Das Gehör, die Angst und die Studie - Felix Römer als Konrad in Das Kalkwerk im Studio der Schaubühne

Roman – Gehör – Angst 

 

Das Gehör, die Angst und die Studie 

Felix Römer als Konrad in Das Kalkwerk im Studio der Schaubühne 

 

Konrad hat seine Studie zum Gehör im Kopf und kann sie nicht niederschreiben. Zu Ballphantasien und Wiener Walzerklängen wälzt die(!) Konrad (Felix Römer) sich final von der Hühnereilache in die Mehlfläche, wieder zurück ins Hühnerei und auf die Paniermehlfläche. Im Walzen, wie Goethes Werther am 16. Junius schreibt, „ging’s … ein bißchen bunt durcheinander“, und im Wälzen wird Konrad verschnitzelt oder zum falschen Wiener Schnitzel, weil das echte aus Kalbfleisch ist. – Wie viele Personen ist Konrad? Und vor allem wen oder was hört Konrad, wenn er seine Frau mit der kaum aussprechbaren „urbantschitschen Methode“ zum besseren Hören erziehen will?

 

Philipp Preuss hat eine Bühnenfassung nach dem Roman Das Kalkwerk von Thomas Bernhard geschrieben und an der Schaubühne inszeniert. Dafür sind durchgreifende Übersetzungsvorgänge notwendig geworden. Doch die merkwürdige Geschlechtung Konrads als Protagonist ist bereits im Roman angelegt. Mit dem Abstand von gut 44 Jahren, als der Roman 1970 kurz vor der Verleihung des Büchner Preises an Thomas Bernhard erschien, kann die Geschlechtung Konrads in „der“ und „die“ Konrad anders gelesen werden. Obwohl sie zur Eröffnungssequenz des Romans gehört, war die geschlechtliche Überschneidung in die Frau und den Mann Konrad nicht stärker thematisiert worden.

 

Ausgerechnet Das Kalkwerk als Roman, in dem zu Beginn und Ende der ersten Absätze Auslassungspunkte stehen, als werde im Konjunktiv I ausschnittweise und bruchstückhaft zitiert und damit auf einen weiteren, anderen Text verwiesen, hat 2013 und 2014 zwei sehr unterschiedliche Bearbeitungen für die Bühne erfahren. Postdramatisches Theater? 2013 wurde KALKWERK ohne Artikel als ein „Musiktheater“ von Helmut Oehring mit einem „Textbuch“ von Albert Lang und Irene Rudolf mit dem ensemble mosaik im Radialsystem V in Berlin uraufgeführt.[1] Die indirekte Rede wird auf Wieser, Höller, Fro und Konrad sowie Sprecher mit Sprechgesang aufgeteilt. Im Roman spricht Konrad nie. Es wird nur von einem „Lebensversicherer“[2] erzählt, was andere erzählten oder er anderen gesagt habe. In der „Bühnenfassung“ von Philipp Preuss spricht Felix Römer als Konrad.

 

Bei der Ausgangssituation des Romans handele es sich, um eine für Bernhards Romane „charakteristische“, „dass sich jemand nach einem irritierenden Erlebnis der „Ursachenforschung“ widmet, ohne jedoch eine wirklich befriedigende Erklärung zu finden“, schreiben Manfred Mittermeyer und Uwe Betz vom Thomas Bernhard Archiv.[3] Im Rahmen dieser gleichsam polyphonen Erzählung von Konrad als Erforschung der Todesumstände und –ursachen der Frau Konrads, von der vielsagend als „die Konrad“ gesprochen wird – „daß die Konrad die Hände vor dem Gesicht hatte, als der Schuß fiel“[4] – kommen die „Gerichtssachverständigen“ als Quellen – „im Laska“ (S. 7, 8, 9, 12), „im Stiegler“ (S. 8), „im Gmachl“ (S. 8) und „im Lanner“ (S. 8) – Fro, Wieser, Höller, der Bezirksrichter und der Baurat (S. 85) zu Wort.

 

Die Erzählkonstruktion wird im Roman eine mehrfach verschachtelte, in der gerade Konrad als Quelle von Aussagen, abgesehen von oft abstrusen und sich mehrfach wiederholenden Formulierungen, nur vermittelt und medial zur Sprache kommt. Es wird erzählt, was Konrad jemand anderem gesagt hat. Doch in der Eröffnungssequenz wird nicht nur das Erzählen medialisiert, vielmehr widersprechen die Quellen einander selbst in der bloßen Faktizität. Mit wie vielen Schüssen die Frau getötet worden ist, wird in einem zutiefst widersprüchlichen Absatz mit Auslassungspunkten zitiert und erzählt: 

… im Lanner heißt es, Konrad habe seine Frau mit zwei Schüssen, im Stiegler mit einem einzigen Schuß, im Gmachl mit drei und im Laska mit mehreren Schüssen getötet. Klar ist, daß bis jetzt außer den Gerichtssachverständigen, wie man annehmen muß, kein Mensch weiß, mit wie vielen Schüssen Konrad seine Frau umgebracht hat … (S. 8)   

 

Mit anderen Worten die Ausgangssituation „(weiß) kein Mensch“. Sie wird erzählerisch von Anfang an hintertrieben. Wenn nur klar ist, daß „kein Mensch weiß“ und die Gerichtssachverständigen-Texte als Quellen widersprüchlich sind, dann geht es mit dem Roman nicht nur um jene „Studie zum Gehör“, von der Konrad ständig spricht und der er sein Leben im Kalkwerk mit seiner Frau unterwirft, sondern vor allem auch darum, was im ständigen Sagen und Erzählen sich über Konrad aus sich selbst generiert und kaum auf Konrads Aussagen zurückgeführt werden kann. Konrad, dessen Name sowohl als Familienname wie als männlicher Vorname verwendet werden kann, ist eine ebenso unzuverlässige Quelle wie seine Aussagen, die er gegenüber anderen gemacht haben soll, vielfältig sind.

 

In der Eröffnungssequenz wird die Beseitigung der Leiche fast nach Art eines Slapsticks erzählt, so dass sich erstens fragen lässt, ob es sie überhaupt gibt, und zweitens, warum es Konrad so schwer fällt, seine Frau loszuwerden. Existiert die Frau nur in seinem Kopf, wo sie das Medium für die Gehörstudie ist? Konrad wird seine Frau selbst als Leiche nicht los, obwohl „seine Aussagen“ Spuren wie Blut hinterlassen: 

Anhand der Blutspuren im ganzen Kalkwerk wisse man genau, wie und wo Konrad durch das Kalkwerk gerannt ist, seine Aussagen, die unschwer zu überprüfen gewesen waren, seien richtig, Fro meint auch, daß Konrad keinen Grund habe, nicht die Wahrheit zu sagen, das sei ja gerade das Charakteristische an Konrad, daß er in seinem Leben immer ein sogenannter Wahrheitsfanatiker gewesen sei, so auch jetzt. Im Gmachl ist gesagt worden, … (S. 13) 

 

Wenn Konrad zu Beginn der Bühnenfassung als seine eigene Frau auf der Bühne sitzt, so wird das durchaus bei Thomas Bernhard im Roman lesbar. Der Erzählmodus des Romans bringt von Anfang an Zweifel darüber zur Sprache, mit wie viel Schüssen Konrad seine Frau getötet hat, was denn nun doch die einfachsten Fragen zu beantworten gewesen wären. Indem es der geschlechtende Artikel in Genus und Numerus vermag, von Konrad als die Konrad als Frau zu sprechen und sie auch noch seine Halbschwester sein soll, wird vor allem eine Textgenese, aus dem Wunsch zu wissen und der Verortung, erzählend vorgeführt. Das Kalkwerk, in dem auch jeder Ton verschluckt oder zumindest gedämpft wird, erinnert nicht zuletzt an ein Werk aus Kalk bzw. eine Kreideschrift auf einer Tafel, die ständig neu geschrieben und abgewischt werden kann. Das „Nichtniederschreibenkönnen der Studie“[5] spielt auf eben jenen Modus des Wissens, dessen Materialisierung und Verortung an, mit dem es auch um die „Ursachenforschung“ geht.

 

Bereits am 13. Oktober 1970 hatte Urs Widmer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine kurze Rezension zu Das Kalkwerk mit dem Titel Ablenken von der Angst überschrieben und gerahmt.[6] Erzählen, Experimentieren und Gehörstudie als Angstablenkung. Widmer schrieb, dass er „keinen Anlaß (habe), das Buch, das über tiefe Ängste hinwegredet und wohl auch tiefe Ängste auslöst, zu »beurteilen«“.[7] Von welcher Angst aber spricht Konrad, wenn er dieser mit den Gehörexperimenten an seiner wehrlosen, weil schwerbehinderten, am „speziell für sie konstruierten französischen Krankensessel“[8] gefesselten Frau, gleichsam im Menschenversuch, durchführt, um in der Sprache „Ordnung zu schaffen“?[9] Anders als Urs Widmer 1970 formuliert hat, gibt Thomas Bernhard auf der ersten Seite des Romans mit dem Wort „Fremdelemente“ in kursiv einen Wink.

 

Konrad spricht, wenn Wieser erzählt, was „Konrad sehr oft (zu ihm) gesagt haben (soll)“ von der Abgeschiedenheit, des Kalkwerks. Denn das Kalkwerk sei in doppelter Hinsicht „nicht in Rufweite“. Einerseits wird man im Kalkwerk nicht durch Rufe von außen gestört, andererseits „rufe man aus dem Kalkwerk hinaus, werde man nicht gehört“. (S. 35) Diese Abgeschiedenheit, in die keine Rufe eindringen, aber aus denen auch keine nach außen gelangen, ist ein Versprechen auf Ruhe und Sicherheit, aber auch eine Bedrohung des Nicht-wahrgenommen-werdens. Um mit der Bedrohung völliger Bedeutungslosigkeit, weil niemand hören will, und vergeblicher Studien umzugehen, nimmt Konrad sozusagen eine Angstoperation vor und befördert seine gewaltverbrecherischen Experimente auf Gewaltverbrecher von außen. 

Während er, Konrad, einerseits die völlige Abgeschiedenheit, im Hinblick auf seine Studie jedenfalls, als den größten Vorzug empfinde, stelle sie andererseits eine ständige, ja eine ganz und gar außerordentliche Gefahr dar, denn die Leute, die jetzt auf einmal, merkwürdigerweise in einer Zeit absoluten Wohlstands, überall auftauchten, aus allen möglichen Löchern herauskämen, nur um Verbrechen zu begehen, vor allem Gewaltverbrechen und unter den Gewaltverbrechen die allergemeinsten, brutalsten, schreckten, wie man jetzt wisse, vor nicht zurück. Im Grunde habe er, Konrad ständig Angst vor Gewaltverbrechern, er existiere in andauernder Furcht vor, wie er wörtlich gesagt haben soll, gewalttätigen Elementen, und das Kalkwerk sei ja geradezu prädestiniert für Gewaltverbrechen, es fordere geradezu zu solchen Verbrechen heraus, … (S. 36)

 

Plötzlich bricht sich die „Angst vor Gewaltverbrechern“ Bahn. Das Kalkwerk in seiner verschachtelten Erzählstruktur im Konjunktiv I ist vor allem ein Roman über die Angst vor sich selbst und einem „Nichtniederschreibenkönnen“, vor der Frau als sich selbst und den „Fremdelementen“, die kurzerhand zu „Gewaltverbrechern“ erklärt werden. Die Quelle der Romanerzählung ist vor allem die dichotomische Aufspaltung eines Selbst, das nur aus verfremdenden Erzählungen anderer existiert, es ist ebenso möglich wie unmöglich oder real wie irreal, und das sich auf einer weiteren Ebene durch die Abgrenzung gegenüber den „Fremdelementen“ konstruiert. In der Bahnung gegen die Fremden greift Konrad lieber zur Waffe und legt sich ein Waffenarsenal an. Denn „(n)ichts täusche mehr als das menschliche Gesicht“. (S. 37) Die Waffen werden nicht nur zur Selbstverteidigung angelegt, vielmehr werden sie zur Selbstversicherung, weil sich dieses Selbst über sich selbst nicht sicher sein kann. 

Daß er ständig eine Pistole mit sich herumtrage, sei ja mindestens seit dem Vorfall mit dem Holzfäller und Wildhüter Koller bekannt, auch, daß er in beinahe allen Zimmern des Kalkwerks eine griffbereite Waffe versteckt habe, sein während des Koller-Prozesses publik geworden, lieber schieße man einem oder dem anderen einmal in die Schulter oder ins Wadenbein, soll Konrad zu Wieser gesagt haben, und werde dafür eingesperrt, als man ziehe, weil man davor zurückschrecke, weil man schon einschlägig vorbestraft sei, den Kürzeren. (S. 37)

 

Gänzlich ohne Terrorbedrohung, 1970!, in der oberösterreichischen „Umgebung von Sicking“ im Kalkwerk am See legt Konrad ein durchaus verräterisches Waffenarsenal an, mit dem er auch schießen will. Die Drohung, „einschlägig vorbestraft“ und „eingesperrt“ zu werden, verschafft gerade eine Bestätigung des wankenden Selbst. Die Drohung des Rechtsstaats bestätigt den schwierigen Konrad in seiner Existenz. Denn das lässt sich möglicherweise als Angst und Schrecken aller Konrads formulieren, „den Kürzeren“ zu ziehen. Konrad will auf keinen Fall den Kürzeren ziehen, weil er sich selbst schon immer im Nachteil gesehen hat und darüber definiert. Der Fall Konrad, der mit seinen der Methode nach empirischen Experimenten selbst zutiefst in Gewalt und Verbrechen verstrickt ist, formuliert eine natürliche Logik des Verbrechens. 

Und die Natur des Verbrechers sei immer eine ununterbrochen auf das oder auf die Verbrechen abzielende und nach einem begangenen Verbrechen oder nach begangenen Verbrechen konzentriere sich die Natur des Verbrechers naturgemäß auf ein neues oder auf neue Verbrechen und so fort. Ja, man kann schreien, soll Konrad zu Wieser gesagt haben, aber man wird nicht gehört. (S. 38)


Screenshot aus dem Video-Trailer zu Das Kalkwerk 

Konrads Angst lässt sich vor allem als die, „nicht gehört“ zu werden, formulieren. Insofern als Konrad zumindest von Wieser und Fro gehört wurde und so genau gehört wurde, dass diese sozusagen die Romanerzählung neben anderen Zuhörern bestreiten können, entlarvt Thomas Bernhard die Angst, „nicht gehört“ zu werden, zugleich als eine widersinnige. Händeringend tut Konrad als Subjekt und Täter alles, um gehört zu werden. Die Studie zum Gehör mit den gewalttätigen Experimenten ist denn auch ein Ringen um Selbstbestätigung. Erst wenn die Frau mit größter Konzentration zuhört, liest Konrad ihr ihre Lieblingslektüre vor. Nicht gehört zu werden, ist für Konrad gleichbedeutend damit nicht zu existieren, obwohl er sich in einen einzigen Redestrom ergießt.


Screenshot aus dem Video-Trailer zu Das Kalkwerk  

Felix Römer als Konrad führt virtuos die Brutalität der Gehörexperimente vor. Er windet und biegt sich, flüstert und schreit, dehnt und spuckt die Worte aus. Es geht nicht um einen Inhalt oder eine Bedeutung der Worte und Formulierungen. Auch um das Gehör als Sinnesorgan geht es allerhöchstens am Rande. Schon gar nicht wird das Rätselhafte des Hörens und Verhörens zur Sprache gebracht. Es sind fast Trockenübungen mit größtem Eifer und hässlichster Brutalität. Es geht einzig und allein darum, gehört zu werden und sich Gehör zu verschaffen. Für die Bühnenfassung wird vom Konjunktiv I in den Indikativ gewechselt. Trotzdem und gerade deshalb gehen die auch verzweifelten Experimente unter die Haut. 

Sie habe natürlich während der Experimente nicht immer gleich gut gehört, beispielsweise spreche er die Wörter ganz gleich, Macht oder Ohnmacht laut aus und sie verstehe sie nicht, er könne die Wörter so deutlich wie möglich sprechen und sie verstehe die Wörter nicht, und er spreche die Wörter ganz gleich, Macht oder Ohnmacht so leise wie möglich aus und so undeutlich wie möglich und sie verstehe die Wörter. Das sei das Merkwürdigste, daß ihr Gehör ununterbrochen das unzurechnungsfähigste sei. Beispielsweise sage er wie mühevoll, zu gehen und sage das ganz laut und deutlich und sie verstehe es nicht und er sage ganz leise wie mühevoll, zu gehen und sie verstehe sofort et cetera. (S. 89)


Screenshot aus dem Video-Trailer zu Das Kalkwerk  

Was als empirisches Indiz für die Unzurechnungsfähigkeit nicht nur des Gehörs, sondern der Frau in der Wiederholung der Struktur eines Sprechaktes erzählt wird, dient nicht dazu, dessen Merkwürdigkeit zu erforschen, sondern einzig und allein der Unterwerfung. Konrad terrorisiert seine Frau und sich selbst. Er arbeitet mit dem Schrecken. Die aberwitzigen Experimente dienen weniger einer Charakterstudie oder einer Psychostudie Konrads als vielmehr einer Archäologie der Angst vor dem Nicht-gehört-werden. Auf dem Programmzettel sind Auszüge von Peter Payers und Ralph Schocks Antiphon und Ohropax Die Erfindung der Stille abgedruckt.[10] Die Geschichte des „Apparat(s) zum Unhörbarmachen von Tönen und Geräuschen“ seit 1885 ist zwar unterhaltsam und überraschend, doch geht sie zu einem guten Teil an der Problemlage von Das Kalkwerk vorbei.  

Fro berichtet: er, Konrad, wende sich ganz abrupt von den Vokalen ab und ganzen Sätzen zu, er sage den Satz Gerechtigkeit, wenn einer den andern umbringt und sie höre den Satz, obwohl er auch diesen Satz sehr undeutlich ausgesprochen habe und ihr auch noch von der linken Seite in ihr Gehör hineingesprochen habe, einwandfrei; ihr Kommentar: an die acht Sekunden habe das I in bringt noch im Ohr, naturgemäß, denke er. (S. 90)


Foto: Thomas Aurin

Die Koinzidenz des Romans von 1970 mit aktuellen Diskussionen nicht nur und vielleicht nicht so sehr mit Österreich als vielmehr mit Redeweisen und Kommunikationspraktiken  in Deutschland rückt Konrad und seine Studie zum Gehör auf ganz andere Weise in die Aufmerksamkeit. Philipp Preuss und Felix Römer spielen keinen „Wutbürger“ oder Pegida-Demonstranten, sie sezieren das Gespenst Konrad aus Das Kalkwerk. Die Redeweisen und Erklärungsmodelle von der Natur des Gewaltverbrechers bis zum Vaterland und zur Schnitzelwerdung lassen sich offenbar seit nun 45 Jahren perpetuieren. Neu an Pediga ist nur, dass Konrad nicht als einzelnes Gespenst auftritt und argumentiert, sondern dass Tausende nicht den Kürzeren ziehen wollen. 

Was dieses Land, dieses sein Vaterland betreffe, so könne man ja in ihm, um existieren und um auch nur immer einen einzigen Tag weiterzukommen, niemals die Wahrheit sagen, zu keinem und zu und über nichts, denn nur die Lüge bringe in diesem Land alles vorwärts, die Lüge mit allen ihren Verschleierungen und Verschnörkelungen und Verstellungen und Einschüchterungen. Die Lüge sei in diesem Land alles, die Wahrheit nur Anklage, Verurteilung und Verspottung wert. Deshalb verschweige er nicht, daß sein ganzes Volk in die Lüge geflüchtet sei. (S. 98)


Foto: Thomas Aurin

Das Kalkwerk als Roman und in der Bühnenfassung sollten heute gelesen und angesehen werden, weil Thomas Bernhard aus nichts als Sprache oder auch als „reines Sprachphänomen“[11] mit einer Studie über das Gehör, Prozesse freigelegt hat, die insbesondere die vertrackte Forderung nach Gehör und dem Sprechen im Namen der Wahrheit thematisieren. Als spreche Konrad mit seiner Spaltung im Namen der „besorgten“ Bürgerinnen, wiederholen diese seine Ansprüche und Sprachmodelle. Weit entfernt original oder auch nur originell zu sein, wird heute in nahezu absoluter Übereinstimmung der Struktur und mit dem fast identischen Wortlaut gefordert, was im Kalkwerk schon haarscharf untersucht wurde. Und das macht Felix Römer dann wirklich grandios, dass er gar nicht Konrad sein will, aber Konrads Strukturen zwischen Gewalttätigkeit, Verklemmtheit und Schnitzelseeligkeit offenlegt. 

 

Torsten Flüh 

 

Das Kalkwerk 

von Thomas Bernhard 

Bühnenfassung Philipp Preuss 

mit Felix Römer 

Schaubühne Studio 

Nächste Vorstellungen: 

28. und 29. Dezember 2016 20:00 Uhr

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[1] Helmut Oehring: Kalkwerk. Musiktheater für Streichquartett, Zuspiele und Schauspieler nach Thomas Bernhard, »Das Kalkwerk«. Mattighofen: Korrektur Verlag, 2013, S. 77

[2] »Triumph, gleichzeitig furchtbar«. Ein Gespräch zwischen Heike Hoffmann, Helmut Oehring und Albert Lang über KALKWERK … In: Ebd. S. 64.

[4] Thomas Bernhard: Das Kalkwerk. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999, S. 12.

[5] Ebd. 86.

[6] Vgl. Die Autoren. In: Helmut Oehring: Kalkwerk… [wie Anm. 1] S. 79.

[7] Urs Widmer: Ablenken von der Angst. In: Ebd. S. 75.

[8] Thomas Bernhard: Das … [wie Anm. 4] S. 7.

[9] Urs Widmer: Ablenken … In: Helmut Oehring: Kalkwerk… [wie Anm. 1] S. 75.

[10] Peter Payer, Ralph Schock: Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille. In: dies. (Hrsg.): Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen 1889 bis heute. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2013. 

[11] Albert Lang in Helmut Oehring: Kalkwerk…[wie Anm. 1] S. 64.