Die gefeierte Künstlerin - Eva Mattes brilliert als Liv Stein in dem gleichnamigen Stück von Nino Haratischwili

Schauspieler – Theater – Kunst 

 

Die gefeierte Künstlerin 

Eva Mattes brilliert als Liv Stein in dem gleichnamigen Stück von Nino Haratischwili 

 

Frank Alva Buecheler hat für seine Produktion des Theaterstücks Liv Stein ein exzellentes Ensemble von Schauspielerinnen und Pianistinnen zusammengestellt. Am Samstag war Vorpremiere im ehemaligen Gemeindesaal der St. Elisabeth-Kirche, der sogenannten Villa Elisabeth. Ein ungewöhnlicher Ort, ein stimmungsvoller für ein Künstlerinnendrama zwischen lustvollem Schauspielerinnentheater, Boulevard und exzellentem Klavierkonzert. Hedonistischer Genusswunsch trifft auf die Katastrophen im Leben der Starpianistin Liv Stein. Mit La Valse von Maurice Ravel weht ein wenig das Paris der vorletzten Jahrhundertwende durch den historischen Saal von 1907. Eva Mattes spielt Liv Stein.

Eva Mattes ist der Star, der eine Starpianistin spielt, die ihrer Kunst und Karriere alles inklusive Ehe und das Leben ihres Sohnes geopfert hat. „Sie hat unser aller Leben ruiniert mit ihrer Gabe“, heißt es in dem prämierten Theaterstück von Nino Haratischwili. Die bulgarische Regisseurin und Schriftstellerin schreibt ihre Theaterstücke und Romane auf Deutsch. Und Liv Stein, in dem logischer Weise Musikstücke, Erinnerungen an und Stimmungen von Musik eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle spielen, wurde 2008 vom Heidelberger Stückemarkt mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. In einer Zeit der Krise der Stadttheater und prekärer Künstlerexistenzen seziert Haratischwili sozusagen die Tragödie des Erfolgs.

 

Mit seiner Inszenierung hat Frank Alva Buecheler so etwas wie ein neues Genre geschaffen. Das Schauspiel-Konzert. Weil sich alles bei Liv Stein um die Musik und den Konzertflügel dreht, braucht Buecheler nicht viel mehr als einen Bechstein für das Bühnenbild (Bühne: Robert Pflanz). Das Haus der Liv Stein, in das sozusagen eine junge Frau, Lore (Anja Bourdais), eindringt, um die Hausherrin um Klavierunterricht zu bitten, ist eine großräumige Bühnenkonstruktion mit mehreren Ebenen.

 

Die portable, minimalistische Bühnenkonstruktion ist durchaus mutig, weil die Bühne so in die Mitte des Zuschauerraums verlegt wird. Das Spiel der Darstellerinnen und des einzigen männlichen Darstellers, Matthias Unger als viriler Emil Stein, ist von allen Seiten einsehbar. Nur ansatzweise wird rampenartig in eine Richtung gespielt, weil es irgendwie auch im Schauspielerinnen-Körper drinsteckt. In der Mitte der Konzertflügel als Verlockung und Drohung zugleich.

 

Der Clou für das Schauspiel-Konzert ist die Doppelbesetzung mit den hochkarätigen Pianistinnen Susanne Grützmann (Liv) und der jungen Ukrainerin Darya Dadykina (Lore). Nonchalant geschieht der Wechsel zwischen Schauspielerinnen und Pianistinnen auf der Bühne. Eva Mattes kommt auf die Bühne und Susanne Grützmann verlässt sie. Die Pianistinnen spielen einzeln und vierhändig auf höchstem Niveau. Rachmaninov, Ravel, Chopin, Schubert. Vor allem La Valse vierhändig, ein Highlight. Martha Agerich und Nelson Freire beispielsweise haben 2003 La Valse an zwei Flügel in Tokio fast elegisch gespielt. Das Klavierspiel wird geradezu gleichwertig zum Schauspiel in die Inszenierung integriert. Und es funktioniert. La Valse von Susanne Grützmann und Darya Dadykina wird im zweiten Teil des Stückes zum dramaturgischen wie musikalischen Höhepunkt und stürmisch gefeiert.

 

Liv Stein gehört als Theaterstück in das Genre des Künstlerdramas, das mit Johann Wolfgang Goethes Torquato Tasso seit 1790 das Verhältnis von Kunst, Künstler und Gesellschaft in den unterschiedlichsten Variationen geradezu unablässig ausleuchtet. Was gibt der Künstler der Gesellschaft? Welche Position sollen der Künstler und seine Kunst in der Gesellschaft einnehmen? Dient er den Mächtigen? Oder soll er sich für die Menschen ohne Stimme und Macht einsetzen? Macht Kunst den Menschen besser? Oder macht sie den begabten Künstler zum Monster? Nino Haratischwilis Stück um Liv Stein ermöglicht unterschiedliche Ebenen der Frage zwischen Boulevard, Schauspielerinnentheater und Regietheater zuzuspitzen. Am Residenztheater in München hat Philipp Preuss unlängst Torquato Tasso als Popshow inszeniert.

Buecheler sieht und inszeniert Liv Stein als „Gegenentwurf zu einer materialistischen Welt von Konsum und Kapital, zu dogmatischem und engherzigem Denken“(Programmplakat). Insofern wären dann ja doch die Kunst und ihr Genuss ein Weltverbesserungsprogramm. Doch ganz so einfach ist es mit Liv Stein ja nicht. Sie erscheint als außerordentlich widersprüchlicher Charakter. Zugespitzt gefragt: Ist sie nur oder sogar das Hirngespinst ihres Sohnes Henri, sein Gehirntumor, an dem er gestorben ist? Wer ist sie wirklich?  

 

Das Künstlerinnendrama Liv Stein geht in zwei Richtungen. Die gefeierte Konzertpianistin hat ihren Sohn verloren und gerät in eine Krise ihrer Existenz. Paradoxer Weise will Lore werden wie Liv Stein. Sie will werden wie der Star, um selbst einer zu werden, was man als zugespitzten Allerweltstraum vieler junger Menschen formulieren kann. Doch Liv Stein empfindet nach dem Tod des 19jährigen Sohnes, den sie aus Karrieregründen ins Internat gegeben hatte, ihr Leben als ein verpassten. Sie hat die Liebe ihres Sohnes versäumt. Vielmehr noch: Henri ist nach seinen Tagebucheintragungen selbst zum Monster geworden. Die Rettung Lores unternimmt Liv radikal und überraschend. Aber wie sehr darf man über das Leben eines anderen Menschen entscheiden wollen?

 

Die Verstrickungen von Livs Managerin Simone (Maryam El-Ghussein), Ex-Ehemann Emil und Ersatzpartnerin Helene (Sandrine Guiraud), Lore und Henri in das Leben von Liv Stein sind existentiell und erschreckend. Mit geradezu eiserner Disziplin managt Simone das Leben von Liv, weil es ihr Traum vom eigenen Künstlerleben gewesen wäre. So ist es denn auch Simone, die an einer Kunstvorstellung rührt, in die sich Liv Stein fraglos ergeben hatte. Ihr Credo – „… es gibt Menschen, die die Welt bewegen können, Menschen die verrückt sind, weil sie Visionen haben“ – hält an einem Tiefendogma von Kunst und Musik fest, in dem Beethoven gegen Ravel ausgespielt wird.

 

Welche Rolle spielt die Musik? Natürlich eine große, weil alle Beteiligten immer von ihr sprechen. Doch die Musikstücke werden, live gespielt, immer auch vieldeutig eingesetzt. Sie sind nicht nur Gesprächsthema und Unterhaltungsbeigabe. Vielmehr werden von Nino Haratschiwili zwei Stücke von Maurice Ravel zitiert und dramaturgisch eingesetzt. Neben La Valse erklingen anspielungsreich Passagen aus Miroirs, wenn Emil Lore verführt oder umgekehrt. Das mag nicht immer gleich während der Aufführung jedem auffallen und gehört doch zur literarischen Konstruktion von Künstlerdrama und Boulevard.

 

Liv Stein ist nicht zuletzt ein Spiegelkabinett der Wünsche vom Leben zwischen Trallala – Helene, „Oh Gott, bin ich trallala …“ – und „Visionen“, wie sie Simone beschwört. Jede spiegelt sich in jeder und könnte möglicherweise gar nicht anders. Durch Lore stellt sich Liv plötzlich die Frage: „Warum habe ich eigentlich nie Ravel gespielt?“ Sind Ravel und sein Poem choréographique, La Valse, oberflächlich? Ballettmusik? Walzermusik gar? Oder kommt es auf die Interpretation an? Auf die Spielpraxis?  

Am anderen Ende der höchst riskanten Spiegelungen als Technik der Übertragung kommt es zwischen Emil, Helene und Lore zu einem kurz aufblitzenden, hedonistischen Sextreffen im Hotel. Lores Eindringen in das Leben von Liv Stein und ihrer Entourage gelingt ihr nicht zuletzt deshalb so gut, weil sie jene Geschichten vom verlorenen Sohn Henri als Versprechen einer Nähe erzählt, die Emil und Liv nicht zu ihm aufbauen konnten oder wollten. Emils Affäre mit Lore, der Freundin seines Sohnes, ersetzt eben nicht nur den Sohn, sondern bringt den Vater in die Position des Sohnes. Werden diese Ungeheuerlichkeiten mit größter Selbstverständlichkeit quasi in einer filmischen Cut-up-Technik mit einem Boulevardton gespielt, wird der Schrecken bei größter Präzision umso größer.

  

Wenn Emil und Lore sich treffen und schließlich unter dem Flügel räkeln spielt Darya Dadykina fast beiläufig Passagen aus Miroirs, als handele es sich um Salonmusik. Doch die Kombination ist von besonderer Raffinesse, mit der Nino Haratischwili ihr Stück komponiert und Frank Alva Buecheler es inszeniert hat. Es gibt immer zwei bis drei weitere Ebenen oder auch Oberflächen, wenn sich der Berichterstatter gerade nicht ganz sicher ist, ob hier die Musik nur als filmische Stimmungserzeugerin eingesetzt wird. Geht es doch in Ravels Zyklus Miroirs um ein besonderes Verhältnis von Bild, Erzählung und Musik, das nur hilfsweise mit dem Kampf-, Programm- und Epochenbegriff Impressionismus erklärt werden kann.

 

Miroirs entfaltet sich selbst in einer spiegelnden ABA-Form. Diese wird von Ravel ausdrücklich mit der Subjektivität in seinen Esquisse Autobiographique bzw. Autobiographischen Skizzen von 1928 in Verbindung gebracht. Mehr noch, und das dürfte Haratischwili durchaus bedacht haben, mit dem Titel seiner Komposition ging es Ravel um die abgrenzende Formulierung einer subjektivistischen Kunst bzw. um den Willen die subjektivistische Kunsttheorie ausdrücklich nicht zu bestätigen. 

Ce mot de miroir en tout état de cause ne doit pas laisser supposer chez moi la volonté d'affirmer une théorie subjectiviste de l'art.

 

Doch die unscharfe subjektivistische Theorie der Kunst funktioniert in der Praxis nicht in der Weise, dass ein Subjekt als souveränes Ich über die künstlerische Produktion entscheidet oder herrscht, vielmehr ist es in ein vielfältiges Spiegelszenarium verwickelt. Ravel knüpft in seinen Kompositionen qua Zitat auf mehrfache Weise an andere Künste und Künstler an, die im Zuge von spiegelartigen Übertragungen allererst die Komposition und den Künstler hervorbringen.

 

An der Widmungspraxis der fünf Stücke aus Miroirs, also Spiegel im Plural, läst sich beobachten, dass sie dem Dichter und Schriftsteller Léon-Paul Fargue, dem Pianisten Ricardo Viñes, dem Maler Paul Sordes, dem Schriftsteller und Musikkritiker Michel Dmitri Calvocoressi und dem ersten Schüler Ravels, Maurice Delage, auf geradezu auto/biographische Weise zugeschrieben werden. Schriftsteller und Maler stehen quasi gleichwertig neben dem Pianisten und dem Musikkritiker, auf die gleichfalls mit den Widmungen angespielt wird. Man könnte sagen, dass auf diese Weise eine Vielheit erzeugt wird. Gerade in dem Maße wie Ravel sich auf vorläufige und unabgeschlossene Kompositionsformen wie die Skizze verlegt und ein Zyklus fünf verschiedenen Künstlerfreunden, die programmatisch in die Kunstproduktion zwischen Inspiration und Rezeption verwickelt sind,  gewidmet wird, durchbricht er eine Geschlossenheit der Kunst.     

 

Vielleicht besteht die Aufgabe der Pianistin darin, nicht so sehr die Komposition als Souverän aus einem Wissen heraus zu interpretieren, als vielmehr sich auf eine auch gefährliche Spiegelung einzulassen. Denn einerseits wird es die Pianistin nie verhindern können, mit der Musik bzw. Komposition, wenn nicht gar dem Komponisten verwechselt zu werden. Andererseits wird sie sich auf jede Note mit jedem Anschlag so sehr einlassen müssen, dass sie sich auch als Subjekt aufgeben muss. Anders gesagt: Liv Stein hat sich gegenüber ihrer nächsten Umgebung versteinern müssen, um die Starpianistin zu werden, die sie geworden ist und vielleicht doch nie werden wollte.

 

Man kann Liv Steins Entscheidung für die Kunst ein Opfer oder eben einen Fluch des Erfolgs nennen. Liv Stein will dieser Opferlogik der Kunstpraxis entkommen und muss doch erst lernen, ihren Erfolg als Verlust anzuerkennen. Die Herausforderung an die Schauspielerin besteht dann darin, diese schmale Gratwanderung zwischen der Erfolgsverwöhnten und dem Opfer herauszuarbeiten. Eva Mattes kann das. Liv Stein ist eben keine Diva, sondern eine komplexe Figur.

 

Liv Stein lässt sich als ein Stück über die Wahrheit und das Erzählen sehen. Denn Lore ist u. a. eine große Erzählerin und Unterhalterin. Ihre Erzählungen über Henri sind durchaus immer ein Versprechen, wenn sie sagt: „Wir wissen voneinander immer die Dinge, die wir wissen wollen. Für alles darüber hinaus braucht man Liebe.“ Anders gesagt: Man muss auch das Wissenwollen aufgeben können, um voneinander mehr zu erfahren. Ob ihre Erzählungen von Henri wahr sind, spielt kaum eine Rolle. Sie gibt Liv Stein allein das Gefühl, mehr von Henri zu wissen, weil sie es hören möchte. Doch der Deal des Klavierunterrichts als Meisterschülerin gegen Nähe zu Henri funktioniert bis zum triumphalen La Valse und erweist sich dennoch als verhängnisvoll.

 

Zwischen den Szenen wird eine radioähnliche Geräuschkulisse montiert. Menschen reden. Doch es lässt sich nichts verstehen. Im Rhythmus der Schnitte und Zwischengeräusche wird Lores Satz dahingehend paraphrasiert, dass wir immer nur hören, was wir hören wollen, was natürlich zu einer gewissen Verunsicherung beiträgt. Aus dem Rauschen der Gespräche schälen sich einzelne aussageförmige Formulierungen heraus und führen auf der Suche nach Wahrheit zum dramatischen Schlusspunkt. Die Liv Stein von Eva Mattes zeigt alle Facetten ihrer Aktions- und Reaktionsmöglichkeiten. Man traut ihr eher zu, dass es um eine radikale und brutale Rettung der Schülerin geht, als deren Leben bestrafend zerstören zu wollen.

 

Sabine Grützmann und Darya Dadykina spielen alles andere als Begleitmusik. Dass die begabte Schülerin mit der Starpianistin den ca. 11minütigen Valse anlässlich des Jubiläumskonzertes mit ihrer Lehrerin spielen darf, gehört zur Dramaturgie des Stückes. Ist es also „nur“ ein anspruchsvolles Konzertstück? Das Spiel der beiden Pianistinnen ist nicht nur virtuos, vielmehr in sich geradezu widersprüchlich. Denn sie spielen zusammen, lassen das Walzermotiv aufbrausen und es wird dennoch zu einer gepflegten Auseinandersetzung mit Ironie und Widerspruch. Sie spielen keinesfalls so elegisch wie Martha Agerich und Nelson Freire. Das macht den Unterschied.   

Die drei Vorpremieren von Samstag bis Montag haben eindrücklich gezeigt, welch Potential in dem Stück wie in der Produktion steckt. Aus Gründen der Haustechnik und Drehverpflichtungen von Eva Mattes wird die Premiere von Liv Stein erst im Frühjahr 2016 in der Villa Elisabeth stattfinden. – Man/frau sollte sie sich nicht entgehen lassen. 

 

Torsten Flüh 

 

Liv Stein 

von Nino Haratischwili 

Regie: Frank Alva Buecheler 

19. bis 28. Mai 2016