Einzigartig direkt - Zur neuesten Veröffentlichung der Brahms-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle

Vinyl – Direktschnitt – Klang 

 

Einzigartig direkt 

Zur neuesten Veröffentlichung der Brahms-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle 

 

Anfang November luden die Berliner Philharmoniker Recordings ins legendäre Emil Berliner Studio in der Köthener Straße ein, um die limitierte Vinyl-Edition der Symphonien 1-4 von Johannes Brahms vorzustellen. 1833 Exemplare sind ab 18. November über die Website des eigenen Labels und im Fachhandel erhältlich. Diese Vinyl-Edition ist einzigartig. Sieht aus wie die guten alten Vinyl-Schallplatten und lädt dennoch zu einem bisher nie produzierten Klangerlebnis vom Plattenspieler ein. Denn in der langen und fast schon vergessenen Geschichte der analogen Klangaufzeichnung wurden niemals zuvor ganze Symphonien in einem Konzertsaal direkt mitgeschnitten.

 

Natürlich sind die in Anlehnung an das Geburtsjahr von Johannes Brahms 1833 Exemplare für eine begrenzte Gemeinde der Klanggenießer hergestellt worden, die über eine Highend Stereoanlage im eigenen Heim mit Musikzimmer verfügen. Es sollten dann schon exklusive Boxen sein, die mehr bieten, als digitalisierte MP3-Dateien erfordern. Analog heißt bei dieser Edition ein 1 zu 1 Verhältnis, das bei Digitalisierung auf 1/10 geschrumpft wird. Wir leben so gesehen heute in einem Zeitalter der Klang-Schrumpfung. Was sich an Lautstärke hochschrauben lässt, bleibt trotzdem immer nur ein Zehntel des Klangs im Konzertsaal. Diese und andere Überlegungen mehr haben die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle zu einem einzigartigen, nie zuvor probierten Experiment bewogen, das so technisch wahrscheinlich nur in Berlin möglich war und ist.

 

Das Experiment im Vinyl-Direktschnitt-Verfahren ist nicht unumstritten. Olaf Maninger, Solo-Cellist, Medienvorstand und Geschäftsführer von Berlin Phil Media, gab beim Pressetermin im Emil Berliner Studio zu bedenken, dass es eine längere Diskussion darum gegeben habe, ob man die Direktschnitt-Aufnahme freigeben solle und wolle. Die Abstimmung im Orchester und mit dem Dirigenten war anscheinend nicht einstimmig. Das liegt nicht zuletzt an der Einmaligkeit. Und an diesem Punkt werden diese Edition und ihr Produktionsverfahren in medienwissenschaftlicher Hinsicht von Interesse. Woran lässt sich das Einmalige messen? Das Einmal des Direktschnitts erlaubt keine Nachbesserung. Der Tonmeister muss eine für Einmal gültige Entscheidung treffen, die nicht mehr verändert werden kann.

 

Das Vinyl-Direktschnitt-Verfahren lässt sich vielleicht mit einigen Erzählungen umschreiben. Doch die dem Verfahren innewohnende Einmaligkeit birgt nicht nur ein Risiko, sondern gleich mehrere, eine ganze Reihe. Es ist voller Risiken. Wer heute eine MP3-Datei abspielt oder die Digital-Concert-Hall an irgendeinem Punkt der Welt live hört, bekommt gleichwohl ein technisch ausgesteuertes und bereinigtes Produkt zu hören. Das Live im digitalen Zeitalter ist vor allem ein Konsens. Damit bekommt das Experiment wie es Olaf Maninger formuliert, eine ganz andere Dimension für das Orchester und seinen Dirigenten: 

Nichts an diesen Aufzeichnungen konnte nachträglich korrigiert werden – man erlebt hier spontanes, aus dem Augenblick geborenes Musizieren. Und auch die Mikrophonierung ermöglicht neue Perspektiven. Mit einem Orchesterklang von unverfälschter Balance, wie sie sonst nur ein tatsächliches Konzert in der Philharmonie bietet. (Pressemitteilung)

  

Auch Sir Simon Rattle hat sich ausführlich zur einzigartigen Produktionsweise in ihrer Ambivalenz geäußert. Die Erinnerung an historische Aufnahmeverfahren spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Frage des Formats, in das nun ein oder zwei Sätze einer Symphonie auf einer Schallplatte passen sollen. Dabei wurde allerdings niemals ein Direktschnitt im Konzertsaal mit Publikum vorgenommen. 

Im Vinyl-Direktschnitt aufzunehmen war gleichermaßen lohnend wie anstrengend. Eine Erfahrung, von der meine viel älteren Kollegen erzählten, wenn sie 78er Schallplatten einspielten. (Pressemitteilung und Begleitmaterial der Edition)

 

In gewisser Weise geht mit den Proben jedem Konzert ein Konsens voraus. Der Dirigent und das Orchester in seiner vielzähligen Besetzung erarbeiten, verständigen sich auf einen Konsens. Das lässt sich ebenso deutlich hören, wie das Gegenteil auch. Für ein Konzert und ganz besonders für die Symphonien von Johannes Brahms sollten das Orchester und sein Dirigent zu einem Konsens finden. Konsens und Konzentration lassen sich hören. Vielleicht liegt genau darin der Zauber eines Live-Konzerts, bei dem das Publikum und seine Konzentration als ein weiterer Faktor hinzukommen. — Nicht auszudenken, wenn das Publikum unkonzentriert gewesen wäre und jemand ständig dazwischen gehustet hätte, was das übrige Publikum wie die Musiker gleichermaßen gestört, den Direktmitschnitt schwer beschädigt hätte. — Mit Sir Simon Rattle: 

Die „Jetzt oder Nie“-Situation zu wissen, dass die einzige Korrektur, die man machen kann, eine weitere komplette Aufführung bedeuten würde, rief bei allen Beteiligten eine leidenschaftliche Konzentration hervor, die in der Aufnahme greifbar wird. Möglicherweise hatten wir alle nach dieser Erfahrung ein paar neue graue Haare – aber das war es absolut wert! (w. o.)

  

Ein klassisches Konzert ist auch ein Konsensunternehmen. Dies gilt umso mehr für die Aufführung und Einspielung eines ganzen Zyklus wie den Brahms-Symphonien. Doch ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker existiert zunächst einmal im Dissens. In einer Vielheit von unterschiedlichen Auffassungen, wie eine Komposition gespielt werden sollte. In den Spitzenorchestern kommt es bei Aufnahmen nicht zuletzt darauf an, wie die einzelnen Musiker ihr Instrument hören wollen. Darüber werden Debatten ausgetragen. Und bei einer Einspielung der Brahms-Symphonien geht es nicht allein darum, wie gut gespielt wird, vielmehr sehen sich die Berliner Philharmoniker als Brahms-Experten ihrer Generation verpflichtet. 

Seit ihrer Gründung im Jahr 1882 haben die Berliner Philharmoniker eine besondere Beziehung zu Johannes Brahms, der das Orchester noch selbst dirigiert hat. Interpretationen seiner Symphonien gehören von jeher zu den Fixpunkten in der Amtszeit jedes Chefdirigenten, und auch unter Sir Simon Rattle haben die Berliner Philharmoniker Interpretationen und Aufnahmen dieser Musik vorgelegt, denen ein exemplarischer Status attestiert wurde. (w. o.)

 

Ein vielfältiges und geradezu zerklüftetes Narrativ zwischen historischer Rückbindung und produktionstechnischen Entscheidungen – Vinyl-Direktschnitt-Verfahren mit einem Stereo-Mikrophonpaar – legt sich über die Einmaligkeit der Produktion ebenso wie sie ihm entspringt. Das Analoge des Direct-to-Disc-Verfahrens wird zu einem „Meilenstein in der reichen Mediengeschichte der Berliner Philharmoniker“, wie es auf der entsprechenden Website formuliert wird.[1] Wie lässt sich dieser letztlich verspätete „Meilenstein“ in seiner Einzigartigkeit formulieren? Für die Medienforschung ist das eine wichtige Frage. Rainer Maillard als Recording Producer weist ebenso auf die mediengeschichtliche Verspätung hin wie die unterschiedliche Praxis: 

Das klangliche Ergebnis einer Direktschnittaufnahme für die LP unterscheidet sich eindeutig von einer digitalen CD-Produktion. Das hat weniger mit der Technik selbst, sondern mehr mit der unterschiedlichen Arbeitsweise zu tun. Alles, was Musiker, Produzenten und Tonmeister auf der Aufnahme zu hören wünschen, müssen sie live und in einem Guss in die Rille bringen. Auch zwingt Direct-to-Disc dazu, alle Entscheidungen vor der Aufnahme zu treffen.[2]

  

Die „unterschiedliche() Arbeitsweise“, die Praxis mit dem Aspekt der Einmaligkeit bringt ein klangliches Ergebnis hervor, das sich durch die digitalen Nachbearbeitungsmöglichkeiten unterscheidet. Produktionstechnisch bedeutet das u.a. einen gewissen logistischen Aufwand.  Die Schallplatten-Schneideanlage Neumann VMS 80 wurde von den Emil Berliner Studios extra in die Philharmonie gebracht, um zum ersten Mal in der Geschichte des Direktschnitts ein Konzert vorort in einem Konzertsaal auf eine Lackfolie, die Masterfolie zu schneiden. Rainer Maillard von den Emil Berliner Studios nennt das Back to the future[3]. In einem Video zum „Brahms-Zyklus“, das am 18. November 2016 auf YouTube veröffentlich wurde, werden Transport, Schnitt, Nummerierung und Signierung durch Sir Simon Rattle dokumentiert.  

 

Die besondere und exklusive Materialität des Vinyl-Direktschnitt-Verfahrens besteht nicht zuletzt darin, dass die Masterfolie bei der Anfertigung der Mutterplatte aus Metall für die Schallplattenpressung zerstört wird. Sie ist deshalb bedenkenswert, weil der akustische Moment, der in die Folie geritzt worden war, mit der Übertragung auf die Mutterplatte auch zerstört wird. Erst nach der Pressung auf Vinyl und der Übertragung in ein Lautsprechersystem wird der akustische Moment wieder hörbar. Insofern ist die Materialität der analogen Aufnahme in mehrere Übertragungsprozesse verwickelt. Im Video formuliert Sir Simon Rattle: 

… That was that moment. This is that moment caught as some favourite photographs of your kids …    

 

Der eingefangene Moment materialisiert sich in der Vinyl-Plattte. Nicht zuletzt mit der Übersetzung von Rattles Formulierung ins Deutsche wird allerdings eine leichte Verschiebung lesbar: „Sie fangen den Moment perfekt ein, wie manche Lieblingsfotos von unseren Kindern.“ Der erklärende Nebensatz für den eingefangenen Moment unterläuft und verkehrt allerdings auch wieder den Moment in seiner medientechnischen Materialität. Die „Lieblingsfotos von unseren Kindern“ lassen sich ebenso gut und mittlerweile viele billiardenfach mit dem Smartphon machen. Anders gesagt: was dieser Moment in seiner Materialität war und ist, der sich zweifelsohne in die Folie eingeschnitten hat, lässt sich kaum anders formulieren, als ihn auch seiner Einmaligkeit zu entreißen.

 

Mit seiner Signierung hätte Sir Simon Rattle auch die einmalige Folie zerstören können, wenn seine Hand mit dem Metallstift ausgerutscht wäre. Die Signatur schließt die Aufnahme ab und rahmt die Einmaligkeit des Moments zugleich. Denn die Kassette mit den Schallplatten wird von einem Foto von Monika Rittershaus geziert, das Sir Simon Rattle im Moment des Signierens zeigt. Die Einmaligkeit entzieht sich dem Vergleich und wird nur durch ihn formulierbar. Genau das wird von Rainer Maillard, dem Herren der Schallplatten-Schneideanlage, zur Sprache gebracht, wenn er den Unterschied nur im Vergleich zur „digitalen CD-Produktion“ zu formulieren vermag. Dadurch wird die Einmaligkeit und geradezu Sensation des Brahms-Zyklus‘ als Vinyl-Edition nicht geschmälert. Vielmehr muss die Einmaligkeit durch eine vielfältige Rahmung lesbar, sichtbar und hörbar gemacht werden.

 

Vermieden wird für die Rahmung der einmaligen Edition der Begriff der Aura. Ist Walter Benjamins Begriff nicht mehr präsent? Oder ist der Begriff der Aura im Zeitalter des Digitalen und der Digitalisierung nicht mehr zu gebrauchen? Benjamins Gebrauch und medienkritischer Einsatz der Aura und ihrer Zertrümmerung im „Zeitalter (der) technischen Reproduzierbarkeit“ entfaltet sich selbst als eine rahmende Erzählung vom Einmaligen.    

Es empfiehlt sich, den oben für geschichtliche Gegenstände vorgeschlagenen Begriff der Aura an dem Begriff einer Aura von natürlichen Gegenständen zu illustrieren. Diese letztere definieren wir als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen. An der Hand dieser Beschreibung ist es ein Leichtes, die gesellschaftliche Bedingtheit des gegenwärtigen Verfalls der Aura einzusehen. Er beruht auf zwei Umständen, die beide mit der zunehmenden Bedeutung der Massen im heutigen Leben zusammenhängen. Nämlich: Die Dinge sich räumlich und menschlich »näherzubringen« ist ein genau so leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen wie es ihre Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion ist.

 

Das Vinyl-Direktschnitt-Verfahren produziert nun gerade mit dem Brahms-Zyklus jene Einmaligkeit, die sie als Produktions- und Reproduktionsverfahren herstellt wie unterläuft. Limitierung, Signierung, Konzentration, Moment, Material und Direktheit kehren das Einmalige als ein Kostbares, das nicht auf Massen zielt, hervor. Dem massenhaften, digitalen Download für geringe Beträge oder gar kostenlos wird mit der limitierten Vinyl-Edition das Einmalige entgegengesetzt. Doch das Ereignis der Aura bleibt flüchtig, schwer beschreibbar.

 

Was im Zeitalter des Digitalen am Verschwinden ist, erlebt auf auratische Weise seine Wiederkehr in nicht zuletzt handwerklicher und technischer Perfektion. Mehr noch: Das Verschwinden generiert allererst das Einmalige der Aura. Wie eine verspätete Replik auf Benjamins medientheoretische Schrift erzeugen das Vinyl-Direktschnitt-Verfahren, Signierung, Limitierung auf eine Anzahl von Brahms Geburtsjahr etc. das Einmalige. Der Moment des Klangs in seiner Flüchtigkeit geht allerdings nicht in dieser Erzählung auf. Ob die 1833 Exemplare alle adäquate Abspielbedingungen finden werden, mag dahingestellt bleiben. Die Kassette mit den Vinyl-Schallplatten und ihre Begleittexte – Begleitbuch Hardcover, 72 Seiten – erzeugen Aura für Einmal. 

 

Torsten Flüh 

 

Berliner Philharmoniker Recordings 

Direct to Disc: Der Brahms-Zyklus mit Simon Rattle 

Limitierte Edition, signiert und nummeriert 

LP 1–6, 180g Vinyl 

Symphonien 1–4 

Begleitbuch 

Hardcover, 72 Seiten 

Diese Aufnahme ist in keiner anderen Form erhältlich (z.B. CD oder Download) 

Analoge Aufnahme · Analoges Master 

499,- €

 

Emil Berliner Studios 

Köthener Straße 38 

10963 Berlin

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[1] Berliner Philharmoniker Recordings: Direct to Disc: Der Brahms-Zyklus mit Simon Rattle. (Webite)

[2] Rainer Maillard: Back to the future. Berlin: Emil Berliner Studios, 2015.

[3] Ebenda.