorin bekannt war und durchaus beschäftigt haben dürfte. Sowohl Max Taut wie auch sein berühmterer Bruder Bruno heirateten Töchter des Gastwirts und Schmiedes Wollgast in Chorin.

Das moderne Baumaterial Beton, das beispielsweise Bruno Taut geradezu visionär für den Glaspavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914 eingesetzt hatte, kehrt in der Grabarchitektur zwischen historischer Reminiszenz und Zukunftsvision von hellen, luftigen Räumen wieder. Max Taut realisierte diese, in Berlin bis in die 30er Jahre vorherrschende Richtung des Neuen Bauens von „Licht, Luft und Sonne“ später in Bauprojekten von Bürohäusern und Schulen. Dass Max Taut für die Grabstätte des Kaufmanns Julius Wissinger überhaupt Beton einsetzen konnte, während ansonsten Natursteine für Grabarchitekturen üblich waren und durchaus weiterhin sind, setzt eine besondere Aufgeschlossenheit der Auftraggeber voraus, die sich mit den modernen Baukonzepten identifizieren konnten. Julius Wissinger ließ 1908 die sogenannten Wissinger-Höfe in der Köpenicker Straße an der Spree in Kreuzberg errichten, die damals die größten Saat- und Getreidespeicher Europas waren.

 

Der Stummfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens ist auf mehrfache Weise mit dem Südwestkirchhof und dem benachbarten Waldfriedhof Wilmersdorf in Stahnsdorf verknüpft, der fast gleichzeitig angelegt wurde und den das gleiche Schicksal ereilte. Denn Friedrich Wilhelm Murnau, der in einem Autounfall am 11. März 1931 in Santa Barbara, Kalifornien, ums Leben gekommen war, fand erst 1932 seine letzte Ruhestätte neben seinem Bruder Bernhard Plumpe, der am 18. Juni 1932 verstarb. F. W. Plumpe, der Murnau als Künstlernamen angenommen hatte, war nach amerikanischen Praktiken einbalsamiert worden und bis zur Bestattung im Jahr 1932 in einem Kühlraum untergebracht worden. Doch auch Murnaus Hauptdarsteller für Nosferatu, Max Schreck, der am 20. Februar 1936 um 8:36 Uhr an einem Herzinfarkt in einem Schwabinger Krankenhaus verstorben war, wurde in München eingeäschert und in einem Urnengrab neben seiner Mutter Pauline in Stahnsdorf beigesetzt.

Die Todesumstände und die Beisetzungen von F. W. Murnau und Max Schreck wie auch die Erinnerung an beide durch eine Wiederherstellung der Grabstätte Murnau mit dem Grabstein und der Büste von Ludwig Manzel auf dem Südwestkirchhof und allererst Herstellung einer Grabstätte durch die Aufstellung einer Granitstele als Grabstein im Jahr 2011 für Max Schreck auf dem Waldfriedhof Wilmersdorf sind auf diese Weise mit den Friedhöfen in Stahnsdorf verknüpft. Was sich vermutlich eher zufällig in den 30er Jahren ereignete, wird nachträglich von Jens Geutebrück, der den Nachlass Max Schreck erworben hat, auf seiner Google-Site Grabstein für Max Schreck verlinked.

 

Zur Kulturnacht wurde nun Nosferatu (1922) von F. W. Murnau und mit Max Schreck in der Hauptrolle auf dem Südwestkirchhof projiziert. Die Wiederkehr des Toten durch Licht im Film bei Nacht und das vom Tageslicht bedrohte „Leben“ des Vampirs geben nicht nur, doch besonders bei der Kulturnacht zu denken. An der Wiege des modernen Vampirs steht das Medium Film. Bram Strokers 1897 veröffentlichter Roman Dracula und die ersten öffentlichen Filmvorführungen durch Max Skladanovsky am 5. November 1895 im Wintergarten Varietè und der der Gebrüder Lumière am 28. Dezember des gleichen Jahres in Paris fallen auf bedenkenswerte Weise in eine zeitliche Nähe. Nosferatu wird seinerseits zur ersten Visualisierung des Romans im Medium Film, und zwar in einer derartigen Nähe, dass es mit der Witwe Stroker zu einem Urheberrechtsprozess kommt, den die Filmproduktionsfirma verliert. Mit anderen Worten: Der moderne Vampir um 1900 ist aufs Engste mit dem Medium Film und seiner merkwürdigen Verschränkung von Leben und Tod verknüpft, worauf sich nicht zuletzt mit der Lebens/wissen/schaft hinweisen lässt.

 

Nosferatu – Eine Symphonie des Schreckens wurde von F. W. Murnau im Medium Film neu komponiert. Er wurde damit zugleich nachträglich 1828 mit einer Formulierung der Film Society in London zum Begründer des Genres Horrorfilm. Doch es ist bei weitem nicht nur die Erzählung vom Vampir, die so nah am Plot des Romans liegt, dass 1924 die Urheberrechtsklage zugunsten der Witwe entschieden wird. Vielmehr macht erst die Verknüpfung filmischer und fotografischer Techniken, die quasi zeitgleich neue Wissensgebiete und ganze Wissenschaftszweige wie die Mikrobiologie durch Robert Kochs Einsatz der Makrofotografie seit 1877 erschließen, den Horrorfilm zu einem Licht- und Schattenspiel des Grauens zwischen Angst und Schrecken. Auf diese Weise werden Professor Bulwers experimentelle Vorführung von Wissenschaft mit einer "fleischfressenden" Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) in einer Abfolge von Einzelbildern und der kurze Makrofilm eines mikroskopisch kleinen Polypen im Film mit der Erzählung von Vampir kurzgeschlossen. Wie die Fotografie und Kinematographie mit Hilfe der Kamera neuartiges Wissen von der Natur generieren, so kommt der tageslichtscheue und damit tendenziell unsichtbare Vampir Nosferatu im Medium Film zur Sichtbarkeit. 

 

Der Horrorfilm, der sich im Bereich von Wissen und Wissenschaft abspielt, die zutiefst mit den Bildmedien Film und Fotografie sowie der Sequenzierung von Bildern verknüpft werden, macht sich das Wissen von Film und Fotografie zu Nutze, um zwischen der Unsichtbarkeit und der Sichtbarkeit vom Schrecken der Bilder zu erzählen. Die Ruinen der Lübecker Salzspeicher werden von F. W. Murnau zur Wohnstätte für Graf Orlok in der Stadt Wysborg gemacht. Das ist nicht nur eine Verfilmung des Romans, sondern eine qualitative Herstellung von Bildern, die in der Kombination mit Aufnahmen aus Wismar Wysborg allererst über die Schnitttechnik und Sequenzierung herstellen. Das von den modernen Wissenschaften mittels Fotografie ─ wie bei Robert Koch ─ hergestellte Wissen, wird im Horrorfilm wie in der kurzen Sequenz von der Kutschfahrt in Orloks Wald in Negativmaterial umgekehrt. Indem Murnau vom Positiv ins Negativ wechselt, wird genau jene Geisterhaftigkeit ausgestellt und in Erinnerung gerufen, die dem Dispositiv immer schon eigen ist.

 

Siegfried Kracauer schrieb 1947 in seiner „Psychological History of German Film“ From Caligari to Hitler (Internet Archive) in Princeton im Kapitel „Procession of Tyrants“ (p. 77) eröffnend über Murnaus Nosferatu. Die Titelfigur wird von Kracauer als eine des Tyrannen gelesen. Die Tyrannei in den Spielfilmen wie zu forderst in Nosferatu nimmt nach Kracauer die „mixture of physical and mental tortures“ vorweg, die zur Praxis im „Nazi Germany“ werden sollte. Nachdem Nosferatu als genrebildender Horrorfilm eingeordnet worden war, formuliert Kracauer vor allem für Murnau ein „obliterating of the boundaries between the real and the unreal“ (p. 78). Die Auslöschung der Grenzen zwischen dem Realen und dem Irrealen, die Kracauer formuliert, ist nicht zuletzt mit der Technik des Films verknüpft. Zwar bleibt die Kamera meistens in einer Zentralperspektive, doch der Wechsel von extremen Panorama- zu Zoom- oder Naheinstellungen, wenn beispielsweise die Dünung der See derart herangezoomt wird, dass die Wellen quasi über den Filmzuschauern im Kino zusammenschlagen, gefährden nachhaltig die Position des Wissens in der Perspektive. Das Meer lässt sich nicht mehr überblicken, der Kinobesucher wird per Brennweite, per Zoom ins Meer gezogen. 

Eine weitere Kameraeinstellung, die Kracauer nicht erwähnt und damit eben auch die Produktionsbedingungen des Films übersieht, weil er zu sehr an der Erzählung einer Geschichte klebt, ist die extreme Untersicht aus der Schiffsluke, wenn das Schiff mit Nosferatu in Wysborg ankommt, Nosferatu dem Laderaum entstiegen ist und an Deck an der offenen Luke vorbeischleicht. Murnau und seinen Kameramann Fritz Arno Wagner interessieren offenbar die Möglichkeiten der Bildwinkel der Kamera, die sie indessen eher sparsam, aber umso effektvoller einsetzen. Natürlich wird Kracauer kaum die Möglichkeit gehabt haben, den Film mehrfach zu sehen, was Folgen für seine Geschichtsschreibung und die Psychologie hatte. 

Kracauers Geschichte vom Film sieht auf erstaunliche Weise den Film in den ihn konstituierenden Produktionstechniken nicht. Sie sind für ihn lediglich „tricks“ (p. 78). Doch die sogenannten Tricks von der Makrofotografie über den Zoom bis zur Kameraeinstellung, ohne dass sie sich schon in Fahrten etc. bewegen könnte, sind gleichzeitig konstitutiv für ganze Wissen(schaft)szweige, von denen Kracauer niemals behauptet hätte, sie seien „unreal“. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Auswahl und der Bildunterschrift für das einzige Still aus Nosferatu in der Ausgabe des Buches von 1966. Die höchst kunstvolle Bildkomposition von Nosferatus Tod am Fenster des Schlafzimmers von Ellen Hutter lautet bei Kracauer im Bildteil: 

NOSFERATU: The vampire, defeated by love, dissolves in thin air.

Die Lichteinstellung und Position des Lichts bringt Nosferatu als Schatten hervor und vernichtet (defeats) ihn. Das hat Nosferatu quasi mit dem Medium gemein, das ihn hervorbringt. Die Ruinen der Lübecker/Wysborger Speicherhäuser vor dem Fenster sind im Filmstudio selbst schon zu Fotografien geworden. Der Lichtkegel, der von links oben deutlich auf Nosferatu fällt, führt kombiniert mit einer lichttechnischen Doppelbelichtung zur Auslöschung Nosferatus. Von Liebe und Auflösung in Luft keine Spur. Knüpft man an Kracauers Erzählung vom Tyrannen an, dann wird der Tyrann durch seine Liebe zum Objekt seines Begehrens besiegt. Das liegt allerdings ziemlich verquer zur von Kracauer versprochenen psychologischen Geschichte des deutschen Films. Murnau und Wagner arbeiteten in ihrem Stummfilm mit nur wenigen Einblendungen von Erzähltext. Es sind insbesondere die licht- und schnitt-technischen Mittel, die ihren Nosferatu und den Horror als Verlust eines Standorts in der Zentralperspektive hervorbringen.

Die Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof bot noch so manchen Programmpunkt wie den Gesang von Rebecca Freese vor dem Christusfries aus Marmor von Ludwig Manzel, der auch die Büste für das Grab von F. W. Murnau anfertigte. Vielleicht wird der Blogger auf das eine oder andere geheimnisvolle Grab zurückkommen müssen. Die Vielzahl der Aufführungen und Lesungen war gar nicht zu bewältigen. Viel schwieriger noch davon ausführlich zu berichten. Hugo-Distler-Chor und das ägyptische Mausoleum für Carl Harteneck, Theodor Fontanes Effie Briest und Elisabeth Baronin von Ardenne, die Riesen-Flugboote, die in der Sprengelstraße im Wedding gebaut wurden, und Adolf Rohrbach, Werner von Siemens und die Potsdamer Turmbläser etc. geisterten durch die Nacht. - Besuchen Sie Friedhöfe, um mehr vom Leben und Berlin zu erfahren. Ganz besonders den Südwestkirchhof. Aber auch die Friedhöfe in der Stadt wie der Dorotheenstädtische und Friedrichwerdersche Kirchhof haben Überraschendes zu bieten.  

 

Torsten Flüh

 

Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf e. V.

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