Unfassbar! - SHOW ME mit Oscar Loya im Friedrichstadt-Palast

Maschine – Mensch – Show

 

Unfassbar!

SHOW ME mit Oscar Loya im Friedrichstadt-Palast

 

Mein Freund Flavio ursprünglich aus Kolumbien, nach Flensburg jetzt in Potsdam, kommt aus dem Staunen nicht heraus: So etwas habe ich noch nie gesehen. Genau um dieses Nie-zuvor-gesehene geht es mit der neuen Mega-Show im Friedrichstadt-Palast mit dem programmatischen Titel SHOW ME. Gezeigt wird, was man bisher nicht für möglich hielt, dass man es außer im Traum einmal sehen würde. Von poetischen Momenten – The Poetry -, wenn Oscar Loya mit Nina Makogonova und einem magischen Schleier im Wind einen Pas de deux tanzt, bis zu very aggressiv moments wie Splash! ist alles drin.   


Körper prallen aufeinander. Körper bewegen sich in Zeitlupe. Menschen fliegen und schweben im Raum. In einem der ersten Bilder ganz zu Anfang taucht auf einmal eine Gestalt von oben hinter einem Schleier wie im Wasser in die Tiefe, wo wir uns Sekunden zuvor noch auf einer Showbühne wähnten. Schnitte und Blenden, Überblendungen vertauschen die Elemente vor offenem Auge auf der Bühne.


Foto: Robert Grischek (Bearbeitung, T.F.)

Es sind zu einem guten Teil  filmische Mittel, die Roland Welke für SHOW ME einsetzt. SHOW ME funktioniert mehr als Film zwischen Vision und Sound denn als Erzählung. Die Live-Musik vom 16-köpfigen Orchester mit Streichern, Drums und Percussion etc. wird von drei  weit auseinander liegenden Orten über die Sound-Anlage – Sounddesign Cedric Beatty - abgemischt und in den Saal gespeist. Es ist eine Art Filmmusik – Kompositionen von Anja Krabbe, Frank Kretschmer, Martin Wingerath - zur Emotionalisierung von Bildern. Nicht umsonst knüpfen Roland Welke und Jürgen Nass als Autoren und Regisseure an die Erzählung vom Medium Show und dem Film selbst an: Florenz Ziegfeld, Busby Berkeley, Esther Williams.


Allein Florenz Ziegfeld (1867-1932) begann noch mit der Show und seinen Ziegfeld Folies (1907-1932) im Theater am Broadway mit dem Format Musical, das er bereits 1929 in das Medium Tonfilm überführte. Es war Busby Berkeley (1895-1976), der das Musical mit Erzählung in eine Bildermaschine verwandelte, die fast vollständig ohne Erzählung auskommt. Denn es ist nicht zuletzt die Verfilmung von Ziegfelds Whoopee! 1929, mit der Busby Berkeley seine, wenn man so will, Revue- oder Musikfilm-Karriere als Regisseur begann. Der Ausruf Whoopee! als Titel für Broadway-Musical und Musikfilm in Technicolor funktioniert als Scharnier.


Bereits in der Eröffnungssequenz von Whoopee! verabschiedet sich die Erzählung ins Nachträgliche. Der Ausruf Whoopee! wird im Film zum Startschuss für eine erste ornamentale Bildinszenierung. Cowboys und Cowgirls finden zu einem Showtanz zusammen, der sogleich in ein sternartiges Ornament, von oben gefilmt, verwandelt wird. Die allein filmisch generierbare Aufsicht, mit der die Mädchen- und Jungsreihe zum kreisenden Ornament wird, zeigt Busby Berkeleys entscheidende Innovation für den Musikfilm. Was zählt, sind Bilder und wie sie ineinandergreifen. Das Ineinandergreifen wird dabei vor allem durch die Musik und Schnitte, die unterschiedliche Perspektiven aneinanderkleben oder montieren, gewährleistet.[1]


SHOW ME folgt diesem Prinzip der Bildermaschine und zögert doch an so manchen Stellen, was ein wenig schade ist. Roland Welke erzählt etwas zuviel vom Glamour und von den drei Großen - Florenz Ziegfeld, Busby Berkeley, Esther Williams – zwischen Revue, Musikfilm und Sportikone. Esther Williams war vor allem die perfekte Besetzung, um die Bildermaschine zu erweitern, indem sie sich im Wasser geradezu schwerelos bewegte. Wie mit Whoopee! 1929 die Bildwelt durch die Aufsicht erweitert wird, so ist es spätestens 1952 Esther Williams mit Million Dollar Mermaid im Schwerelosigkeit verheißenden Element Wasser, die nie zuvor gesehene Bilder generierte.[2]


Esther Williams und das Wasserballett, bei dem dann das Feuer im Wasser wie im Juli 1944 in Bathing Beauty als elementarer Kontrast in Szene gesetzt wird, spielten mit den Elementen. Insbesondere das Wasserballett in Bathing Beauty kann mitten im 2. Weltkrieg als eine sublime Form der Truppenbetreuung gelten. Die traumatischen Bilder von versinkenden und brennenden Kriegsschiffen, werden im Trailer mit den Beauties, also den Schönheiten, die sich zu ornamentalen Rettungs-Ringen, Rettungs-Inseln und Blumen im Wasser formieren, verwandelt. Auf hoher See und vor ostasiatischen wie europäischen Küsten standen Schiffe in Flammen und ertranken ganze Schiffsbesatzungen. Wie es in John Adams Oper Nixon in China heißt, vermischte sich der Gestank nach verbranntem Menschenfleisch mit dem von Burgers. In Bathing Beauty schwimmt Esther Williams schwerelos im sonst feindlichen und tödlichen Element auf dem Rücken, während nicht nur Fontänen aus Wasser, sondern auch aus Feuer im Wasser das Bild rahmen.


Wie in Bathing Beauty gehört das Versprechen auf Schönheit und Schönheiten zum Programm der Show bzw. Revue. Die badende Schönheit Esther Williams verknüpft auf schier unglaubliche Weise mehrere Ebenen miteinander. Die erfolgreiche Schwimmerin schwimmt nicht mehr, sondern badet, ohne sich anstrengen zu müssen, während den Soldaten im Krieg schon ein Bad zur Körperreinigung als Luxus erscheinen muss. Genau diese Schnittstelle von sportlichem Erfolg als Folge leidenschaftlicher und bisweilen entbehrungsreicher Leistung und dem entspannenden Baden einer Schönheit macht in Zeiten des Krieges den Erfolg von Esther Williams aus. Körper und Nacktheit können als Ergebnis harter Arbeit in zwecklose Schönheit transformiert werden.


Natürlich gilt das Erfolgsprinzip von harter Arbeit, die in zwecklose Schönheit als Ablauf von Bildern vorgeführt wird, insbesondere in einer Live-Show. Das Prinzip Arbeit als körperliche, wie es nicht zuletzt im 19. Jahrhundert mit der Industriellen Revolution ausgebildet wird, lebt in der Körperarbeit einer Show wie SHOW ME fort. Doch im Verhältnis zum 19. und 20. Jahrhundert, in dem die körperliche Arbeit der Menschen stark mit den Maschinen verkoppelt ist, hat eine Entkopplung stattgefunden. Der definierte Körper von Oscar Loya als Hauptdarsteller verweist auf keine körperliche Arbeit mehr. Die Maschinen – Hanteln, Fitnessgeräte etc. – dienen Loya nun allein dazu, einen Körper zu definieren, herzustellen, der sonst massenweise im Übergewicht ertrinkt.


Oscar Loya wird zum Hauptdarsteller von SHOW ME, nicht weil er besonders präsent singt oder tanzt oder sonst eine besonders dominierende Rolle einnehmen würde, sondern weil er das Prinzip Design, das aus der Arbeit hervorgegangen ist, verkörpert. Die Artisten, das Ballett und die drei höchst überzeugenden Sängerinnen Talita Angwarmasse, Gina Marie Hudson und Amber Schoop „arbeiten“ in der Show mehr als Oscar Loya, um es einmal so zu formulieren. Doch er allein zeigt auf perfekte Weise den definierten Waschbrettbauch unter dem Smokingjackett, mit dem er nichts machen muss. Sehr wohl macht er natürlich sehr viel dafür, aber gezeigt wird, was er nicht machen muss.


SHOW ME als Titel der Show spielt, wie Bernd Schmidt als Intendant verriet, durchaus gezielt mit einem breiten Assoziationsraum. Es ist keine Bezeichnung. Nur Name und Titel einer Show, zu denen einem beispielsweise die Übersetzungen einfallen könnten: zeig’s mir, zeig mir etwas, eine Show über ein „me“, oder „Glamour is back.“ Ähnlich offen wie der Titel ist letztlich auch das Versprechen auf „Glamour“ vor allem in einer Formulierung, die andeutet, dass der Glamour einmal fort und nun wieder da ist. Was wäre denn Glamour?

Glamour hat mit dem Bild zu tun. Er gehört zum Bild, ist selbst kein Bild und lässt sich nicht fassen. Christian Lacroix hat einige glamouröse Roben geschaffen. Doch ausgerechnet im Finale wird bei den Damen des Ballett sehr tief in die Puder- und Rüschendose gegriffen. Natürlich hat Glamour etwas mit Pailletten und ihren Funktionen zu tun. Doch Glamour ist nicht nur ein Oberflächenphänomen, für das es von Vielen gehalten wird. Ein Paillettenkleid macht noch keinen Glamour, genauso wenig wie dunkelrote Federfächer. Natürlich hat er viel mit Licht zu tun. Doch bedarf er auch einer gewissen Dunkelheit zum Kontrast. Glamour ist mehr als Schein. Er kommt von Innen und lässt sich nicht leicht lokalisieren. Denn Glamour ist nicht nur da vorn auf der Bühne, sondern muss auch irgendwie „aus mir“ kommen.

Roland Welke spricht den Glamour vor allem im Modus von Erinnerung an. Das ist zumindest ein Hinweis:

Alle Bilder, die beim Gedanken an die großen Revuen der zwanziger bis vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts in den Sinn kommen, sind schwarz-weiß. Strahlender Glamour, der in Grautönen Geschichte geworden ist – auf Fotos, in Filmen. (Programmheft SHOW ME, Oktober 2012)

Allerdings muss man dazu gleich anmerken, dass das Schwarz-weiß hier mehr den Modus der Erinnerung betreffen muss, als die zitierten Musikfilme. Denn die Filme von Ziegfeld, Berkeley und Williams zeichneten sich gerade dadurch aus, dass sie vollmundig auch als erste Farbfilme angekündigt wurden. Das Schwarz-weiß des erinnerten Glamour rückt die Bilder auch ein wenig weiter weg, als sie filmtechnisch überliefert sind. Die Grautöne verweisen hier vielmehr auf etwas Totes, das in Farbe wiederbelebt werden soll.


Glamour hat immer auch mit einer Kraft, einer Energie zu tun. Es ließe sich als eine Energie formulieren, die Bilder belebt. Glamour wäre dann jener Vorgang, der Bilder (wieder)belebt. Und gewiss hat Glamour im populären Sprachgebrauch etwas mit dem Wunsch zu tun, dass die Energie, die von einem Bild ausgeht oder ausstrahlt, auf einen selbst übergehen möge. Das Magazin Glamour aus dem Verlag Conde Nast wendet sich nicht zuletzt an jüngere Frauen, die nicht unsichtbar bleiben wollen, um es einmal so zu formulieren.


Foto: Robert Grischek

 

Die (Wieder)Belebung von Bildern durch Glamour hat viel mit dem Genre Show selbst zu tun. Zu den wiederkehrenden Bildern gehören in SHOW ME nicht zuletzt Ginger Rogers und Fred Astair, die von Helena Polcikowa und Dimitri Genco oder von Nina Makogonova und Oscar Loya getanzt werden. Sie erinnern an Ginger und Fred in Maske und Kostüm, ohne sie zu imitieren. Auf ähnliche Weise spielt Fan Yang mit seinem Bubble Act ein wiederkehrendes Motiv im Bilderstrom. Das passt wie Mauricio Franco mit seiner Pantomime recht gut, weil sie mit Seifenblasen oder unsichtbaren Wänden im Raum immer auch an die Flüchtigkeit der Bilder erinnern. Allein in der Fotografie, könnte man sagen, lassen sich die Bilder halten oder fassen oder einfrieren. In der Show müssen sie flüchtig bleiben.


Foto: Robert Grischek

 

Kaum ist ein Bild in der großen Maschine der Show entstanden, löst es sich in der Dynamik der Bewegungen wieder auf, zerplatzt wie eine Seifenblase. Mehr als in jeder anderen Theaterform greift eine große unsichtbare Maschinerie in den Bühnenablauf ein. Videodesign und Programmierung (Marcus Bossdorf), Lichtdesign (Marcus Krömer), Sound, Hebe- und Versenkbühne, Wasserfall aus 15 Metern Höhe, Pool aus 5 Metern Tiefe, Showtreppe von links nach rechts und umgekehrt, Solisten, Ballett und nicht zuletzt Artisten sind auf Sekunden und Sekundenbruchteile im Ablauf aufeinander abgestimmt. Mit SHOW ME hat offenbar die Schnelligkeit der Bildwechsel im Vergleich zu YMA zugenommen. SHOW ME dreht auf, was nicht zuletzt zur Folge hat, dass viele Besucher gar nicht werden sagen können, was sie gesehen haben.


Stärker als bei YMA funktioniert SHOW ME als hybride Bildermaschine, die alles zeigt, immer auf andere Bilder und Sounds anspielt, ständig sich selbst zitiert von Ginger und Fred in Bis das Glas zerbricht über James Bond Girls in Temptation II bis zur berühmten Mädchenreihe in Follow The Rivers Inside und allein im Zusammenschnitt der Bilder eine neue Show generiert. Gab es in YMA noch eine mehr oder weniger durchgehende Erzählung sogar mit kurzen Textpassagen von einem metrosexuellen Wesen, dessen Geschlecht aufgelöst wurde, läuft nun die Bildermaschine fast wie von selbst. Vielleicht wollte Show das schon immer sein. Hier findet der Wunsch seine Erfüllung im Paradox des Zusammenschnitts, der eben allein durch die Dynamik vieles verkoppelt, was semantisch nicht zusammengehen müsste oder würde.     

Es ist durchaus eine Frage, ob und wohin sich Show weiterentwickelt. Während in den Shows des Cirque du Soleil, und sei es in der sogar biographisch angelegten Michael-Jackson-Show The Immortal das Format Erzählung für die Show beibehalten wird, kündigt sich doch auch in dieser Show an, dass sie vor allem von der Show eines Showstars mit artistischen Einlagen handelt. Wie viel Originalität verträgt Show überhaupt? Muss sie nicht immer wieder an eine – Michael Jackson (!) – Wiederbelebung anknüpfen? Genau in diesem Punkt erweist sich SHOW ME als innovativ. Während in The Immortal exakt die Schritte, Gesten, Sounds von Michael Jackson als Lebenserzählung mit einer Live Show „am Leben erhalten“ werden, die einen Toten feiern, erweist sich SHOW ME als aus der Logik der Show weiterentwickelt.      


SHOW ME schneidet erstklassige Solisten, internationale Spitzenartisten und das Ballett des Friedrichstadt-Palastes zu einem atemberaubend schnellen und facettenreichen Traum zusammen. Träume machen nicht unbedingt Sinn. Vielmehr stellen sie die Frage nach dem Sinn, was sich beispielsweise an dem unablässigen Projekt einer Traumdeutung mit den unterschiedlichsten Mitteln und Narrativen sehen lässt.

Die Erotik ist im Traum wie in der Show ein wichtiges Narrativ. Man könnte denken, dass sich alles nur um sie dreht. Doch blitzen eben in SHOW ME die unterschiedlichsten Narrative auf, ohne dass sie fassbar wären, obwohl sich alles nur wenige Meter ganz konkret vor unseren Augen abspielt. Oscar Loya passt auch in diesem Punkt als Hauptdarsteller ins Bild. Denn das Bild des Latin Lovers vermag er physisch und stimmlich perfekt zu besetzen. Mit Dita van Teese spielte er beim Eurovision Song Contest für Deutschland 2009 in dem sinnfreien Miss Kiss Kiss Bang den schmachtenden Latino. Mädchen- und Frauenträume schienen wahr zu werden, wo doch vor allem queere Männerträume regierten. Wenn Oscar Loya 2011 auf der Palm Beach Pride aufgetreten ist und dies auch mit einem Video auf seiner Website dokumentiert, dann wird deutlich, dass das zeigen von Erotik vor allem vom Kontext abhängt. SHOW ME zeigt alles, was man/frau sich zu sehen wünscht.


Und natürlich bleibt der Superlativ der größten Theaterbühne der Welt, der größten Ensuite Show mit über 100 Mitwirkenden auf der Bühne und über 60 dahinter, dem größten Showbudget von über 9 Millionen Euro und meisten vorverkauften Karten weiterhin ein eingängiges Narrativ. Man muss nicht in die Wüste nach Las Vegas fahren, um die Show als Show im Superlativ zu sehen.

 

Torsten Flüh

 

SHOW ME

Glamour is back.

Friedrichstadt-Palast

Friedrichstraße 107

10117 Berlin

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[1] Vgl. dazu die Eröffnungssequenz von Whoopee! unter dem nun narrativen Titel „A Musical Comedy from the Great Wild West“ auf YouTube.

[2] Vgl. dazu Million Dollar Mermaid auf YouTube, wo nicht zuletzt das filmische Mittel der Schnitte die Illusion einer Schwerelosigkeit ohne Atemgerät erlaubt. Ausgerechnet Schwanensee, muss hier für einige Takte von Esther Williams unter Wasser getanzt werden, um die Schwerelosigkeit sichtbar zu machen.