Would you mind to talk about ... - MEAT beim Festival F.I.N.D. im Studio der Schaubühne

Identität – Internetcafé – Sex 

 

“Would you mind to talk about ..?” 

MEAT beim Festival F.I.N.D. im Studio der Schaubühne

 

Es geht einen längeren dunklen Flur hinunter. Kurz vor dem Notausgang und zu den Toiletten geht es links ab ins Internetcafé, in den Späti, in die 24-Stunden-Immer-Offen-Welt, der mit den Bierkisten, den Drinks, Zigaretten, Chipstüten etc. WELCOME Spätis blinken die ganze Nacht. Sie locken meist junge Leute auf nächtlichen Touren durch die Stadt. Am Nettelbeckplatz im Wedding gibt es jetzt 3 Spätis, seitdem das Stattbad Partys macht. Das Publikum für die 240-Stunden-Installation MEAT auf dem F.I.N.D.-Festival ist mindestens so jung und hipp und unternehmungslustig wie am Nettelbeckplatz, obwohl der Lehniner Platz spätifreie Zone ist. Zu feine, zu teure Gegend.

Dann nimmt dich die Frau mit der Katzenmaske aus Plastik an die Hand und zieht dich an den Computerplätzen vorbei, wo andere mit Tiermasken sitzen, in die MEAT-Installation. Sie setzt dich neben eine Frau in einem ranzigen Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. Das Aquarium ist fischleer und sein Wasser milchig. Die Frau tippt auf ihrem Smartphone rum. Du fragst. Sie sagt, sie lebe hier. Ist doch eigentlich klar man. ─ Letzter 4-Stunden-Slot am Sonntag, den 13. April 2014 von 13:00 Uhr bis 17:00 Uhr. Ausverkauft. Restkarten an der Abendkasse.

Ab jetzt geht’s um „fragmentierte Identitäten“. Rollen, die ich und du spielen. Irmgard’s Flat. Das Ganze ist erotisch aufgeladen. Neukölln oder irgendwo in Toronto.  Halb nackte Gogoboys an Hundeleinen. Denver Rodriguez schreibt auf seinem Facebook-Profil: “If you think about sex when you see me, don't worry, me too.”  Irgendwie ist alles ganz nah und intim und es ist furchtbar warm und riecht, das Jackett ist sowieso schon unter dem Arm und … Wie weit kannst du jetzt gehen? Und Rita Bauer singt in der Kneipe „Zu den 3 Stufen“ ein wenig schräg: Für mich soll’s rote Rosen regnen… Und ich muss letzten Samstag so um 18:00 Uhr auch im Livestream von Rita zu sehen gewesen sein. Gibt es Grenzen? Wer spielt hier welche Rolle?

MEAT gibt es natürlich auch im Berliner Schaubühne festival blog und teilweise im Livestream als livemeat.tv. Es geht ums Fleisch. Und was heißt eigentlich „fragmentierte Identitäten“? Gibt es denn noch Leute, die meinen, sie hätten nur eine möglichst homogene Identität? Identität ist spätestens seit Judith Butler immer auch Rollenspiel. Thomas Bo Nilsson hat MEAT als Beitrag zum Festival Internationale Neue Dramatik, kurz: F.I.N.D., 2014 aus Schweden beigesteuert, obwohl Nilsson wohl ziemlich vertraut mit Berlin ist. Er dockt mit MEAT an die aufsehenerregende Festnahme des kanadischen Pornodarstellers Luka Magnotta in einem Neuköllner Internetcafé 2012 an. Eric Clinton Newman alias Luka Magnotta war auf der Flucht vor der kanadischen Polizei, die ihn beschuldigt, den chinesischen Studenten Jun Lin umgebracht, zerlegt und teilweise gegessen zu haben.

Die Welt der Installation von MEAT könnte die von Luka Magnotta sein. Ein Labyrinth der ranzigen Kneipen, Nagelstudios, Stripperbars, überheizten Wohnzimmer, messiartigen Zimmer. »If you don’t like the reflection. Don’t look in the mirror. I don’t care«, soll in einem Schrank in der Einzimmerwohnung von Luka Magnotta gestanden haben. ─ Wenn du die Spiegelung nicht magst. Schau nicht in den Spiegel. Mich kümmert das nicht. ─ Bemerkenswert an der Formulierung ist, dass das narzisstische Verhältnis zum Spiegelbild durchbrochen wird, obwohl Luka Magnotta als Pornodarsteller, Model, Stripper, Escort und wahrscheinlich auch als Kameramann, Regisseur und Actor in dem Internet-Video „1 Lunatic, 1 Ice Pick“ arbeitete. Tätigkeiten also, die deutlich auf narzisstische Konstellationen verweisen.

 

Formuliert wird in roter Tintenschrift auf dem Zettel eine Verneinung der Identitätsanordnung. Man muss den Typen im Spiegel nicht mögen. Der sieht echt scheiße aus, aber das macht nichts. Anders gesagt: es gibt einen Bruch im Spiegelszenarium, der zu denken gibt. Einerseits liegt darin geradezu eine Geste der Befreiung von einem Sich-mögen-müssen. Andererseits stellt sich auch die Frage, was mit jemandem passiert, der sich nicht darum kümmert, dass er sich nicht mag. Hat das bereits destruktive Qualitäten? Antworten werden in der MEAT-Installation (Konzept, Regie, Text Thomas  Bo Nilsson) nicht gegeben.

Die Installation findet nicht nur im Studio statt. Es ist auch eine hochvernetzte Installation der Medien, Profile und Livestreams. Sie lässt die Grenzen zwischen den Medien verschwimmen und macht das Publikum selbst zu Mitspielern über ihre Publikumsrolle hinaus. Irgendwann mache ich mit Irmgard in ihrem Flat vor dem Fernseher Aerobic-Übungen auf dem Teppich. Sie will das. Und Rita Bauer will auch mit Blitz fotografiert werden, wenn sie Für mich soll’s rote Rosen regnen singt. Rita schreibt mir dann auch auf einen Zettel, dass sie Regula Steiner-Tomic heißt, als ich sage, dass ich das Foto für meinen Blog gemacht habe und über die Installation schreiben werde. Hat ein bisschen länger gedauert, war eine anstrengende Woche. Aber natürlich ist Regula eine tolle Rita.

Spaß macht MEAT natürlich nur, wenn man sich drauf einlässt. Schließlich darf man 4 Stunden drin bleiben. Und dann hat man schon irgendwann raus, dass die Schauspieler bzw. 60 Performer die sind, die kein rotes Eintrittsbändchen mit F.I.N.D. am Handgelenk haben. Ganz sicher macht das aber nicht. Denn dann fragt meinen Freund, mit dem ich gekommen bin, trotzdem einer mit Eintrittsband in der Kneipe: “Would you mind to talk about sexual orientation?” Das verfängt dann total. Und passt ja eigentlich in die Installation. Wie war das denn nun mit den Performern und dem Publikum? Mit der Identität und den Rollen?

Was sich in der Installation MEAT einstellt, lässt sich vor allem dahin formulieren, dass die Performance nicht einfach auf einer Bühne oder in einem Raum stattfindet, von dem sich die Besucherinnen distanzieren könnten. In der Performativität, die Erika Fischer-Lichte noch deutlich an einen Raum und Körper koppelt, gibt es noch Abgrenzungsmöglichkeiten. Thomas Bo Nilsson lässt nicht zuletzt durch den Einsatz sogenannter neuer Social Media wie Facebook und Bambuser ─ „show the world“ ─ im livestream Räume und Körper in einer Performativität aufgehen. Und zwar unter der Maßgabe, dass jeder Performer wird bzw. ist. Das rote Eintrittsbändchen, über das sich hinwegsehen lässt, wird zum letzten winzigen Merkmal, so dass in der MEAT-Welt die berechtigte Frage aufkommt, ob man in ihr Sex haben könnte.

Es geht in der Luka Magnotta nachempfundenen Welt nicht nur um „fragmentierte Identitäten“, die früher ganze waren. Vielmehr wirft sie die Frage nach der Identität auf. Die Konstruktion einer geschlossenen, totalen Identität hat sich längst als fragwürdig erwiesen. Sie ist in eine große Krise geraten, weil vermeintlich die technischen Medien eine Zulegung von unterschiedlichen, gar widersprüchlichen Identitäten ohne großen Aufwand ermöglicht. Doch in der Identitätsfrage schimmert ein seit den Anfängen der Moderne überhaupt virulentes Problem hervor. Sie lässt sich bei Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn ebenso wie im Prinz von Homburg formuliert finden. Oder beim Talentierten Mr. Ripley von Patricia Highsmith konnte man das Identitätsproblem in den Koordinaten des Begehrens schon sehen.

Möglicherweise kommt Thomas Bo Nilsson mit MEAT der Performance von Luka Magnotta ziemlich nah. Einer Performance ohne Regulativ. Das Monströse an Luka Magnottas vermutlichen Mord und Kannibalismus wäre nicht seine Verwicklung in die Körper- und Sex-Medien von Porno und Prostitution via Social Media von der Kneipe über den Stripper-Club bis zum Internetcafé. Vielmehr wäre es das Monstrum Mensch, das sich im Netz seines Begehrens austobt, verliert und auslöscht. Der Kannibalismus wäre dann vor allem auch die eigene Auslöschung oder die Auslöschungen des Eigenen als Identität.

 

Torsten Flüh

 

MEAT 

F.I.N.D. 

Studio 

Schaubühne am Lehniner Platz 

noch bis zum 13. April 2014, 13:00 Uhr plus 4 Stunden 

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