Revolutionäres Lesen auf der Straße - Zur Ausstellung Druckerschwärze Roter Stern Revolution an der Litfaßsäule Deutschland 1918/20

Revolution – Litfaßsäule – Lesen 

 

Revolutionäres Lesen auf der Straße 

Zur Ausstellung Druckerschwärze Roter Stern Revolution an der Litfaßsäule Deutschland 1918/20 in der Staatsbibliothek zu Berlin 

 

Revolutionen leb(t)en von Flugblättern, Plakaten und revolutionären Aufrufen, vom Hörensagen, Gerüchten und Proklamationen. Am Samstag, den 9. November 1918 marschierten organisierte Arbeiter aus den Fabrikhallen der AEG und von Schwartzkopff am Humboldthain über die Gustav-Meyer-Allee, Schering- und Liesenstraße zur Chausseestraße, um an der Maikäferkaserne die Soldaten zur Revolution gegen den Kaiser, seine Regierung und Generäle aufzurufen. An der Ecke zur Wiesenstraße stand ein gusseisernes Pissoir für die Fabrikarbeiter. Man kann sich denken, dass an den Innen- und Außenwänden zahlreiche Plakate und Aufrufe angeklebt waren. Auf dem Rondeel bei Schwartzkopff unter der Eisenbahnbrücke, wo Acker-, Garten-, Liesen-, Schering- und Gerichtstraße zusammentreffen, wird eine gusseiserne Litfaßsäule wiederum neben einem „Café Achteck“ gestanden haben.[1]

 

In der Geschichte der Revolution kommt die Litfaßsäule nicht vor. Dabei wird sie bereits vor der Revolution ein wichtiger Kommunikationsknotenpunkt gewesen sein. Litfaßsäulen wurden in mehreren Lagen plakatiert. Plakate zur Werbung und Politik wie öffentliche Mitteilungen Lage um Lage übereinander geklebt. Es gab noch kein Telefon, kein Smartphone, kein Internet mit Social Media. Wohl überhaupt erstmalig rückt die Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz die aus den Stadtbildern fast verschwundene Schnittstelle der Kommunikation mit einer Ausstellung im frei zugänglichen Foyer ins Interesse. Neben der historischen Revolutionserzählung auf den Stellwänden faszinieren die zeitgenössischen Plakate und Aufrufe in Grafik, Text und Farbe auf den Säulen des Foyers ganz außerordentlich – Druckerschwärze Roter Stern. 

 

 

Die Litfaßsäule ist eine Berliner Erfindung des Druckers Ernst Litfaß, dessen zwar schlichte, doch großflächige Grabstätte sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof unweit der von Brecht, Weigel, Becher, Zweig, Mann etc. befindet. Die Säule wurde bereits am 5. Dezember 1854 vom Polizeipräsidenten Karl Ludwig von Hinckeldey als „Annoncier-Säule“ zugelassen. Dann ging sie als Gusseisen-Produkt der Berliner Eisenindustrie in Serie. Bereits während der Kriegsjahre 1870/71 wurden die hochoffiziellen Kriegsdepeschen an ihr plakatiert. Bei den Reichstagswahlen 1932 wurde der Wahlkampf mit Plakaten z.B. der NSDAP noch an der Litfaßsäule für die breite Bevölkerung geführt, wie ein Foto vom 24. April 1932 verrät.[2] Der Maler Georg Scholz portraitierte sich 1926 vor einer Litfaßsäule als Zeugnis der Großstadtmoderne im Stil der Neuen Sachlichkeit.[3] Im Zuge des Spartakusaufstands im Januar 1919 wurde eine Litfaßsäule in der Großen Frankfurter Straße am Alexanderplatz umgestürzt und als Barrikade genutzt.[4] 

 

Das Lesen an der Litfaßsäule wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin eingeübt. Wiederholt werden Lesende vor der Litfaßsäule, oft einfache Leute, zum Bildsujet für das Straßenleben in der wachsenden Großstadt. 1871 malt A. Müller-Schönhausen in Öl auf Malpappe Die Friedensdepesche, wo Kinder, Frauen und Männer unterschiedlicher Stände sich lesend an einer Litfaßsäule drängen.[5] Dass der Maler, das Bild nicht auf teurer Leinwand, sondern auf billiger Malpappe durchaus detailliert ausgestaltete, gibt einen Wink auf die halboffizielle Herkunft des Bildes. Ob alle auf dem Bild Angemalten tatsächlich lesen konnten, dürfte fraglich sein. Der Eine oder Andere las vermutlich laut vor, woraufhin die Neuigkeit in der Bevölkerung mündlich kursierte. Daraufhin wollten sich sicher Einige vom Gehörten auf der Litfaßsäule mit eigenen Augen überzeugen. Die Litfaßsäule war ebenso sehr Faszinosum wie Kommunikationsknotenpunkt.   

 

An der Litfaßsäule zu lesen, muss etwas von einem Versteckspiel in der Öffentlichkeit gehabt haben. Eine Erinnerung daran vermitteln die Säulen im Foyer. Gewiss wollte nicht jeder beim Lesen einer Annonce beobachtet werden. Lesen ist in gewisser Weise eine private oder gelehrte Angelegenheit. Das Lesen aber an der Litfaßsäule geschah – und geschieht vielleicht noch immer – in der nackten Öffentlichkeit, wobei sich Lesende auf entgegengesetzten Seiten der Säule nicht sehen können. Man will dem anderen Lesenden gar nicht in die Augen schauen. Hier ein Ellenbogen, dort eine Hutkrempe. Sich gemeinsam und doch getrennt lesend an der Litfaßsäule vor einem Text drängen, wird schon fast ein intimer Austausch gewesen sein – 1871 wie 1918 wie 2018. Auf keinen Fall sollten die Anderen wissen, was man heimlich in der Öffentlichkeit las. Die frühe Annoncier-Polka von Kéler Béla aus dem Jahr 1855 bleibt ohne Text.[6]

 

Erstaunlicher Weise ist dem Spaziergänger Walter Benjamin und dem Agitator Bertolt Brecht die Litfaßsäule entgangen. Keine Erwähnung in Einbahnstraße (1928) von Benjamin. „Tankstelle“, „Frühstücksstube“, „Souterrain“, ja, alles da. Aber keine Litfaßsäule. Sie muss für beide durchaus präsent gewesen sein – und wird übersehen. Vielleicht war sie zu selbstverständlich, zu normal, unordentlich und ein bisschen schmuddelig. Der andere große Spaziergänger im Berlin der 20er Jahre Franz Hessel erwähnt die Litfaßsäule ebenfalls nicht. Doch Joachim Ringelnatz machte aus ihr und auf sie im verallgemeinernden Plural 1923 ein Gedicht, das 1927 in Reisebriefe eines Artisten abgedruckt wird.[7] Ausgerechnet im Genre des humorvollen, halbernsten Gedichts erhalten Die Litfaßsäulen Beachtung. 

Es stehen die Litfaßsäulen 

Verstreut, den Leuchttürmen gleich, 

Und lassen vom Wind sich umheulen 

Und werden im Regen ganz weich.

 

Und rufen und locken und preisen 

Aus buntem und grellem Papier 

Und drohen und stechen und beißen 

Und lügen noch schlimmer als wir.

 

In 8 Strophen mit 32 Versen nähert sich Ringelnatz den Litfaßsäulen. Das ist gerade nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Denn Ringelnatz hat wirklich hingeschaut, wie ein Mann die Leiter an die Säule legt und die Lagen der Plakate abreißt. Auf erstaunlich genaue Weise verarbeitet Ringelnatz eine Praxeologie der so oft übersehenen, geringgeschätzten Litfaßsäulen in seinem Gedicht. Dabei reimt sich spaßig „heiter“ auf „Leiter“ und „begeistert“ auf „bekleistert“. Keinesfalls sind die Passanten und Leser „begeistert“, vielmehr ist der Plakatierer von seiner zügigen Arbeit, dem Bekleben der Litfaßsäule „begeistert“. Es gibt eine gewisse Schräglage des Sinns im Gedicht, die amüsiert. 

Früh lehnt ein Mann eine Leiter 

An das, was Litfaß erfand. 

Er reißt ihr vandalisch doch heiter 

In Fetzen das bunte Gewand.

 

Nachdem er sie darauf bekleistert – 

Als brächte ihn Nacktes in Zorn – 

Klebt er ihr wieder begeistert 

Viel Buntes auf Hinten und Vorn.

 

Die Litfaßsäule wird bei Ringelnatz zum Schauplatz des anderen Stadtromans, wenn das poetisch-spaßig erzählende Ich genau jene Lese- und Erzählpraxis in Versen und Strophen formuliert, die bislang kaum beachtet worden war. Der Mann, bezeichnenderweise, liest „das ernst ohne Pause“, um es später seiner Frau zu erzählen, damit man dann 1923, ca. 4 Jahre nach der Novemberrevolution, wieder durch die Straßen geht, und der Mann möglicherweise zeigt, wo er was gelesen hat. Die Hommage an die Litfaßsäulen endet mit der Mahnung, dass „wir nicht etwa achtlos vorübergehn“ sollten an den standhaften Säulen. Doch genau diese Achtlosigkeit war selbst bei literarischen Spaziergängern bereits eingerissen. 

Theater ... – Auktion ... – Zigaretten ... – 

Wohltätigkeits... – Raubmord ... – Und Sport 

Proteste ... – Amtliche ... – Betten ... – 

Kurz alles in Bild oder Wort.

 

Ich lese das ernst ohne Pause. 

Mich interessiert so was sehr. 

Und meiner Frau sag’ zu Hause 

Ich alles dann auswendig her.

 

Ihr Sinn für Romane, Gedichte 

Und Zeitungen ist nicht so groß. 

Sie hört meine Litfaßberichte, 

Und abends ziehn wir dann los.

 

Und wie, wie in Sturm und Wellen, 

Die Litfaßsäulen starr stehn, 

So sollen am Aktuellen 

Auch wir nicht etwa achtlos vorübergehn.

 

Alles wird „Bild oder Wort“ an der Litfaßsäule, reimt Ringelnatz auf „Sport“. Und genau jener Prozess lässt sich nun im Foyer der Staatsbibliothek beobachten. Alles wird in einer Verknappung von Bild und Wort auf die Säulen geklebt. Verknappung, Einfachheit und Zuspitzung sind die Modi der Texte und Bilder auf der Litfaßsäule. Sie „drohen und stechen und beißen/Und lügen noch schlimmer als wir“, schreibt Ringelnatz. Das gilt insbesondere für die Anschläge um 1918/19. Auf der Litfaßsäule haben, wie man heute sagt, hatespeech und Fake News ihren Platz: „Spartakistische     Pressefreiheit“ und dazwischen Brände, Rauchschwaden, ein spartakistischer Arbeiter, der über „Berl. Tageblatt“, „Vorwärts“, „Voss“ und „Berl. Volkszeitung“ personifiziert in Männern in Anzügen trampelt. Ein anderes: „Kameraden! … Helft uns! Gegen den Mordbrenner Spartakus! Laßt Eure Kameraden nicht im Stich! …“ Dann: „Denkt an Liebknecht! Wählt Spartakus!  

 

Das Spiel aus Bild, Wort, Ausrufezeichen und Farben schlägt durch auf den Litfaßsäulen der Novemberrevolution. In der politisch zugespitzten Zeit der Revolution verwandelt sich die Sprache der Litfaßsäule in eine befehlsförmige. Die Inflation der Ausrufezeichen heizt geradezu die Stimmung an. Kameraden, Arbeitern – „Arbeiter!“ –, Genossen, „An das deutsche Volk!“, „Münchner!“, „Arbeiter und Soldaten!“, allen wird mit dem Ausrufezeichen befohlen. Das fällt auf. Von den Befehlen hin- und hergerissen, gerieten die Befohlenen sicherlich ins Schwanken. Welchem Befehl sollte man denn nun folgen? Wahrscheinlich war und ist genau diese widerstreitende Befehlsförmigkeit der Sprache ein entscheidendes Moment der Revolution. Auf der Litfaßsäule werden regelrechte Parolen-Gefechte mit einer Überbietung an bis zu 3 Ausrufezeichen ausgetragen:

          Liebknechts Parole:

Und willst Du nicht mein Bruder sein,

dann schlag ich Dir den Schädel ein!!! 

 

Die Revolution findet auch deshalb an der Litfaßsäule statt, weil kein Zensor mehr das Plakatieren regelt. Nicht mehr der Staat und die Polizei verfügen über ein Befehls- und Gewaltmonopol, sondern plötzlich befehlen alle durcheinander und rufen zur Gewalt auf. Reinhard Hildebrandt hat kürzlich mit sich teilweise vehement widersprechenden „Beschreibungen der Abläufe“ an der „Maikäferkaserne“, der Kaserne des Garde-Füssilier-Regiments in der Chausseestraße, auf die „Lücken“ und „Widersprüche“ in „zeitgenössischen Zeitungsartikeln“ hingewiesen.[8] Vossische Zeitung, Berliner Tageblatt, Wolffsches Telegraphen-Büro, das vom „Arbeiter- und Soldaten-Rat“ besetzt worden war, und Zeitzeugen berichten widersprüchlich. In der DDR wird die Version des spartakistischen „Arbeiter- und Soldatenrats“ als offizielle Geschichtsschreibung übernommen.[9] 1958 zum 40jährigen Jubiläum wird auf dem Grundstück der Chausseestraße 121 ein Spartakus-Denkmal zur Erinnerung an die Anwaltskanzlei der Liebknecht-Brüder im zerstörten Haus aufgestellt. 

Spartakus 

das heisst 

Feuer und Geist 

das heisst 

Seele und Herz 

das heisst 

Wille und Tat 

der 

Revolution 

des 

Proletariats. 

Karl Liebknecht 

Einige Anschläge bieten eine grafisch ausgeklügelte Befehlserzählung, die gemeinsame, revolutionäre Aktionen generieren sollen. In der Ausstellung im Foyer bleibt unklar, wie genau und ob überhaupt den Anschlägen gefolgt wurde. Oft werden „Massen“ angesprochen, doch dann ist in der Geschichtsschreibung von diesen kaum etwas zu lesen. Wann war „Heute nachmittag pünktlich 4 Uhr“? War das am 9. November? Wie mit dem nie geklärten ersten Toten, dem Arbeiter des Lokomotivbauers Schwatrzkopff Erich Habersaath, an der Maikäferkaserne entzieht sich das revolutionäre Geschehen der Beschreibung. Im Nachhinein wird das Ereignis litfaßsäulenartigen in mehreren Lagen überklebt und überschrieben. 

Arbeiter und Soldaten! 

Heute nachmittag pünktlich 4 Uhr 

findet eine 

Öffentliche 

Versammlung 

auf dem Schloßhof statt. 

In derselben sollen sehr wichtige Maßnahmen besprochen 

werden. Es wird von drei Stellen aus gesprochen. 

Arbeiter, Soldaten erscheint in Massen. 

                   Der Arbeiter- u. Soldatenrat. 

Die Matrosen bitten wir, sich nach der Versammlung 

im Fürstenhof, Stobenstraße, einzufinden.

  

Ein Extrablatt vom Sonnabend, 9. November 1918, 21 Uhr aus der Braunschweigischen Landeszeitung wird „Amtlich“ auf die Litfaßsäulen gekleistert worden sein: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Thron zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch solange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind…“ Man weiß heute, dass Kaiser, Kaiserin und Kronprinz ihr Leben lang davon träumten, mit oder ohne Adolf Hitlers Hilfe wieder an die Macht und auf den Thron zu gelangen. Gleichzeitigkeiten und zeitliche Überschneidungen führten vermutlich dazu, dass die Anschläge schnell veralteten, weshalb die Litfaßsäule ein ebenso schnelles, flüchtiges wie schnell veraltendes Medium in revolutionären Zeiten gewesen sein wird. Philipp Scheidemann hatte bereits um 14:00 Uhr vom Westbalkon des Reichstagsgebäudes die Republik ausgerufen. Um 16:00 Uhr rief Karl Liebknecht am Berliner Schloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“ aus.[10]

 

„Berliner! Schützt Euch und Eure Familie! Meldet Euch zur Einwohnerwehr!“ Das Bürgertum nutzte die Litfaßsäule als Massenmedium in der Revolution offenbar ebenfalls. Dazu die Zeichnung eines Bürgers im Anzug mit einem großkalibrigen Jagdgewehr vor einer Frau mit Kind, die sich in eine Ecke kauern. An der Tür ist bereits ein Arbeiter erschossen niedergesunken. In der Flucht noch ballt ein anderer die Faust und ein dritter Arbeiter oder Soldat drängt zur Tür hinaus. Das durchaus bürgerliche Szenarium inszeniert einen Übergriff der Arbeiter und Soldaten in ihre Privaträume. Bild und Wort – „Einwohnerwehr“ – stellen eine Angst dar, die in der Geschichtsschreibung so nicht überliefert ist. Handelt es sich um eine Falschmeldung, um die Stimmung anzuheizen?  

 

Die Litfaßsäule als Ort der Staatsmeldung und Besatzungspolitik kehrt noch einmal in einer Radioreportage der Besetzer am 30. Oktober 1939 mit einer „Reportage vor einer Litfaßsäule in Krakau“ wieder. Die Litfaßsäule wird zum Ort der Normalität im besetzten Polen mit Filmplakaten und Schauplatz der Judenverfolgung im sogenannten Generalsgouvernement. Der Besatzungsreporter, der sich „deutscher Rundfunksprecher“ nennt, wählt die Litfaßsäule nicht nur, um über Krakau zu berichten, sondern um die Besetzung des öffentlichen Raumes durch die deutsche Wehrmacht als Gesetzgeber zu inszenieren. Er „beschäftigt“ sich mit dem „Inhalt und Plakaten“ der Litfaßsäule. Die Behörden und die Verwaltung Krakaus informieren die Bevölkerung durch sie. Eine ganze Reihe von „deutschen Filmen“ wird auf der Litfaßsäule mit einem Zeitungs- und Zigarettenkiosk angepriesen. Dann kommt die „ernste Seite einer solchen Säule“: „Verordnungen des Stadtpräsidenten, Verordnungen des Generalgouverneurs“: „Kennzeichnung der Juden im Gebiet Krakau …“[11]  

 

Die Radioreportage des seit 1. Januar 1939 Großdeutschen Rundfunks, der „deutsche Rundfunksprecher“ spricht nur von deutschem Rundfunk, vor einer Litfaßsäule verknüpft die Lebenswirklichkeit der Hörer in Berlin und dem Deutschen Reich mit der von Krakau. Die Litfaßsäule, obwohl sie ein wenig anders aussieht, wird zur Schaltstelle der deutschen Normalität in Polen. Und der Rundfunksprecher macht genau das, was so häufig an der Litfaßsäule geschah. Er liest vor. Was sollte daran falsch sein?! – Über die Litfaßsäulen, die immer und überall in den Städten da sind, wird kurz nach dem Überfall auf Polen zwischen dem 1. September und 6. Oktober 1939 die größtmögliche Normalität hergestellt. Auf diese Weise wird die Litfaßsäule zum Ort des Schreckens durch Normalität.  

 

Torsten Flüh

 

DRUCKERSCHWÄRZE ROTER STERN 

Revolution an der Litfaßsäule 

Deutschland 1918/20 

bis 15. Dezember 2018 

Mo-Fr 9-21 Uhr 

Sa 10-19 Uhr 

Staatsbibliothek zu Berlin 

Haus Potsdamer Straße 33 

10785 Berlin

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[1] Die Überreste beider Pissoirs wurden nach eigener Augenzeugenschaft erst um 2004 beseitigt. Ältere Berliner konnten sich gut an beide Anstalten erinnern. Nach 1945 lag vor allem das Rondeel an der Grenze zwischen Französischem und Sowjetischen Sektor bzw. an der Mauer der DDR.

[2] Siehe Litfaßsäule mit NSDAP-Wahlplakat 1932 im Bundesarchiv Wikipedia

[3] Georg Scholz: Selbstportrait vor der Litfaßsäule Wikipedia.

[4] Siehe Sabine Reichwein: Die Litfaßsäule. Die 125jährige Geschichte der Litfaßsäule. Berlin: Presse- und Informationsamt, 1980, S. 39.  

[5] A. Müller-Schönhausen: Die Friedensdepesche. Berlin 1871. Stadtmuseum Berlin Online Sammlung.

[6] Siehe Sabine Reichwein: Die … [wie Anm. 3] S. 27.

[7] Joachim Ringelnatz: Die Litfaßsäulen. In: ders.: 103 Gedichte. Berlin: Rowohlt, 1933 (zuerst 1927), S. 14-15. (Digitalisat Uni Bielefeld)

[8] Reinhard Hildebrand: Der Sturm auf die ‚Maikäfer‘-Kaserne am 9. November 1918. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 114. Jahrgang, Heft 4, Oktober 2018, S. 346.

[9] Ebenda S. 347.

[10] Ebend S. S. 346.

[11] 1939-10-30 - Reportage vor einer Litfaßsäule in Krakau, Generalgouvernement (2m 58s) (Archive.org)