The Golden Jubilee - 50 Jahre Berliner Künstlerprogramm des DAAD

Gold – DAAD – Ruhm

 

The Golden Jubilee

50 Jahre Berliner Künstlerprogramm des DAAD

 

Am 6. und 7. Dezember feierte der DAAD in der Akademie der Künste mit einem Festival sein 50jähriges Jubiläum: Golden Jubilee. Beim Berliner Künstlerprogramm waren sie fast alle, die später mit Nobelpreisen oder Rekordkunstpreisen reüssierten: Damien Hurst, Igor Strawinsky, István Szabó, Sebastián Lelios mit seinem Berlinale-Erfolgsfilm 2013 Gloria, Gao Xingjian, Imre Kertész und Vargas Llosa als Literaturnobelpreisträger. Aber auch Liao Yiwu las 2012 als Gast des DAAD-Künstlerprogramms in der Pan-Am-Lounge. Und zu den ganz frühen Gästen zählten John Cage und Nam June Paik. Glamour! Und: glimmer: aurum performance von und mit Otobong Nkanga.

Unter den fast Tausend Künstler-Stipendiaten zunächst von 1963 bis 1965 der Ford Foundation und danach des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) waren die Superstars.  Deshalb ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass Otobong Nkanga, Antjie Krog und Christian Kesten, Robert Fenz, Øvind Torvund & Splittergruppe III, Sjón und Yutaka Makino, die der Berichterstatter am 6. Dezember live und mit Uraufführungen erleben durfte, noch viel berühmter werden, als sie es schon sind. Die Kontinuität des Stipendienprogramms hat auch eine Überfülle der berühmten Namen produziert, die wie am Freitagabend des Festivals eher Kolleginnen und Szenepublikum anzieht als große Fangemeinden. Als Stipendiatinnen sind Künstlerinnen meist noch nicht so berühmt, womit einmal die Frage des Ruhms aufgegriffen werden soll.

 

Gut, bei Liao Yiwu war die Pan-Am-Lounge gerammelt voll. MaerzMusik und einzelne Sektionen der Berlinale sind fest mit dem Berliner Künstlerprogramm verbunden. Die chilenische Schauspielerin Paulina Garcia erhielt als Gloria in Sebastián Lelios‘ gleichnamigen Film den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. John Cage wurde bei MaerzMusik 2012 zum 100. Geburtstag als einer der ganz Großen der modernen Musik gefeiert. Als er in den 60er Jahren neben Nam June Paik in Berlin am Künstlerprogramm teilnahm, waren beide noch nicht die Stars, die sie wurden. Von 180 Bewerberinnen 2012  wurden 3 Musikschaffende für das Stipendium 2013-2014 ausgewählt: Øvind Torvund, Yutaka Makino und Boris Filanowsky. Die Stipendien sind renommiert und begehrt. Wie kommt es dann aber, dass die Veranstaltungen bei so viel Qualitätsversprechen keine Publikumsmagneten sind.

Ariane Beyn, Julia Gerlach, Bettina Klein und Katharina Narbutovič haben sozusagen das jubiläumsfestival 50 jahre berliner künstlerprogramm des daad 1963-2013 zusammengestellt und das Vorwort auf der suche nach dem neuen ─ reaktionen auf die wirklichkeit verfasst. Und es fällt dann erst einmal ins Auge, dass das Vorwort schon deshalb nicht ganz einfach zu lesen ist, weil es in Dunkelgold auf Weiß, fett gedruckt und mit durchgängiger Kleinschreibung geschrieben steht. Das ist nicht unbedingt lesefreundlich, um es vorsichtig zu formulieren. Ist das die Avantgarde? Statt einer einladenden Eröffnung werden die Leserinnen mit einem recht fetten, absatzlosen Textblock zum Durcharbeiten konfrontiert. Kunst ist sperrig. Kunst muss erst einmal erarbeitet werden, kommt in etwa als Message rüber. Vermittelnd ist das nicht gerade.

 

Die Golden Jubilee Performance glimmer: aurum von Otobong Nkanga aus Nigeria, die in Antwerpen, z. Z. Berlin, lebt und arbeitet, eröffnete das Jubiläumsfestival. Otobong Nkanga ist Stipendiatin 2013 im Bereich Bildende Künste. Und macht sie mit ihrer Performance auf die Schwierigkeit der Einteilung der unterschiedlichen Kunstkategorien ─ Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film ─ heute aufmerksam. Denn die aktuellen Künste zeichnet vor allem Performativität und crossover aus. Soviel kann bereits vorab formuliert werden: Bildende Kunst bildet eben heute gerade nicht mehr ab oder aus, sondern schlägt einen Bogen zu anderen Künsten wie Tanz, Literatur, Darstellung, Architektur. Und daher auch ist es außerordentlich schwierig mit „reaktionen auf die wirklichkeit“, eine Wirklichkeit vor der Performance ansetzen zu wollen. Performance erzeugt eine auch uneinholbare Wirklichkeit.

 

Woraus wird Wirklichkeit gemacht? Was den Berichterstatter im Vorwort zum Jubiläumsfestival tatsächlich ins Stolpern bringt, ist die Voraussetzung der Wirklichkeit in der Formulierung: „reaktionen auf die wirklichkeit“. Welche, bitte sehr? Es gibt vielleicht Medienwirklichkeiten, aber eine kollektive oder geschlossene Wirklichkeit gibt es selbst in einer „unsere welt der vereinheitlichenden globalisierung, des zügellosen finanzkapitalismus, der entkoppelten kommunikationssituationen“ nicht mehr, sollte es sie jemals gegeben haben. Das sind knallige Floskeln von „unsere(r)  welt“ an der Grenze zum Totalitarismus. Dahinter scheint der Wunsch nach einer durchregelten Welt auf. Otobong Nkanga hat sich glücklicherweise in ihrer Performance gar nicht erst auf eine derartige Vereinnahmung eingelassen.

 

Globalisierung lässt sich auch anders als eine vereinheitlichende denken, wie es beispielsweise Wang Hui vor kurzem in seiner Mosse-Lecture angerissen hat. „In Go(l)d we trust“ hat die Dichterin und Performerin Ginka Steinwachs in ihrem Bilderbuch einer StadtstreichLerin (2012) in Abwandlung der US-$-Note geschrieben.[1] Auch bei Otobong Nkanga nimmt das Gold, wie es eine globale, wertbeständige Wertanlage verspricht, in der Performance beispielsweise über „Fool‘s Gold“ eine durchaus ambivalente Bedeutung an. Denn eine Performance zum Gold schneidet immer auch das Katzengold oder Narrengold als falsches Gold, Fälschung oder auch Falschgeld[2] an.

 

Otobong Nkanga dockt mit ihrer Performance an das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer (1919) an, das auf mehreren Ebenen einen Dreiklang herzustellen beanspruchte. In Geometrie, Bewegung, Musik, Tanz, Farbe stellte Oskar Schlemmer ein Konzept der „Entmaterialisierung der Körper“ her, das „ein deutsches Ballett entwickeln“ sollte. Doch die gerade auch schwierige Konzeption eines „deutschen Ballett(s)“ hintergeht Nkanga deutlich. Die goldene Scheibe des geometrischen Kostüms funktioniert auf mancherlei Weise nicht nur als Versprechen wertvollen Goldes, sondern ebenso gut als Spiegel, der dem Publikum vorgehalten wird.

Das Triadische Ballett, das mit dem Heiteren kokettiert, ohne der Groteske zu verfallen, das Konventionelle streift, ohne mit dessen Niederungen zu buhlen, zuletzt Entmaterialisierung der Körper erstrebt, ohne sich okkultisch zu sanieren, soll die Anfänge zeigen, daraus sich ein deutsches Ballett entwickeln könnte, das in Stil und Eigenart so verankert wäre, um sich gegenüber vielleicht bewundernswerten, doch wesensfremden Analogien zu behaupten (schwedisches, russisches Ballett).       
(Tagebucheintrag September 1922)

 

Durch den Glimmer erscheint Aurum in Nkangas Ballett-Performance. Glimmer ist nicht gleich Gold. Vielmehr ist es eben ein Glimmern oder Flimmern als äußerst vager Sichtbarkeitsmodus, der den Wunsch nach einer greifbaren Sichtbarkeit weckt. Es glitzert, flimmert und spiegelt ständig in der Performance von Otobong Nkanga, die das goldene Jubiläum eröffnend feiert. Doch dieses Gold, das durch 50 Jahre kontinuierliche Arbeit erworben sein könnte, ist eben auch schwer zu greifen. Es erscheint keinesfalls durch „offensichtliche() referenz(en)“, sondern durch Anspielungen, Spiegelungen und Glimmer. Vielleicht gibt es dieses Gold nur für einen Moment. Es lässt sich nur schwer in ein Bild fassen und bleibt an die Sprache gekoppelt. Den „Golden Moment“ gibt es innerhalb der Performance nur für einen Moment, worauf letztlich die Performance hinausläuft.

 

Es ist, und den Bogen darf man mit Otobong Nkangas glimmer: aurum-Performance schlagen, der Widerspruch der im Flimmern oder Schimmern, dem chemischen Element Aurum mit der Ordnungszahl 79 als Übergangsmetall und dessen vermeintlichen Wert besteht, der Gold vor allem als Mythos, als ein geschlossenes narratives Feld aufdeckt. Die Erzählung vom Gold ist nach wie vor so mächtig, dass es als Alternative zu einem „zügellosen finanzkapitalismus“ angepriesen wird. Dabei unterliegt Gold natürlich ebenfalls Wertschwankungen. Allein der Mythos vom Gold und sein so vager Glimmer halten seinen Wert im Vergleich zu mancher durch Ruhm und Erfolg hochgejazzten Aktie relativ stabil. Es geht im Wert mehr oder weniger immer um Ruhm, den das Deutsche Wörterbuch von Gerede herleitet.

Der Artikel zum Ruhm im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist höchst umfangreich und wird erstens nach der „Form“ aus dem Althochdeutschen und Indogermanischen etymologisch hergeleitet sowie zweitens nach der „Bedeutung“ mit „ursprünglich geschrei, besonders freudengeschrei, jubeln, jauchzen, in ahd. glossen für clamor“ erklärt. Doch Ruhm wird äußerst wandelbar und vielfältig dichterisch verwendet. Ja, der Ruhm steht bei Adelung dem Gerücht nahe bzw. wird im Wörterbuch mit einem späten Bedeutungswandel zu Gerücht belegt.

 

Während der Gebrauch von Ruhm für das lateinische Gloria durchaus schwierig ist, weil Gloria eher mit Ehre übersetzt wird, zeigt die Nähe zum Gerücht vor allem seine kaum zu fassende sprachwandlerische Eigenart an. Das Gerücht ist jener unsicherer Modus des Sprechens, der sich schwer fassen lässt und vom Reden selbst abhängt, wie nicht zuletzt die Ausstellung Gerücht im Museum für Kommunikation 2011 gezeigt hat. Der Ruhm eines Künstlers, der das Publikum in Scharen lockt, hängt exakt von seiner Umlauffrequenz in den Medien ab.

Francis Bacons Studio, das in der Hugh Lane Gallery in Dublin Wollmaus für Wollmaus und Farbtube für Farbtube hinter Glas besichtigt werden kann, sollte erstens einen Aufschluss über den Schaffensprozess des Künstlers liefern und zweitens den Moment des Schaffensprozesses beim Tod des Malers am 28. April 1992 in Madrid für alle Ewigkeit retten. Mittlerweile ist das Studio auch durch Videos recht großartig im Netz zugänglich. Doch nichts konnte den Ruhm Francis Bacons mehr erhöhen als der Auktionsrekord für seinen Triptychon von 1969, der am 12. November 2013 in New York erzielt wurde. Es darf davon ausgegangen werden, dass sich der Besucherstrom in die Hugh Lane Gallery erhöhen wird.

Ruhm ist ungerecht. Doch Publikumsströme werden von ihm gelenkt. Genau deshalb sind die Veranstaltungen des Berliner Künstlerprogramms so spannend. Es gibt den schwierigen, späten Ruhm noch nicht, von dem der Künstler am wenigsten hat, weil er meist schon tod ist. Doch man kann beispielsweise mit Antjie Krog und Christian Kesten jene Golden Moments erleben, über die später unablässig gesprochen werden wird, die aber nur wenige erlebt haben. Die Gemälde Francis Bacons, für die Spiegel und die Fotografie als Medien eine wichtige Rolle spielten, waren für das Publikum immer eine Herausforderung, weil sie keinen sicheren Blick anboten. Sie werden eine Herausforderung bleiben, wenn man das Bild nicht allein nach seinem 142-Millionen-Dollar-Wert bemisst. Doch genau darum geht es mit dem Ruhm. Er stellt im Modus der Wiederholung scheinbar etwas als Wert fest und den Blick still.

Die Poesie-Performance von /Xam-Gedichten durch Antjie Krog und Christian Kesten gehalten in einer Sprache, die selbst wenn eine Übersetzung projiziert wird, kaum verständlich wird, bleibt eine Herausforderung und kann nicht genug wertgeschätzt werden. Wird hier nicht Sprache wieder zu Musik, wie es Ezra Pound einmal gefordert hat. Christian Kesten, der als Klangkünstler, Vokalist und Performer arbeitet, führte mit Antjie Krog ein wundervolles Ensemble von Gedichten in /Xam durch Knack-, Schnalz-, Klick- und Gurgellauten auf, die eben einerseits so gar nicht an bekannte Sprachen, vielleicht eher an Laute in der Natur erinnerte, andererseits aber gerade deshalb so sehr an Walter Benjamins Aufsatz Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen denken ließen.     

Antjie Krog, Literatur-Stipendiatin 2013, wird eben dadurch zur Schriftstellerin, weil sie den Erzählungen und Lieder der seit 100 Jahren ausgestorbenen Buschmann-Gruppierung der /Xam ihre Zunge leiht. Gehört kann etwas werden, was nicht mehr zu hören ist und auch nur notdürftig aufgeschrieben werden konnte. Literatur und Klangkunst überschnitten sich also in der Performance, die die Literatur-Stipendiatin und der Klangkünstler aufführten. Es ist eigentlich außerordentlich schade, dass bisher auf der Seite des Künstlerprogramms das Jubiläumsfestival nicht als Video zugänglich gemacht worden ist. Natürlich hätte nicht nur die Poesie-Performance eine stärkere Verbreitung verdient. Doch könnte ein interessiertes Publikum vielleicht durch ein wiederholtes Hören und Sehen die Herausforderung der Künstlerinnen annehmen. 

Zu empfehlen ist beispielsweise ein Abonnement des Digitalen Monatsprogramms des Berliner Künstlerprogramms. Denn vielleicht gibt es in Berlin doch mehr Menschen, die für Golden Moments aufgeschlossen sind.

 

Torsten Flüh           

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[1] Steinwachs, Ginka: Bilderbuch einer StadtstreichLerin. Wo-Manhattan, New York. Wien 2012. (Passagen-Verlag) S. 140

[2] Vgl. Steinwachs, Ginka: falschgeld der poesie. Wien 1994.

 


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Categories: Kultur

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