Das unheimliche Geheimnis - Zu Jakob Tanners Mosse-Lecture in der Reihe Dienst am Geheimnis

Geheimnis – Geschäft – Schweiz 

 

Das unheimliche Geheimnis 

Zu Jakob Tanners Mosse-Lecture in der Reihe Dienst am Geheimnis

 

Die Schweizerische Eidgenossenschaft, kurz die Schweiz, hat sich mit dem Wahlspruch Unus pro omnibus, omnes pro uno nicht zuletzt dem Dienst am Geheimnis verschrieben. Denn das fraternisierende Motto „Einer für alle, alle für einen“ entstammt Alexandre Dumas‘ Roman Les Trois Mousquetaires, der zwischen März und Juli 1844 zunächst in Fortsetzungen im Feuilleton der Tageszeitung Le Siècle erschien. Die Verbrüderung der Musketiere entspricht dem Modus eines Geheimbundes. Unter weiteren literarischen Verknüpfungen ist in den Berner Alpen mit „Swiss Fort Knox“ das Geheimnis zu „Informatik in Sicherheit“, mit einem anderen Wort, Datengeheimhaltung, transformiert worden: „Einzigartig in Europa“.[1]

 

Der Züricher Historiker Jakob Tanner, Autor der im September erschienen Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, schlug in seiner Mosse-Lecture, Der diskrete Charme des Kapitals: Über den Zusammenhang von Geheimnis und Geschäft, den Bogen vom Bankgeheimnis zum Datengeheimnis in „Swiss Fort Knox“. Denn das Unternehmen bietet Schutz: „Für den Server(,) den man besser nicht bei sich unterbringt.“ Es formuliert das Geheimnis ganz im Sinne der Kunden und Nutzer: „Damit niemand Zugriff hat, der nicht von Ihnen autorisiert wurde.“ Zwischen Privatsphäre und Bankgeheimnis über Geheimrezept des Appenzeller Käses und Firmengeheimnis bis zum Datengeheimnis und der „Initiative gegen den »Gläsernen Bürger«“ von 2015 zirkulieren in der Schweiz Geheimhaltungsstrategien, mit denen Geschäfte gemacht werden.  

 

Das lukrative Geschäft mit dem Geheimnis als ein besonders schweizerisches Verhältnis von Bürger und Staat, privat und öffentlich, Autonomie und Profit wurde von Jakob Tanner mit zahlreichen Beispielen pointiert entfaltet. Ethel Matala de Mazza wies in ihrer Anmoderation darauf hin, dass der Begriff Geheimnis im Deutschen mehrere im Lateinischen spezifizierte wie arcanum, celatum, commissum, opertum, secretum und sacramentum umfasse. Während das arcanum sich auf das Geheimnisvolle und Heimliche, also auch auf das Zu-verheimlichende bezieht, werden mit secretum Orte oder Schriften bezeichnet, für die nur ein bestimmter Schlüssel oder ein Code notwendig ist, um sie zu entschlüsseln. Ein commissum bezeichnet ebenso ein Unternehmen wie ein Geheimnis. Und ein sacramentum kann sowohl als ein religiöses Geheimnis wie einen Eid der Eidgenossenschaft als eine Praxis, durch die man sich oder einen anderen zu etwas verbindlich macht, verwendet werden.  Auf diese Weise ist beispielsweise Giorgio Agambens Homo Sacer-Projekt als „Lebens-Form“ mit dem weiten Bedeutungsfeld des Geheimnisses verknüpft.[2]   

 

Das Semesterthema der Mosse-Lectures, Dienst am Geheimnis, bringt seine Bedeutung für vormoderne wie moderne Gesellschaften in Bezug zur Literatur und literarischen Produktion. Ließe sich doch das Geheimnis im Zeitalter der Digitalisierung und des Internets als globale Vernetzung, in der Staatsgeheimnisse ebenso wie Banken-, Firmen- und Privatgeheimnisse auf dem Spiel stehen, auch dahin überdenken, ob das allzu offene Geheimnis nicht auch die Errungenschaften der Moderne wie die Privatsphäre und damit die Gesellschaftsform gefährdet.

In der Moderne sind Öffentlichkeit, Information und Transparenz Garanten einer „offenen“ und demokratischen Gesellschaft, im Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften, in denen ein geheimes Wissen unvermittelt zur Sicherung von politischer Souveränität und religiöser Autorität diente. Gleichwohl hat Georg Simmel das Geheimnis eine der „größten Errungenschaften der Menschheit“ genannt. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse und deren Gefühlslagerungen von Schuld und Scham, Distanz und Distinktion, wäre demnach nicht lebenswert.[3]

  

Die Frage nach der Funktion des Geheimnisses in Gesellschaftskonzepten ist keinesfalls nur in der Schweiz virulent, wo die „Initiative gegen den »Gläsernen Bürger«“ das Bankengeheimnis in die Bundesverfassung schreiben lassen will. Anders formuliert: Das Bankengeheimnis soll den Bürger vor dem Zugriff des Staates schützen, selbst wenn er auf unrechtmäßige Weise Vermögen der Allgemeinheit entzieht. Da sich „der“ Bürger allerdings in der digitalen Alltagspraxis des Survens im Internet gerade besonders in seiner Privatsphäre beobachtet fühlt, verspricht das Bankgeheimnis vor allem eine Sicherheit, wo sie kaum mehr gewährleistet werden kann.

Das secretum des unzugänglichen oder willkürlich vorenthaltenen Wissens inspiriert die Literatur von der gothic novel bis zum Kriminalroman. In den Mosse-Lectures sollen verschiedene Varianten des Geheimen und Geheimnisvollen zur Sprache kommen, von den jüdischen Mysterien bis zum politischen Arkanum, von der Intimität bis zur heimlichen Machenschaft und auch von der Kryptographie bis zur elektronischen Verschlüsselung. Aufmerksamkeit finden die verschiedenen Methoden und Praktiken, mit denen die Zugänglichkeit und die Verweigerung des Wissens organisiert werden. Schauplätze, Szenen, Ereignisse und Eklats geben Aufschluss über die kulturelle Logik des Geheimnisses, über deren Wirksamkeit.[4]   

 

Die „kulturelle Logik des Geheimnisses“ nimmt in der Schweizerischen Eidgenossenschaft als gesellschaftliche Organisationsweise mit dem Bankgeheimnis allein schon deshalb eine besondere Funktion ein, als es sich wie selbstverständlich als Recht des Bürgers auf Privatsphäre verknüpfen lässt, weshalb es in die Bundesverfassung aufgenommen werden soll. Im Juni 2015 fuhr der „Banker Thomas Matter“ nicht nur mit einem Hippi-Bus durch die Schweiz, sondern er drohte auch damit, dass „die Schweiz … zu einem Steuerpolizeistaat mutier(e)“ , wie der TagesAnzeiger am 30. Juni 2015 berichtete:

Wenn der automatische Informationsaustausch kommt und das Volk seine Initiative ablehnt, fällt das Bankgeheimnis in der Schweiz in kürzester Zeit.

 

Das prekäre Verhältnis zwischen Staat und Bürger als Privatperson, das durch die Aufklärung strukturiert wurde, wird im Zeitalter der Digitalisierung von sogenannten Steuer-CDs als Datenträger mit Bankgeheimnissen und globale Vernetzung verschärft.   Auf der anonymen Website www.Bankgeheimnis-Schweiz.ch wird das Schweizer „Bankkundengeheimnis“ scharf zum Bankgeheimnis in Deutschland mit der Gleichung „Deutschland = gläserner Bürger“ abgrenzt. Gerade das verschwiegene Impressum der Website erlaubt ihre Urheberschaft vom 12. Februar 2014 um 20:11:02 überall zwischen einem IT-Unternehmen, rechten Parteien in Deutschland, der CIA und Nordkorea oder doch im Schweizerischen Bankverein (SBV) bzw. deren Rechtsnachfolger der UBS als Großbank zu vermuten.

 

Das Geheimnis und insbesondere Bankgeheimnis gehört für die Schweiz ebenso zu den „Kollektivstereotypen und Nationalmythen“[5] wie es ihr von außen als Stereotyp angeheftet werden kann, um beispielsweise das Bankgeheimnis als Geschäftsgrundlage der Finanzwirtschaft in Deutschland zu diskreditieren. Die Dichotomien von Staat und Individuum, privat und öffentlich lassen auch das Pendel des Rechts in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Jakob Tanner befasst sich in seiner Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert mit der Zirkulation von „nationalen Mythen“ ausführlich als einer „shared history“, die ebenso sehr geteilte Geschichte wie Erzählung ist.

Anhand der Schweiz lässt sich besonders eindrücklich zeigen, wie die nationalen Mythen aus einer solchen shared history hervorgingen und wie sie grenzüberschreitend zirkulieren. Es wird zudem deutlich, dass sich an der Sonderfall-Erzählung ganz unterschiedliche, widersprüchliche Interessen festmachen und dass mit ihr oft diametral entgegengesetzte Zielsetzungen verfolgt wurden. Ihre Bildsprache und Sprachbilder konnten zur Attraktivitätssteigerung des Geschäftsmodells des Finanzplatzes und die Promotion des Fremdenverkehrs ebenso genutzt werden wie die Abwehr von Gefahren von aussen oder den Aufbau von imaginären Bedrohungskomplexen im Innern.[6]    

 

In seiner Mosse-Lecture spitzte Tanner das Verhältnis auf die Formulierung zu, dass die Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert auf den Mythos von Geheimnis und Geschäft beruhe. Anders gesagt: Das Erfolgsgeheimnis der Schweiz im letzten Jahrhundert als prosperierender Industriestaat und Finanzplatz wird nicht als Mentalitätsgeschichte erzählt und erforscht, vielmehr werden die zirkulierenden Mythen, ihre Verknüpfungen und Transformationen untersucht. So gehört die „unsichtbare Hand“ als ebenso geheimnisvolles wie die politische Ökonomie begründendes Sprachbild, das nach Joseph Vogl „spätestens seit Adam Smith notorisch geworden ist und … bis heute die Ordnungsbehauptungen politischer Ökonomie illustriert“[7], nicht etwa zu den originären Erfindungen der Schweiz wie die Kuckucksuhr, sondern ließ sich quasi in den Schweizer Banken und ihrer Geheimhaltungspolitik materialisieren.

  

Die Schweiz hat mehr oder weniger mitten in Europa auf dem Transitweg der Engländer, Schotten und anderen Bildungsreisenden die „unsichtbare Hand“ als geheimnisvolles und ausgleichendes Wertschöpfungsmodell nicht ausgearbeitet. Aber sie hat sie angenommen und sich besonders erfolgreich zum Rückzugsort des Kapitals vom Zahnarzt über den Fußballvereinspräsidenten bis zum afrikanischen Kleptokraten und nordkoreanischen Diktator herausgebildet. Kapitalflüsse und –abzweigungen fanden und finden in der Schweiz als widersprüchlichem Ort des Geheimnisses eine Zuflucht. Wie das Geheimnis so zeichnet sich das Gerücht als zerstörerische und schöpfende Informationsform zugleich dadurch aus, dass es kaum zu fassen ist und sich nur schwer verorten lässt. Auf diese Weise sind die Schweiz und Swiss Fort Knox in den Berner Alpen auch ein paradoxer Ort des Geheimnisses. Jakob Tanner wies am Donnerstag auf die Redewendung hin, dass das Gerücht der Zwilling des Geheimnisses sei.[8]

 

Tanner gab in seinem Vortrag auch einen Hinweis auf Sigmunds Freuds Aufsatz Das Unheimliche aus dem ersten Nachkriegsjahr 1919 und dem Zusammenspiel von Heimlichem und Unheimlichen. Denn das Wissen vom Bankgeheimnis, das sich als Alleinstellungsmerkmal und Identität kollektivieren ließ, kann auch unheimlich werden, wie schon 1925 William E. Rappard in seiner bilanzierenden Schrift Die Politik der Schweiz im Völkerbund schrieb. Nach Freud kann das Heimliche als Wissensformation schlagartig ins Unheimliche umschlagen bzw. zum Neuen muss ein Wissen „hinzukommen“, damit es unheimlich wird:

Das deutsche Wort »unheimlich« ist offenbar der Gegensatz zu heimlich, heimisch, vertraut, und der Schluß liegt nahe, es sei etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und vertraut ist. Natürlich ist aber nicht alles schreckhaft, was neu und nicht vertraut ist; die Beziehung ist nicht umkehrbar. Man kann nur sagen, was neuartig ist, wird leicht schreckhaft und unheimlich; einiges Neuartige ist schreckhaft, durchaus nicht alles. Zum Neuen und Nichtvertrauten muß erst etwas hinzukommen, was es zum Unheimlichen macht.[9]

 

Das merkwürdige Zusammenspiel des mythologischen Wissens der Schweiz von sich selbst und das Wissen der anderen über sie, wurde insbesondere durch die Neutralität der Schweiz zu einem Problem. Die positive Neutralität verwandelte sich ebenso gut in eine profitorientierte Hehlerei der „Kapitalflucht“. William E. Rappard formulierte das in seiner „ersten Bilanz“ 1925 folgendermaßen mit der Ambivalenz des Einerseits-andererseits:

In der Tat konnte die Schweiz sich nicht durch ein internationales Übereinkommen verpflichten, in Bezug auf die bei unseren Banken deponierten Kapitalien inquisitorische und denunziatorische Massnahmen ins Auge zu fassen, die bei ihrer Anwendung auf den heftigsten Widerstand vieler kantonaler Verwaltungen stossen würden. Andererseits erscheint es aber auch bedenklich, die Mitarbeit zu verweigern bei dem gemeinsamen Kampfe gegen die Kapitalflucht – einer wahren internationalen Geisel in dieser Nachkriegszeit – und dadurch den auf unserem Land lastenden, ohne Zweifel übertriebenen Verdacht zu bestärken, als sei es der Hehler rechtswidrig geflüchteter Kapitalien.[10]

 

Die Korrespondenz von Eigenwahrnehmung und Fremdbild wurde in der Schweiz schon 1944/45 über die „Steuerhinterziehung“, also das Bankgeheimnis thematisiert. Das Ende des Zweiten Weltkrieg wird in der Schweiz, in der die Nationalsozialisten wie ihre Widersacher profitable Geschäfte auf neutralem Boden betrieben hatten, ausgerechnet über die Steuermoral thematisiert, als gelte es, mit der Steuerschuld eine ganz andere abzugelten. Denn Schweizer Banken hatten, worauf Tanner hinwies, nicht zuletzt die Rüstungsgeschäfte im Deutschen Reich mitfinanziert. Die Eidgenössische Steuerverwaltung in Bern startete die, man kann sagen, Entschuldungskampagne: „Vo jetzt a wird alles verstüüret!“

Natürlich gibt es auch bei uns wie überall Diebe und Gauner, aber im ganzen genommen sind wir mit Recht in der ganzen Welt als grundehrliche Nation bekannt. Wir sind von Hause aus schlechte Betrüger, und die Steuerhinterziehung bedeutet deshalb für die meisten Schweizer eine seelische Belastung, zu der die Genugtuung über die ‚erspart‘ Summe in gar keinem Verhältnis steht. Wer viel mit Steuerpflichtigen zu tun hat, macht immer wieder die Erfahrung, dass das schlechte Steuergewissen ihre Träger mehr drückt, als sie sich selbst zugestehen.

 

Neben dem von Tanner projizierten Plakat der Kampagne mit dem honorigen Geschäftsmann lässt sich eine weitere Bildgebung der Kampagne von Alois Carigiet aus dem Jahr 1944 im emuseum der Zürcher Hochschule der Künste und des Museums für Gestaltung Zürich finden. Vor einer Hintergrundlandschaft mit einem in roten Flammen stehenden Baum links und einer dunklen Gestalt am rechten Rand steht ein folkloristischer Erzengel oder eine Ehefrau mit einem roten Pullover und weißem Schweizer Kreuz hinter einem Mann, der begonnen hat, mit der Feder „Steuer Erklärung“ zu schreiben. Der quasi säkularisierte Engel als Steuer- und Familiengewissen kombiniert geradezu alle Elemente von Heimlichkeit – grüne Wiese, ferne schneebedeckte Berge, Schreibtisch, Ehepaar –, die  mit der Steuererklärung gegenüber dem Staat über den bedrohlich brennenden Baum in Einklang gebracht werden.

 

Als ein weiteres Beispiel für die ebenso seltsame wie eigensinnige und identitätsstiftende Heimlichtuerei in der Schweizer Geschäftswelt führte Tanner den Sonderweg im Patentrecht an. Während das Deutsche Kaiserreich zügig ein einheitliches Patentrecht mit der „Offenlegung“ bei Erteilung des Patentes ausarbeitete, weigerte sich die Schweiz noch um 1900 beharrlich mit dem Argument, dass ein Patentrecht der Wirtschaft schade. Was als libertäres Verfahren formuliert wurde, wehrte sich vor allem gegen die Offenlegung, die das Betriebs- oder Unternehmensgeheimnis als Gut im Moment der Veröffentlichung annulliert, um den Rechtsanspruch auf das Patent zu schützen. Der Patentschutz, der beispielsweise in Berlin bei den Eisengießereien und Maschinenbauanstalten auf der Chausseestraße soweit etabliert war, dass sich Anton Egells bereits im Juli 1834 eine „Maschine zum Quetschen und Einmaischen von Ertoffeln zur Brandweinbrennerei“ von der Technischen Deputation zu Berlin patentieren ließ, wurde in der Schweiz als Praxis abgelehnt.

 

Eine ebenfalls mythologische Form des Geheimnisses, in der die Schweiz gleichsam eine Spiegelfunktion für Europa und den „sogenannten freien Westen“[11] einnimmt, formulierte Adolf Muschg 1977 mit seiner „Geschichte eines Manuskripts“[12] als Vorwort zu Mars von Fritz Zorn. Das Geheimnis um den Autor des „Manuskripts“, das dem Herausgeber in einer Buchhandlung anonym übergeben wird, gehört ganz entschieden zur Rahmung des Textes als Literatur. Denn der Status der Ich-Erzählung zwischen Selbstanalyse und Literatur musste beantwortet werden, um die Veröffentlichung zu rechtfertigen. Muschg, der sich über dieselbe „Herkunft“ von der „»Goldküste«“[13] mit dem Autor identifiziert, bescheidet die Frage nach der Literatur positiv.

Gewiß doch, Mars ist Literatur, insofern hier ein gebildeter, die Sprache sehr wohl handhabender Mensch schreibt – ein Mensch auch –, der die Pointe nicht verschmäht, wo sie sich bietet, und sie gelegentlich forciert bis zur reinen Sentenz: »Ich war gescheit, aber ich konnte nichts.« (S. 8) 

 

Mars von Fritz Zorn alias Federico Angst wurde Ende der 70er Jahre überaus erfolgreich in Deutschland und Europa, um Anfang der 80er Jahre zum Kultbuch zu avancieren. 1985 erschien es in Die Kleine Reihe der Büchergilde Gutenberg. Ein ganzes Ensemble von Geheimnissen und nicht zuletzt um die tödliche Krankheit Krebs in Verknüpfung mit einem psychoanalytischen und kapitalismuskritischen Wissen vom Ich verhalf dem Manuskript zum Erfolg. Die psychosomatischen und psychosozialen Dysfunktionen der bürgerlichen Gesellschaft wie das Gebot der Harmonie – „Harmonie oder Nichtsein“[14] – ließen sich mit der Züricher „»Goldküste«“ mit einer Kapitalismuskritik und Erzählung von der Jugend verknüpfen. Der geheimnisvolle und verschwiegene Ort am Ufer des Zürichsee wurde gleichzeitig zur Schnittstelle all jener Mythologien, die im „freien Westen“ ubiquitär zirkulierten, um insbesondere eine nicht-fiktive Wirklichkeit in dem Maße zu versprechen, wie die „fiktiven und dogmatischen Konstruktion(en)“ kritisiert wurden.

Worin ich aber den Fehler meiner Erziehung am deutlichsten zu sehen glaube, in der fiktiven und dogmatischen Konstruktion einer vollkommenen und heilen Welt, in dieser Hinsicht gleicht die Welt meiner Jugend ganz allgemein der Welt aller, die, wie ich, nicht nur an der rechten, sondern auch an der »richtigen« Seite des Zürichsees aufgewachsen sind, an der sogenannten »Goldküste«, in der bürgerlichen Gesellschaft von Zürich, der Schweiz, Europas oder, wenn man will, des sogenannten freien Westens.[15]

 

Der Mythos vom Geheimnis als Grundlage für Geschäfte ist in der Schweiz besonders stark ausgebildet. In der Werbung für den Appenzeller Käse verschmilzt er mit der Folklore der Tourismusindustrie und wird quasi naturalisiert. Drei alte Männergesichter im Trachtenlook machen mit nicht unsympathischer Mimik das Geheimrezept 2010 zur verbindlichen und ursprünglichen Tradition des Alpenlandes. Für Tanner lassen sich Mythen umformen und auf unterschiedliche Weise nutzten.

Mythen gehen zudem über Interpretationsmuster hinaus. Sie enthalten politische Handlungsangebote. Deshalb können sie in modernen Gesellschaften auf ganz unterschiedliche Weise wirksam werden. Am Beispiel der Schweiz lässt sich zeigen, wie nationale Selbst- und Fremdbilder in einer fortlaufenden imagologischen Bastelei immer wieder verändert werden.[11]

Mit seinem Vortrag machte Jakob Tanner deutlich, dass er die Schweiz keinesfalls als einen Sonderfall gelten lassen will. Vielmehr geht es ihm mit seiner Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert um einen anderen Begriff der Moderne. Die Schweiz, ließe sich sagen, ist nicht zuletzt ein Spiegelbild des Kapitals, dessen gespenstischer Fluktuation und seiner Praktiken, die besonders im Zusammenhang von Geheimnis und Geschäft formuliert werden können.

Diese Moderne lässt sich nicht mehr eindimensional oder unilinear lesen, sondern sie erweist sich als ambivalent und gebrochen. Licht- und Schattenseiten gehören zusammen und gehen oft in ein Zwielicht über. Das Interesse richtet sich auf kulturelle Dissonanzen und strukturelle Friktionen, die sich aus ungeplanter gesellschaftlicher Komplexitäts- und Kontingenzsteigerung ergeben.[12]   

 

Es lässt sich auf Swiss Fort Knox zurückkommen als ein mythologisches Bauwerk. Auf der Website des Unternehmens werden die Versprechen und Schrecken der globalen Vernetzung und des Hochfrequenzhandels Bild und von Legenden begleitet. Vom „Landeplatz für Business-Jets und Helikopter“ über „Zoll für direkte Auslandsanbindung“ bis zu „Div. Kommunikations-Verbindungen per Funk und optisch“ vereint Swiss Fort Knox die moderne Highend-Mobilität mit allen Arten der Kommunikationstechnik. Wovor im mythischen Geheimbunker geschützt werden soll, wird paradoxer Weise gleichzeitig als Service-Ware angeboten. Die „Hotel-Infrastruktur. Notarbeitsplätze, Unterkunft, Catering-Infrastruktur“ gehört ebenso zur Lebenswelt der zeitgenössischen Kapitalismus-Phobiker wie die „Klimakontrolle: ABC-Luftreinigungs-System gegen terroristische Anschläge“. Swiss Fort Knox führt alle Wissensbereiche zusammen, koordiniert sie und verspricht die Wahrung der Geheimnisse als höchstes Gut.

Swiss Fort Knox mit seiner namentlichen Anknüpfung an das legendäre Goldlager der Vereinigten Staaten von Amerika, verspricht im Zeitalter digitalisierter Finanzströme mit Mythen Sicherheit, die spätestens seit der Goldbindung der Währung mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973 aufgegeben wurden. Vielmehr ist der Goldpreis heute mit Aktienkursschwankungen verschaltet. Als Mythos aber zirkuliert das schemenhafte Wissen von Fort Knox weiter und materialisiert sich in den Berner Alpen. Das zeitgenössische Gold ist „Ihre Informatik“, deren Wert sich allerdings nur in der Zirkulation erweist.  

 

Torsten Flüh

 

Nächste Mosse-Lecture
Eva Menasse und Carolin Emcke (Berlin) 

»Das Geheimnis (in) der Literatur« 

Donnerstag, 04.02.2016, 19 Uhr c.t. 

Unter den Linden 6 

Senatssaal 

 

Jakob Tanner 

Geschichte der Schweiz 

im 20. Jahrhundert 

2. Auflage 2015. 679 S.: mit 2 Karten. Gebunden 

ISBN 978-3-406-68365-7 

Auch als E-Book lieferbar.

_____________________________________


[1] Eigenwerbung von Swiss Fort Knox auf http://www.swissfortknox.ch/

[2] Vgl. Girogio Agamben: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform. Homo Sacer IV, 1. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2012, S. 9. Siehe auch: Torsten Flüh:Leben auf der Schwelle http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Leben-auf-der-Schwelle-Zu-Giorgio-Agambens-homo-sacer-Projekt-und-der-Pfingstserenade-in-Kloster-Chorin.aspx (28. Mai 2012 20:27)

[3] Mosse-Lectures Wintersemester 2015_16: Dienst am Geheimnis. Geheimes Wissen in seiner Funktion und Bedeutung. https://www.mosse-lectures.de/web/index.php/de/content/main.html

[4] Ebd.

[5] Jakob Tanner: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. München: C.H. Beck, 2015, S. 17.

[6] Ebd.

[7] Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Zürich: diaphanes, 2010/2012, S. 39.

[8] Siehe auch: Torsten Flüh: Das Unfassbare im Netz. Gerüchte – Eine Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin. http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Das-Unfassbare-im-Netz-Geruchte-Eine-Ausstellung-im-Museum-fur-Kommunikation-Berlin.aspx 

[9] Sigmund Freud: Das Unheimliche (1919) In: ders.: Kleine Schriften II. projekt.gutenberg.de 2011.

[10] William Emmanuel Rappard: Die Politik der Schweiz im Völkerbund 1920-1925: eine erste Bilanz. Chur: Bergland-Verlag, 1925, S. 53-54.

[11] Fritz Zorn: Mars. Mit einem Vorwort von Adolf Muschg. München: Kindler, 1977, S. 45.

[12] Ebd. S. 7.

[13] Ebd. S. 8.

[14] Ebd. S. 28.

[15] Ebd. S. 45. 

[16] Jakob Tanner: Geschichte … [wie Anm. 5] S. 17.

[17] Ebd. S. 19.