Nicht "aushalten, zu leben ohne zu schreiben" - Zu Christa Wolfs Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011

Briefeschreiben – Werk – Biographie 

 

Nicht „aushalten, zu leben ohne zu schreiben“ 

Zu Christa Wolfs Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011 

 

Christa Wolf lebte vom und im Briefeschreiben. Weit umfangreicher als das literarische und essayistische Werk von Christa Wolf sind die „abgerundet … circa 15000 Briefe()“, die sie schrieb, in Kopie per Kohle- oder Blaupapier durchschrieb und in Mappen auf verschiedene Weisen ordnete wie archivierte. „Wenn das Briefeschreiben stockte, stockte auch das Schreiben am literarischen Werk“, sagte die Herausgeberin Sabine Wolf, die zugleich als Leiterin der Literaturabteilung des Archivs der Akademie der Künste die Briefe in Archivkästen aufbewahrt und studiert hat, bei der Vorstellung des umfangreichen, doch nur bruchteilhaften Briefbandes – 483 Briefe auf mehr als 900 Seiten – im Literaturforum im Brecht-Haus.

  

Im Gespräch mit Sonja Hilzinger, die seit den 80er Jahren selbst mehrere Bücher im Suhrkamp Verlag zu Christa Wolf veröffentlicht hat, gab die Herausgeberin der Briefe detailliert Auskunft über deren Besonderheiten. Die Namensgleichheit der sensibel vorgehenden Herausgeberin Sabine Wolf geht aus keinem verwandtschaftlichen Verhältnissen hervor. Doch Sonja Hilzinger und Sabine Wolf haben eine fast schon leidenschaftliche Beziehung zur Schriftstellerin und Briefeschreiberin Christa Wolf. Denn sie zählt zu jenen Autorinnen, die durch ihre Schreib- und Erzählweise besonders in den 80er Jahren in Ost- und West-Deutschland zur Identifikation einluden. Wie Christa Wolf fragten sich ihre Leser_innen, wie man das Richtige tun könne. Denn das Richtige war die ethische Frage der diplomierten Germanistin, die in Jena und Leipzig u. a. bei Hans Mayer studiert hatte.  

 

Der geteilte Himmel, Nachdenken über Christa T., Kein Ort Nirgends, Kassandra und die Frankfurter Poetik-Vorlesungen gehörten für eine ganze Leserinnen- und Lesergeneration von Aufbau-Verlag und Luchterhand Literaturverlag in den 70er und 80er Jahren zur Identifikationslektüre. Frauen und Männer fühlten sich durch die Frauen- und Männerschicksale in den Erzählungen von Christa Wolf meistens direkt angesprochen. Es gab – und gibt – einen besonderen Zauber, der Autorin in ihren Fragestellungen und Formulierungen zu folgen. Mit Kassandra (1983), die 1994 von Michael Jarrell als Monodrama komponiert wurde, und den Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1982) formulierte Christa Wolf ein weibliches Schreiben und Sehen gegen die aufrüstenden Systeme.[1] Wenn man sich nun in die so außerordentlich umfangreichen Briefe von Christa Wolf einliest, dann korrespondiert ihre Schreibweise mit der Erzählweise in den Büchern. Das Briefeschreiben gehört zur einzigartigen Literaturpraxis Christa Wolfs.

  

In der Literaturpraxis Christa Wolfs wurden nicht zuletzt die offiziellen, staatlichen und ideologischen Wissenspraktiken der Funktionäre und Systeme spätestens nach einem „Nervenzusammenbruch 1959“[2] befragt, als Leid formuliert und bisweilen offen kritisiert. In ihr verschränken sich das Schreiben der Briefe und die Literaturwerke, die sich zum Ärger der Funktionäre nicht anders schreiben ließen, zu einem Schreibprozess. Werden Briefe in der Literaturwissenschaft häufig als Quellen und Beweise herangezogen, so kehrt es sich bei der Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Christa Wolf geradezu um. Die veröffentlichten Bücher werden beispielsweise durch die „Leserpost“, deren gewissenhafte Beantwortung und ihre „(d)urch und durch professionell(e) … Geschäftskorrespondenz“[3] selbst in die Literaturpraxis hineingezogen. Sie ringt 1969 um eine „Briefliteratur“: 

Ich habe oft gesagt, daß es über unsere Zeit leider später mal keine Briefliteratur geben wird, weil kein Mensch mehr Briefe schreibt, aus mehreren Gründen. Auch ich nicht, oder nur selten. Mitteilungen, Anfragen, Proteste – das ja. Aber einen richtigen Brief?[4]

 

Wer einen „richtigen Brief“ schreiben möchte, während sie das Fehlen einer „Briefliteratur“ beklagt, ist selbst schon in einer drin, könnte man sagen. Das Fehlen der Briefliteratur und die Klage darüber überschneiden sich bei Christa Wolf mit der „Suche nach Identität, nach Wurzeln des Selbst“[5] nicht nur zufällig. Die Literatur wird zu einem Ort des Selbst und der Identität, die sich nicht verwurzeln lässt. In der Literaturpraxis von Christa Wolf geht es um einen Sehnsuchtsort namens Literatur, der sich nicht einfach erreichen lässt, sondern sich im Schreiben ständig herstellt und wandelt. Die gewissenhafte Briefeschreiberin stellt auf paradoxe Weise das Subjekt der Briefe her – „Ich habe oft gesagt“ – und negiert es hinsichtlich eines „richtigen“ Briefes. Durch diese Spannung gewinnt indessen die Briefliteratur der Christa Wolf an Volumen und lässt sie zu ihrer Protagonistin werden.

  

Sabine Wolf formuliert die Ausgabe der Briefe „als eine Gesamtschau, die zeig()e, wie das Briefeschreiben das Leben Christa Wolfs begleitete“ und ihr „Mittel … zur Selbstverständigung war“.[6] Vielleicht kann und muss man gar sagen, dass das Leben ohne das Briefeschreiben bei Christa Wolf gar nicht ging. Die Funktion des Briefeschreibens war Lebens- und Überlebenspraxis, die gleichfalls zu ihrem Konzept der Schriftstellerin als Beruf gehörte. In ihrem Selbstverständnis als Schriftstellerin war es eine Berufung nicht durch „eine() Art Rundbrief“, sondern weil sie es nicht „aushalten“ konnte, „zu leben ohne zu schreiben“, wenn sie fast schon grob an den späteren Lehrer Johannes Schubert in Freiburg am 5. März 1974 aus Kleinmachnow schreibt. 

Sehr geehrter Herr Schubert, 

ich habe noch nie gehört, daß jemand die Entscheidung, ob er Schriftsteller werden solle oder nicht, vermittels einer Art Rundbrief von anderen erbat. Meine Antwort ist kurz und bündig: Wenn Sie es aushalten, zu leben ohne zu schreiben, dann werden Sie lieber Lehrer.
Besten Gruß
 

//Christa Wolf//[7]

 

Einfach so geschrieben hat Christa Wolf vermutlich nie. Sie konnte es nicht anders „aushalten“. Eingedenk ihrer Praxis des Durchschreibens in Kopie an der Schreibmaschine gerät denn auch ein Brief an Rosemarie Zeplin vom 22. Mai 1985 zu einer Verschränkung von tagebuchartiger Erzählung, Lektüre eines „Katzenhymnos“ und Haltung zum Literaturbegriff der befreundeten Schriftstellerin und Ehefrau Günter de Bruyns. 

Liebe Rosemarie, 

ich habe mich ganz doll gefreut, als ich vorgestern abend Deinen Brief hier vorgefunden habe – wir kamen aus Woserin angefahren, ich ziemlich krank, mit Stirnhöhlenentzündung, die ich versucht habe, nicht zu beachten, aber heute mußte ich mich doch hinlegen, nun sitze ich an der Maschine, der Schweiß trieft in Strömen an mir runter, und ich muß mit der Maschine schreiben, weil meine Hand immer das Papier durchnäßt. Es war wohl der Zugwind an der Grenze, wo wir lange im Auto stehen mußten, das Fenster heruntergedreht, leider. Das war vorige Woche Freitag, Mittwochs hatten sie mir in Hamburg den Ehrendoktor übergestülpt, es war eine dieser ganz und gar unnützen Veranstaltungen, derer ich mich unterzog um anderer willen, in diesem Fall wegen des braven Hölderlin-Herausgebers Dietrich E. Sattler, der auch diesen Doktor kriegte, für den er ganz wichtig war und der sich wohl gekränkt hätte fühlen können, wenn ich ihm abgesagt hätte. Ich weiß nicht, ob ich das noch lerne, in solchen Fällen etwas rücksichtsloser auf meine innere Stimme zu hören – eher nein, aber auf diese Weise waren wir jedenfalls bei Sarah, woran das einzige Negative war, daß sie auch eine Katze hat und daß Gerd, obwohl wir den ganzen Tag draußen und nur abends zwei Stunden in ihren schönen Stuben saßen, seine schon vorhandene Asthma-Allergie an dieser liebenswerten Katze neu aktivierte. Nun las ich in Deinem Brief Deinen Katzenhymnos – den ich so ganz nachfühlen kann, auch ich erlebte Katzengeburten in Kleinmachnow, wir heulten, als unser guter Kater Max starb -, und nun muß ich mir vorstellen, daß wir nie mehr zu Euch kommen können, falls diese lieben Katzen bei Euch drin sind …[8]

 

Ein wenig delirant und voller Widersprüche mutet der Brief der wohl fiebrigen Briefeschreiberin – „der Schweiß trieft in Strömen“ – an der Maschine an. Briefliteratur wird das Schreiben vor allem insofern als die „Stirnhöhlenentzündung“ sowohl mit den Überwachungs- und Reiseprozeduren zwischen den beiden deutschen Staaten, den schriftstellerischen Ehrungen als „ganz und gar unnützen Veranstaltungen“ wie auch literaturwissenschaftlichen Verdiensten des „braven Hölderlin-Herausgebers“, dem Besuch bei der in den Westen übergesiedelten Schriftstellerin Sarah Kirsch und nicht zuletzt einer Katzenhaar-Allergie in Verbindung gebracht wird. Die Reiseerzählung derart widersprüchlich und brüchig zu eröffnen, setzt trotz Fieber schon eine gewisse Schreibstrategie voraus. Es geht um einen Literaturbegriff. Denn bei aller Arglosigkeit geht es doch und später detaillierter mit Sarah Kirsch und Peter Hacks um harte Politik und die Mitleser von der Staatssicherheit im Postverkehr.

  

Der Brief an Rosemarie Zeplin ist mindestens ebenso literarisch wie politisch, als er das schreibende Ich, das gleichzeitig weiß, dass es überwacht wird, in Szene setzt. Unentscheidbar wird durch die auch heikle Erzählung vom Besuch bei Sarah Kirsch, ob und wie erkältet das schreibende Ich ist. Die Geschichte mit den Katzen droht geradezu, dass Gerhard und Christa Wolf „nie mehr zu Euch kommen können“. Sind es nun Katzen oder die Mitleser der Staasi, die das Treffen der Freunde bedrohen. Die Katzen können eine metaphorische Funktion annehmen. Man kann es nicht wissen. Diente das Briefeschreiben einerseits zur Literaturpraxis der Schriftstellerin, die auch diesen Briefen durchschreibt für ihr Archiv in Mappen, um versichernd jederzeit belegen zu können, was sie geschrieben hat, so funktioniert es andererseits, um ein Ich ebenso delirant wie sich selbstversichernd und sich selbst überwachend in Szene zu setzen.

 

Nicht nur Sarah Kirsch und der Besuch bei ihr wird zur Literaturpolitik unter Fieberschüben. Vielmehr hatte Günter de Bruyn in der Akademie der Künste der DDR an dem »Gespräch über Georg Lukács aus Anlass seines 100. Geburtstages« am 22. April 1985 teilgenommen, wie die Herausgeberin Sabine Wolf kenntnisreich und präzise in der Fußnote 5 erläutert.[9] An dem literaturpolitisch brisanten „Gespräch“ hatten Werner Mittenzwei, Peter Hacks, Heiner Müller, Hermann Kant und Günter de Bruyn teilgenommen, wobei es insbesondere Peter Hacks und Günter de Bruyn waren, die über den „Literaturbegriff“ heftig aneinander gerieten, während Hermann Kant sich als SED-Abgeordneter der Volkskammer der DDR und Literaturfunktionär zurückhielt. Im Brief an Rosemarie Zeplin solidarisiert sich Christa Wolf nach der deliranten Eröffnung dezidiert mit Günter de Bruyn, so dass es nicht ganz abwegig ist, dass das fiebrige Delirium ebenso einen Literaturbegriff vorführt. 

Diese ganze Lukácz-Veranstaltung habe ich mir schon genüßlich von mehreren Seiten schildern lassen, bei allen lief es auf ein Anti-Hacks-Lamento hinaus, ich kriegte noch nachträglich eine Wut und fing an, innerlich gegen ihn zu polemisieren. Nie würde ich mich mit ihm in eine Runde setzen, es sei denn so gut vorbereitet und mit anderen abgestimmt, daß er überzeugend in die Schranken verwiesen wird, unverschämter Bursche, der er ist.[10]

  

Bei Dussmann stehen die Briefe nicht beim Werk, sondern in der Rubrik Biographie. Die Briefe lassen sich wegen der unauflöslichen Überschneidung von Literatur, Briefliteratur und Werk bei Christa Wolf mehr und anders als bei anderen Autoren nicht einfach vom Werk trennen. Sie sind in einer Literaturpraxis miteinander verwoben. Natürlich gibt es die Essays, Veröffentlichungen, Vorlesungen, Reden und Bücher, aber die Themen der Subjektivität, der Identität, der Krankheit und des Staates spielen bis in die kleinsten Verästelungen und Katzenhaare ebenso in die Briefe hinein. Auf diese Weise werden die Briefe zu einer anderen Auto-Biographie, an der das Ich immer auch schreiben muss, weil Christa Wolf es nicht aushalten konnte, „zu leben ohne zu schreiben“. Das mag eine kühne Formulierung nur gewesen sein, doch trifft sie sehr genau die Funktion des Briefeschreibens.   

  

Es ist nicht nur die exzellente, kenntnisreiche Komposition und Herausgabe der Briefe durch Sabine Wolf, was freilich schon viel wäre und unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsrechte knapp 5 Jahre nach dem Tod Christa Wolfs am 1. Dezember 2011 nahezu eine Sensation ist. Vielmehr noch sind die Briefe für die Literaturwissenschaft und -theorie von größtem Interesse, weil Christa Wolf ihre Briefe nicht zuletzt zur Herausgabe vorgesehen und Gerhard Wolf dagegen keine Einwände hatte. Auf einzigartige Weise kommen in der Briefedition Literaturpolitik, Literaturpraxis und Briefliteratur zusammen, als verrieten sie keine Geheimnisse. Das Geheimnis bleibt vielmehr die Literatur selbst, wenn doch die detailliertesten Einblicke in die literarische Produktion gewährt werden. 

 

Torsten Flüh  

 

Christa Wolf 

Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. 

Briefe 1952-2011. 

Suhrkamp 2016 

D: 38,00 €  

A: 39,10 € 

CH: 50,90 sFr 

Erschienen: 14.11.2016 

Gebunden, 1040 Seiten 

ISBN: 978-3-518-42573-2 

Auch als eBook erhältlich. 

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[1] Torsten Flüh: Aufheller und Abgesang. Pills or Serenades von Chico Mello und Kassandra von Michael Jarrell bei MaerzMusik 2013. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. März 2013 18:41.

[2] Sabine Wolf: Nachwort. In: Christa Wolf: Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011. Herausgegeben von Sabine Wolf. Berlin: Suhrkamp 2016, S. 936.

[3] Ebenda S. 946.

[4] Ebenda S. 945.

[5] Ebenda S. 936.

[6] Ebenda S. 946.

[7] Christa Wolf: An Johannes Schubert, Freiburg. In: Christa Wolf: Man … [wie Anm. 2] S. 238.

[8] Christa Wolf: An Rosemarie Zeplin, [Blabber/Görsdorf] In: Christa Wolf: Man … [wie Anm. 2] S. 483-484.

[9] Ebenda S. 486.

[10] Ebenda S. 484.