Verpasste Alchemie - Zur Ausstellung Alchemie. Die Große Kunst im Kulturforum

Alchemie – Kunst – Wissen 

 

Verpasste Alchemie 

Zur Ausstellung Alchemie. Die Große Kunst im Kulturforum 

 

Eine günstige Konstellation hat dem Kulturforum eine ebenso faszinierende wie unterwertige Ausstellung beschert: Alchemie. Die Große Kunst. Seit November 2007 ist Thomas W. Gaethgens, zuvor Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, Direktor des Getty Research Institute in Los Angeles. Die noch bis zum 23. Juli in Berlin zu sehende Ausstellung fasziniert nicht zuletzt durch einzelne hochrangige Leihgaben aus Los Angeles wie der Schrift- und Bildrolle über das Geheimwissen des „katholischen Geistlichen George Ripley (ca. 1415-1490)“.[1] Das Denken in Konstellationen und ihrer Effekte ließe sich mit der Verknüpfung in die Astrologie durchaus als eine alchemistische Wissensform formulieren.

 

Der Katalog zur Ausstellung kommt geheimnisvoll als eine Art Zettelkasten mit kleinem Begleitheft als Text- und Bildsammlung im Postkartenformat hinzu. Das Ausstellungskonzept mit den hervorragenden Leihgaben aus Los Angeles und den exquisiten Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin greift vor allem den Begriff der Ars Magna als „Große Kunst“ auf.[2] Die Alchemie ist für die Kuratoren, den Altertumswissenschaftler und Arabisten David Brafman und den Kunsthistoriker Jörg Völlnagel, vor allem eine Kunst im Sinne des modernen Kunstbegriffs als Schöpfungsmythos. Erzählt wird von materiellen Schöpfungen wie buntem Glas, künstlichen Menschen und weißem Gold.

 

Von „Hermes und Merkur: Vater und Gott“ über „Materialkult: Ursprünge der Alchemie“ bis „Synthetische Welten“ werden Sammlungsbestände der aktuellen Kunst wie Jeff Koons Dom Pérignon Venus (2013), Anselm Kiefers Vollzähligkeit der Sterne (1988) und Joe Ramirez The Gold Projections (2017) gegenübergestellt. Die Ausstellungsmacher können sozusagen aus dem Vollen schöpfen und tun es. Plötzlich verknüpft sich alles mit- und untereinander durch die Alchemie, was ganz gewiss ein alchemistischer Vorgang ist. Alchemie als „Ideenkooperation“[3] und Ausstellungsdesign.

 

Mit der Alchemie wird ein großer, man könnte sagen, multimethodologischer Bogen von bunten „Glasstäbchen“ von 1351-1334 v. Chr.  aus dem sogenannten Amarna-Fund am 6. Dezember 1912 in Ägypten über das antike Griechenland, China, Indien bis zur Photographie mit Preußisch Blau geschlagen. Möglich wird dieser ganz große Bogen mit seinen unterschiedlichen und doch „global“ ähnlichen Ursprüngen als „ein Narrativ, das an beiden Orten jeweils neu erzählt wird“.[4] Vorgeschlagen wird die Alchemie als globales Narrativ mit unterschiedlichen Ausformungen, doch in einer „Linie“. 

Die antiken Errungenschaften der Alchemie auf dem Gebiet der Materialkultur, anhand derer die Ursprünge der Alchemie beleuchtet werden und von denen eine Linie zur barocken Wunderkammerkultur gezogen wird.[5]

 

Gaethgens und Eissenhauer kündigen in ihrem Vorwort an, dass in der Ausstellung „das Verhältnis von Kunst und Alchemie quer durch alle Zeiten und (Kultur-)Räume beleuchtet, also die universelle Kunst der Alchemie global betrachtet“ wird.[6] Das setzt voraus, dass die Alchemie als solche „durch alle Zeiten und (Kultur-)Räume“ formuliert worden ist. Worin sich das alchemistische Wissen von anderem unterscheidet, wird nicht ausgeführt. Vielmehr legen die Kuratoren und Museumsdirektoren nahe, dass sich ein alchemistisches Wissen mit einem universalen Anspruch seit der ägyptischen „Tempelindustrie“ überall ausgebildet hat. David Brafman schreibt in seinem Beitrag Die alchemistische Schöpfung: 

Die Alchemie ist merkurial, quecksilbrig und wechselhaft wie eine ihrer wichtigsten Laboringredienzien und ein fokussiertes Studium ihres Gegenstands nervenaufreibend für jeden Wissenschaftler. Denn ihre Anliegen umspannen die gesamte Menschheitsgeschichte und deren zahlreiche Versuche, die Entstehung der Dinge in der Welt zu enträtseln und mit Hingabe zu prüfen, wie sie zusammenpassen.[7]


Screenshot, Torsten Flüh. 

Die Alchemie geht in ihrem eigenen Wissen von der Kunst auf, dass sich bis in die virtuellen Welten der Samsung oder Apple Gear Virtual Reality verlängern lässt. Statt auf Brüche und Umbrüche möglicherweise gar bis in ein lebenspraktisches Wissen der Veganer zu fokussieren, lässt sich mit dem mittelalterlichen Begriff der Ars Magna bis hin zum „Chrystal Meth-Kocher Heisenberg in der US-amerikanischen Fernsehserie Breaking Bad als »Künstler«“[8] alles mit allem aus den Sammlungsbeständen verknüpfen. Die Alchemie reibt sich auf diese Weise nicht mehr an anderen Wissensformaten, sondern wird zum mehr oder weniger ewig präsenten Kunst- und Künstlerwissen von der Materie und dem Material.

 

In den Kulturwissenschaften könnte die Alchemie als Wissensformat im Unterschied zu anderen von großem Interesse sein. Doch anstatt Fragen zum alchemistischen Wissen zu formulieren, werden munter „Linien“ gezogen und Analogien entdeckt. Besonders ärgerlich wird das in der Art und Weise, wie die sonst kaum berücksichtigten Bestände der Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek aus China präsentiert werden. Eine chinesische Bildrolle wird kurzerhand zum „Gemälde“.[9] Die Genese der Sammlungsbestände im 17. Jahrhundert wird überhaupt nicht thematisiert. Alles schnellt zur alchemistischen Dutzendware zusammen, die mühelos analogisiert werden kann: 

Das uns allen bekannte westliche Interesse an der Alchemie im Mittelalter hatte ein zeitgleiches Gegenstück im Osten, insbesondere China. Dort galt die Alchemie als eine Kunst, die von den Unsterblichen ausgeübt wurde, Menschen, denen Langlebigkeit oder sogar Unsterblichkeit zuteil geworden war. Auch hier ging es um die Suche nach dem Elixier des ewigen Lebens.[10]


Screenshot, Torsten Flüh. 

Chinesische Tuschebilder des 17. Jahrhunderts wie Yaochi und Unsterblicher funktionieren in ihrer narrativen Bildlichkeit nun doch ein wenig anders als europäische „Gemälde“. Doch statt die Unterschied der Bildwahrnehmung durch das Rollbild zu formulieren, wird die Analogie herausgestrichen. Statt alchemistischer Mythologie ist der Transfer neuartiger Bild- und Wissensformate aus China nach Europa und nicht zuletzt Preußen für niemand geringeres als Gottfried Wilhelm Leibniz von größter Bedeutung. Durch die chinesischen Formate erschließen sich Leibniz ganz neuartige Narrative, die im 17. und 18. Jahrhundert nicht einfach als Mode, sondern Modernisierungsprozess an der Schnittstelle von Alchemie, Mathematik und christlicher Religion wirkungsmächtig werden. Mit den zwei unterschiedlichen Linien des Yi Ging oder Yijing formuliert Leibniz 1703 eine binäre Arithmetik von 0 und 1, die ihn zu einem der Vordenker der Computertechnologie macht.[11] 

Explication de l'arithmétique binaire, qui se sert des seuls caractères O et I avec des remarques sur son utilité et sur ce qu'elle donne le sens des anciennes figures chinoises de Fohy.[12]

  

Die kunsthistorische Formulierung eines „Verhältnis von Alchemie und Kunst“ wird bei Ching-Ling Wang zu einer Schwäche, die mit der Analogie die Innovation übersieht. Aus der Kombination des Yi Ging mit einer arabisch-europäischen Fragestellung zur Mathematik gewinnt Leibniz eine binäre Arithmetik, die ihre Wirksamkeit in den Wissenspraktiken und Datenströmen des 20. und 21. Jahrhunderts entfaltet.  Man kann das Yi Ging indessen lediglich als alchemistische Kunst auf dem „Gewand eines daoistischen Priester-Alchemisten“ sehen, wie Wang es im Katalogteil beschreibt, aber dann bleibt es ganz und gar wirkungslos. 

Der untere Rand zeigt die Symbole der Acht Trigramme (bagua), die Yijing, dem Buch der Wandlungen, entlehnt sind, wo verschiedene Kombinationen von unterbrochenen – yin – und durchgehenden – yang – Linien die der Wirklichkeit zugrunde liegenden Elemente illustrieren.[13]   

 
©Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker

Am Yi Ging als Alchemie lässt sich ein weiterer Effekt des Ausstellungsansatzes thematisieren. Die Exponate erhalten eine Wunderkammer-Faszination, die durch die Analogie alles gleichmacht. Entdeckt wird nur die Ähnlichkeit des Gleichen. Das ist hübsch anzusehen, soll angesehen werden und versteckt selbst in den Katalogkarten-Texten mehr als sie offenlegen. So wird im, sagen wir, Ensemble „Innere Alchemie“, das eben auch auf China ausgreift, Hero’s Journey (Lamp) (2014) von Sarah Schönfeld gezeigt. Zu den Materialien, aus denen Schönfeld ihre Installation angefertigt hat, gehört „Urin“. Das wird von Veronika Tocha auf der Katalogkarte 67 nicht weiter erläutert. Auch der Bezug zum chemischen Element Phosphor wird nicht entfaltet. Das Kunstwerk wird zum mythischen Träger der Alchemie selbst, weil es reicht, dass es Kunst ist. Was hat, pardon, Pisse mit Phosphor zu tun? Leibniz hatte davon sehr genaue Vorstellungen.

 
©Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker

Als 1710 die Historia inventionis Phosphori[14] als verbindliche Entdeckung und Erfindung des Phosphors von Leibniz in Berlin erscheint, geht es darum, die von Homberg fälschlich Johannes Kunkel zugeschriebene Herstellung des gebrannten oder auch brennenden Phosphors (phosphore brûlant) auf Brand zurückzuführen. Brand hatte versucht, aus Urin den „Stein der Weisen“ herzustellen. Dabei geht es ständig, auch für Leibniz, wie Kuhnert ausgeführt hat, um die Herstellung von Gold.[15] Stattdessen hatte Brand aus dem Urin unter Verdampfung leuchtende Kristalle hergestellt bzw. ein „Feuer“ beobachtet. So schreibt Leibniz eröffnend in der folgenreichen und fortan als verbindlich geltenden Erfindungsgeschichte zunächst eine normalisierende Genese des Phosphors, in der es darum geht, verschiedene Namen von leuchtenden Steinen unter dem Namen Phosphor zusammenzufassen. Leibniz‘ Geschichte vom Phosphor verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil es bis 1710 nicht gelungen ist, Phosphor nach der Brandschen Methode in größeren Mengen herzustellen.[16]

 
©Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker

Leibniz hatte vertraglich angeordnet, die Produktion von Phosphor aus dem Urin von Soldaten außerhalb der Stadt Hannover aufzunehmen. Doch offenbar gibt es in den Verträgen zwischen Brand und Leibniz bzw. dem Hof in Hannover eine Überschneidung der Herstellung des Phosphors mit dem Versprechen, Gold machen zu können.[17] Die vertraglichen und sprachlichen Unschärfen zwischen dem aus sich selbst leuchtenden Phosphor und dem glänzenden, Reichtum versprechenden Gold werden in Leibniz‘ Geschichte auch dahingehend bereinigt, dass er einen „versus“ ohne Reimschema in seine Geschichte einfügt, in der Phosphor noch unter dem Namen Pyropum mit der antiken Götter- und Sagenwelt verknüpft wird. Prometheus, Vulcanus und der Prophet Jeremias werden mit dem biblischen Naphta als Namen für Erdöl verknüpft.[18] In der Erfindung und Entdeckung des chemischen Elements Phosphor überschneiden sich beispielhaft bei Leibniz Alchemie und moderne Chemie. Dies wird nicht zuletzt durch das literarische Format des Gedichts möglich.

 

Kunst ist gerade im Mittelalter nicht nur darstellende, materielle Kunstfertigkeit, wie mit der Ausstellung nahegelegt wird, sondern insbesondere bei Gottfried Wilhelm Leibniz eine literarische. Die „Historia“ wird zum Wissensformat einer Inventionserzählung, die gleichzeitig mit alchemistischem Wissen im Gedichtformat kurzgeschlossen wird. Erst die wechselseitige Verdichtung von Geschichte und Gedicht generiert ein verbindliches Wissen vom Phosphor. Mit Ludwig Feuerbach und Jacob Moleschott wird der Phosphor zum materialistischen Element der Ernährung und des Denkens transformiert. Es sind derartige literarischen Operationen, die die Alchemie zur „Großen Kunst“ machen. Mit Ludwig Feuerbach geht die Alchemie in der materialistischen Philosophie unter, um im Veganismus als Lebenspraxis wiederzukehren.[19] Es wäre allerdings wünschenswert, derartige Prozesse der Übertragung und Wiederkehr auch in einer Ausstellung zur Alchemie gerade in Berlin mit seinen Sammlungsbeständen offenzulegen. 

 

Torsten Flüh

 

Alchemie 

Die Große Kunst 

Kulturforum 

Sonderausstellungshallen 

bis 23. Juli 2017

 

Katalog 

In der Ausstellung 29,90 EUR!    

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[1] David Brafman/Rhiannon Knol: The Ripley-Scroll (3). In: Jörg Völlnagel (Hg.) mit David Brafman: Alchemie. Die Große Kunst. Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, 2017, Katalogkarte 96.

[2] Michael Eissenhauer/Thomas W. Gaethgens: Vorwort. In: ebenda, S. 3.

[3] Ebenda S. 5.

[4] Ebenda.

[5] Jörg Völlnagel: Alchemie. Die Große Kunst. Eine kleine Einleitung. In: ebenda, S. 9.

[6] Michael Eissenhauer/Thomas W. Gaethgens: … [wie Anm. 2] S. 4.

[7] David Brafman: Die alchemistische Schöpfung. In: ebenda, S. 15.

[8] Jörg Völlnagel: Alchemie… [wie Anm. 5] S. 7.

[9] Ching-Ling Wang: Yaochi und Unsterblicher. In: Jörg Völlnagel (Hg.) … [wie Anm. 1] Katalogkarte 55.

[10] Ching-Ling Wang: Exkurs: Chinesische Alchemie. In: Jörg Völlnagel (Hg.) … [wie Anm. 1] S. 33.

[11] Siehe Torsten Flüh: Anders denken in der Moderne. Wang Huis Mosse-Lecture zum Thema Europa im Blick der »Anderen«. In: NIGHT OUT @ BERLIN 14. November 2013 22:10.

[12] Godefroy-Guillaume Leibnitz. Explication de l'arithmétique binaire, qui se sert des seuls caractères O et I avec des remarques sur son utilité et sur ce qu'elle donne le sens des anciennes figures chinoises de Fohy. Mémoires de mathématique et de physique de l'Académie royale des sciences, Académie royale des sciences, 1703. (HAL archives ouvertes)

[13] Ching-Ling Wang: Gewand eines daoistischen Priester-Alchemisten. In: Jörg Völlnagel (Hg.) … [wie Anm. 1] Katalogkarte 54.

[14] Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz: Historia inventionis Phosphori. In: Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum. Berlin 1710, S. 91-98.

[15] Lothar Kuhnert: Leibniz, Chemistry and Alchemy. In: Leibniz Association: Year Book 2010. Brüssel: Leibniz Association, 2010, S. 8.

[16] Siehe auch Torsten Flüh: Flugblatt – Zeitung – Blog. Zur Materialität und Medialität als Literaturen. Wien: Passagen, 2017, S. 131.  

[17] Lothar Kuhnert: Leibnitz, … [wie Anm. 15]

[18] Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz: Historia … [wie Anm. 14] S. 96-97.

[19] Siehe Torsten Flüh: Schönes Essen mit Kokosblütenstaub. Zu veganer Ernährung und dem Daluma-Laden im Weinbergsweg. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. März 2015 18:38.