Kultur der Außenpolitik und Europa als Provinz - Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty eröffnen die Berliner Korrespondenzen im GORKI

Ordnung – Post-Colonialism – Literatur 

 

Kultur der Außenpolitik und Europa als Provinz 

Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty eröffnen die Berliner Korrespondenzen am GORKI 

 

Die Berliner Korrespondenzen erproben ein neues Format: Kulturforschender Diskurs im Theater mit international renommierten Wissenschaftlerinnen in Kooperation mit der Humboldt-Universität und dem Auswärtigen Amt. Am Sonntagmittag, den 22. Mai, war der Andrang zur Matinée – kostenlos – so groß, dass die Reden ins Foyer übertragen werden mussten. Das überwiegend junge Publikum folgte der Einladung von Shermin Langhoff bzw. ihrer Kuratorin Esra Küçük, Jan-Hendrik Olbertz, dem ehemaligen Präsidenten der Humboldt-Universität, und Andreas Görgen, dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt. Mit Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty waren zwei internationale Starwissenschaftler des Post-Colonialism eingeladen.

 

Die Kombination aus Theater, Wissenschaft und Politik, insbesondere Außenpolitik, entspringt einem Gespräch zwischen Shermin Langhoff, Jan-Hendrik Olbertz und Frank-Walter Steinmeyer. Denn Wissenschaft dient häufig als Politikberatung. Das ist nicht neu, wird nun aber anders praktiziert. Kürzlich hatte Stefan Maul mit seinem Vortrag vom Orakel zur Prognostik im Rahmen der Mosse-Lectures, also gleich nebenan im Senatssaal der Humboldt-Universität, die Funktion der Politikberatung bereits vor ca. 4.000 Jahren bei den Assyrern im Zweistromland ausführlicher erläutert. Während die Auswärtige Kulturpolitik und ihre Mittlerorganisationen seit den 80er Jahren um ihre Anerkennung und Finanzierung kämpfen mussten, gilt heute der kulturelle Austausch mit anderen, sagen wir, Kulturkreisen als unverzichtbar für die Außenpolitik. Der Austausch mit dem Afrikaexperten und Dichter Achille Mbembe und dem Südostasienexperten und Essayisten Dipesh Chakrabarty im Gorki Theater soll nicht zuletzt die Außenpolitik beraten.

 

Wie sich angesichts der Flüchtlingsbewegungen weltweit und in zunehmenden Maße von Afrika nach Europa zeigt, ist Außenpolitik in sich zuspitzender Weise Innenpolitik. Das verändert alles. Simplifiziert mag Innenpolitik wohl noch als Abschottung gegen Migration von außen funktionieren. Sie generiert indessen eine Invasion der Zombies von den „Diskursfriedhöfen“ wie es Falk Richter mit Fear vorführt. Noch im Juni 2015 bemerkte ein Berliner Wissenschaftsakteur und Professor der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität erleichtert, dass Homi K. Bhabha als Literatur- und Kulturforscher sich nun wieder mit anderen Themen als dem Post-Colonialism beschäftige. Ist der Post-Colonialism, wie in einigen Wissenschaftskreisen kolportiert, tot? Schon auf dem Diskursfriedhof? Mit Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty erhielten zwei unterschiedliche, höchst lebendige Ansätze des Post-Colonialism das Wort.

Es geht, ganz entschieden um die Sprache in der Außenpolitik. Außenpolitik war immer auch Sprachpolitik nach innen und nach außen. Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty haken genau bei der Sprache ein. Die Sprache der Kolonialisierenden. Französisch und Englisch. Die deutsche Sprache in der Wissenschaft spielte durch einige besondere historische Umstände fast ausschließlich in der Medizin in China und Japan eine entscheidende Rolle. Trotzdem hat die deutsche Sprache in der Welt immer eine entscheidende, expansive Funktion für die Außenpolitik gehabt. Mbembe und Chakrabarty haben für das frankophone Afrika, der eine, und das anglophone Indien bzw. Südostasien genau diesen Bereich aufgesucht. Erst 2010 und 2014 wurden ihre Bücher mit Verspätung ins Deutsche übersetzt. 2002 schrieb der Literatur- und Kulturwissenschaftler Homi K. Bhabha das Vorwort für Dipesh Chakrabartys Essaysammlung Habitations of modernity: essays in the wake of subaltern studies.[1]

 

Frank-Walter Steinmeyer hatte es sich nicht nehmen lassen, die Reihe von zehn Veranstaltungen unter dem Thema (Un-)Ordnung im Gorki selbst mit einer Rede zu eröffnen. Welche Ordnung, welche Systematiken sollen eine Rolle spielen in einer Zeit, die als unordentlich, ungeordnet, ohne Ordnung empfunden wird? „Das Publikum ist eingeladen, Fragen zu politischen, ökonomischen, religiösen und sozialen Ordnungen zu diskutieren“, steht im Programm. Diese Einladung verändert bereits die Ordnung und wie sie entsteht. Denn entweder wird eine Ordnung verbindlich vorgegeben oder durch politische Entscheidungsträger in einer Demokratie ausgehandelt, selten aber wird das Publikum im Theater dazu eingeladen, die Ordnung selbst zu diskutieren. Frank-Walter Steinmeier machte in seiner Rede mit fünf Fragen zur Ordnung darauf aufmerksam, worum es gehen soll. 

Erstens: Über welche Ordnung sprechen wir? Müssten wir nicht eigentlich von vielen Ordnungen statt von „der“ internationalen Ordnung sprechen? Nachbarschaftliche, kommunale, nationale, regionale, globale Ordnungen – sie alle existieren gleichzeitig. Wie verhalten sie sich zueinander? 

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Zweitens: Was sind nicht nur die faktischen Ordnungen, die existieren und oftmals konkurrieren, sondern welche Vorstellungen von Ordnungen existieren?[2]

 

Eine Diskussion um die Ordnung ist eine entscheidende von hoher außen- und innenpolitischer Relevanz. Denn die Parteien am rechten Rand, allen voran die AfD versprechen Ordnung zu schaffen, wo Unordnung wahrgenommen, empfunden, gefühlt wird. Die Mittel gegen die Unordnung wie Ausgrenzung und Abschottung werden von ihnen klar formuliert, wobei sie sich paradoxerweise gegen „das“ System und „den“ Staat positionieren. Die Ordnungsmuster der AfD erfassen gar die Fußballnationalmannschaft mit deutschen und nicht so deutschen Nationalspielern. Ein rassistischer Reinigungsversuch der Nationalmannschaft als Repräsentant der Nation! Um dem Revisionismus der AfD entgegen zu wirken, muss also die Frage nach der Ordnung gestellt werden. Das Ordnungsversprechen der AfD funktioniert in einer Regionalisierung, Nationalisierung, Rassisierung und Bio-Logisierung.    

Das führt mich zur fünften und letzten Frage, die eine Ebene tiefer liegt: Worauf gründen Ordnungen? Was legitimiert Ordnungen? 

Auch hierzu am Ende eine kurze Geschichte: Ein befreundeter Außenminister sagte am Rande der letzten VN-Generalversammlung zu mir: „Fußball, Autos, Bier – ich mag Euch Deutsche. Aber eines verstehe ich nicht: Ihr Deutschen geht bei Rot nicht über die Straße, auch wenn weit und breit kein Auto kommt. Das könnte ich meinen Leuten nie beibringen. Und im Übrigen: – wieso auch?“[3]

Auf den Ort und die Örtlichkeit der Reihe Berliner Korrespondenzen wird eingangs von Esra Küçük und Jan-Hendrik Olbertz nonchalant hingewiesen. Hier, genau hier habe Alexander von Humboldt gestanden, als er ab 1825 seine weltberühmten und die weltkartographierenden Vorlesungen gehalten habe. Der Ort wird mit der Geschichte der Berliner Sing-Akademie und als halboffizieller Raum der Wissenschaft aufgeladen. Seit 1810 hatte der Vorlesungsbetrieb im ehemaligen Schloss des Kronprinzen begonnen. Die Sing-Akademie war selbst zu einem Ort an der Schnittstelle von Kunst, Musik, Politik und Wissenschaft geworden. Forschungen zum Hidden Kosmos werden am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität betrieben. Die Vorlesungen wanderten offenbar zwischen einem Salon, der Sing-Akademie und Räumen der Universität.

 

 

Die sogenannten Kosmos-Vorlesungen, die zunächst unter dem Titel Physique du monde gehalten wurden, fanden ihre Zuhörer und Zuhörerinnen in diesem Raum. Alexander von Humboldt hatte lange geschwankt, ob er die Vorlesungen ab 1845 unter dem Titel Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung veröffentlichen sollte. Die Wissenschaft einer „Weltbeschreibung“ unter dem Titel Kosmos ist, wie Ottmar Ette es formuliert, eine Humboldtsche oder eine Humboldtian-Science. Sie bringt nicht nur das Wissen über die Welt in einem akkumulierenden Schreibverfahren zusammen, vielmehr bleibt das umfangreiche wie vielfältige Wissen in der Vorrede auch merkwürdig aufgeschoben, fast vorläufig. 

Ich übergebe am späten Abend eines vielbewegten Lebens dem deutschen Publikum ein Werk, dessen Bild in unbestimmten Umrissen mir fast ein halbes Jahrhundert lang vor der Seele schwebte. In manchen Stimmungen habe ich dieses Werk für unausführbar gehalten: und bin, wenn ich es aufgegeben, wieder, vielleicht unvorsichtig, zu demselben zurückgekehrt. Ich widme es meinen Zeitgenossen mit der Schüchternheit, die ein gerechtes Mißtrauen in das Maaß meiner Kräfte mir einflößen muß. Ich suche zu vergessen, daß lange erwartete Schriften gewöhnlich sich minderer Nachsicht zu erfreuen haben.[4]  

 

 

Da es mit der Weltbeschreibung um einen ebenso vielversprechenden wie schwierigen Begriff geht, mit dem Alexander von Humboldt zum letzten „Universalgelehrten“ gemacht worden ist, stellt sich für die Kosmos-Schriften die Frage der Ordnung. „Die Humboldtsche Wissenschaft (Humboldtian Science) ist ohne das Humboldtsche Schreiben (Humboldtian Writing) nicht vorstellbar“, hat Ottmar Ette bereits 2002 formuliert.[5] Die Ordnung des Humboldtschen Kosmos speist sich nicht zuletzt mit den Journalen von der Amerikareise aus einer gewissen Unordnung, wie das Alexander von Humboldt-Symposium Forschen und Edieren 2015 gezeigt hat. Denn Alexander von Humboldt hat die verspätete und verzögerte Abfassung und Publikation in seiner Vorrede zwischen einer Unausführbarkeit, der Aufgabe und der Rückkehr zum Werk selbst als einen Schreibprozess formuliert. Die Ordnung wird für ihn durchaus zu einem Problem und lässt sich vermutlich erst mit 50jähriger Verzögerung halbwegs herstellen.

 

Es gibt bei Alexander von Humboldt die „äußere(n) Lebensverhältnisse und (…) einen unwiderstehlichen Drang nach verschiedenartigem Wissen“, aus denen sich das Werk schreibt.[6] Das Wissen für das Werk entsteht dabei aus dem kompilierten Wissen der (Reise-)Tagebücher wie einem Ordnen und Ergänzen durch das nachträgliche Einkleben von Notizen, Zetteln, Gesprächserinnerungen. Insofern reflektiert er nicht nur die ästhetischen Aspekte bei der Abfassung und Herausgabe seines Werkes. Er gibt in der Vorrede ebenso sehr die Praxis der Entstehung von Wissen über die Welt zu bedenken, die das abgeschlossene, gedruckte Werk unterläuft. Dies ist nicht nur eine ästhetische Frage zwischen Tagebuchzeichnungen und dem „Naturgemälde des ersten Bandes“[7], sondern praktischen Herstellung von Wissen. Der erste Band des Kosmos soll in der Übertragung vom Text in ein Bild ein „Naturgemälde“ bieten, das auch alles wegschneidet, was aus den Tagebüchern und Gesprächen nicht oder anders ins Werk eingeht.

 

Dieser kurze Exkurs zu den Vorlesungen und der Schreibpraxis, vielleicht gar dem Schreibprogramm Alexander von Humboldts musste hier eingeschoben werden, weil mit der Geste, dass sie hier gehalten worden waren, eben auch an die Lektüre nicht nur der Vorlesungen, sondern vielmehr des „Werks“ angeknüpft wurde. Mit der Zeigegeste und Lokalität wird nicht nur eine Theatralisierung vorgenommen. Sie erinnert beiläufig an ein Wissen von Alexander von Humboldt und knüpft an dieses an. Welch Wissen? Es spaltet sich zumindest in zwei Richtungen auf, nämlich der Rede vom Universalgelehrten, der über das ganze Wissen seiner Zeit, seiner Epoche verfügt, und der Humboldtschen Wissenschaft, die selbst die Wissensproduktion bedenkt.

Die jüngere Humboldt-Forschung und die aktuelle Edition der Amerikanischen Tagebücher machen indessen deutlich, dass Alexander von Humboldt nicht zuletzt mit der Reflektion seiner Werk-Produktion gar den Post-Colonial-Studies nahestehen könnte. In dem Maße wie Achille Mbembe und Dipesh Chakrabarty bzw. Homi K. Bhabha das wissenschaftliche Schreiben in ihren Essays unter Anknüpfung an Joseph Conrads Heart of Darkness (1899) und an Lord Jim (1900) selbst thematisieren, entstehen mehr Korrespondenzen mit Alexander von Humboldt als erwartet.[8] Mbembe stellt ein Zitat aus Heart of Darkness als Motto seiner Einführung in On the postcolony (2001) voran.[9] Homi K. Bhabha schreibt im Vorwort zu Dipesh Chakrabartys Habitations of modernity über den Zweifel als untrennbaren Teil unseres Wissens: 

No one has understood better than Joseph Conrad what compels the joyous and difficult conversations of those who wander “over the face of the earth, the illustrious and the obscure, earning beyond the seas our fame, our money or only a crust of bread.” For it is they—or indeed we—who are bound to each other, in history and story, “in the name of that doubt which is the inseparable part of our knowledge” (…).[10]

Achille Mbembe hat 2013 mit seinem Text Critique de la raison nègre direkt an Dipesh Chakrabartys Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historical Difference von 2000 angeknüpft. Dieses Verknüpfungsverfahren hakt bei den von Chakrabarty mitbegründeten subaltern studies ein. Denn die Untergeordneten oder auch Unterworfenen haben zumindest ein Problem mit der Sprache und den ökonomischen Prozessen, aus denen sie mehr oder weniger direkt über die Sprache ausgeschlossen werden. Zwischen Gayatri Chakravorty Spivak und den Vertreterinnen der subaltern studies gibt es seit ihrer Frage „Can subaltern speak?“ einen Dissens.[11] In seiner Rede und der Einleitung des Buches formuliert Mbembe unter dem Titel „Die Welt wird schwarz“ — „SCHWARZWERDEN DER WELT“ — zunächst einmal ein Bild vom Schreiben bzw. der Textproduktion. 

Dieses Buch hätte ich gerne in der Art eines Stroms mit zahlreichen Zuflüssen geschrieben, während die Geschichte und die Dinge sich uns zuwenden und Europa nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt bildet. (…) Diese Deklassierung eröffnet neue Möglichkeiten – aber auch Gefahren – für das kritische Denken, und genau damit möchte ich mich unter anderem in diesem Essay befassen.[12]

Einleitungen und erste Formulierungen werden in der Lektüre gern überlesen. Achille Mbembe hätte allerdings das „Buch“ gerne anders geschrieben, als es in gedruckter Form vor uns liegt. Er umschreibt die Schreibweise mit dem Bild „eines Stroms mit zahlreichen Zuflüssen“ im Konjunktiv und weist damit auch daraufhin, dass es so nicht geschrieben werden konnte. Gleichwohl gibt er mit seinem Titel einen Wink auf Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft, die vielleicht die europäische Denkweise der Aufklärung am pointiertesten formulierte. Neben der „reinen Vernunft“ gibt nun mit Mbembe eine „schwarze Vernunft“, die sich wenn nicht insbesondere, so doch entschieden als Kapitalismuskritik — „GLOBALRER KAPITALISMUS“ — entfaltet. Im literarischen Genre des Essays werden von Mbembe unterschiedliche Wissensbereich miteinander verwoben. 

Aus der potentiellen Verschmelzung des Kapitalismus mit dem Animismus ergeben sich Folgen, die unser zukünftiges Verständnis der Rasse und des Rassismus bestimmen. Zunächst einmal sind die systemischen Risiken, denen zu Zeiten des Frühkapitalismus nur die Neger ausgesetzt waren, inzwischen vielleicht nicht die Norm, aber zumindest doch das Schicksal aller subalternen Menschengruppen. Sodann geht diese tendenzielle Universalisierung der conditio nigra einher mit der Entstehung bislang unbekannter imperialer Praktiken. Diese Praktiken orientieren sich am Vorbild der Sklavenlogiken des Fangens und Erbeutens, ebenso wie an den kolonialen Logiken der Besetzung und Ausbeutung, also der Bürgerkriege oder Raubzüge früherer Zeitalter.[13]

Mbembes Zukunftsvision entfaltet sich weniger als eine Europa- denn als Kapitalismuskritik. Anders gesagt: mit seiner Kapitalismuskritik, die durchaus Europa kritisiert, schreibt er die Begriffe der Rasse und des Rassismus auf einem bio- und ethnologischen Wissensbereich in einen der Ökonomie des Kapitalismus um. — „KAPITALISMUS UND ANIMISMUS“ — Die „condition nigra“ schreibt die conditio humana als Wissen vom Menschen um. — „CONDITIO NIGRA“ — Die Welt wird nicht auf eine biologische Reproduktionsweise schwarz, sondern durch die „Verschmelzung des Kapitalismus mit dem Animismus“. Das ist eine spannende und durchaus erkenntnisgenerierende Weise fruchtbar — beispielsweise des Rassismus. Schneidet man den Begriffe des Deutschen und er Herkunft, wie er in der AfD kursiert, dagegen, wird abermals deutlich wie biologistisch und kapitalistisch ihre Denkweise ist.

 

Dipesh Chakrabartys Europa als Provinz entfaltet sich nicht zuletzt als Theoriekritik, was beispielsweise auch heißt, dass er 2014 The Ultimate Capital is the Sun: Metabolismus in Kunst, Politik, Philosophie und Wissenschaft an der Schnittstelle von Kunst, Politik, Philosophie und Wissenschaft in der Buchreihe der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Englisch und Deutsch erschienen ist.[14] Die Theoriekritik, die sich bei Mbembe ins Praxeologische wendet, formuliert Chakrabarty vor allem als eine europäische Konstruktion von Wissen. — „MARXISMUS UND LIBERALISMUS ALS "WAFFEN DER KRITIK"“.

Seit Generationen haben Philosophen und Sozialwissenschaftler Theorien aufgestellt, welche für die gesamte Menschheit Gültigkeit beanspruchen. Formuliert wurden diese Aussagen allerdings, wie wir nur zu gut wissen, in relativer und bisweilen absoluter Unkenntnis der Erfahrungen der Mehrheit der Menschheit, das heißt derjenigen Menschen, die in nichtwestlichen Kulturen leben. Das ist an sich nicht paradox, denn die reflektierten europäischen Philosophen sind immer bestrebt gewesen, diese Haltung theoretisch zu rechtfertigen. Das alltägliche Paradox der Sozialwissenschaften in der Dritten Welt besteht darin, dass wir diese Theorien ungeachtet ihrer Unkenntnis „unserer“ Erfahrungen für das Verständnis unserer Gesellschaften außerordentlich nützlich finden.[15]   

Die Inszenierung der Vorträge in Englisch mit wolkenartigen, animierten Begriffsclustern in Deutsch war wohl nicht zuletzt der Übersetzung parallel zur Simultanübersetzung geschuldet. Sie führt allerdings die Besonderheiten des postkolonialen Denkens und Schreibens von Achille Mbembe und Dipesh Chakraworty mit ihren strategischen Umformulierungen und Konstellierung an der Grenze zum Bild vor Augen. — „HUMANISMUS IN EINER GLOBALEN WELT“ — Einfache Antworten geben sie nicht. Im Hintergrundgespräch weist Dipesh Chakraworty indessen daraufhin, dass die Offshore-Verbrecher sich erstens mit ihren Konten in Panama und anderswo Zeit kaufen und zweitens multiethnisch, kosmopolitisch, supranational und -kontinental sind. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Bereichen und Berufen: Politikaktivisten, Showstars, Fußballspieler, Finanzmanager, Autokraten, Diktatoren etc. Der globale Kapitalismus hat nicht nur Anlagemodelle an den Staaten als Souverän vorbei geschaffen, er hat über Differenzen hinweg auch alle gleich gemacht. — „GEGENWART DER WELT NEU SEHEN“ — Die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, sind neben den Textilarbeiterinnen in Bangladesh vermutlich die größten Gruppen der Subalternen.

Die ersten Berliner Korrespondenzen haben deutlich gemacht, dass die deutsche Außenpolitik sich in einem Umbruch befindet. Während eine ganze Reihe europäischer Staaten auf alte Muster zurückgreift, die nicht funktionieren können, muss die Außenpolitik mehr über andere Denkweisen jenseits der eurozentrischen Theorien erfahren. Das hat sowohl mit der Ausrichtung von Politik an der Wissenschaft mit Theoriemodellen zu tun, wie an den Blinden Flecken des europäischen Denkens selbst. Diese Blinden Flecken verwandeln sich aktuell in Flüchtlingsströme, die gerade erst begonnen haben. Europa und einzelne Staaten wie Österreich oder Ungarn etc. versuchen sich angesichts der seit Jahrzehnten geführten Diskussion des Post-Kolonialismus in Insel, Trutzburgen oder Traumplaneten zu transformieren. Luxemburg wird zur Raumfahrtnation! Doch der Kolonialismus war nicht nur eine historische Erscheinung der größeren Kolonialmächte, zu denen Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufschließen wollte. Vielmehr war er auch von deutscher Seite im 20. Jahrhundert eine zentralistische Denkweise, die sich in den Praktiken der Wissenschaft und der Theorie herausbildete. 

 

Screenshot: Berliner Korrespondenzen im GORKI FORUM (Trailer) (Paternoster im Auswärtigen Amt) 

 

Esra Küçük kuratiert die Berliner Korrespondenzen am GORKI in der neuen Sparte des GORKI FORUM. Sie hat als Kuratorin das neue Format zwischen Theater, Salon und anderer Vorlesung mitentwickelt und moderiert die Veranstaltungen äußerst charmant. Der Diskurs als als Gegenerzählung „laut“ werden. Dazu gehört ganz entschieden eine Befragung der Ordnung von Innen und Außen, die sich institutionell mit der auch hartnäckigen Aufteilung der Ministerien in Innen- und Außenministerium in der europäischen Moderne herausgebildet hat. Wie sich allerdings aktuell an den Kampagnen der AfD zeigt, wird das Außen durch Grenzziehungen zwischen Religionen — „Wollte Mesut Ösil mit seinem Facebook-Foto vor der Kaaba in Mekka Politik machen?“ — allererst hergestellt. Njein, er wollte Politik machen: Ein selbstbewusster Muslim darf von Freunden geliked werden. Esra Küçük engagiert sich ebenfalls für eine Junge Islam Konferenz, um dem „Antimuslimischen Rassismus“ zu begegnen.

 

Torsten Flüh 

 

Gorki Forum 

Berliner Korrespondenzen 

UN-ORDNUNG 

Teil 2 

Ordnung ein politisch umkämpfter Begriff 

mit Herfried Münkler und Michael Borgolte

12. Juni 2016 – 12:00 Uhr 

Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin 

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[1] Dipesh Chakrabarty: Habitations of modernity: essays in the wake of subaltern studies. Chicago/London: The University of Chicago Press, 2002, p. ix-xiv.

[2] Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei den "Berliner Korrespondenzen" im Gorki-Theater, Berlin, 22.05.2016. https://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2016/160522-BM_Berliner_Korrespondenzen.html

[3] Ebenda.

[4] Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Bd. 1. Stuttgart u. a., 1845. In: Deutsches Textarchiv http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos01_1845/8, S. 8 (V).

[5] Ottmar Ette: Weltbewußtsein: Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne. Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, 2002, S. 114.

[6] Alexander von Humboldt: Kosmos… [wie Anm. 4]

[7] Ebenda S. 16 (XIII).

[8] Siehe zu Herz der Finsternis auch: Torsten Flüh: Irrsinnig witziger Ritt auf dem Plastikplanen-Floss. Zu Daniela Löffners Inszenierung von Wolfram Lotz‘ Die lächerliche Finsternis. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. März 2015 20:40.

[9] Achille Mbembe: On the postcolony. Berkeley: University of California Press, 2001, p. 1.

[10] Homi K. Bhabha: Foreword. In: Dipesh Chakrabarty: Habitations … [wie Anm. 1] S. X.

[11] Siehe auch Torsten Flüh: Das Winzige und Europa. Gayatri Chakravorty Spivaks große Mosse-Lecture. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Januar 2014 20:30.

[12] Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. 2. Auflage. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 11.

[13] Ebenda. (Zitiert nach Berliner Korrespondenzen, Gorki Theater, 2016)

[14] Dipesh Chakrabarty: The Ultimate Capital is the Sun: Metabolismus in Kunst, Politik, Philosophie und Wissenschaft, de/en. Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin 2014,

[15] Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Frankfurt/New York: Campus, 2010 (Zitiert nach Berliner Korrespondenzen)