Get the Spirit - Eröffnung der Berlinale-Sonderreihe NATIVe im Haus der Berliner Festspiele

Vielfalt – Erzählen – Spirit

 

Get the spirit

Eröffnung der Berlinale-Sonderreihe NATIVe im Haus der Berliner Festspiele

 

NATIVe ist anders. Bei NATIVe eröffnen 2 Saminen die Sonderreihe mit Gesang. Das Indigene Kino blüht. Im Kino läuft gerade Inuk an. Ein Film über einen Jugendlichen, sagen wir, Ureinwohner, der sich mit seiner Herkunft und den Herausforderungen unserer Zeit in Grönland auseinandersetzen muss. Zur Eröffnung von NATIVe lief Atanarjuat am Freitagmittag im Haus der Berliner Festspiele.

Dieter Kosslick war extra zur Eröffnung der Sonderreihe vorgefahren und hatte sich, wie es so seine Art ist, sofort mit den Saminnen über Vielfalt von Geschichtenerzählen im Kino, Slow Food und Terra Madre unterhalten. Denn die Saminnen engagieren sich wie Kosslick bei Terra Madre auch für die Vielfalt von Lebensmitteln und Ernährung. Vielfalt ist natürlich hoch im Kurs bei der Berlinale. Aber bei NATIVe wird sie noch ein wenig mehr zum Programm.

Inuk ist laut Trailer der erste Film über das moderne Grönland. Atanarjuat war vor 12 Jahren der erste Film, der von kanadischen Inuit selbst produziert, geschrieben, gedreht und gespielt wurde. Zacharias Kunuk hatte als Regisseur mit dem Film, der vom kanadischen Fernsehen unterstützt wurde, einen durchschlagenden Erfolg und wurde in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet.


Heute gilt Atanarjuat als Klassiker des Indigenen Kinos, ist auf Native’s Television Channel mit einem Trailer vertreten und im Internet gibt es ein vom kanadischen Staat gefördertes „independent online interactive network of Inuit and Indigenous multimedia“, isuma.tv. Kanda gilt als führend im Umgang und mit der Förderung seiner indigenen Ureinwohner. Möglicherweise haben sich die Erzählweisen des Indigenen Kinos auch schon wieder gegenüber dem Klassiker verändert.

Es war wie ein internationales Familientreffen des Indigenen Kino auf der Bühne. Zur NATIVe-Eröffnung trafen sich mit der Kuratorin Maryanne Redpath die internationalen Beraterinnen und Berater der Sonderreihe aus Kanda, Neuseeland, USA und Australien. Und N. Bird Runnigwater, der das Native American and Indigenous Program des von Robert Redford gegründeten Sundance Festivals in Sundance, Utah leitet, stimmte zum Schluss der Vorstellung ein Lied zur Gitarre an.       


Die Berlinale ist also nicht nur der Glamour des Hollywood-Kinos, sondern ein Treffen der internationalen Filmschaffenden, das es in dieser Breite und Vielfalt wahrscheinlich nur in Berlin gibt. Doch Vielfalt lässt sich beispielsweise bei der direkt aus dem Berlinale-Palast mit Anke Engelke, wenigstens auf 3SAT live übertragenen, Eröffnungsgala schlecht repräsentieren. Die Krise des Fernsehens liegt auch in ihrem Zwang, wenigstens Jane Fonda als Repräsentantin für den Hauptsponsor L’Oréal einblenden zu müssen.

Yi Dai Zong Shi (The Grandmaster/Der Großmeister), der „große“ Eröffnungsfilm der Berlinale, von Wong Kar Wei ist nicht zuletzt sehr großmeisterlich, wovon sich der Berichterstatter am Freitagabend ins Bild setzen konnte. Weder die Story, noch das Genre oder gar die Message sind besonders inspirierend. Tolle Bilder, schöne Schauspieler, viel Kostüm und Studiobauten, was natürlich im Film immer gelogen ist. Aber, wer Chinesisch versteht und die Eingangssequenz kapiert, hört dann doch allzu sehr das Trauma vom Verlust der Einheit heraus. Das ist natürlich nicht NATIVe, sondern ideologisch.

Nur so viel: Worum geht es in Yi Dai Zong Shi? Na? — Der Großmeister des Kungfu tritt ab und sucht einen würdigen Nachfolger. Worin besteht die historische Leistung des Großmeisters um 1938? Sie besteht darin, den nördlichen und den südlichen Stil des Kungfu vereinigt zu haben. Das ewige chinesische Nordsüd-Gefälle, das nur als Einheit zur wahren Stärke aufsteigen kann, sticht in der Eingangserzählung recht markant hervor. Zumindest darin ist Wong Kar Wei meisterlich, dass er ein verblüffendes Bild für Einheit findet.

Es geht nämlich um eine Art runden Mondkuchen, der im Kampf um die Macht zwischen dem Großmeister und seinem Nachfolger nicht zerbrochen werden darf. Dafür bedarf es höchster Sensibilität im Kampf um Macht und Nachfolge. Der Mondkuchen geht nicht in Stücken. Erst nach dem Kampf bricht auf zauberhafte Weise der Großmeister ein Stück vom runden Kuchen ab. Doch es wird dann in den übrigen ca. 90 Minuten in einer Kungfu-Liebesgeschichte darum gehen, den beschädigten Kuchen wieder rund zu machen.

Ob Wong Kar Wei damit schon eine subtile Kritik an der von niemandem anderes denn der Kommunistischen Partei Chinas als selbsternannten Garanten der Einheit beanspruchten Macht mit der Format des Kungfu-Historienschinkens übt, mag dahin gestellt bleiben. Auffällig ist zumindest, dass das historische Genre im chinesischen Kino derart blüht, dass man kaum noch etwas durch den Film über das aktuelle China erfährt. Die Zwanghaftigkeit von der Einheit als einer verlorenen zu erzählen, wie es die großen chinesischen Regisseure wie auch Zhang Yimou in den letzten Jahren auf der Berlinale tun, gibt einen Wink darauf, dass sich die Gesellschaft der Volksrepublik China in einem Atomisierungsprozess befindet. – Sì NIAN HAO! Ein gutes Jahr der Schlange.


Zurück also zur mikrologischen Vielfalt des Indigenen Kino. Vielleicht gibt es ja auch eines Tages indigenes Kino aus China, das mindestens so multiethnisch wie Kanada und die USA zusammen ist. Dann müsste man nicht immer wieder ein vermeintlich konfuzianistisches Pantasma der Einheit unter der Folie der KPCH sehen. Der ungeteilte Körper des Staates, ob als runder Mondkuchen oder Soldatenheld oder als Kungfu-Kunst wie er zumindest derzeit durch das chinesische Kino geistert, kommt in den Erzählungen der Miao oder Thai oder was auch immer bestimmt anders vor.


Was zeichnet also den Klassiker des Indigenen Kinos, Atanarjuat, aus? — Statt Einheit von Körper und Geist gibt es durch den Schamanismus eine bedenkenswerte Durchdringung und Aufspaltung von beidem. Atanarjuat, was in der Sprache der Inuit soviel wie schneller Läufer heißt, hat seinen dramatischen Ursprung in einer uralten Erzählung vom Schamanismus. Auch im Schamanismus geht es um Macht. Doch sie wird anders mit der Natur und den Zeitläufen sowie dem Einzelnen verknüpft.


Zunächst einmal fällt auf, dass in Atanarjuat wenig gesprochen wird. Man könnte einmal formulieren, dass die Natur in der Erzählung anders mitspricht. Doch sie wird weniger in Worte gefasst, oder anders gesagt, die Natur fasst sich nicht in Worte. Im Kontext des anderen Erzählens darf man daran erinnern, dass der Film die Goldene Kamera gewonnen hat. Nicht Drehbuch oder Regie oder Schauspieler schienen besonders aufzeichnenswert, sondern die Einstellungen, vielleicht sogar Sprache der Kamera.      


Das Verhältnis von Sprache und Bild in Atanarjuat korreliert mit dem Schamanismus. Weil die Protagonisten der Erzählung so wenig sprechen, lassen sie sich schwieriger auf Charaktere, Widersprüche, Verantwortlichkeiten oder persönliche Schuld festlegen. Die Regeln des Inuit-Clans, von dem die Erzählung handelt, funktionieren anders als nach dem Strafgesetzbuch eines modernen, europäischen Staates. Wo finden in Atanarjuat die gesellschaftlichen Übertretungen statt und wie werden sie gelöst?


Die uralte Erzählung der Inuit wird durch eine Klammer zweier schamanischer Ereignisse zusammengehalten. Der Fluch eines Schamanen führt zu einer Verkettung schlechter, unglückbringender Verhaltensweisen. Am Schluss wird die Verkettung, eine magische Halskette mit Walrosszähnen spielt nicht zuletzt eine wichtige Rolle, der sich im Unglück steigernden Ereignisse, durch ein schamanisches Ritual unterbrochen, so dass die Dauer der Verkettungen abreißt. Die Rolle des Schamanen wird dabei durch die Großmutter eingenommen.


Beim schamanischen Ritual spielen nicht zuletzt wortlose oder zumindest unübersetzbare Gesänge, tierische Laute und die Vermischung von Tier und Mensch eine entscheidende Rolle. Diese Auflösung von Grenzen zwischen Natur und Gemeinschaft, zwischen Mensch und Tier, von Vergangenheit und Gegenwart übernehmen in der Schlusssequenz eine Funktion der Unterbrechung als Reinigung. Beispielsweise wird Oki, der zum Mörder geworden ist, nicht zu einer abzuleistenden Strafe verurteilt, sondern von der Großmutter fortgeschickt und aus dem Clan ausgeschlossen.

Die Erzählung von Atanarjuat ist weitaus stärker auf eine Überlebenspraxis in einer ebenso feindlichen wie das Überleben sichernden Natur ausgerichtet als auf die Fragen individueller Schuld. Sieht man den Film zum ersten Mal, dann ist es nicht ganz einfach, die ständigen Sprünge in der Erzählung und die Charaktere auseinanderzuhalten. Doch was als Schwäche von erzählerischer Strukturierung und schauspielerischer Leistung wahrgenommen werden könnte, erweist sich sehr schnell als eine andere Form des Erzählens im Kino.

Der schamanische Verkehr mit den Geistern - the spirit - lässt sich für die Erzählung von Atanarjuat als ein Modus der Unterbrechung und Sequenzierung formulieren. Der Spirit wird dabei nicht vorrangig auf ein Individuum bezogen, vielmehr findet er in der Art und Weise einer Teilhabe an einem auch namenlosen Wissen statt. Sowohl ein Mann wie eine Frau kann zur Sprecherin des Spirit werden. Und in einigen Einstellungen wird ein Kind zum Transporteur eines alten, verstorbenen Menschen und seiner Worte. Der Großvater spricht durch das Kind, das (nicht) spricht.   


Geradezu in der Weise, wie das Singen – zwei Saminnen und der gebürtige Cheyenne und Mescalero Apache N. Bird Runnigwater - in der Eröffnungsveranstaltung den Spirit gegenwärtig werden ließ, so handelt das Indigene Kino insbesondere vom Spirit als einem anderen Modus des Wissens. Bis zum 17. Februar kann man sich jetzt auf der Berlinale in der Sonderreihe NATIVe mit dem Spirit vertraut machen. Atanarjurat läuft(!) noch einmal am 17. Februar im Haus der Berliner Festspiele.

 

Torsten Flüh

 

NATIVe

A Journey into Indigenous Cinema

  

Yi Dai Zong Shi

(The Grandmaster/Der Großmeister)

von Wong Kar Wei

 

Atanarjuat

(The Fast Runner)

Zacharias Kunuk


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Categories: Film

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