Einen Teddy für den Kater - 30. Teddy Award-Ceremony im Station

Zeit – Streaming – Preis 

 

Einen Teddy für den Kater 

30. Teddy Award-Ceremony im Station und Live-Streaming 

 

Der Teddy Award ist von der Komischen Oper wieder ins Station am Gleisdreieck gezogen. Ein Hangar und die Empfangshalle des ehemaligen Flughafens Tempelhof, das Station und die Komische Oper waren schon pompöse Locations für die Verleihung des Oscars für Queer Movies. Im Live-Stream wurde die Zeremonie mit Jochen Schropp als Moderator, Wieland Speck als Daddy of the Teddy, der New Yorker Filmproduzentin Christine Vachon sowie einigen weiteren illustren Gästen und der jungen Sängerin Kovacs, von der man/frau bestimmt noch hören wird, durch die Netze um den Globus gejagt. Das Zeitalter des Live-Streaming hat im 30. Jahr für den Teddy begonnen. CINE PLUS, ZDF und Arte sind mit mindestens 4 Kameras dabei. Große Technik für das Tablet- und Smartphone-Format.

Statt allerdings in der Mediathek von Arte für 7 Tage vorgehalten zu werden, wurde am Samstagabend Rosa von Praunheims neuester Film Welcome All Sexes zur „Primetime“ von 23:45 Uhr erstausgestrahlt und kann noch online abgerufen werden. Technologisch haben der Teddy Award und das Queer Movie in den letzten Jahren durchaus einiges durchgemacht. Zwischen Streaming über Ländergrenzen hinaus und der Projektion von Originalfilmmaterial – keine Digital(re)konstruktion – des allerersten gender-politischen Films von 1919 mit Anders als die Andern im Zeughauskino in der Reihe Teddy Award-Retro verschieben sich auch die Wahrnehmungsweisen von „Homosexualität“ und „Sexes“. Choose your sexes and be gay!

 

Live-Streaming ist wieder einmal so ein schöner denglischer Begriff, den es wie Handy im Englischen nicht gibt. Streaming ist natürlich wie bei Spotify oder Qobuz, das vor knapp einem Jahr in Clärchens Ballhaus vorgestellt wurde, jene Technologie, die neue Märkte schafft. Offenbar wird aber in der Produktionspraxis der „TV production“ der Sendeanstalten ein Unterschied zwischen Streaming und Live-Streaming gemacht. Die User, wie heute das Publikum heißt, werden darauf verpflichtet, sich wie bei der Fernseh-Live-Sendung am PC einzufinden, Tablet- oder Smartphone für die Mikrovision zur Hand zu nehmen. Wer nicht rechtzeitig am Screen sitzt, wird in der Logik des Fernsehens und seiner Rechtskonstruktionen das Live-Streaming verpasst haben. Das lässt sich durchaus als eine Drohung verstehen, weil die Logik des Internets und seine Praktiken doch gerade das Versprechen beinhalten, alles zu jeder Zeit überall abrufen zu können.

 

Pardon, der Berichterstatter und Blogger bittet um Geduld und Aufmerksamkeit. Es wird auch noch mehr und farbiger über die Show der Teddy Award Verleihung berichtet werden. Doch mediale Produktionstechniken – Zelluloid, Virage, Magnetband, Digitalisierung, Festplatte, Server, Cloud, Streaming – spielen immer auch in die Wahrnehmungspraktiken hinein und generieren sie. Ein empirisches Beispiel? – Gern. Die Verleihungszeremonie selbst! Zu beobachten war in der Halle des Station gegenüber der Veranstaltung 2013, als sie noch aufgezeichnet und nicht gestreamt wurde, dass das Publikum jeden Alters und Geschlechts insbesondere ab dem ersten Drittel der Bestuhlung von einem virulenten ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) heimgesucht wurde. Kaum jemand vermochte, sich für die Dauer des Global-Live-Streaming auf die Show zu konzentrieren. Das war auf erschreckende Weise zu beobachten und möglicherweise nicht allein durch Sichteinschränkungen zu begründen.   

 

Bitte, schenken Sie mir noch über einige Zeilen hinweg IHRE wertgeschätzte Aufmerksamkeit. Ein Theatersaal bzw. Opernhaus wie die Komische Oper z. B. 2014 beim Teddy Award unterscheiden sich von einer Eventlocation wie dem Station oder auch der Abfertigungshalle des Flughafens Tempelhof 2012. Im Theatersaal werden die Türen nach Beginn der Vorstellung geschlossen. Das kann für die Aufmerksamkeit von Vorteil sein. Die Entscheidung für das Station hatte sicher gute Gründe für die Veranstalter, weil es danach auch noch eine Party gibt, die in den Räumen und Fluchten des Opernhauses wohl nicht ganz so attraktiv für Berliner Partygoer ist. Doch selbst im Vergleich zu anderen Orten in den Vorjahren war die Unruhe im Publikum in diesem Jahr extrem, obwohl Prominenz wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Klaus Wowereit, Marianne Rosenberg, Monika Treut, Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim, Claudia Roth, Volker Beck, Ulrike Ottinger, Harald Christ, etliche Dragqueens etc. im Publikum waren. Der Teddy kann sich nicht wirklich über ein politisches Aufmerksamkeitsdefizit beklagen, mehr wäre allerdings noch besser.

 

Mit Christine Vachon ging der Special Teddy Award in diesem Jahr an eine Frau, deren Einfluss und Standing in der Filmbranche selbst von Cineasten unterschätzt wird. Den Special Teddy bekommen sonst vor allem Protagonistinnen vor oder hinter der Kamera. Doch Christine Vachon gehört spätestens seit dem Oscar für Hilary Swank als Beste Hauptdarstellerin in dem Transgender-Drama Boys don’t cry (1999) zu den Menschen, die mit der Produktionsfirma Killer Films zu allererst queere Filme und das New Queer Movie an der Grenze um Mainstream möglich machen. Aktuell ist der von Christine Vachon und Killer Films produzierte Kinofilm Carol mit Cate Blanchett nach der autobiographischen Erzählung von Patricia Highsmith noch im Kino zu sehen. Und Juliane Moore in Still Alice (2015), ebenfalls von Killer Films produziert, räumte neben dem Academy Award zahllose Preise als Beste Hauptdarstellerin ab. Natürlich gehören die queeren Produzentinnen zu wichtigen Akteuren des Queer Movie überhaupt. Sie stehen aber eben nur ausnahmsweise im Rampenlicht.

 

Der Teddy Award und seine Preisverleihung sind natürlich eine hoch politische Veranstaltung, so dass das Thema Flüchtlinge zwar nicht so prominent wie mit der Verleihung des Goldenen Bären für Gianfranco Rosis Dokumentarfilm Fuocoammare (Fire at Sea) doch ebenfalls in den Reden des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller wie im Interview mit der Generalsekretärin von Amnesty International Selmin Çalişkan angesprochen wurde. Es gibt vor allem nicht den männlichen, dunkelhaarigen und -häutigen, heterosexuellen, islamischen Flüchtling, der als Reizbild alle Flüchtlinge repräsentiert, sondern eine große Vielfalt unter Flüchtlingen. Zu dieser Vielfalt der Flüchtlinge aus arabischen Ländern gehört eben ganz besonders, dass es schwule, lesbische und transsexuelle gibt. Sie haben meistens in ihren Herkunftsstädten eine Existenz geführt, die sich durch vielfältige Praktiken in den Zivilgesellschaften organisieren ließ. Doch durch die Zerstörung des Krieges werden eben nicht nur einzelne Menschen getötet und Häuser zerstört, sondern auch Leben, in denen es sich einrichten ließ. Die reglementierende, menschenverachtende, verbrecherische Geschlechts- und Sexualpolitik des IS ist eine weitere, finale Drehung, um das Überleben dieser Menschen in Syrien oder Irak unmöglich zu machen.

 

Im Interview mit Ruth Schneeberger von der Süddeutschen Zeitung hat Selmin Çalişkan noch einmal die besondere Dramatik der Situation homosexueller Menschen auf der Flucht formuliert. Nachdem die Problematik dieser Flüchtlingsgruppe seit dem Sommer völlig verkannt wurde und es lediglich dem Engagement einzelner, arabisch sprechender Helfer in Berlin zu verdanken war, dass überhaupt auf sie aufmerksam gemacht wurde, zunächst ein leerstehendes Privathaus durch Spenden mit Hilfe des Superintendenten des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte eingerichtet werden konnte, wurde nun eine größere Unterkunft für Schwule, Lesben und Transgender-Menschen eröffnet. Selmin Çalişkan formuliert das menschenrechtswidrige Versagen der Zielländer im Interview wie folgt: 

Bei einer Asylanhörung in Großbritannien wurde ein junger Mann gefragt, wie oft er schon Sex hatte, bevor er mit seinem Freund zusammenkam. Oder was an homosexuellem Sex denn nun anders wäre als an dem Sex mit Frauen. Das sind alles Fragen, die nicht erlaubt sind, weil sie die Menschenwürde verletzen. Man diskriminiert diese Leute erneut. Das ist ja gerade das, wovor sie fliehen mussten. (Süddeutsche Zeitung, 20. Februar 2016, 14:10 Uhr)

Die Naivität der meisten Politikerinnen und Organisatorinnen der sogenannten Flüchtlingskrise ist offenbar immer noch groß. Das Flüchtlingsbild einer intakten Kleinfamilie mit Vater, Mutter und zwei Kleinkindern bietet zwar eine perfekte Projektionsfläche für ein normatives Wunschbild, das schon längst nicht mehr oder allenfalls in der Werbung funktioniert. Doch für Menschen auf der Flucht, die nicht nur zerstörte Häuser und Städte verlassen, sondern denen rudimentäre Lebensmöglichkeiten entzogen, ausgelöscht worden sind, haben niemals imaginäre und symbolische Anforderungen funktioniert. Meine Freunde Hassan und Hussein, die ihren islamischen Glauben praktizieren, haben blaue Augen und helle Haare, ihre Schwestern ebenfalls, aber im Moment tendieren öffentliche Diskurse gerade in die Richtung, dass man das zur Norm erheben will. Was natürlich nur zeigt, wie absurd das Bild von der intakten Flüchtlingskleinfamilie ist. Der Single-Mann und die Single-Frau sind längst Lebensformen von Menschen in islamischen Ländern und mit migrantischem Hintergrund in Deutschland.

 

Der Teddy Award und seine politische Positionierung nicht zuletzt mit der Rede von Wieland Speck findet in der Community, falls es sie geben sollte, keinesfalls ungeteilte Zustimmung. Anders als in den letzten Jahren finden die Krisen nicht mehr in Uganda, wo die Schwulen und Lesben verfolgt wurden und werden, oder sonst wo auf der Welt statt. Plötzlich spielen sie sich in der Nachbarschaft oder in der Silvesternacht in Köln ab. In der Gay Community wird seit geraumer Zeit nach Regulierung und Schutz gerufen, das Frühstücksei, die Sonnenbank und der Abendspaziergang auf der Motzstraße geraten imaginär in Gefahr. In Schöneberg wird das Leben immer gefährlicher, weil man sowieso nicht die Müllerstraße, den Humboldthain und den Wedding kennt. Das ist einer der zahlreichen Blinden Flecken in der Community. Aber – und das ist das erstaunliche, aber auch durchaus erfreuliche – es lässt sich prima im Wedding mit ofenfrischem خبز‎ (Khobz/Khubz, Khobiz, Khubs, Khubis/Khubiz) von der Müllerstraße als Schwuler leben.

Dass der Hauptpreis des Teddy Award von der internationalen Jury – Augustas Čičelis (Litauen), Alexandra Carastoian (Rumänien), Alice Royer (USA, Los Angeles), Dagmar Brunow (Hamburg), Adán Salinas Alverdi (Mexiko), Nosheen Khwaja (Glasgow), Serubiri Moses, Xiaogang Wei (V. R. China, Xinjiang), Jay Lin (Taiwan) – an Kater von Händl Klaus aus Österreich verliehen wurde, ist bei der politischen Aufladung des Wettbewerbs schon etwas überraschend. Es geht wohl eher um ein schauspielerisches Kammerspiel mit dem Hauskater des Regisseurs als Hauptdarsteller. Die Jury jedenfalls war speziell vom Kater offenbar begeistert. 

Mithilfe der herausragenden Performance einer Katze, nutzt KATER seinen haarigen Star, um die Gewalt, die unter der Oberfläche eines scheinbar idyllischen Lebens lauert, bloß zu legen. Überraschenderweise ist es kein lesbischer Film, dessen Geschichte die ehrliche und einfühlsame Liebe zwischen zwei Männern porträtiert, wie sie selten auf der Leinwand gezeigt wird. Autor/Regisseur Händl Klaus und sein Team brachten einen meisterhaften Schnitt, wunderschöne Kinematographie und eine großartige Leistung des menschlichen Ensembles zusammen, um eine spannungsvolle Atmosphäre zu kreieren. Das Resultat ist ein packender und verwirrender Film, der zum Nachdenken anregt und das Publikum auch lange nach Verlassen des Kinos nicht loslässt. (Teddy Award Gewinner 2016)   

 

Und dann ist die 66. Berlinale und der 30. Teddy Award plötzlich schon vorbei, noch bevor man im Live-Streaming überprüfen könnte, wie man sich denn dort gemacht hat. Da gibt es dann wenigstens noch bis 27. Februar in der Arte Mediathek Rosa von Praunheims Sicht und Geschicht des Teddy Award mit Welcome All Sexes. Der Teddy ist zwar nun schon 30 geworden, was ja in gewissen Kreisen als kurz vorm Verfallsdatum gilt, doch er ist vor allem das vitale und virale Zentrum eines globalen Netzwerks von LGBTI oder Queer-Film-Filmfestivals. Während der Berlinale fand auch eine Queer Filmfestival Academy statt. Das ist wohl seine größte Errungenschaft.

 

Torsten Flüh