Neues von Friedrich II. - Jens Bisky und Cay Friemuth schreiben Bücher zu Friedrich dem Großen

Friedrich II. – Schreiben – Chinesisches Haus

 

Neues von Friedrich II.

Jens Bisky und Cay Friemuth schreiben Bücher zu Friedrich dem Großen

 

Das Friedrich-Jahr hat begonnen, bevor 2012 eingeläutet worden ist. Jens Bisky und der Spiegel sind militärisch gesprochen die mediale Avantgarde, die mit Unser König (Bisky) und Friedrich der Größte (Der Spiegel) den 300. Geburtstag am 24. Januar vorwegfeiern. Am 22. März 2012 wird die Ausstellung Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt im Deutschen Historischen Museum eröffnet werden. Und am 28. April wird die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg im Neuen Palais und Park Sanssouci ihr FRIEDERISIKO – Friedrich der Große eröffnen.

Ein Anlass zur Sorge (souci), dass Friedrich nach Katastrophenjahren (1933-1945) und Krisenzeiten (1968-1989) vergessen werden könnte, erweist sich schon jetzt als unberechtigt. Friedrich II. hat es zur Marke, zum Popstar (Bisky) und zum ersten „Journalisten auf dem Thron“ (Bisky) geschafft. Er ziert Servietten und Kaffeetassen. Sanssouci ist längst ein Lable. Vor allem aber gehört er mit etlichen philosophischen Büchern und Briefen, Gedichten, seinen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg (1847/48) sowie seiner privaten und politischen Korrespondenz zu den literarisch produktivsten Persönlichkeiten seiner Zeit.

Die Buchvorstellung mit Jens Bisky und dem Historiker Gustav Seibt im Literaturhaus Berlin am Mittwochabend stellte nicht nur das Buch vor. Vielmehr beantwortete Bisky auch Seibts Frage nach dem Beweggrund für Unser König – Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch, die im Buch selbst mit einem großen, politikhistorischen Gemälde von der Überführung des Sarges Friedrich II. von Hechingen nach Potsdam und der Beisetzung seiner Überreste auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci neben seinen Hunden am 17. August 1991 zur Einleitung kaum oder gar nicht beantwortet wird. Warum diese große polithistorische Geste?

Die Antwort von Jens Bisky erstaunte zumindest in ihrer Offenheit. Er sei nämlich sozusagen von seiner Arbeit an der Biographie zu Heinrich von Kleist (2007) auf Friedrich den Großen gekommen. Beiden würde Homosexualität „nachgesagt“ und beide hätten eine starke Affinität zum Selbstmord gehabt. Doch das Friedrich-Buch fällt ganz anders aus. Während Bisky mit seiner Kleist-Biographie auch in Ermangelung verlässlicher historischer Zeugnisse aus dessen Leben eine große kulturhistorische Erzählung ausgearbeitet hatte, beschränkt sich Unser König als „Lesebuch“ auf eine Ansammlung geradezu kanonischer Texte von und über Friedrich den Großen, die sonst eher schwer zugänglich hier mit kurzen thematischen Essays wieder zum Lesen vorgelegt werden.

Was am Lesebuch stört, sich geradezu zum Ärgernis auswächst, ist beispielsweise, dass über 30 Seiten (S. 62-93) die Erzählung Theodor Fontanes über die Katte-Tragödie abgedruckt wird. Gewiss werden auch einige Schriften von Friedrich selbst abgedruckt, dennoch liegt der Schwerpunkt beispielsweise auf Friedrich Nicolais Anekdoten von König Friedrich II. von Preussen und von einigen Personen, die um ihn waren. Nebst Berichtigung einiger schon gedruckten Anekdoten, die seit 1788 in 7 Bänden bis 1792 herauskamen. Ist Friedrich II. von Preussen nur noch interessant in einer endlosen Wiederverwertungsschleife?

Jens Bisky schließt mit einer kühnen Wendung den philosophisch-literarischen König quasi aus seinem Buch aus, wenn er schreibt, dass „das philosophische Gespräch … dem König zur Erholung, zur Schulung und Selbstverständigung, zum Training der Geisteskräfte, hauptsächlich aber zur Geselligkeit“ gedient habe. (S. 14) Das ist schade. Denn man hatte sich erhofft, dass ein für das Literarische offener Autor eben dieser Dimension bei Friedrich II. sein Interesse schenkt. Stattdessen werden die geradezu existentiellen Schriften Friedrichs zu seinem Königtum, wie er es für sich entwirft, auf eine „Stellenbeschreibung“ (S. 14) herunter gebrochen.

Er verfasste gleichsam ein Drehbuch für seine Regentenjahre. (S. 14)

Geht es denn wirklich um „Stellenbeschreibungen“ und „Drehbücher“ oder sind das nur wohlfeile Metaphern, um „unseren“ König näher an das lesende Publikum im Lesesessel heranzurücken?

Zu den Friedrich-Kennern kann ich mich ganz und gar nicht zählen. Dennoch hatte ich Gelegenheit das Entstehen eines neuen Bandes der namhaften Reihe Aufklärung und Moderne im Wehrhahn Verlag zu Friedrich II. zu begleiten. Aus diesem Kontext und aus der Beobachtung, dass der Thronfolger und König ab einem bestimmten Zeitpunkt geradezu unablässig schrieb, was auf die absonderlichsten Weisen geschah, rückte mir den Autor Friedrich zum ersten Mal näher. Er hat eine Fülle an Texten aus erster und sozusagen zweiter Hand – Antwortschreiben in Korrespondenzen beispielsweise – hervorgebracht, die im Unterschied zu Heinrich von Kleist eine Überfülle an biographischen Formulierungen vorfinden lässt. Dennoch ist sein Autor weniger zum Gegenstand der Literaturwissenschaft als vielmehr im 19. Jahrhundert verwertungsorientiert der Geschichts-wissenschaft geworden.

Die recht offensichtliche bio-literarische Fülle und Überfülle, die oft auch einem ganzen, wie man sagt, runden Bild Friedrich des Großen entgegensteht, ist - für mich - eher symptomatisch, denn ein Mangel an konsequenter Umsetzung von Lebensplänen. Die Überfülle an schriftlicher Hinterlassenschaft vom Gedicht La Jouissance (Die Lust) bis zu den Briefen an seinen Vertrauten und Geheimen Kämmerer Michael Gabriel Fredersdorf gibt es Texte, die sich lesen lassen. Für Generationen von Homosexuellen waren diese und dergleichen Gedichte und Briefe Zeugnis genug, dass Friedrich II. ihr, „unser“ König war. Das provoziert die Frage nach einem Queer-Reading als Lesbarkeit von sexueller Praxis.

Eine der jüngsten Arbeiten, die das Feld Homosexualität in der Literatur kenntnisreich und mit einer umfangreichen theoretischen Diskussion bedacht haben, ist Ach, nur 'n bisschen Liebe – Männliche Homosexualität in den Romanen deutschsprachiger Autoren der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939 (2011) von Stefan Müller. Er gibt zumindest einen theoretischen Überblick, ohne jedoch eine markante, eigene Position zu entwickeln.

Die den Homosexuellen über Jahrzehnte hin vorgehaltene Selbstdefinition allein über die Sexualität wird zunehmend ad acta gelegt. Auf diese Weise wird auch in den Queer Studies gearbeitet: Es geht darum, Homosexualität nicht mehr länger als eine besondere Form von Sexualität zu behandeln und zu verhindern, „dass Normalität zur Natur beziehungsweise Natürlichkeit erhoben wird“ und folglich Abweichungen gesondert behandelt werden müssen. (S. 34f)

Müller bleibt auf der Ebene des Zeichens (Signifikant), indem es ihm um eine „Decodierung des Homosexuellen“ (S. 36 ff) in den Romanen geht. Doch die Strategien der Decodierung mit einem Arsenal von Verhaltensformulierungen und „Identitätskonzepten“ (S. 36) erweist sich als schwierig. Müller spielt zwar die „Homo-Codes und Stereotypen“ durch, um sie auf die Entzifferung des „Homosexuellen“ in den Romanen des von ihm gewählten Zeitraums anzuwenden. Doch dies setzt bereits voraus, dass Homosexualität in der Literatur im soziologischen Kontext lesbar gemacht werden sollte. Gerade in dem Maße wie Müller immer wieder auf „Erkennungszeichen“ (S. 41) zurückkommt, wird die Frage von Literatur und Homosexualität unscharf:

Die Erkennungszeichen im Homosexuellenmilieu haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewandelt. (S. 41)    

Entgegen derart soziologisch verorteter Zeichen oder gar Zeichensysteme, die von aktuellen Szenebeobachtungen ausgehen, muss die Frage von Homosexualität und Literatur anders formuliert werden. Nachdem Heinrich von Kleist geradezu gründlich normalisiert worden ist, weil es außer zwei oder drei Briefen an Freunde keine weiteren Belege oder Zeichen für seine „Homosexualität“ gibt, stellt sich nun mit Friedrich II. die Frage eher anders herum. Bei Friedrich gibt es deutliche Zeichen, dass er an Frauen für die Praxis der Lust nicht interessiert war. Eben diese offensichtlichen Zeichen sind als Beweise für seine „Homosexualität“ angeführt worden. Andererseits ist sowohl bei Kleist wie bei Friedrich häufig im Biographischen über körperliche Gebrechen spekuliert worden, die ein bezeichnendes Ausbleiben von Sexualität überhaupt betrafen.

Mit anderen Worten: Das Problem des Zeichens wird zum Zeichen des Problems. Geradezu obsessiv  wird nach eindeutigen Zeichen gesucht. Jens Bisky umgeht das Zeichenproblem dadurch, dass er Anton Friedrich Büschings Charakter Friedrichs des Zweyten, Königs von Preussen von 1788 zitiert (S. 347) und am Mittwoch hinzufügte, dass man mehr nicht sagen müsse, weil man es lesen könne. Was heißt das für das Zeichen? Und welche Folgen hat das für ein Queer-Reading? Dann könnte man tendenziell jeden Text queer lesen. Aber was hieße das?

Die Wissenschaftlichkeit, die sich in der Moderne in den Naturwissenschaften herausbildet, ist eine von den Zeichen, durch die sich Erkenntnis in Konkurrenz zu göttlichen Zeichen gewinnen lässt. Das Modell für die Gewinnung der neuen Zeichen heißt Experiment. Folgte Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm I., einem lutherisch-pietistischen Zeichensystem, das einem Gott als Urheber verpflichtet war, so wird es für seinen Sohn notwendig, ein dem entgegen gesetztes Zeichensystem einzuführen. Doch wo lässt sich dieses Zeichensystem finden, wenn es nicht völlig autonom sein will und damit seinen Wert als Zeichen für ein Bezeichnetes verliert?

Friedrich findet sein System bei Voltaire in der Sprache. Er entwickelt es geradezu. An dieser Stelle wird das Gedicht La Jouissance mehr als ein „Schoßgebet“ (DIE ZEIT). Die göttliche Lust oder auch Wollust wird zur Herrscherin der Welt ernannt:

Divine volupté! Souveraine du Monde!

Der point d’exclamation hinter „volupté“ und „Monde“ funktioniert in Friedrichs Gedicht in seiner Doppelfunktion von Ausruf und Befehl. Weder Schoß- noch Stoßgebet wird hier praktiziert, sondern Ausruf, Aufschrei und Befehl als Programm.

Das Neuartige und bis dahin Unerhörte an der befehlsförmig markierten Lust als „Herrscherin der Welt“ ist indessen nicht, dass jetzt auf der Stelle losgevögelt werden muss, vielmehr ist das Verhältnis der Lust zu Friedrich selbst beachtenswert. Anders als der lutherisch-pietistische Gott, der durchaus mit den Aussprüchen Luthers auch deftig sein kann, verleiht die Volupté in ihrer Mehrdeutigkeit von Lust, Wollust, Hochgenuss, Schwelgerei, Sinnlichkeit und Wonne in einer Figur der Selbstbestätigung dem Souverän ihre Macht. Die Volupté wird nämlich genossen. Der Genuss/la jouissance, Hochgenuss macht den neuen König zum Souverän über sich selbst und „seine“ Welt.

Der Genuss der Lust als Akt der Souveränität im Jahr der Krönung, als Friedrich souverän und Souverän wird, wird aus Königsberg an Francesco Algarotti (1712-1764) mit einer geschlechtlichen, „heterosexuellen“ Szene in klassischen Versen adressiert. Der gleichaltrige „Schwan von Padua“ wird als Praxiteles imaginiert und verehrt. Doch die imaginäre Szene ist eröffnend mit einem Begehren des Dichters selbst verknüpft. Denn Algarotti erscheint mit einem heftigen Begehren des Schreibers selbst in dieser Nacht:

Cette nuit, contentant ses vigoureux désirs
Algarotti nageait dans la mer des plaisirs.  

Der Schreiber beobachtet Algarotti als Praxitèles und Cloris. Diese imaginierte Beobachtung wirft nicht mehr die Frage auf, an welcher Stelle sich der Schreiber sieht. Da Algarotti Praxitèles ist, kann sich der Schreiber metaphorisch nur an der Stelle der Cloris, die leer bleibt, imaginieren. Denn das Imaginäre der nächtlichen Szene wird zu Anfang explizit aufgerufen. Die Doppeldeutigkeit des französischen baiser mehrere Verse später als küssen und vögeln darf man getrost in der Wiederholung des baiser verdeutlicht finden.

Baiser, jouir, sentir, soupirer et mourir,
Ressusciter, baiser, revoler au plaisir.

In der Weise wie Friedrich II. sich auf mehrfache Weise an Algarotti adressiert, wird in der antiken Szene nicht etwa eine eindeutige „Homosexualität“ formuliert. Vielmehr ist die in Szene gesetzte Wollust und ihr Genießen ein Ausdruck von Souveränität über sich selbst. Friedrich ist nicht schwul, sondern souveräner Souverän. Die Logik des Genießens verleiht Friedrich allererst die Legitimation, sich als Begehrenden und Begehrten zu entwerfen. Sie wird als philosophischer Diskurs zitiert und als Praxis, wie dieses Genießen geschieht und geschehen soll, inszeniert. Es ist also weniger eine Frage, ob Voltaire mit der Volupté Friedrich eine Ausdrucksmöglichkeit für sein homosexuelles Begehren gegeben hat. Stattdessen wird auf hoch artifizielle Weise sagbar, für was es keine Sprache gibt.

Die literarische Produktion mit der Anknüpfung an die ausgetauschten Diskurse nimmt daher weniger den Stellenwert einer Philosophie ein. Darin wäre Jens Bisky beizupflichten. Doch die literarische Produktion bleibt nicht folgenlos. Vielleicht mag es ihr im Horizont der Philosophie an Originalität mangeln, aber sie wird für den Kronprinzen und König als Souverän geradezu existentiell. Einzig und allein in der französischen Literatur in Anlehnung an Voltaire vermag Friedrich II. sich selbst zu erzählen. Er wird dabei sogar zum Chinesen werden.

Das Modell der Souveränität reicht bis in jene Anekdoten hinein, in denen Friedrich mit seinen Hunden bei Tische sitzt oder von Büsching die unreinliche Kleidung beschrieben wird. Für die Souveränität Friedrich II. gibt es ein Bild, das hoch verrätselt ist und über das es trotz der reichen Schriftzeugnisse keine schriftlichen Spuren gibt. Das ist umso bedenkenswerter, als sich selbst der Brief an Algarotti auffinden ließ. Eine Verwischung von Spuren muss einen Souverän nicht besorgen. Das Bild als eine Konstellation von Zeichen ist für alle sichtbar. Doch es lässt sich nicht entschlüsseln.

Die Rede ist von der Figur auf dem Chinesischen Haus im Park von Sanssouci. Der Kunsthistoriker Cay Friemuth hat sich erstmals auf die Tragweite des Chinesischen Hauses und die Multifunktionalität, die China für Friedrich II. einnahm, eingelassen. Herausgekommen ist dabei ein neues, anderes Bild des Königs. Es erinnert an Konfuzius, hat männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale, ruft die Chinesen und den Orient auf und wird kombiniert mit dem Zeichen des griechischen Gottes der Kaufleute und des Handels: Hermes. Hermes indessen ist auch ein Botengott, der die Beschlüsse des Zeus verkündet, und der Gott der Diebe.

Im Frühjahr 2012 wird als Band 24 des Forschungszentrums Europäische Aufklärung, das „länderübergreifend … in den Disziplinen Literatur, Geschichte, Kultur, Kunst und Wissenschaft“ die „Epoche der Aufklärung“ an der Universität Potsdam erforscht, Friedrich der Große und China von Cay Friemuth erscheinen. Friemuth legt durch intensive Recherchen frei, welche Rolle China als metaphorischer und spezifisch moderner Anknüpfungspunkt für Friedrich II. gespielt hat. Das ist umso überraschender als diese Fragestellung eine Tiefenwirkung für die europäische Moderne und Modernisierungsprozesse im Zeitalter der Aufklärung insbesondere für den König in Potsdam entfaltet.

Ausgerechnet China nimmt in den Schriften der Aufklärung eine wichtige Funktion ein. China wird als Beispiel für eine ganz andere, vom christlich-abendländischen Gott unabhängige Legitimation für die Herrschaft eines dynastischen Monarchen durch den Aufklärer und Hallenser Professor Christian Wolff (1679-1754) zunächst 1721 im universitären Rahmen auf Lateinisch zu einem folgenreichen Skandal. 1730 wird die Veröffentlichung seines Buches De philosopho regnante et de rege philosophante in Marburg zur Vorlage für eine Übersetzung ins Französische, die Friedrich II. als Prachtband 1740 anlässlich seiner Thronbesteigung überreicht wird.

Wenn das Königtum nicht mehr durch Gott legitimiert wird, bedeutet dies sowohl eine Krise für das Königtum wie für den König, der sich zu legitimieren hat. Die Legitimationsfrage wird durch den Philosophen ausgefüllt. Erst durch ein philosophisches Regieren wird der philosophisch legitimierte Regent seiner Regentschaft würdig und gerecht. Wolff formuliert die Legitimation ohne Gott und Kirche mit dem Beispiel China, wie Friemuth eröffnend zeigt. Für Wolff ist

die herausragendste Regierungsform, die es jemals gegeben hat – diejenige Chinas, jener ältesten Nation der Erde, die alle anderen an Weisheit der Regierungsführung übertrifft.

Ziel der Regierungsführung wird das Glück des Volkes. Diesem Glücksversprechen folgt Friedrich II. in seiner Regentschaft und seinem Streben in Sanssouci. Ohne Sorge sein heißt nicht zuletzt glücklich zu sein. Im Park von Sanssouci lässt er das Chinesische Haus errichten.

Die Überschneidung von Glück als Staatsprogramm für das Volk und als Folge der Praxis der Lust, wo es sich als jouissance erfahren lässt, macht deutlich wie sehr Friedrich II. in dem Glücks-versprechen verwickelt ist. Nicht zuletzt ließe sich damit argumentieren, dass in den Kriegen, die er führt, auch ein Glücksversprechen seine paradoxe Macht entfaltet. Die Kriege verheißen Glück durch Ruhm, Glück als Beweis, dass der katholische Gott nicht größer ist, als der Sieger der Schlacht. Bei der Verwicklung in das Glücksversprechen, das die Aufklärung mit Wolff und Voltaire für Friedrich formuliert, geht es um keine Vorherrschaft des Protestantismus gegen den Katholizismus. Vielmehr wird es eine ständige Herausforderung des Glücks zum Beweis, dass es keinen Gott braucht.

 

Insbesondere durch die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, in der der Glaube an Gott zur Staatsdoktrin und zum Accessoire des Kaisertums wird, wurde die Rolle des Glücksversprechens für Friedrich II. quasi gelöscht. Friemuth legt Schicht um Schicht frei, wie China immer wieder für Friedrich zu einem Argument für Glück und Genuss wird. Er knüpft dafür sogar an die Lettres Chinoises (Chinesische Briefe) des Marquis d’Argens von 1740 an und macht sich als PHIHIHU zwanzig Jahre später, 1760, zu einem chinesischen Gesandten, der Europa bereist: Relation de Phihihu Emissaire de L’empereur de la Chine en Europe traduit de Chine.

Friedrich greift eine literarisch-philosophische Tradition der Aufklärung auf, um seine Kritik an der Kirche, Rom und der Liturgie zu formulieren. Der Name des chinesischen Gesandten erinnert sowohl an das Chinesische wie an das PHI-losophische. Er schreibt starken Stoff:

Sein jüdischer Bekannter weiht Phihihu ein, dass die Zeremonien und Tugendbücher in Wirklichkeit nichts weiter sind als Köder für das Volk: Alle, die sie hier sehen … machen wenig Aufhebens davon. Der Tien dient ihnen nur als Vorwand für ihre Herrschsucht und ihren Geiz. (Zitiert nach Friemuth)

Das Chinesische Haus wird, nachdem Friemuth die Funktion des Konfuzius in den Schriften Voltaires und in dessen Korrespondenz ausgearbeitet hat, zu einem privaten und doch auf andere Weise öffentlichen Ort.

Bis heute haben sich keinerlei zeitgenössische Textquellen angefunden, die über die künstlerischen Absichten und Wirkungen des Gebäudes Aufschluss geben. Das Chinesische Haus im Park von Sanssouci scheint in einem gesteigerten Sinne privat zu sein: es ist Friedrichs Geheimnis. Als solches ist es dem Diskurs entzogen. Niemand sieht es, denn es ist in einem abgelegenen Teil des Parks hinter hohen Hecken versteckt und nur durch ein Labyrinth zu erreichen; keiner spricht oder schreibt darüber, nicht einmal die Teilnehmer der gelegentlich darin abgehaltenen Tafelgesellschaften.

Die Sehenswürdigkeit wird heute allenfalls als pittoreskes Fotomotiv aufgenommen. Das Geheimnis, das im Chinesischen Haus zum Bild geworden ist, lässt sich nicht entschlüsseln. Doch es lassen sich um das, worüber nicht gesprochen und geschrieben wurde, Korrespondenzen aus dem China-Kontext anordnen. Friemuth hat dies akribisch und unterhaltend getan. In dem Maße wie sich auf den Terrassen des Hauses „chinesische“ Gesellschaften zum Genießen einfinden, Menschen in europäischer Lebensgröße, die sich im Zustand des Glücks befinden - sie teilen Getränke und Speisen miteinander, machen und hören Musik und werden wohl auch gesprochen haben -, ergeben sich Korrespondenzen mit dem Wolffschen Regierungsprogramm wie mit dem Gedicht La Jouissance.

Über dem Ensemble des Glücks und Genusses thront sichtbar, doch der Sichtbarkeit auch entzogen, eine Figur auf einem Kissen. Ihr Ursprung ist unbekannt. Sie ist vergoldet wie ein griechischer Gott oder die Engel in den spät-barocken Kirchen. Sie glänzt. Die Dachfigur über der Welt en miniature entspricht dem Modell der Souveränität oder der Position des Souveräns. Sie ist über allen erhoben. In der Doppeldeutigkeit von Souveränität als Selbstbeherrschung und Staatshoheit korrespondiert die Figur nicht zuletzt mit Friedrich selbst.

 

Torsten Flüh

 

Jens Bisky

Unser König

Friedrich der Große

und seine Zeit – ein Lesebuch

Rowohlt – Berlin 2011

Preis: 19,95 €

 

Stefan Müller

Ach, nur 'n bisschen Liebe

Männliche Homosexualität in den

Romanen deutschsprachiger Autoren

der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939

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Cay Friemuth

Friedrich der Große und China
Aufklärung und Moderne Band 24
Hannover 2012
Preis: 18,- €

ISBN 978–3–86525–262–3

Friedrich der Große - verehrt, verklärt, verdammt

Deutsches Historisches Museum

22. März bis 29. Juli 2012

FRIEDERISIKO
Potsdam, Neues Palais und Sanssouci
28. April bis 28. Oktober 2011