Von den Dingen und der Literatur - Wie es auf Heinrich von Kleists Grabstein schneite und Marcel Beyer daran schuld war

Schnee – Konfetti – Dinge 

 

Von den Dingen und der Literatur 

Wie es auf Heinrich von Kleists Grabstein schneite und Marcel Beyer daran schuld war 

 

Der Dichter, Sprachkünstler, Romancier und „Wortmusiker“ Marcel Beyer erhielt am Sonntag im verspiegelten Foyer des Berliner Ensembles den renommierten Kleist-Preis 2014. Die Übergabe der Urkunde durch den Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft e.V., Prof. Dr. Günter Blamberger, wird traditionell von einem theatralischen Programm begleitet, das Claus Peymann mit seinem Team arrangiert. In diesem Jahr war die Inszenierung nicht zuletzt durch die literarische Tätigkeit Marcel Beyers als Librettist für Musiktheaterstücke mit den Komponisten Enno Poppe und Manos Tsangaris besonders unterhaltend gelungen. Zu Beginn wurde ein Video auf eine Leinwand vor einem Spiegel projiziert, in dem es auf Kleists Grabstein zu den Akkordeontönen von Manos Tsangaris‘ Viscum Album 1, gespielt von Dorrit Bauerecker, schneite. 

Gelegentlich gibt es Schnee im November. In diesem Jahr nicht. Und als Kleist am 21. November 1811 zunächst seine Gefährtin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoss auch nicht. Es soll ein sonniger und noch warmer Novembertag gewesen sein. Aber so genau weiß man das natürlich nicht. Eher schon war einzig und allein der  Schriftsteller Marcel Beyer für den Schnee im Film verantwortlich. Denn unmittelbar nachdem der letzte Akkordeonton verklungen und die Projektionswand für das Video hochgezogen war, sich nun Kleists Portrait geisterhaft im Spiegel zeigte, lasen Marcel Beyer und Ulrich Mattes das Gedicht GRAPHIT (2014) von Marcel Beyer. Und darin kommt die „Schneekunst“ vor.  

Ob es Dinge außerhalb der Sprache und Medien gibt, beispielsweise Schnee, war durchaus strittig in den Vorträgen und Diskussionen der zweitägigen Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft e.V. unter dem Titel KLEISTS DINGE im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder. International namhafte Literatur- und Kulturwissenschaftler wie Hartmut Böhme ─ »Diese ungeheure Wendung der Dinge« Zur Wirkkraft der Objekte in Kleists Werk ─, Margit Vogt und Carl Niekerk ─ Die widersprüchliche Botschaft der Dinge ─ oder Ulrike Vedder ─ Bomben, Briefe, Nüsse. Dinge der Verknüpfung und Zerstörung ─ diskutierten über Dinge in Kleists Texten und im Museum. Am Samstagabend hielt Marcel Beyer eine Lesung im Kleist-Museum und Annette Handke erinnerte nicht zuletzt an seinen ersten Roman Das Menschenfleisch (1991), in dem es im Anhang heißt, „der Mensch sei von Beginn seiner Existenz an die Sprache gebunden…“[1] 

 

Bereits am Freitagabend war die Sonderausstellung Die drei Dinge Heinrich von Kleists im Museum eröffnet worden. Museen sind Räume der Dinge, die sich zeigen lassen. Im Unterschied aber zu Johann Wolfgang von Goethe und seinem Haus in der Frauentorstraße in Weimar, mit dem sich dieser sozusagen im Historisch-werden seiner selbst bereits zu Lebzeiten musealisierte, gibt es kaum Dinge von Heinrich von Kleist, die sich ausstellen ließen. Die Rarität der Kleistschen Dinge bewirkt, dass das Wenige als Rest besonders geschätzt wird. So war der Direktor der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Everardus Overgaauw, Freitagabend eigens nach Frankfurt/Oder gekommen, um die konservatorisch gerechte Schau der Dinge abzunehmen und in die Ausstellung einzuführen.

 

Während Johann Wolfgang von Goethe seinen Nachlass durch Auswahl, Revision, Löschung und Verbrennung von letzter Hand regelte bzw. von Johann Peter Eckermann bis hin zur postumen Veröffentlichung des Gedichtes Gleichniß regeln ließ, Gerhard Hauptmann das mediale Konzept des Dichterfürsten mit einem mehrere Eisenbahnwagons großen Nachlass bis zu seinem Tod am 6. Juni 1946 auf die Spitze trieb, wie Everardus Overgaauw ausführte, verfügte Heinrich von Kleist über keinen Besitz und hätte keinen Nachlass übertragen können. Kleists Dinge, wie das Miniaturbildnis, das er 1801 für Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ, das Manuskript seiner Komödie  „Der zerbrochne Krug“ und den Brief an Adolphine von Werdeck aus dem Besitz der Handschriftenabteilung werden nur selten im Original ausgestellt. Im Kleist-Museum lassen sie sich noch für kurze Zeit bis 30. November 2014 anschauen.  

Das Semantic Web verspricht heute dagegen ein „Internet der Dinge“ und diese im Übermaß. Längst befinden sich unsere Körper über Apps und GPS, beispielsweise Polar RC3 GPS training computer ─ POLAR LISTENS TO YOUR BODY ─, mit immer kleineren Computern am Handgelenk und Smart Phones im Internet der Dinge. Wenn der Lauf-Computer den Körper abhört, dann wird er zum Ding im Netz, das sich per weniger Klicks nicht nur mit der persönlichen Homepage von Polar, sondern im digitalen Zeitalter auch mit Facebook, google+ oder Twitter verknüpfen lässt. Your Body online synchron. Doch im Internet geht nichts ohne Sprache bzw. Computersprachen, die die Differenz von 0 und 1 oder Loch und kein Loch in Dinge umwandeln. Dazu ließe sich einiges schreiben. Auf das Semantic Web und die Dinge wurde 2012 mit dem Projekt EUROPEn eingegangen. Der Darstellungsmodus von Dingen in animierten Wort-Wolken hat sich dabei mittlerweile bis zum Internationalen Literaturpreis 2014 durchgesetzt.  

Das Ding in den dynamisch-semantischen Wolkenbildungen oder Kleists „Dinge der Verknüpfung“ sind mit anderen Worten hoch aktuell, weshalb nicht zuletzt Marcel Beyer in seiner Kleist-Preis-Rede die Heilige Cäcilie mit einem Italo-Western in Rom mit einer durchschnittenen Kehle mit dem Schnitt und Heinrich Kleist verknüpfte. In Literatur, Film und Internet, aber auch in der Musik, in Medien werden unablässig Dinge versprochen, vieldeutig hergestellt, imitiert und animiert, verwandelt und verknüpft, um sogleich wieder zu verschwinden. Manos Tsangaris entfaltet in dem VISCUM ALBUM (2013) mit der Akkordeonspielerin Dorrit Bauerecker ein ganzes Spektrum von Atemtönen und Sprechen an der Grenze der Sprache, die sich auf die Mistel der Pflanzengattung Viscum beziehen. Tsangaris ist überhaupt ein großer Sprachkomponist. Er hat jüngst mit Marcel Beyer die Oper Karl May, Raum der Wahrheit an der Semperoper in Dresden erarbeitet und komponiert. Also eine Oper, die quasi die literarische Produktion der Karl-May-Erzählungen als Wahrheit thematisiert und nicht z. B. die Winnetou-Romane vertont. 

 

Das mit den Dingen ist so ein Ding bei Marcel Beyer, beispielsweise die Wespe als Tier in dem Gedicht Wespe, komm, das Enno Poppe 2005 für Solostimme, eigentlich Sopran, komponiert hat.[2] Zum Schluss der Kleist-Preisverleihung sang der Countertenor Daniel Gloger Wespe, das zuvor Ulrich Mattes fulminant vorgetragen hatte. Marcel Beyers Wespe hat drive und ist derartig vielschichtig verknüpft, dass die Wespe von der Sprache fortgerissen und hergestellt wird ─ „Wespe, komm in meinen Mund,/mach mir Sprache, innen,/und außen mach mir was am/Hals, zeig's dem Gaumen, zeig es/uns. So ging das. So gingen die/achtziger Jahre. Als wir jung/und im Westen waren. Sprache,/mach die Zunge heiß, mach…“  

 

Sprache und Erotik werden in Wespe von Marcel Beyer zur Spracherotik und zum Biographem. Unauflösbar werden der Körper, das Subjekt, die Wespe, Redewendungen ─ „mach mir was am/Hals“ ─, die Sprache und die Erotik über die Gedichtstrophen hinweg miteinander verknüpft. Insofern ist das performativ redegebundene Gedicht Wespe, das bei der Kleist-Preisverleihung gleich zweimal auf unterschiedliche Weise erklang, durchaus programmatisch für das Schreiben von Marcel Beyer. Über drei Dezennien von den 80er bis in die 2000er Jahre spannt sich das erotische Verhältnis von Sprache und Subjekt mit „Wort- und Wespenfleiß“: „den ganzen Rachen wund, gib mir/Farbe, kriech da rein. Zeig mir/Wort- und Wespenfleiß, mach's/dem Deutsch am Zungengrund,/innen muß die Sprache sein. Immer/auf Nesquik, immer auf Kante./Das waren die Neunziger. Waren/die Nuller. Jahre. Und: so geht das/auf dem Land. Halt die Außensprache/kalt, innen sei Insektendunst, mach/es mir, mach mich gesund,/Wespe, komm in meinen Mund.“     

Fiktion und Nonfiction (2003), die markgängigen Literaturgattungen werden von Marcel Beyer unablässig schreibend erforscht oder umgeschrieben. Die Jurorin des Kleistpreises 2014 und Laudatorin Hortensia Völkers, Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung, schlug in ihrer grandiosen Rede einen Bogen von Marcel Beyers Roman Flughunde (1995) über Kaltenburg (2008) und Putins Briefkasten Acht Recherchen (2012) bis zum Gedichtband Graphit (2014). Er sei nicht nur ein „Sprachkünstler“ und „Wortmusiker“, sondern auch ein „unpsychologischer Dichter“. Wie kaum ein anderer deutscher Gegenwartsautor ─ und gerade darin Heinrich von Kleist nicht unähnlich ─ erforscht und überschreitet Marcel Beyer Literaturgattungen. Mit einer Formulierung über ihn von Hortensia Völkers:  

Schreiben ist Forschen. 

Wenn Marcel Beyer beispielsweise seinen Erzählband Putins Briefkasten mit der Genreformulierung „Acht Recherchen“ versehen lässt, dann ist das, wie er bereits am Samstagabend im Kleist-Museum verriet, dem Editionsmodus der Genrebezeichnung, Roman, Erzählung oder Gedicht, geschuldet und durchbricht gerade die gängige Praxis der Ordnung von Literatur nach Gattungen. Denn „Acht Recherchen“ spielt sowohl auf den journalistischen Modus der Recherche und des Berichtens wie auf Marcel Prousts Romanmodus von Á la recherche du temps perdu an. So ist denn die erste Recherche in Putins Briefkasten ein vielfach umgeschriebener[3], hoch literarischer Text über ein „Bild“, das dem erzählenden Ich „seit dem letzten Winter vor Augen steht“ (S. 9) und das nicht eingelöst oder wiedergefunden werden kann, weil „man den Postkasten in der Zwischenzeit entfernt“ (S. 10) hatte. Stattdessen oder gerade deshalb wird die Recherche zu einem Text über die „Löwensprache“, das „Löwenbuch“ von Hans Blumenberg (S. 14), „die Sprachgrenze“ (S. 16), Wladimir Putins Deutsch als „Fremdsprache“ (S.19) und einer Sprache der Dinge. 

Die Kleist- und Preisreden werden voraussichtlich im Kleist-Jahrbuch 2015 im August 2015 erscheinen. Erst dann wird es möglich werden, die ebenso dichte wie aktuelle Rede von Marcel Beyer nachzulesen. Und sie wird dann ein wenig wie aus einer verlorenen Zeit hinüberklingen. Denn die Aktualität, die Marcel Beyer regelrecht in einer Cut-up-Technik über die „Legende“ Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik von Heinrich von Kleist über die Basilika Santa Cecilia in Trastevere und die Skulptur der heiligen Cäcilie von Stefano Maderno aus dem Jahr 1600 sowie Enthauptungsvideos, den Schnitt am Hals der Heiligen und dem Namenstag der Heiligen am 22. November, also einem Tag nach Kleists Todestag, aber vielleicht war das auch nur ein Versehen, herstellte, wird dann niemals mehr so aktuell sein wie um die Mittagszeit im Foyer des Berliner Ensembles. 

Die Medien bringen die Dinge hervor und lassen sie verschwinden zugleich. Noch vor Beginn der Jahrestagung trafen sich einige, wenige Mitglieder der Gesellschaft und des Museums zur Kranzniederlegung am Kleist-Grab am Kleinen Wannsee. Da es nämlich erst nachträglich in einer Art Parklandschaft am vermeintlichen Ort des Todes von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist eingerichtet wurde, birgt das einem Grab gleich begrenzte und mit einem Stein ebenso wie Inschrift versehene Areal nichts und im Gedenken doch alles, was von Kleists Körper übrig blieb. Die Pflege wird von Berliner Kleist-Freunden im Wechsel monatlich übernommen. Obwohl erst kürzlich nach dem Rechten gesehen worden war, fand sich am Donnerstag Konfetti auf dem Grab, was nun als unpassend empfunden wurde. Ein Scherz? Halloween? Jugendliche? Ein Frevel ominöser Henriette Vogel-Verehrerinnen? ─ Doch dann kehrte das Konfetti am Sonntag im digital bearbeiteten Video als Schnee wieder.  

Nicht jede Teilnehmerin der Kleist-Preisverleihung, nicht einmal von denen, die das Konfetti auf dem Grab gesehen hatten, sah dies im entfärbten Video wieder. Denn das Video ließ sich nur allzu stimmig mit dem ersten Gedicht aus Graphit sehen. Die Magie und Macht der Sprache des Dichters Marcel Beyer als „Schneimeister“ verwandelte das Konfetti in „Schnee“. Mehr lässt sich eigentlich nicht über einen Sprachkünstler und sein Schreiben zwischen „Zungenschlag“, „Pappelzeilen“, „lässiger Hand“ und „Schneekunst“ schreiben. 

Schneekatze, die ihre Bahnen 

zieht. Der Schneimeister 

persönlich dirigiert den 

Pistenbully am künstlichen

 

Hang. Ein Mann mit Strickmütze 

und Daunenjacke, ein Mann 

mit Zungenschlag, eine 

Flachlandgestalt, ein Mann

 

aus Neuss. Draußen ganzjährig 

Runkelrübenäckerweiten. 

Ein Broich. Ein Busch. Ein 

Rath. Da und dort ein Paar

 

Pappelzeilen. Hier aber: Wie er 

seine Schneekatze durch die 

Eiswelt jagt, den Räumschild 

im Blick, die Fräse im Rücken,

 

in Zeitlupe und flück, flück, flück – 

eine Schneekatze eben. 

Eine Schneekatzennacht. So 

führt er uns, der Schneimeister,

 

mit lässiger Hand vor, wie man in 

Neuss am Rhein 

Maschinenschnee zu 

Schneekunst macht. 

 

Der Titel des Gedichtbandes GRAPHIT ruft das Schreiben mit dem Bleistift selber auf. Daher lässt sich mit den sprachkünstlerischen Verknüpfungen und semantischen Überschneidungen der Sprachbilder von „Bahnen“, „Zungenschlag“, „Pappelzeilen“, „lässiger Hand“, wohl gar „Maschinenschnee“ und „Schneekunst“ ebenso an das Schreiben mit einem Bleistift oder anderem Schreibgerät denken. Führt Marcel Beyer die „Schneekatze“ selbst über die Bahnen? Die Dinge, selbst wenn oder gerade weil Marcel Beyer als „Materialist unter den Lyrikern“ annonciert wird, werden doch nur durch das Sprachmaterial. 

 

Torsten Flüh

 

PS: Marcel Beyer hatte übrigens am 23. November Geburtstag, was ein Glück ist. Denn derzeitig regnen die Literaturpreise wie Schnee auf ihn herunter. Einer seiner ersten war 1996 der Berliner Literaturpreis.

PPS: Der Berichterstatter erhielt einmal eine alte, lindgrüne Seidenschleife von der Dichterin Ginka Steinwachs mit den Worten, dass diese Schleife von Heinrich von Kleist aus dem Besitz der Familie von Kleist sei. Hätte er es anzweifeln sollen? 

 

Marcel Beyer 

GRAPHIT 

Gedichte 

Erschienen 06.10.2014

 

Die drei Dinge Heinrich von Kleists

Sonderausstellung bis 30. November 2014

Kleist-Museum

Faberstraße 6-7

15230 Frankfurt (Oder)

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[1] Beyer, Marcel: Das Menschenfleisch. Roman. Frankfurt am Main 1991, S. 159

[2] Anm.: Enno Poppe und Marcel Beyer hatten 2012 ihr drittes Musiktheaterstück IQ Testbatterie in acht Akten erarbeitet, das bei MaerzMusik 2014 aufgeführt und ausführlich nicht zuletzt hinsichtlich der Intelligenz von NIOBE besprochen wurde.

[3] Anm.: In einer editorischen Notiz auf S. 219 heißt es zur Genese des Textes: „Putins Briefkasten entstand zwischen Oktober 2003 und Oktober 2011 und greift abschnittsweise auf einige Arbeiten zurück: …“ Beyer, Marcel: Putins Briefkasten Acht Recherchen. Frankfurt am Main. 2012