Ein wilder Opium-Rausch - Jiang Wens 一步之遥/YI BU ZHI YAO im Wettbewerb der Berlinale

Genre – Film – Satire 

 

Ein wilder Opium-Rausch 

Jiang Wens 一步之/YI BU ZHI YAO im Wettbewerb der Berlinale 

 

Ist 一步之遥/Gone with the Bullets Chinas Candide? ─ Jiang Wen, der mit seinem zweiten Film einer projektierten Bullet-Trilogie am Mittwochabend um 22:00 Uhr im Wettbewerb der Berlinale mit der Internationalen Premiere als Regisseur debütierte, schießt seinen Film wie eine Kugel ab. Nachdem Zhang Yimou und Chen Kaige ebenso wie Ning Hao in den letzten Jahren mit ihren Filmen auf der Berlinale bis zum Ärgernis enttäuscht haben, ist der Berichterstatter bereits nach den ersten Sequenzen ziemlich perplex. Im Laufe der 120 Minuten Spieldauer verdichtet sich das Gefühl, dass 一步之遥/Gone with the Bullets vor allem eine Satire aus dem Reich der Mitte ist, dessen Zensoren Wu Ren Qu von Ning Hao für die letzte Berlinale noch derart zurechtgestutzt hatten, dass er parteigemäß zur Aufführung kommen konnte. 

Auf einem internationalen Schönheitswettbewerb, der angeblich um 1920 im unter Franzosen, Engländern, US-Amerikanern und Japanern in Ansiedlungen aufgeteilten Shanghai spielt, gibt es Telefonkonferenzen mit der Ukraine, wo ein Krieg stattzufinden droht. Und eine Prostituierte, die sich zur Schönheitskönigin bzw. Präsidentin küren lassen will, bietet nicht nur ihr Vermögen, sondern sich selbst bzw. ihre (vermeintliche) Jungfräulichkeit als Preis einer Versteigerung, damit es keinen Krieg gibt. Huch! Das alles geht sehr schnell und erinnert an eine Revue des Moulin Rouge. Auch ist es natürlich nicht ganz einfach den Untertiteln beim O-Ton in Chinesisch bzw. Putonghua zu folgen. Doch die Formulierung mit dem Krieg in der Ukraine wird zwei- oder dreimal wiederholt. Ansonsten ist alles knallbunt und sehr schräg, hat immer gleich mehrere Bedeutungsebenen ─ oder keine.  

Glauben Sie niemals einem Plot oder der Inhaltsangabe eines Films! ─ Geht es um einen Mord? Oder ist der historisch verbürgte Mord nur ein Vorwand? ─ Alles beginnt damit, dass ein neureicher Playboy eine angebetete Schönheit nicht bekommt und diese mit dem Flugzeug von Shanghai irgendwo nach Europa fliegt. Daraufhin geht der Playboy zu Ma Zhouri (Jiang Wen), dem Sohn eines Generals, der als „Problemlöser“ und/oder „Hochstapler“, beide Begriffe erscheinen im Untertitel, seine Dienste anbietet. Sein Problem als verschmähter Liebhaber, der sich alles kaufen kann, wird gelöst, indem ein Schönheitswettbewerb veranstaltet wird, damit das Vermögen des Playboys bis auf den letzten Heller verpulvert werden kann. Dies wird im Eröffnungsteil glamourös und außerordentlich bunt inszeniert und durchgeführt. Die sehr chinesische Pointe besteht darin, dass das Problem dadurch gelöst wird, dass der superreiche Playboy verarmt. Doch bis auf die allererste Sequenz im Büro des Problemlösers kommt der Playboy nie wieder im Film vor. Stattdessen will die neue Präsidentin Wanyan Ying (Shu Qi) Ma Zhouri heiraten… 

Die Pressekonferenz der Berlinale vom Mittwochmittag nach der Pressevorführung von 一步之遥/Gone with the Bullets, die der Berichterstatter erst im Nachhinein sah, gehört zu den spannendsten der diesjährigen Filmfestspiele. Man muss sie in der ungeschnittenen Fassung des Videostreaming sehen. Großes Kino anders. Jiang Wen beantwortet die Eingangsfrage, was das Shanghai der 20er Jahre mit dem heutigen China zu tun habe, damit, dass das Film-Shanghai viel lustiger als das heutige Shanghai sei. Das Film-Shanghai sei aber das wahre. Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz wird klar, dass der Film, der bereits im Dezember in China angelaufen ist, dort außerordentlich umstritten ist. Schließlich erwähnt Jiang Wen, dass Berlin ganz in der Nähe von Österreich liege, wo die Psychoanalyse erfunden worden sei. Darauf muss man erst einmal als Antwort kommen. Vielleicht wollte er auch einen Wink auf Paris und Jacques Lacan geben, denn Shanghai wurde schließlich in den 20er Jahren das Paris des Ostens ganannt. Kurz der Regisseur und Hauptdarsteller, der in China ein berühmter Schauspieler und seit den 90er Jahren Filmregisseur ist, tut alles, um den Film als Satire zu verneinen.

Um die Spannung, ja, den Nervenkrieg dieser Pressekonferenz vor allem zwischen Jiang Wen und einigen chinesischen Journalistinnen zu verstehen, muss man sich nur einmal den Wortwechsel zwischen einer Journalistin und dem Regisseur anschauen und anhören. Er gipfelt darin, dass Jiang Wen die Journalistin bittet, sich hinzusetzen, weil er sich sonst bedroht oder eingeschüchtert fühle. Mit anderen Worten: ihm ist die Journalistin als Mitarbeiterin der Zensurbehörden bzw. des chinesischen KeGeBo bekannt. Oder ist es eine besonders subtile und charmante Anmache? Entscheidend ist auf der Pressekonferenz vor allem, was Jiang Wen, der offenbar unter Beschuss parteikonformer Medien steht, nicht oder anders sagt. Für deutsche, europäische oder amerikanische Journalistinnen, außer vielleicht für Manfred Eichel, der eine Frage stellt und nach einer im Film durchaus angelegten Verwechselung einer Schauspielerin mit einer anderen, nämlich dass Zhou Yun als Wu Liu auch als Wanyan Ying, die von Shu Qi gespielt wird, wahrgenommen werden könnte, fragt, sind die hochpolitischen Antworten von Jiang Wen kaum zu verwertbar. 一步之遥/Gone with the Bullets ist nämlich, wie Manfred Eichel ebenfalls formulierte, hochkomplex, anspielungsreich und mordsmäßig intelligent gemacht.

Die Berlinale-Pressekonferenzen oder auch die Q & A, Question & Answer aus dem Publikum, sind erste Versuche, über den gerade gesehenen Film zu sprechen. Dafür gibt es bestimmte Muster, die den Film allemal verfehlen müssen. Und natürlich wird auf Pressekonferenzen von den Befragten knüppeldick gelogen. Doch genau diese Antworten werden in den Filmbesprechungen, wenn überhaupt, verarbeitet und als Wissen vom Film formuliert. Indem Jiang Wen sich vor allem mit chinesischen Medien auskennt, antwortet er auch chinesisch, also mit Unschärfen und gegenteiligen Behauptungen, um dem Zensor zu entgehen. Eines seiner Hauptargumente auf der Pressekonferenz ist nun, dass er einfach einen Film habe machen wollen und dass er nicht dafür verantwortlich gemacht werden könne, was das Publikum dann im Film sieht. Tatsächlich ließe sich sagen, dass 一步之遥/Gone with the Bullets als Film in einer Rausch- oder Traumlogik funktioniert, in der jeder Satz, jedes Wort und jedes Bild mindestens zwei Bedeutungen haben kann. In diesem Kontext ist dann der merkwürdig geographische Hinweis auf Österreich und die Psychoanalyse schon ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Die verschiedensten Rahmungen des Films, die Sichtweisen eröffnen, werden von Jiang Wen in 一步之遥/Gone with the Bullets eingesetzt. Besonders bemerkenswert ist dabei die Besetzung der Rolle der hochverehrten Ehren-Präsidentin Qin Sai Nan mit der Journalistin und Schriftstellerin Hung Huang. In der Besetzung der Rolle schimmert so zweierlei auf. Erstens die Frage der Schauspieler oder Actor im Film, weil Hung Huang (k)eine Schauspielerin ist, zweitens eine durchaus fragwürdige, aber dennoch mächtige Funktion der Presse in China, wenn die mächtigste und zugleich ohnmächtigste Frauenrolle von einer Journalistin und Schriftstellerin gespielt wird. Sagen oder zugeben wird es der Regisseur und Hauptdarsteller vermutlich niemals. Letztlich wird so mit der Rolle der Qin Sai Nan auf entlegener Ebene des Films gar die Frage nach der Pressefreiheit gestellt! Im Film und allemal unter den Bedingungen des Fiction-Film, der ebenso Revue- wie Gangsterfilm ist, spielt die Schauspielkunst eine durchaus zweitrangige Rolle.

Wenn all die schrägen und falschen Momente in 一步之遥/Gone with the Bullets nur ein Versehen wären, dann wäre der Film nicht vielmehr als Hongkong-Trash. Ein Unternehmen, eine Produktion, eine Arbeit, um ein Vermögen zu verpulvern. Und vermutlich haben viele den Film auch so gesehen. Doch er thematisiert den Film als Illusionskunst unablässig selbst. Erstens in einer Prügelei wird Ma Zhouri am Mund getroffen, er nimmt einen Zahn, der zwischen den Fingern nicht zu sehen ist, aus dem Mund und wirft ihn zu Boden, was deutlich als Ton zu hören ist. Dann grinst er in die Kamera und es fehlt kein Zahn! Was wir im Film sahen, zu sehen meinten, und mit dem Aufwand der Tontechnik hörten, wird in Sekundenschnelle als Täuschung und Lüge entlarvt.

 

Wiederholt werden Opernarien im Film so gesungen, dass es unwahrscheinlich ist, dass Zhou Yun und ihr Partner singen, was durchaus fast jeder Musikverständige sehen und hören kann. Sie müssten sonst weltberühmte Opernstars sein. Das war dem Berichterstatter durchaus klar bei den Szenen, als er sie sah. Doch die Täuschung funktionierte, wenn in der Pressekonferenz eine chinesische Journalistin ernsthaft fragt, wie die Schauspielerin so gut habe singen können. Die Pointe wird dann von Jiang Wen auf dem Fuße geliefert. Man habe einen professionellen Gesangslehrer für die Szenen engagiert, der genaue Angaben gemacht habe, wie man stehen und sich bewegen müsse, um so singen zu können. Das habe Zhou Yun mehrere Monate geübt. Und so wie Opernsänger sich im Fernsehen bewegten, könnten sie niemals die Töne herausbringen, die man zu hören bekommt. Bingo! Anders gesagt: Es war durchaus kalkuliert, dass durch die völlig andere Körperhaltung im Unterschied zum (chinesischen) Fernsehen, die Zuschauer stutzig werden. Entlarvt werden dadurch allerdings die Produktionsbedingungen von Opernarien im (chinesischen) Staatsfernsehen.

 

Welche Rolle spielt die Musik? Der Berichterstatter war sich nicht sicher, ob die häufig unpassende Wahl der klassischen Musik für den Soundtrack nur schlechten Geschmack oder Unkenntnis verrät oder ob ein Kalkül für den Film über den Tonfilm darin steckte. Denn natürlich hat der Soundtrack großen Anteil an dem, was im Film sichtbar oder spürbar wird. Im Melodram ist die Musik seit Jean Jacques Rousseaus Pygmalion und Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire geradezu Hauptakteur, wie sich einmal entfalten ließ.  Obwohl die Musik sozusagen ständig an der Oberkante der Gefühle spielt, vermag sie gerade keine in Jiang Wens Film aufkommen zu lassen. Die Musik im Soundtrack wurde außer mit der Frage nach der Opernsängerinnenkarriere von Zhou Yun nicht weiter auf der Pressekonferenz thematisiert. Doch sie gehört zweifellos zu den Special Effects, die der Regisseur mit viel Kalkül einsetzt. Und zwar immer wenigstens eine Nuance daneben. Sie lässt sich als satirische Ebene allemal formulieren.

 

Zeitweise erinnert 一步之遥/Gone with the Bullets stark an Moulin Rouge oder an The Great Gatsby (2013) von Baz Luhrmann. Ist das Täuschung? Ein Versehen? So wird in der Revue zum Schönheitsköniginnenwettbewerb, der in den 1920er Jahren in Shanghai stattfindet, von einer weißen Sängerin mit einem Baby in Windeln auf dem Arm Summertime aus Gershwins „Negeroper“ Porgy and Bess gesungen, die erst 1935 am Broadway aufgeführt wurde. Die Erzählerstimme im Off erwähnt durchaus, dass Summertime erst 10 Jahre später komponiert wurde. Einerseits wird so die magische Kraft des Kinos, in seiner Fähigkeit Geschichte ─ „Wir machen Geschichte“ ─ zu machen, behauptet und vorgeführt. Andererseits wird die Geschichte auf derart perfide Weise vorgeführt, dass sie sich selbst als Lüge entlarven muss, so wie „das Baby“ irgendwann jemand anderem auf der Bühne zugeworfen wird. Mit einem Minimum an Wissen der Musik-Geschichte wird also die Summertime-Sequenz zum kalkulierten Affront. Jiang Wen und sein Team an Drehbuchschreiberinnen werden also sehr wohl gewusst haben, was sie taten. 

 

Doch die Special Effects der Bauten, der Oldtimerfahrt am Bund und über die Wusong-Brücke sowie Feuerwerke aus dem Musical-Theater in den freien Himmel über dem Shanghaier Bund oder das Feuerwerk, das Ma Zhouri für seine Geliebte, die ihn, er aber nicht sie heiraten will, in einem Kornfeld vor den Toren des alten Shanghai entfacht, sowie der Mond, der im Opiumrausch die Erde bei Shanghai berührt, sind mindestens so großartig wie bei Baz Luhrmann. Es könnte sein, dass Jiang Wen gar den satirischen Roman vom American Dream, The Great Gatsby, gelesen hat. Sicherlich hat er den Film gesehen, was allerdings niemand fragte. Ob nicht sogar das Kornfeld, in dem der tödliche Unfall geschieht, der als Mord wahrgenommen wird, eine heimliche Erinnerung an das Rote Kornfeld/红高粱/Hóng Gāoliang (1987) von Zhang Yimou ist, weiß vielleicht nur der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller selbst. Denn in 红高/Hóng Gāoliang spielte Jiang Wen an der Seite von Gong Li die Hauptrolle. Der Film erhielt 1988 den Goldenen Bären der Berlinale.

Das Finale des Films spielt sich in einer malerischen Landschaft ab. Eine Natur- und Kulturlandschaft, wie sie sich nur selten oder kaum in China finden lässt. Es gibt eine Verfolgungsjagd der Präsidentin Qin Sai Nan  in Oldtimern durch mehrere Dörfer und hügelige Wiesen der Fujian-Provinz mit den typischen Rundhöfen,土樓 / 土楼, tǔlóu Tulou, genannt, der Hakka-Minderheit, die zum Weltkulturerbe ernannt worden sind. Die Verfolgungsjagd endet an und auf einem Hügel, auf dem eine rote (europäische) Mühle ─ Moulin Rouge ─ steht. Diese Landschaft mit roter Mühle ist durchaus surrealistisch und vieldeutig. Erstens ist es eine Landschaft der (ethnischen) Minderheiten. Zweitens ist die Mühle rot, was in China immer auch auf die Tradition und kommunistische Partei anspielt. Drittens ist diese chinesische Landschaft keine, die Einheit und Nationalismus, sondern Minderheiten und Internationalität inszeniert. Damit wird die hybride Landschaft zu einer chinesischen, in der Nationalismus und Homogenität unterlaufen werden. Die Verweise sind gezielt vieldeutig, rauschhaft und nicht auf einen Sinn festzulegen oder anzuhalten. Doch gerade darin wird der Film zutiefst chinesisch oder - nach Parteivorgabe - unchinesisch.

 

Der historische Mord an einer berühmten Prostituierten in Shanghai soll als erster chinesischer Spielfilm produziert worden sein. Darauf wird mit schwarz-weiß Filmmaterial mehrfach Bezug genommen. Dies ließ sich allerdings nicht in A Companion to Chinese Cinema abgleichen.[1] Allerdings wird der „historische“ Film in mehreren Versionen gedreht und so im Film mehrfach wiederholt. Begründet wird diese Wiederholung im Film damit, dass Ma Zhouri vor der Hinrichtung bewahrt werden soll. Was sich im Plot als absurde Wiederholung und Fälschung von Geschichte ausnimmt, lässt sich ebenso gut als Inszenierung von Zensurmechanismen lesen und hören. Gleichzeitig werden dadurch Mechanismen der Korruption unter den Bedingungen der Zensur auf lustige Weise karikiert. Diese Ebene ließe sich in vieler Hinsicht weiter entfalten. Vieles spricht dafür, dass 一步之遥/Gone with the Bullets ein Meisterwerk chinesischer Satire ist, das es wird niemals sein dürfen, weil dann Jiang Wen den dritten Teil nicht drehen dürfte.

 

Torsten Flüh 

 

一步之遥 

YI BU ZHI YAO 

Gone with the bullets 

Jiang Wen

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[1] Anm: Zhang erwähnt den ersten langen Spielfilm mit dem Titel Yan Ruisheng für 1921 in Shanghai, schreibt aber nichts über dessen Inhalt. Es könnte also sein, dass Jiang Wens Film mit dem Prostituiertenmord als ersten chinesischen Film ein geradezu lächerliches Tabu offizieller Geschichtsschreibung des chinesischen Films durchbricht.  Zhang, Yingjin: A Chinese Companion to Chinese Cinema. Chichester 2012. p. 453