Kulturtransformation und Empathie - Zur RundfunkchorLounge im Kulturquartier silent green

Empathie – Wissen – Digitalisierung 

 

Kulturtransformation und Empathie 

Zur RundfunkchorLounge im kulturquartier silent green

 

Am letzten, noch milden Mittwochabend veranstaltete der Rundfunkchor Berlin im Kulturquartier silent green in der Weddinger Gerichtstraße seine erste Lounge, ein neues Format, um sich und seine Mitglieder auf entspannte Weise vorzustellen. Sitzkissen waren auf dem Terrazzoboden der „Kuppelhalle“ mit Schmuckelementen wie einer schwarzen Schlange und geometrischen Formen von 1912 ausgelegt. Junges und älteres Publikum lagerte auf den Sitzelementen oder auf dem Boden. Chris Guse moderierte den Abend und machte sogleich auf den glatten Untergrund aufmerksam. Ein ungewöhnlicher Ort für eine Lounge, Anfang Dezember 2009 war er als High End Chill out im Gespräch und Angebot des Liegenschaftsfonds des Landes Berlin.

Das kulturquartier silent green ist ein mit Geschichte und Geschichten aufgeladener Ort. Im Gespräch mit Chris Guse erinnerte der Geschäftsführer des Kulturquartiers Jörg Heitmann erstens daran, dass das Krematorium Wedding zu jenen Orten gehöre, an denen paradoxer Weise zwischen 1993 und 1996 vor seiner unwiderruflichen Schließung 2002 sehr viel Geld investiert worden war, und zweitens, dass es ein Ort der Empathie sei. Insofern ist es ein zutiefst ethischer Ort von Einfühlung und Abschied. Die „Kuppelhalle“ diente durch einen dicken Linoleumboden gedämpft als Trauerhalle. Nach einer denkmalgerechten Wiederherstellung des Raums wird er nun für respektvolle Veranstaltungen genutzt, weil die Betreibergruppe als einzige nach dem Interessenbekundungsverfahren ab 2009 übrigblieb. Insofern ist die Geschichte um die städtische Liegenschaft einmal für eine Kulturinitiative gut ausgegangen.

 

NIGHT OUT @ BERLIN bzw. der Berichterstatter stolperte sozusagen Anfang Dezember 2009 in die Eröffnungsveranstaltung des Interessenbekundungsverfahrens. Die städtebauliche Transformation vom Krematorium zum Kulturquartier mit Beteiligung des Quartiersmanagements Pankstraße nahm ihren Anfang. 2013 begannen die Umbau- und Renovierungsarbeiten. Während der Berlinale im Februar 2016 wurde das Kulturquartier als ein externer Projektionsort für die Sektion Forum Expanded genutzt. Zur Liegenschaft gehörten ebenso das Areal der ehemaligen Friedhofsgärtnerei, die im Mai 2014 noch für ein Fotoshooting zur Ausstellung BOWIE genutzt wurde. Das Gebäude der Friedhofsverwaltung wie ein exklusives Appartementhaus auf dem Gelände der Gärtnerei werden mittlerweile in gediegener Urbanität bewohnt. Schon im Mai hatte der Rundfunkchor Berlin zu seiner Jahrespressekonferenz in die Kuppelhalle geladen.

 

Die RundfunkchorLounge in der Kuppelhalle war restlos ausverkauft. Das Interesse an dem ungewöhnlichen Ort, wo sozusagen über 90 Jahre zwischen 1912 und 2002 zum Abschied Tränen von bis zu 20 Millionen Trauernden, wie Jörg Heitmann sagte, vergossen wurden, tat sicherlich auch etwas zum Erfolg der Lounge bei. Doch es gibt auch eine neuartige Bewegung der Empathie in Deutschland. Das Verhältnis zum Tod ändert sich, nachdem es jahrzehntelang marginalisiert worden war. Einerseits werden Friedhöfe aufgelöst, um als Grün- und Erholungszonen in der Stadt genutzt zu werden, die großen Familiengrabanlagen und Mausoleen aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert werden zu mehrfachen Urnenbegräbnissen umgewidmet. Andererseits hat sich in den letzten Jahren eine breite Hospiz- und Palliativbewegung herausgebildet. Das Sterben wird heute begleitet. Das hat viel mit einer neuen Kultur der Empathie zu tun.

 

Die Empathie steht insbesondere in hoch technologisierten Gesellschaften auf dem Spiel. Die Literatur- und Kulturforscherin Sigrid Weigel erinnerte im Juli 2015 anlässlich ihres Abschieds als Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung der geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin an den Verlust der Empathie auf Kinderspielplätzen in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg, wo Mütter an ihrem Smartphone, den Apps und WhatsApp kleben, während die Kleinkinder gerade noch im Wagen ruhiggeschaukelt werden. Facebook ist gerade nicht bekannt für Empathie, sondern macht Schlagzeilen durch Hassrede. Computerspiel- und Internet-Konsum werden fast gebetsmühlenartig bei Amokläufen als mögliche Ursachen genannt. Tötungen am Bildschirm durch den Einsatz von Drohnen unterbinden Empathie.

 

Digitalisierung und Technologisierung von Lebenspraktiken gehen mit einem Verlust an Empathie einher. Das hängt nicht zuletzt mit neuartigen Wissenspraktiken auf Click zusammen. Dem Wissen, das beispielsweise durch Digitalisierungen der Bestände von Bibliotheken wie der Staatsbibliothek über wenige Clicks verfügbar gemacht wird, steht ein zunehmendes Misstrauen in Form von Verschwörungstheorien und Gerüchten gegenüber.[1] Nie zuvor waren mehr Wissensquellen für mehr Menschen schneller zugänglich. Seltene Publikationen, wie sie hier in NIGHT OUT @ BERLIN gerne zitiert und verlinkt werden, erforderten noch um die Jahrtausendwende oft eine lange Reise. Bücher über Fernleihe aus anderen Bibliotheken auszuleihen, war nicht unter 2 Wochen Wartezeit möglich. Die Freude, in vielfältigem Wissen zu schwimmen, wird nun bisweilen als Schrecken und Bedrohung eines vermeintlich sicheren Wissens wahrgenommen. Verschwörungstheorien werden plötzlich wichtig, weil sie einen „festen“ Standpunkt im Wissen auf Click versprechen. Anderes Wissen wird weggeclickt.

 

Es gibt insofern aktuell eine doppelte und widersprüchliche kulturelle Entwicklung der Empathie. Einerseits gibt es Bereiche wie die Hospizbewegung, die ehrenamtlichen Grünen Damen und Herren der EKH als Besuchsdienst in Krankenhäusern[2] und der Palliativversorgung, die das Sterben im häuslichen und familiären Rahmen ermöglicht. Andererseits wird das von Sigmund Freud formulierte analytische Verfahren der Einfühlung in den Praktiken des digitalen Alltags verdrängt. Empathie funktioniert anders als Sympathie. Bei der Übersetzung der Einfühlung in die englische Sprache wurde die Empathy der Sympathy vorgezogen. Im Englischen wird Sympathy nicht zuletzt bei Trauer als Beileid oder Mitleid gebraucht wie bei Sympathy card oder Sympathy letter. Doch statt Sympathie- haben Neurowissenschaftler in jüngerer Zeit Empathie-Neuronen oder „Spiegelneuronen“ entdeckt, wie 2010 u. a. mit Die Zellen des Anstoßes in der ZEIT berichtet wurde. 

 

 

Sigrid Weigel reagierte 2012 mit einem Podiumsgespräch anlässlich der Ausstellung Die Leidenschaften Ein Drama in fünf Akten im Deutschen Hygiene-Museum Dresden auf die naturwissenschaftliche Entdeckung der Spiegelneuronen. Wie hat sich das kulturelle Wissen vom Mitleid und der Empathie entfaltet? Und welche kulturell-medialen Entwicklungen verändern heute Praktiken des Mitleidens? 

Jüngst wurde die Empathie von der Wissenschaft als grundlegende Fähigkeit entdeckt, um die Intentionen und Handlungen anderer zu verstehen und mit ihnen zu kommunizieren. Andererseits wird unser Mitleid durch die täglichen Nachrichten von Katastrophen-, Folter- und Kriegsopfern derart überbeansprucht, dass viele nicht mehr daran glauben, Mitgefühl aufbringen zu können, wenn wir »Das Leiden anderer betrachten« (Susan Sontag). Dieser Skepsis scheinen die öffentlichen Inszenierungen kollektiver Trauer zu widersprechen. Ist das Mitleid (lateinisch compassio) eine Passion oder eine Tugend, hilft sie den Opfern oder nur uns selbst? Lässt sich Mitleid lernen und trainieren? Und ist der »mitleidigste Mensch der beste, der zu allen gesellschaftlichen Tugenden aufgelegteste«, wie Lessing behauptete?[3]  

Sigmund Freud gebraucht den Begriff der Einfühlung 1913 ein einziges Mal in Zur Einleitung der Behandlung Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse I. Im zweiten Teil der „Ratschläge“ – Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten – von 1914 fehlt der Begriff. Er wird nicht weiter ausgearbeitet. Die Einmaligkeit der Verwendung eines wichtigen, wenn nicht entscheidenden Begriffes in der Psychoanalyse lässt ihn auch im Vagen. Das ist erstaunlich, weil es ja darum geht, wie die neuartige „Technik der Psychoanalyse“ richtig praktiziert werden soll. Ein Team von Hirnforschern um Marco Iacaboni von der David Geffen School of Medicine in Kalifornien berichtete nach einem Peerreview 2003 in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, dass ein „mechanism according to which action representation modulates emotional activity … an essential functional architecture for empathy” liefern könne.[4] Die Neurowissenschaftler entschlüsselten somit einen Vorgang oder Mechanismus, der bei Freud durchaus ungenau bleibt. 

Man braucht nichts anderes dazu zu tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse bezeugt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und gewisse Mißgriffe vermeidet, stellt der Patient ein solches Attachement von selbst her und reiht den Arzt an eine der Imagines jener Personen an, von denen er Liebes zu empfangen gewohnt war. Man kann sich diesen ersten Erfolg allerdings verscherzen, wenn man von Anfang an einen anderen Standpunkt einnimmt als den der Einfühlung, etwa einen moralisierenden, oder wenn man sich als Vertreter oder Mandatar einer Partei gebärdet, des anderen Eheteiles etwa usw.[5]                  

Der „Standpunkt … der Einfühlung“ bei Sigmund Freud unterscheidet sich von einem der Moral. Vom Standpunkt der Einfühlung soll kein moralisches oder parteiisches Urteil ergehen. Darauf legt Freud wert. Es ließe sich gar sagen, dass die Einfühlung urteilslos zu sein hat in der Psychoanalyse. Damit unterscheidet sie sich durchaus vom Mit- oder Beileiden der Sympathie. Sie lässt sich also geradezu als moralisch unwissend wie unparteiisch formulieren. Und genau in diesem Feld bildet die Empathie das Gegenteil der von Wissen aufgeladenen Hassrede. Der Hass und die Hassrede artikulieren ein in sich geschlossenes Wissen der Moral als Standpunkt. Der Hass bekämpft, was nicht seiner Moral entspricht. Er will die Auslöschung dessen, was nicht ist wie er selbst. Insofern urteilt der Hass über alles, was er nicht selbst ist. Hass ist nicht etwa unmoralisch, sondern die Moral in ihrer Versessenheit auf das Urteil. Ja, Hass ist zutiefst moralisch, in dem Maße wie er unmoralisch ist.

Der Hass bekämpft die Rede des anderen. In der Psychoanalyse geht es für Freud mit der Einfühlung darum, den „Patient“ reden zu lassen. Auf diese Weise wird der „Standpunkt … der Einfühlung“ zu einem ohne Wissen und Moral. Das ist ein paradoxer, weil der „Standpunkt“ sich sonst gerade durch Wissen – und Wissenschaft – generiert. Der Analytiker muss in gewisser Weise seine Standpunkte zugunsten dessen der Einfühlung aufgeben. Darin liegt Freuds Trick. Der Standpunkt der Einfühlung wird für einmal formuliert, weil er keiner eines natur- oder kulturwissenschaftlichen Wissens werden soll. Wenn die Empathie als eine conditio humana eingeführt werden soll, dann vor allem als eine des Nichtwissens aus Einsicht, um es einmal so zu formulieren. Wir sind nicht alle Menschen, weil uns Spiegelneuronen sympathisch machen, wir empathisch sind. Wir werden vielmehr Menschen, wenn wir uns empathisch Verhalten. Die Empathie ist nicht einfach mit der Geburt und den anstößigen Neuronen im Hirn da, damit wir uns ausruhen können, sondern sie muss als Standpunkt gehalten werden.

Es ist zurückzukommen auf das kulturquartier silent green und die RundfunkchorLounge. Der Chor war diesmal auf andere Weise zu erleben und zu hören. So spielte nämlich Georg Witt, der sonst als Bass im Chor singt, mit Robert Franke, der vor seiner Gesangsausbildung eine Ausbildung zum Posaunisten gemacht hatte, mit Michael Timm, Martin Frank und Burkhart Jähning zunächst Posaune, um schließlich als Solist tief beeindruckend Fili mi, Absalon von Heinrich Schütz zu vier Posaunen und Basso continuo zu singen. Der Chefdirigent des Chors Gijs Leenaars und sein Assistent Benjamin Goodson spielten Glocken. Hommage an Strawinsky von György Kurtág. Und im zweiten Teil des Abends überraschte Christina Bischoff mit Stefanie Maschke am Klavier durch ein unterhaltsames Beziehungsdrama zwischen Michael Jarys Er heißt Waldemar (Text: Bruno Balz)[6] bis zur Trennung mit Theo Mackebens Eine Frau wird erst schön durch die Trennkost.

Das breite Spektrum des Rundfunkchors Berlin kam allerdings auch mit Immortal Bach von Knut Nystedt im zweiten Rang der Kuppelhalle ganz außerordentlich zur Geltung. Man muss die nicht ganz optimale Akustik der Kuppelhalle zu nutzen wissen. Dieser Chor, der am 16. Oktober das White Light Festival in New York »human requiem« mit der Musik von Brahms‘ Deutschem Requiem eröffnen wird, um dann eine Südamerikatournee mit Stationen in Brasilien, Argentinien und Chile zu beginnen, kann sich exzellent auf die Akustik der Aufführungsorte einstellen. Die Kuppelhalle verwandelte sich mit Nystedts Improvisation auf das Lied »Komm, süßer Tod« von Johann Sebastian Bach in eine Art interstellares Raumschiff. Nie zuvor wird in der Halle ein derart entrückt sphärischer Tod erklungen sein. A cappella für fünf vierstimmige Chöre gesungen wurde Immortal Bach zum einzigartigen Höhepunkt des Abends.[7]

Die Transformation des ersten Krematoriums Preußens und eines der ersten in Deutschland überhaupt in ein Kulturquartier, das permanent von unterschiedlichen Mietern wie dem Harun Farocki Institut, Music Board Berlin sowie einer anspruchsvollen Tagesgastronomie genutzt wird, kann man als geglückt formulieren. Mittags gibt es in der silent green kantine leckere Salate und Suppen. Für die Grabdenkmäler und Urnen wurde ein Kolumbarium auf dem angrenzenden Friedhof eingerichtet. Tod lässt sich mit sehr verschiedenen Kulturpraktiken in einer auf unendlichen Konsum ausgerichteten Gesellschaft in Erinnerung rufen. Das Krematorium selbst war nicht zuletzt ein Umbruch im Umgang mit ihm. Denn nach den Praktiken der Kirchen war bruchlos eine Erdbestattung vorgesehen. Von Seiten der Kirchenvertreter gibt es weiterhin theologische Vorbehalte gegen die Feuerbestattung. 

 

 

Die RundfunkchorLounge findet in der Saison 2016/2017 noch zweimal im kulturquartier silent green statt. 

 

Torsten Flüh

 

Nächste RundfunkchorLounge 

im kulturquartier silent green 

mit Gayle Tufts 

25. Januar 2017, 19:30 Uhr

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[1] Vgl. dazu Torsten Flüh: Das Unfassbare im Netz. Gerüchte – Eine Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. März 2011 21:41.

[2] Grüne Damen und Herren: http://www.ekh-deutschland.de

[3] Podiumsgespräch mit Sigrid Weigel 06.05.2012 · 11.00 Uhr Mitleid und Empathie (Ankündigung ZfL)

[4] PNAS: Neural mechanisms of empathy in humans: A relay from neural systems for imitation to limbic areas. Edited by Marcus E. Raichle, Washington University School of Medicine, St. Louis, MO, and approved March 4, 2003 (received for review September 26, 2002) Washington: PNAS, 2016.

[5]Sigmund Freud: Kleine Schriften I - Kapitel 17. (Projekt-Gutenberg-DE)  

[6] Siehe zu Bruno Balz auch Torsten Flüh: Der Wind, das Foto und Bubi. Verzaubert in Nord-Ost – Queer History Ausstellung in Berlin-Pankow. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Juni 2010 23:08.

[7] Rundfunk-Chor Berlin: Knut Nystedt »Komm, süßer Todt« (YouTube)