Vaterkonflikte und Heimatlosigkeit - The Boy Who Harnassed The Wind und Synonymes auf der Berlinale

Bildung – Heimat – Familie  

 

Vaterkonflikte und Heimatlosigkeit 

The Boy Who Harnassed The Wind und Synonymes auf der Berlinale - Goldener Bär 

 

Was haben die Filme The Boy Who Harnassed The Wind und Synonymes gemeinsam? So gut wie nichts. Der eine Film spielt im südostafrikanischen Malawi in einem Dorf, der andere in Paris. Der Konflikt mit dem Vater im christlich-animistischen-muslimischen Dorf in Malawi wird produktiv gewendet. In Synonymes wird ein Konflikt mit dem Vater in Israel wiederholt angesprochen, bleibt aber ungewiss, worin er genau besteht. Beide Filme haben einen halb biographischen Hintergrund. William Kamkwamba aus Malawi und Bryan Mealer haben den gleichnamigen Roman als Vorlage für den Film 2009 veröffentlicht. Nadav Lapid lebte in Israel und flüchtete quasi nach Paris, um nun einen Film über sein Erfahrungsgemenge zu drehen. – Als der Berichterstatter mit der Besprechung begann, war noch nicht abzusehen, dass Synonymes den Goldenen Bären der Berlinale 2019 erhalten würde.

 

Der Spielfilm lässt sich als ein Erzählmedium verstehen, was in Anbetracht ganz unterschiedlicher Erzählstrategien in den beiden Filmen besonders interessant wird. Es beginnt immer mit der Kamera, wie erzählt wird. Während The Boy Who Harnassed The Wind mit einer konventionellen Semantik der Einstellungen von Dick Pope (Kamera) erzählt wird, folgt Shai Goldman in Synonymes Yoav (Tom Mercier) mit einer Smartphone-Kamera-Ästhetik sehr dicht bei der Ankunft als Rucksacktourist in Paris. Wie bei airbnb liegt der Schüssel zu einer bürgerlichen Pariser Wohnung unter der Fußmatte. Die Wohnung ist luxuriöse und leer, vielleicht 3. oder 9. Arrondissement. Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Fensterläden. Das Warmwasser im Bad ist abgestellt.


© Ilze Kitshof / Netflix

Die Heimat und das Heimliche sind ein weiterer Aspekt in beiden Filmen auf gegensätzliche Weise. Die Heimat als Zuhause im ärmlichen Dorf in Malawi sind erst einmal intakt. William (Maxwell Simba) wird von seinen Eltern und der älteren Schwester geliebt und behütet. Endlich darf er zur Schule gehen und bekommt die Schuluniform in angelsächsischer Tradition von der Schwester auf das Bett gelegt. Das Erwachsenwerden beginnt. William repariert an Schrottradios herum und bekommt sie wieder zum Laufen. Sein treuester Begleiter ist eine Hündin. Er hilft dem Vater beim Anbau von Mais auf dem Feld. Die Frauen machen den Haushalt und agieren als starke Persönlichkeiten. Die Welt im Dorf ist anfangs in Ordnung. – Seine Weltpremiere erlebte The Boy Who Harnassed The Wind am 25. Januar auf dem Sundance Festival in Utah.


© Ilze Kitshof / Netflix 

Der Film nach dem gleichnamigen Roman mit dem deutschen Titel Der Junge, der den Wind einfing: eine afrikanische Heldengeschichte (2010) beim RM Buch und Medien Vertrieb GmbH, das ist der ehemalige Bertelsmann Lesering, soll Mut machen. So  er wurde der Roman beispielsweise von Bernhard Gusenbauer auf seinem Blog „Motivationsgeschichten“ im Februar 2013 besprochen.[1] Diese Kontextualisierung des Romans gibt einen Wink auf die Erzählweise, die sich bereits mit der intakten Welt von Familie und Dorf ankündigt. Die amerikanische Originalversion stand 2009 mehrere Wochen in der Bestsellerliste der New York Times. Nun kommt der Bestseller als Produktion von BBC und Netflix – „Ein Netflix Film“ – also in den Stream und nur ausnahmsweise auf die Leinwand.[2] Der „unbegrenzte Film- und Serienspaß“ (Netflix) für den Bildschirm, das Tablet oder das Smartphone.


© Ilze Kitshof / Netflix 

Erfolg heißt heute Netflix. Das ist ebenso verstörend wie einleuchtend. Die Europäische Erstaufführung am Dienstagabend im Friedrichstadt-Palast des Films in der Regie von Chiwetel Ejiofor und in einer Special Gala-Aufführung im Haus der Berliner Festspiele am Donnerstag boten großes Kino mit zwei sehr großen Leinwänden. Vorerst wird der Film mit englischen und deutschen Untertiteln gezeigt, weil über weite Teile Chichewa gesprochen wird, neben Englisch die zweite Amtssprache in Malawi. Die Filmcrew und der Autor waren zu Pressekonferenz und zur Erstaufführung angereist. Am Donnerstag im Haus der Berliner Festspiele trotz Gala-Status waren sie nicht mehr anwesend. Die große PR-Maschine hat auch ihre Grenzen. Mit Maxwell Simba haben die professionellen Großproduzenten einen 13jährigen hochtalentierten Hauptdarsteller gefunden. Anders gesagt: Das Casting ist heutzutage global professionalisiert.


© Screenshot und Ausschnitt TF.

Der Konflikt mit dem Vater wird als einer von Bildung und Tradition erzählt. Einerseits besticht der Film durch eine hohe Authentizität des Schauplatzes Masitala in Malawi, wo es keine Schule gibt. Andererseits wird eine bilderbuchartige Bildungsgeschichte erzählt, die durch Hartnäckigkeit an der kriminellen Regierungspolitik vorbei zum Erfolg führt. Als nach einer Regenperiode eine anhaltende Dürre mit Hungersnot ausbricht, fehlt das Geld für den Schulbesuch und der Vater (Chiwetel Ejiofor) fordert die zwecklose Hilfe auf dem Acker von seinem Sohn ein. Die Dramaturgie funktioniert ein wenig zu perfekt mit diversen Seitensträngen. Am Schluss hat William durch ein amerikanisches Buch über Windkraft und Gegenständen vom dörflichen Schrottplatz ein Windrad gebaut. Die Felder lassen sich bewässern. Der Hungertod ist abgewendet. Der Vater willigt in einen weiterführenden Schulbesuch ein. NGO-Erzählung, Selbstermächtigung und Afrikaromantik funktionieren ein wenig zu perfekt. Während Williams Freund mit ein Ventilatorblatt wie im Fitnessclub Kraftübungen macht, findet William die Rettung im Schrott. 


© Ilze Kitshof / Netflix 

Chiwetel Ejiofur hat in seinem ersten Langfilm-Regie-Debut mit viel Charm die Erfolgsgeschichte in Szene gesetzt. Bildung und Hartnäckigkeit können zu einer Veränderung der Lebensbedingungen im ländlichen Raum Afrikas führen. Um es einmal deutlich zu formulieren, Chiwetel Ejiofur macht alles richtig, um einen dramatischen Erfinder- und NGO-Film für Afrika hervorzubringen. Doch die visuelle Erzählweise lässt keine Irritationen zu. Der Bildungsroman als Film kennt keine Abweichungen von der schulmäßigen Semantik der Einstellungen. Dass Der Junge, der den Wind einfing zu einer „Motivationsgeschichte“ wurde, erweist sich bereits als ambivalent. Mit Eigeninitiative und Bildung lassen sich vorgeblich alle Probleme lösen. Der Vaterkonflikt wird ins Produktive gewendet. Bestätigt wird nicht zuletzt mit dem Buch aus Amerika dessen technologische Vorreiterrolle. Die Geschichte wird zum Leitfaden.

 

Das Bestechende wie das Verstörende an Synonymes wird vor allem an der Kamera und dem Schnitt deutlich. Die visuelle Erzählung zieht den Betrachter in eine Wahrnehmung hinein, die zwischen katastrophischer Orientierungslosigkeit und Surrealismus schwankt. Den Schnitt hat Era Lapid, die während der Produktion verstorbene Mutter von Nadav Lapid, der auch der Film gewidmet ist, überaus unkonventionell gehalten. Es sind harte, kontrastreiche Schnitte, mit denen eine geschlossene Semantik aufgebrochen wird oder sich nicht mehr herstellen lässt. An den Stills lässt gerade die innovative Kamera nicht ablesen. Wenn man beginnt, die Geschichte des Films zu erzählen, dann ist vielleicht das eigentliche Faszinosum schon verschwunden. Der Film ist keinesfalls nur die Identitätskrise einer jungen Generation von Israeli. Denn die Bilder produzieren eine unabschließbare Ambiguität. 


© Screenshot und Ausschnitt T.F.

Das Surreale in Synonymes verdankt sich nicht zuletzt der Montage. Nicht das Wahrscheinliche, sondern das Unwahrscheinliche passiert. Vor aller Erklärung ist es erst einmal eine für junge Menschen ganz nahe airbnb-Wirklichkeit, die sich in immer weiteren Drehungen in einen Albtraum verkehrt. Entweder man bekommt durch airbnb Kontakt zu den Vermiertern, oder alles bleibt maximal anonym bis ins Unheimliche. Welch Rucksacktourist fände es nicht prima, im urbanen Zentrum von Paris in einer riesigen, leeren Wohnung zu übernachten? Doch dann werden Yoavs Sachen komplett gestohlen, so dass er völlig nackt und mittellos wird. Der Betrachter kann an diesem Punkt nicht wissen, ob hier eine autobiographische Realität oder bereits eine surreale Metaphorik einsetzt. Yoav ist schließlich nackt und mittellos wie fast alle Flüchtenden auf dieser Welt. Der souveräne airbnb-Tourismus verkehrt sich in einen Albtraum.


© Guy Ferrandis / SBS Films 

Nachdem – wenn man einmal zu erzählen ansetzen will – Yoav ebenfalls wie fast alle Flüchtenden der Welt an diverse herrschaftliche Wohnungstüren des Hauses mit großem Entrée geklopft, geklingelt und gedonnert hat, kehrt er zurück in die Wohnung und erfriert fast in der Badewanne. Doch, welch Glück, Émile und Christine finden ihn, retten ihn und legen ihn unter eine luxuriöse Felldecke, für die er nicht einmal eine französische Benennung kennt. Es ist kaum etwas „realistischer“, als dass man in einem derartigen Haus in Paris auf die jungen Erben eines Industriellen trifft. Émile ist gelangweilt, versucht sich als Schriftsteller und bekommt Yoavs Geschichte geschenkt, weil er sie für sich wertlos findet. Yoav erhält dafür einen Designer-Mantel und überflüssige Designer-Hemden von Kenzo. Gleichzeitig dreht sich die mögliche Geschichte des Films noch einmal. Ist Yoav nur ein Pechvogel, der Glück hat, oder spielt seine Heimatlosigkeit auf eine existentielle homeliness und das Unheimliche an?[3]


© Guy Ferrandis / SBS Films

Die Kamera rennt und sucht mit Yoav als Protagonisten. Sie flieht und stürzt. Doch das geschieht nicht nur als Reaktion auf eine Krise. Vielmehr befindet sie sich mitten in der Krise, so wie Yoav zwar mit Hilfe eines gebundenen Wörterbuchs Französisch sprechen will, ohne dass er einen vernünftigen Satz zustande bringt. Das Wörterbuch wirkt im Zeitalter von Smartphone und Google-Translator ein wenig antiquiert. Émile und Christine könnten ebenso gut aus einem Stück von Arthur Schnitzler entsprungen sein, wie dass es sie real in Paris geben könnte. Die Schnitte und Blicke lassen eine geschlechtliche Eindeutigkeit völlig offen. Ob Yaov zuerst mit Émile oder Christine ins Bett geht, bleibt ebenso unentschieden, wie die Hassliebe zu Frankreich, zu Paris und der Französischen Sprache. Yoav stellt sich vor Notre Dame mit seinem Bildungswissen. Ist fasziniert und gleichzeitig fremd. Aber das Gleiche gilt für Israel. Kämpft Yoav mit einem Kriegstrauma. Hat er einen Terroristen durchlöchert? Antworten gibt Nadav Lapid nicht.


© Guy Ferrandis / SBS Films 

Tom Mercier schafft es auf höchst faszinierende Weise mit größter Vertrautheit, die maximale Fremdheit zu spielen. Bei maximaler Beteiligung ist er minimal involviert. So gibt er eine Anzeige auf, um als Model zu arbeiten. Weil er einen wirklich hübschen, kräftigen Körper hat, der permanent in Szene gesetzt wird, bucht ihn ein homosexueller Fotokünstler, der ihn zu pornografischen Gesten auffordert. Yoav folgt den Anweisungen völlig unbeteiligt und unerregt. Sex und Porno lassen ihn wie womöglich heute eine ganze Generation kalt. Wer seit frühester Jugend Porno aus dem Netz kennt, erkennt darin kein Versprechen mehr von Freiheit. Der Körper als Objekt scheint ihm kaum zu gehören. Er spricht Worte und Sätze, die nicht zu ihm gehören. Sind es Störungen, Traumata aus dem israelischen Militärdienst? Oder werden Flüchtende nicht sehr schnell in den Gastländern zu Sexualobjekten? - Nicht nur am rechten Rand entstand um 2015 ein neues Pornogenre mit Flüchtenden.


© Guy Ferrandis / SBS Films 

Vielleicht hat Nadav Lapid mit Synonymes ein neues Genre der surrealistischen Satire auf Israel und Frankreich erfunden. Was ist Identität? Denn der israelische Staat kommt als militaristischer Albtraum vor, in dem die Mütter und Väter glücklich sind, wenn die Söhne und Töchter zum Militärdienst vereidigt werden. Das wird von hübschen Soldatinnen mit einem fröhlichen Halleluja-Schlager besungen. Und am Schluss knallt die Unterarmprothese des Offiziers ins Bild. Israel ist eben nicht nur der tolle Strand von Tel Aviv mit Eurovision Song Contest und Gay Pride, sondern das kollektive Traum in einem Staat voller Wunden zu leben. Yoavs Großvater, so erzählt er es, sprach Jiddisch und musste in seiner Heimat erst einmal Hebräisch lernen. Die Sprache als Erfahrung von Fremdheit. Das Trauma heißt Israel. Doch die blutrünstige Marseilles verwirft Yaov schließlich als Alternative. Der Integrationsunterricht oder wie es im Englischen heißt naturalisation wird zur Entlarvung der Machtstrukturen.


© Guy Ferrandis / SBS Films 

Die sprachliche Beschädigungen und Sprachlosigkeit spiegeln sich in der Kameraführung und den semantischen Fetzen. In der israelischen Botschaft erkennen sich die Angehörigen der Spezialeinheit daran, dass sie trotz Anzug erst einmal aufeinander losgehen. Ein merkwürdiges Männlichkeitsritual, das ebenso kindisch wie homoerotisch wirkt. Und als der Vater aus Israel den Sohn auf der Straße im Bastille-Viertel sprechen will, weiß er selbst nicht, was er außer Floskeln sagen soll. Der Film wird von einer existentiellen Sprachlosigkeit und Wut strukturiert. Die Wut auf Israel. Der Vater-Sohn-Konflikt artikuliert sich in einer Weise, die keine Sprache findet. Als Roman hätte Lapid den Film kaum schreiben können, ohne sofort zum Skandal zu werden. In Frankreich und Israel hätte man den Film Synonymes vermutlich umgehend skandalisiert. In Berlin hat er nun den Goldenen Bären durch die Jury mit Juliette Binoche als Präsidentin verliehen bekommen.

 

Torsten Flüh 

 

The Boy Who Harnessed The Wind 

Chiwetel Ejiofur 

Sonntag, 17.02. 10:00 Uhr Berlinale Palast

 

Synonymes 

Navad Lapid 

Sonntag, 17.02. 9:30 Uhr Zoo Palast 1 

                       22:30 Uhr Kino International 

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[1] Bernhard Gusenbauer: William Kamkwmba – Das Windrad, eine afrikanische Heldengeschichte. In: ders.: Motivationsgeschichten 11. Februar 2013.

[2] Der Junge, der den Wind einfing (Netflix)

[3] Zur homeliness und dem Unheimlichen vergleiche auch: Torsten Flüh: Survival – Überleben. Homi K. Bhabhas Hegel-Lecture in der Freien Universität Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Januar 2010 23:40.